Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 sehen Problems. Wie viele begnügen sich mit der philantropischen Ausrede, man wolle ja nur den armen verfolgten Juden ein sicheres Heim schaffen. Das ist das ganze Verdienst Nordaus, daß er schlicht erklärt hat, es handle sich nicht um die Hilfe für armejuden, sondern umdienormale gesetzmäßige .Fortexistenz des ganzen Judentums, und es handle sich nicht bloß um die Weiterentwicklung des Judaismus, sondern der jüdischen Nation. Und das merkwürdige der Nordau’schen Analyse, wie jeder absoluten Wahrheit, besteht darin, daß sie neben der tiefen Erkenntnis einen hohen ethischen Hintergrund enthält. „Zionismus oder nationale Liquidation!“ Nur ein unvergleichlich schöner Stolz kann diesen Satz diktieren. Denn er bedeutet: entweder ihr werdet starre Menschen, die alle Kräfte anstrengen werden, um sich eine menschenwürdige Zukunft zu erarbeiten, oder aber ihr werdet den Mut besitzen, von der Bildfläche zu verschwinden. Nur seid keine Halbe, keine Leisetreter, keine Vogelstraußpolitiker, keine Gnadenbettler! Und wenn lichte Gedanken den Willen schmieden würden, wenn die wahre Erkenntnis die Tat auslösen müßte, so wäre Nordau der genialste Propagator des Zionismus, denn seine Analyse der Diaspora ist unwiderleglich, denn seine Konsequenzen führen unbedingt zum Zionismus. Und wenn derselbe Nordau klagt, daß „wir organisierten Zionisten leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke sind“, so hat er damit bewiesen, daß es in der Gesellschaftspatologie lange nicht hinreicht, eine Krankheit zu erkennen, um sie auch heilen zu können. Und tatsächlich: die unvergleichliche Stärke Nordaus liegt im Erkennen, aber nicht im Heilen der Krankheit. Er ist ein Schöpfer des Gedankens, aber nicht der Tat. Das hängt mit dem ganzen Wesen der Persönlichkeit zusammen. Seinem Wesen nach ist . er . Skeptiker. Um Taten zu vollbringen, muß man über einen blind-phanatischen Glauben verfügen, an sich, an die Menschen, an die Welt, und vor allem muß man die Fähigkeit besitzen über die bevorstehenden Hindernisse hinwegschauen zu können. Der Skeptiker aber baut alles bedingungsweise auf: wenn diese und diese Bedingungen erfüllt werden, so muß das und das eintreten. Wenn die Juden einen kräftigen Volkswillen schaffen werden, so wird der Zionismus realisierbar sein. Aber nicht mehr. Höchstens kann der Skeptiker versuchen — und das hat Nordau immer getan — den Nachweis zu führen, daß aus diesen und diesen Gründen jene Bedingungen Lügen der Kulturmenschen aufzudecken. Man kann von ihm wie von Ismael sagen: Seine Hand war an allen und die Hand aller an ihm. Und wenn man ihm mit dem Auge zuhört, wenn er spricht, kann man aus Jedem Worte dieses Selbstbewußtsein leuchten sehen. Nicht das Wort, das er spricht, und nicht, wie er es spricht, zeugt die Wirkung, sondern das Wort, wie er es entstehen läßt. Es tritt so in die Erscheinung, als wenn es die objektive Wahrheit wäre, an der nicht zu rütteln ist. Das markiert er mit einer einzigen Handbewegung, mit einem Ton, ott nur mit einem Blick. Und man fühlt in ihm den starken Mann, dem man sich gerne willenlos ergibt... Und deshalb ist seine Eloquenz das Ereignis jedes Kongresses. Nicht weil er immer ein „geflügeltes Wort“ schafft (Nationale Liquidation!), ein „bühnenmäßiges r“ besitzt und schließlich ein „Rhetor“ ist, sondern weil seine willensstarke Potenz sich den Zuhörern mitteilt, von ihnen originären Besitz ergreift und sie hält, und weil man sich dann sagt: der Zionismus hat eine wunderbare Kraft, wenn er diesen Mann zu sich gelockt und ihn nun so durchdringt. Zu sich gelockt — denn wir haben den Weg zu ihm nicht gesucht, er hat ihn zu uns gefunden. Und dies war ein weiter _Weg von den konvenerfüllt werden müssen, daß das Judentum den Volkswillen schaffen muß, jedenfalls, wenn es leben will. Darüber hinaus reicht die Macht Nordaus nicht. Seine Machtsphäre ist das Gebiet des Gedankens, der Erkenntnis, der genauen Analyse. Die Tat überläßt er anderen. Deshalb hing er mit ganzer Seele an Herzl, der ihn so harmonisch ergänzte. Und nun komme man mit der kindischen Erklärung, Nordau sei Zionist geworden — aus Liebhaberei zum Paradoxalen! Diese Leute verstehen den Nordau im allgemeinen nicht. Sonst wüßten sie, daß das Paradoxale in Nordau nur eine äußere Form seines Dranges nach gesunder, ungeschminkter Wahrheit ist, denn der Grundzug dieses Mannes war immer dieser: ersuchte die absolute Wahrheit. Und glaubte er sie gefunden zu haben, so hatte er immer den Mut sie auch zu verkünden — und wenn alle Zeitgenossen dagegen waren oder wären. Und in dem Momente, wo er den Zionismus als Wahrheit erkannte, ist er Zionist geworden. Jedenfalls dürfen wir noch ein Moment nicht vergessen: wohl hat die Erkenntnis Nordau zum Zionismus geführt, aber vor allem vergessen wir nicht, daß er immer ein echter Jude gewesen ist, sogar zu der Zeit, wo er fern vom Judentum stand. Denn er kannte das Judentum von der frühesten Kindheit an und wenn er auch nur Schillers „Glocke“ in hebräischer Uebersetzung las. Er fühlt das Judentum in und um sich. Was und wie er von jüdischer Geschichte spricht, läßt sich nicht erlernen: so spricht nur, der sie innerlich verarbeitet hat, der sie nicht bloß durchdacht, sondern auch durchfühlt hat. Und vielleicht liegt eben darin der wahre Ausdruck seines echten Judentums. Und wissen Sie? Daß er der Mann der scharfen Erkenntnis und nicht der stürmenden Tat ist, dürfen wir ebenfalls als Beweis seines echten Judentums annehmen — des Judentums, wie es sich im Golut geschaltet hat, das eben die Fähigkeit zur Tat verloren hat. Nur derjenige, der die Last des Golut nicht getragen hat, nicht kennt, nicht gespürt hat, kann bedingungslos handeln, kann wirklich Taten vollbringen. So einer war eben Herzl. Auf ihm lastete die Vergangenheit gar nicht, deshalb trug er so leicht die Zukunft. Nordau aber spürt mit allen Fibern seiner Seele unsere Vergangenheit. Und deshalb kennt er so genau unsere Gegenwart. Der Name Nordaus wird mit goldenen Lettern neben dem Namen Herzls in das jüdische Geschichtsbuch eingeschrieben sein — solange ein Judentum existiren wird. tionellen Lügen zum Baseler Programm. An einem einzigen Worte kann man diesen Weg ermessen: In Mene Tekel Upharsin, wo er Europas politische und soziale Konstellation bespricht, sagt er von Rußlands Holigans, daß sie „Krug und Synagoge des Hebräers der Erde gleich machen“. Des Hebräers. Das klingt so fremd, so kalt . . . nicht kälter und nicht wärmer als etwa: des Armeniens, des Basken. Und dann das Zitat Krug und Synagoge . . . wie konventionell. In diesen Attributen des Judentums liegt sein ganzes Verhältnis zu ihm ausgedrückt . . . Das Judentum war aber in ihm latent und kam, nein, brach beim ersten Sonnenstrahl hervor. Und nun er unser ist, wollen wir uns seiner freuen und auf ihn stolz sein. Denn von ihm gilt das berühmte Wort der französischen Akademie: Wir hätten seinem Ruhme nicht gefehlt, er aber doch vielleicht dem unseren... Dr. Rb. * * * Was für ein Landsmann ist Max Nordau? Man findet vielfach die Angabe, Max Nordau, der am 29. Juli 1909 seinen sechzigsten Geburtstag feiert, stamme aus Krotoschin in Posen, oder auch: er habe dort das Licht der Welt erblickt. Letzteres stimmt nicht. Max Nordau ist in Budapest geboren. Indes ist Tatsache, daß Nordaus Eltern Das goldene Kalb. Ein Fieber der Wüste, meine Lieben, Ist vielen von uns im Blute geblieben, Und unser armes Volk ist krank An Viermaltausend Jahre lang. Herr Moses erkannte des Fiebers Tücke Und schlug blindwütig die Tafeln in Stücke, Doch der Bazillus war so virulent, Daß er noch jetzt in den Adern brennt. Wir können erröten und bitterlich schimpfen, Die Kranken mit Idealen impfen; Bei wenigen die Pest entfleucht Und tausend andere bleiben verseucht. Moralische Pfaffen, soziale Propheten, Großmaulaufreißer in Humanitäten — Kaum blökt das Kalb im Weiherauch, So rutschen sie wonnegrunzend am Bauch; Ein üppiger Sack, ein tönender Titel, Gleich flattern die Fräcke, gleich wedeln die Kittel, Die Schönheit knixt und die Weisheit quackt, Und alle verschwinden im Hintertrakt. Und die goldenen Kälber wandeln umher Und glauben schließlich, sie wären wer, Und lassen auf die getreuen Vasallen Zeitweilig ein Stückchen niederfallen. Beda. ZionistischeWochenschau. Die zionistische Welt steht unter dem Zeichen der Nordau-Feier. Keine würdigere Ehrung für den Meister konnte seitens der zionistischen Organisation ersonnen werden, als die, seinen 60. Geburtstag durch Errichtung eines Mikrobiologischen Institutes in Palästina zu feiern. Wir verweisen auf den an anderer Stelle abgedruckten Aufruf und glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß die Idee zur Schaffung eines solchen Institutes von niemand anderem stammt, als dem intimsten Freunde Nordaus, Gg. Dr. Alexander Marmorek, Paris, der bekanntlich selbst ein hervorragender Fachmann der Mikrobiologie, respektive Bakteriologie ist. Als Dr. Marmorek am achten Kongreß erklärte, trotz seines „politischen“ Zionismus kein Gegner der praktischen Arbeit in Palästina zu sein, rief ihm Gg. Dr. Weizmann zu, dann könne er etwas Großes für den Zionismus leisten: seine bakteriologischen Forschungen auf palästinensischen Boden zu verpflanzen, zum Ruhme jüdischer Wissenschaft. Es ist wohl nicht zu zweifeln, daß in Dr. Marmorek der Entschluß gereift ist, diesem Appell zu folgen, der im Einklang steht mit dem, was Herzl mit Altneuland von Dr. Marmorek (dort Dr. Steineck genannt) erwartet. Das Beispiel Dr. Marmoreks würde gewiß auf andere Zionisten, die in ihrem Fache hervorragend sind, wirken und dazu beitragen, die Ueberzeugung zu verbreiten, daß dem Zionismus weder mit Reden, noch selbst mit Sammeln u. dergl. am besten gedient ist, sondern einerst ganz kurze Zeit vor seiner Geburt von Krotoschin fortzogen, und seine Vorfahren wohnten lange Zeit in dem Posenschen Städchen. Im 17. Jahrhundert kamen zwei Brüder spanisch-jüdischer Abstammung von Venedig über Wien nach Krotoschin, von denen der eine sich S u e d f e 1 d, der andere Wiener nannte. Ein Nachkomme dieses Suedfeld schrieb im 18. Jahrhundert ein Buch oder eine Broschüre und prägte für diese das Pseudonym Nordau. Beim Maskir (Totenfeier) in der Krotoschiner Synagoge kann man noch heute des öfteren den Namen Suedfeld hören. Der letzte Suedfeld verließ 1849 Krotoschin und übersiedelte nach Budapest, bei welcher Gelegenheit er seinen Namen gegen das Pseudonym seines Vorfahren eintauschte. Das war Max Nordau’s Vater. Wie Max Nordau selbst über seine landsmannschaftliche Zugehörigkeit denkt, geht aus einem Briefe hervor, den er einem zionistischen Gesinnungsgenossen vor einigen Jahren schrieb, der, auch ein Krotoschiner, ein Schreiben an Nordau mit halb-landsmannschaftlichem Gruß unterzeichnet hatte. Nordau schrieb darauf: „Mir geht es mit Krotoschin wie unsern Assimilanten mit dem deutschen Volke. Ich rechne mich ganz dahin und glaube — trotz des Zufalls anderweitiger Geburt — ein voller Krotoschiner zu sein, sehe aber mit wehmütigem Lächeln, daß Krotoschin mich in wohlwollendster Laune höchstens als „halben“ Landsmann gelten läßt. Ein tiefes Symbol.“