Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 30 zig und allein damit, seine Persönlichkeit und seine Fähigkeiten in Palästina zu verwerten. * * ♦ Auch ein anderer hervorragender Gesinnungs- * genösse, Di. Arthur Ru pp in, hat so gehandelt und damit unserer Sache den wertvollsten Dienst geleistet Die Tätigkeit des Palästinaamtes imponiert heute der gesamten Judenschaft des Landes, , so daß dieses Amt nicht nur wertvolle fachliche Arbeit verrichten konnte (vor allem die Einrichtung der Landentwicklungsgesellschaft), sondern auch von den Juden Palästinas als unparteiische Behörde an- . sehen wird, die man bei allen Differenzen und Organisationsfragen anruft. So ist erst kürzlich wieder bei einem Streite zwischen der jüdischen Arbeiterschaft Jaffas und dem Bauunternehmer der Achuzath-Baith, der Sekretär des Palästinaamtes, Gg. Dr. Jakob Thon, als unparteiisches Mitglied zu einer Ausgleichskommission gewählt worden, die zur Hälfte aus Arbeitern, zur anderen Hälfte aus Unternehmern besteht * * * Dr. Arthur Ruppin selbst weilt gegenwärtig in Europa, um mit der Leitung die wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit zu beraten. Er wurde beauftragt der Agrarkommission über die Agrarkreditfrage, welche momentan die brennendste und bedeutungsvollste für unsere Sache ist, ein Referat zu erstatten. Wie wir hören, wird Dr. Ruppin Vorschlägen, für den Konsumptiv- und Ameliorationskredit die A. P. C. und für den Bodenkredit selbst die Landentwicklungsgesellschaft zu benützen. Es ist zu hoffen, daß dieser Vorschlag, der darauf beruht die bestehenden Institutionen zu kräftigen und auszubauen, anstatt überflüssigerweise neue zu schaffen, sowohl bei der Agrarkommission, als auf dem Kongreß den Sieg davontragen wird. * * * Die tabellarische Zusammenstellung, die das Hauptburau des Jüdischen Nationalfonds periodisch veröffentlicht zeigen ein fortwährendes und starkes Anschwellen der Sammlungen für den Nationalfonds. Im zweiten Quartal 1909 betrug. der. Mehreingang gegenüber dem zweiten Quartal 1908 volle 41 °/ol (Mk. 75.820 93 gegen Mark 55.788'73.) Im ganzen ersten Semester 1909 betrug der Mehreingang gegen das erste Semester 1908 40-7 7» (Mk. 165.757-93 gegen Mk. 116.973-97). An diesen Mehrerträgnissen ist Oesterreich in hervorragendem Maße beteiligt. Dank der vortrefflichen Organisation der Wiener Sammelstelle und der von ihr und den Nationalfondskommissären in ganz Oesterreich geleisteten vortrefflichenArbeit hat Oesterreich im zweiten Quartal 1909 um volle 79 7» mehr abgeliefert als im gleichen Zeiträume 1908. Oesterreich, das früher unter den Ländern, in denen für den NF. gesammelt wird, nach den Eingängen an sechster und siebenter Stelle stand, hat bereits den zweiten Platz erobert An erster Stelle steht natürlich Rußland. Wie die letzten Ausweise zeigen, steigen die Eingänge für den Nationalfonds in Oesterreich auch weiter ganz rapid. In Nr. 29 d. J. konnten wir für die entsprechende Woche K 3380-74 | ausweisen; in der heutigen Nummer K 3189.44. Die Nationalfondsverwaltung hofft, daß im Jahre 1908, ‘ abgesehen von einzelnen größeren Spenden, über. eine halbe Million Kronen für den Nationalfonds eingehen wird. , Christlichsozial — Trumpf! Dr. K. Der vorzeitige Schluß der österreichi-. sehen Parlamentssaison infolge der Ob-; struktion, sowie die Vorgänge im ungarischen . Reichstage vor seiner Vertagung sind Vor-; boten der unausbleiblichen Umgestaltung des gesamten Parteiwesens. Wenn es aber in beiden Reichshälften zu einer neuen parlamentarischen Koalition kommt, wenn das Beamtenministerium durch ein Koalitionsministerium ersetzt; werden sollte, dann wird die neue Reichsratsmehrheit, sowie das neue, parlamentarische Ministerium ein christlichsozial-konservatives Gepräge tragen. Vor Saisonschluß war ja bereits davon die Rede, daß die Christlichsozialen mit Umgehung der übrigen deutschbürgerlichen Gruppen mit den konservativen Fraktionen der Tschechen, S ü d s 1 aw e n und dem P.o 1 e n k 1 u b in Fühlung getreten wären, zum Zwecke der Bildung einer neuen parlamentarischen Majorität und einer parlamentarischen Regierung. Und in der Tat, wenn eine solche gebildet werden sollte, so müßten 'sämtliche Nationalitäten in ihr vertreten sein. Ein Regierungssystem, das sich gegen ganze Völker richtet, ist in Oesterreich des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes einfach unmöglich. In der gegen- , wärtigen demokratischen Epoche kann schon mit Rücksicht auf die politische Weltlage weder in Zisnoch in Transleithanien im einseitig nationalen Sinn regiert werden. Da aber gerade die sogenannten „freisinnigen“ und ^fortschrittlichen“ Gruppen unter den Deutschen, Slawen, Italienern und Magyaren gleichmäßig im Banne der chauvinistischen Phrase sich befinden, so dürfte, wenn es überhaupt zu einem parlamentarischenMinisterium kommt, dasselbe sich vorwiegend auf die C h r i s tlichsozialen der verschiedenen Nationalitäten stützen und die „freisinnigen“ Elemente werden nur eine untergeordnete Rolle spielen. Genau so entwickeln sich die Verhältnisse in Ungarn, wo eine konservativ-christlichsoziale - agrarische Majorität unter Führung des Grafen Apponyi — der nichts anderes ist als ein Exponent der Volkspartei — in Bildung begriffen ist. Die Kossu th partei kracht in. allen Fugen und schon darum ist es äußerst unwahrscheinlich, daß sie zur alleinigen Herrschaft in Ungarn gelangt. Dagegen sind verschiedene Anzeichen vorhanden, daß die Mehrheit der Kossuthisten — nach Abstoßung einer kleinen demokratischen Gruppe — ihren konservativen Neigungen folgend sich mit der klerikalen „Volkspartei“ sowie den pseudoliberalen „Verfassungsparteilern“ zur Abwehr der Einführung des allgemeinen,gleichen,direkten Wahlrechtes und zum Zwecke der Sicherung der magyarischen Suprematie vereinigt. Daß unter dem Regime dieser neuen Majorität, mehr noch als in der Vergangenheit, das antisemitische Moment sich geltend machen wird, kann als sicher angenommen werden. Tatsache ist es, daß noch nie zuvor in Ungarn der Antisemitismus, ebenso wie der Nationalitätenhader, der Klerikalismus und die wirtschaftliche Ausbeutung so gedieh, wie in den letzten 3 Jahren magyarischer Koalitionsregierung. Die großen Volksmassen, insbesonderer deutscher, slawischer und rumänischer Nationalität, wenden sich mit Abscheu von dem gegenwärtigen korrupten Privilegienparlamentarismus ab und in Kroatien wird ganz offen die Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes gefordert und die Beseitigung des Dualismus, sowie der magyarische Hegemonie als Vorbedingung des deutschslawischen Ausgleiches bezeichnet. So mehren sich in der gesamten Monarchie die Anzeichen, daß wir in absehbarer Zeit einer akuten Verfassungskrise entgegensteuern und um so früher, je unfruchtbarer unser gesamter Parlamentarismus in beiden Reichshälften wird. Wenn man die Berichte über die großen Ovationen ließt, die in Laibach, dem Führer der Obstruktionisten und Chef der klerikalen slowenischen Volkspartei'' dem Abgeordneten . Dr. Schusterschitz bereitet wurden und überdies noch berücksichtigt, daß der Abg. Stapinski, der Führer der polnischen Volkspartei, sich neuerlich und zwar in einem nach Laibach gerichteten Telegramme mit der O b s t r u ktion solidarisch erklärte, dann ist sehr zu befürchten, daß im Herbste bei Wiederzusammentritt des österreichischen Abgeordnetenhause die Obstruktion neuerlich Orgien feiern wird. Unter solchen Auspizien ist auch im Herbste keinerlei fruchtbare Tätigkeit zu erwarten, sondern die alte Tagesordnung: Allerlei. Juden in der Republik Panama. Der jüdische Ingenieur Joseph David, der bei den technischen Arbeiten des im Baue begriffenen Panamakanals eine hohe Vertrauensstelle einnimmt, veröffentlicht in einem englischen Blatte einen Aufsatz über den Kanalbau, dem wir die folgenden interessanten Stellen entnehmen: Seitdem diese Riesenarbeit in Angriff genommen wurde, hat die Einwanderung in die Ruplubik Panama sich naturgemäß gesteigert Unter den Eingewanderten befinden sich zahlreiche Juden, die zum Teil über New-York direkt nach Panama gehen oder von Argentinien kommen, wobin sie schon vor Jahren eingewandert waren. Aber es gibt in Panama auch viele erbgesessene Juden, es sind das sephardische Juden, die schon seit Jahrhunderten in Panama ansässig sind. Ein Beweis hiefür ist ihr Friedhof, der den Namen „Knesses Israel“ führt und wie aus der über dem Tore angebrachten Aufschrift ersichtlich, im Jahre 1657 errichtet wurde. Ich begegnete in Panama verschiedenen Juden, die meisten von ihnen sind spanisch-portugiesische Juden, Nachkommen jener Juden, die im Jahre 1492 aus Spanien nach Mexiko flüchteten und später durch die mexikanische Inquisition vertrieben, nach Panama flohen, woselbst sie sich ansiedelten. Die übrigen Juden von Panama stammen aus Rußland, Rumänien und einige auch aus Galizien. Deutschen Juden bin ich dort niemals begegnet. Ebenso traf ich auch keinen einzigen ungarischen Juden. Am meisten überraschte mich die Beobachtung, daß die Sephardim mit den Aschkeuasim gar keinen Verkehr halten. Ingenieur David versicherte schließlich, daß die Juden beim Kanalbau als tüchtige Arbeiter aller Branchen gerne beschäftigt werden, weil sie sich infolge ihrer Nüch - temheiten und ihres Fleißes stets verläßlich zeigen. Der Judenfriedhof am Lido. Ueber diesen ältesten jüdischen Friedhof in Italien schreibt Herr Otto Kahn in der Frankf. Ztg. u. a.: Auf einem verlassenen Weg längs der Lagune, der von der Landungsstätte der Dampfer bei Sta. Elisabetha zum Fort St. Nicolo führt, und der von tauben Gräsern und Sauerampfer eingefaßt ist, gelangt man zu der alten Stätte. Sie bietet nicht mehr das Bild poetischer Verwilderung und Zerstörung; seit etwa 25 Jahren ist der größte Teil des Friedhofes aufgelassen, und die Grabsteine sind auf einem engen Raume neu angeordnet. In der Mitte erhebt sich eine aus den ältesten Grabsteinen zusammengesetzte Pyramide, die uns belehrt, daß der Friedhof im Jahre 1389 angelegt worden ist. Damals war Venedig nach der Besiegung Genuas gerade zur Herrin des Mittelmeeres und des Levantehandels geworden, Was hat die Stadt seidtem alles erlebt, wie oft hat seitdem der Friedhof auf der einst verlassenen Düne sich den traurigen Zug nahen sehen: eine Gondel mit einem roh gezimmerten Brettersarg, über den ein einfaches schwarzes Tuch gebreitet war, ohne Blumen und ohne Kränze, wie es die jüdische Religidn vorschreibt, damit wenigstens im Tode die Menschen auch äußerlich gleich seien. Wie poetisch verwahrlost sah der Friedhof in seiner ursprünglichen Gestalt aus! Die Grabsteine waren von schweren fetten Gräsern, weißblühenden Zwergakazien und wilden Blumen überwuchert. Im Früling blühten heitere goldene Narzissen, und im Sommer trieb die wilde Rose ihre Schößlinge und sternförmigen Blumen über die verwilderten Steine. Insekten schwirrten umher und Vögel sangen. Dicht beim alten liegt der neue Judenfriedhof, der viel Interessantes aus der langen Geschichte der Juden erzählt. Auch seine Grabsteine gehen bis auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Die ältesten sind mit braunem Moos bewachsen und werden von üppigem Gras mit rot leuchtendem Klatschmohn, dem Sinnbilde blühenden Lebens, umstanden. Die Namen, die man auf ihnen liest, erzählen vom Ursprung der Geschlechter: die Hanau und Todesco sind aus Deutschland zur Zeit der Kreuzzüge gekommen, die Sullam, Ancona, Ravenna, Cesana und Fano haben sich von der Levante aus, wo sie zuerst mit Venezianern in Berührung kamen, an der italienischen Adria angesiedelt, die Errera und Silva de Gomez sind durch die Judenverfolgungen des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben worden. Noch heute haben diese verschiedenen Gemeinden, die aus Nord und Süd, aus West und Ost in der Weltstadt an der Adria zusammenfanden, ihre eigenen Synagogen im alten Ghetto am Canareggio unfern vom Bahnhofe. Diese Tempel sind stimmungsvolle Orte: der levantinische hat kunstvoll geschmiedetes, dichtes Eisengitterwerk an seinen Fenstern und reiche Skulpturen aus Ebenholz an der Decke und den Wänden; die Fraüengalerie ist eng und durch eine Jalousie halb verdeckt, wie es der Stellung der orientalischen Frau entsprach. Die spanische Synagoge ist ein Werk Longhenas, des berühmten Architekten von Sta. Maria della Salute.