Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr,, 30 Das w^r nicht die Rede eines Menschen, das war das Tosen eines Elementes. Damals tönten keine Worte, sondern Donner krachten nieder. Und die Hörer lauschten nicht, sondern sie gaben sich gefangen. Der große Mann wirkte auf den Juden, der Jude auf den großen Mann. Der Einfluß» war gegenseitig. Er dauert bis zum heutigen Tage. Deine Feder ist noch so kräftig, schmiegsam und elastisch wie in Deinen Jugendjahren. Deine Worte bergen noch dasselbe Temperament, dieselbe Lebhaftigkeit und denselben Zauber wie vor Jahrzehnten. Wir erlitten in der letzten Zeit große Verluste. Erst starb, der Führer und in rascher Reihenfolge sanken, gleich ihm, in jungen Jahren unsere Besten ins Grab. Du bliebst. Stehe bei uns, wie wir Dir zur Seite stehen. Du bist das große Talent, wir der tiefe Glaube, Du die Kraft des Wortes, wir das Feuer der Begeisterung, Du die Macht der Feder, wir die gesammelte Aufmerksamkeit, Du die Autorität, wir die Masse. Du bist die Stimme, wir das Echo. Die Stimme der Geschichte. Das Echo der leidenden Millionen. Eine solche Stimme war in der früheren Generation die Stimme eines Rufers in der Wüste. Heute dringt sie in die entferntesten Winkel, in die entlegensten Siedlungen und ruft ein Echo hervor, welches die Hindernisse des Raumes besiegt Möge Deine Stimme fürderhin ertönen! Der Tauben wird’s im Volke immer weniger. Rufe! — wir kommen! Sprich! — wir hören! Führe! — wir folgen! Max Nordau als Zionist. Von Dr. D. Pasmanik, Genf. Ein jetzt verstorbener Jude, Mitglied der französischen Akademie, sagte mir einmal: „Nordau Zionist! Ebenso paradoxal, wie alles, was er geschrieben hat.“ Und auch Christen äußerten diese Meinung. Und manche Zionisten, wenn sie aus diesem oder jenem Grunde mit Nordau unzufrieden waren, schwatzten diese Worte nach. Im Grunde genommen ist von allen leitenden Persönlichkeiten im Zionismus Nordau seinem inneren Wesen nach am wenigsten bekannt Manchmal kommt er den Leuten etwas rätselhaft vor— bald überwältigend groß, bald ganz durchschnittlich, aber jedes Mal unfaßbar, abstraktmäßig, unbestimmbar. Und doch können wir uns glücklich schätzen, daß an der Wiege des modernen Zionismus neben dem Willensgenie Herzl der Gedankenriese Nordau stand. kriegt Er ist so tollkühn, daß er Fürsten und Herrscher in die Schranken fordert Fast fürchtet man daß er sich zu weit vorwagt, daß er zuviel auf sein Glück vertraut, und man fühlt sich versucht, ihm zuzurufen: Hör* auf! Wir haben schon alles gesehen! Es ist genug! Er aber stürmt immer vorwärts, unbändig, unbezwingbar, über Stock und Stein, jedes Hindernis überwältigend, von jedem Hindernis tausendfach entflammt, von unsichtbaren Kräften gejagt und bleibt vor irgend einem Schlosse, in dem gerade eine Tafelrunde mächtiger Ritter tagt, stehen. Und er schwingt sein Riesenschwert und erhebt seine Donnerstimme und ruft der ganzen Sippe Worte des Zornes, des Ingrimmes und der Gerechtigkeit zu... Und ohne es zu sagen, läßt er es merken: Sehet ihr, diese Kraft habe ich von euch. Ohne es zu sagen, läßt er es ahnen: Was mich belebt und beglückt, ist euer; was mir die Macht verleiht, mich durchzusetzen, alies aus dem Wege zu räumen, der Frechheit ins Gesicht zu schlagen, einer Welt von Feinden zu trotzen, keine Furcht zu kennen, Gefahren nicht zu scheuen, alles zu wagen — das ist mein, euer Ideal. Der Unterschied zwischen uns liegt im Glauben nur; bei euch ist er eingeschlummert, bei mir ist er wachgeblieben. Ich trage mein uden tum wie eine Kokarde. Ihr besitzt gerade nur, Nordau ist (ier zionistische Denker, ebeso groß in. sejner Art, wie der zionistische Staatsmann und Organisator Theodor Herzl auf seinem Gebiete. Die Größe Nordaus besteht darin, daß er zuerst eine genaue Analyse des Diasporajudenturps der Gegenwart gegeben hat- Wir meinen da ja nicht seine meisterhaften Schilderungen der allgemeinen Lage der Juden, die wirklich eines Jeremias würdig sind, sondern eben seine Analyse der jüdischen Gegenwart. Und diese hat er nicht plötzlich vollzogen, sondern stufenweise. Zu lange war er dem Judentum entrückt, um sofort plötzlich das Abnorme seiner Lage zu ergreifen. Unter dep Schlägen des Antisemitismus kehrte er zu seinem Volke zurück. Deshalb verdeckt der Antisemitismus sein ganzes Gesichtsfeld — in den ersten Stadien seiner zionistischen Entwickelung. Da ist noch sein ganzer Zionismus eine Folge der äußeren Not und nicht des inneren Dranges. Aber je mehr er sich in das jüdische Problem vertieft, desto schärfer und durchdringender wird seine Analyse und desto klarer tritt die furchtbare Tragik des Golut zum Vorschein. Da bekommt sein Zionismus einen geschichtsphilosophischen Hintergrund, den er im Satze zusammenfaßt: „Der Zionismus ist ein neues Wort für eine sehr alte Sache“, denn „Messianismus und Zionismus waren latsächlich fast zwei Jahrtausende lang identische Begriffe“. Und zuletzt erhebt er sich zur wirklich schöpferischen Auffassung des Zionismus, wo er als oberflächlich die Meinung hinstellt/ als ob der Zionismus eine Gegenwirkung des Antisemitismus wäre, denn „der Antisemitismus war höchstens ein A n 1 a ß,‘ er war sicher nicht der Grund des Zionismus“. (VIII. Kongreßrede). Zu dieser Auffassung des Zionismus gelangte Nordau auf Grund einer genialen Analyse der Diaspora, deren Resume er uns in seiner unvergleichlichen Rede auf dem fünften Kongreß gab. Wer Nordau als Zionisten begreifenwill, der vertiefe sich in diese Rede, die eben durch ihre glänzende Form über den folgenschweren qnd gedankenreichen Inhalt uns hinwegführt. Ja, es fehlen da statistische Tabellen, gelehrte Demonstrationen, hohle Philosophasterei, aber jeder Satz ist ein Hammerschlag, denn jeder Satz ist ein präziser Ausdruck der ungeschminkten jüdischen Wirklichkeit. Am Anfang dieser Rede klagt er gerade über das Fehlen einer jüdischen Statistik. Er kann sich jetzt beruhigen. Seit seiner Rede sind ziemlich viele statistische Untersuchungen über die Juden erschienen und sie alle haben die von ihm scheinbar aprioristisch ausgesprochenen Sätze vollauf bestätigt. Sie haben nicht bloß den was ihr euch selbst gebet. Die Quelle der Macht liegt in euch; ihr habet nicht, wie ich, aus ihr geschöpft. ... Und das alles läßt er ahnen den ganzen Kongreß. Er suggeriert es ihm; er läßt seine Worte wie Peitschenknall ertönen, bald rechts, bald links. Er beherrscht den Kongreß und der Kongreß läßt willig seine Gewalt über sich ergehen, denn er anerkennt seinen Willen zur Macht. Aber selbst der Wissende, der die Wirkungen auf ihre Ursachen zu prüfen vermag, kann sich dem Banne dieser eigenartigen Beredsamkeit nicht entziehen. Nordau ist kein Demosthenes, dem der Demos, wenn er seine flammende Philippika geschlossen, aus tausend Kehlen zudonnert: Auf! Wir ziehen gegen Makedonien! Das heißt: Ich glaube nichtt daß seine Suada jene Kraft besitzt, die aus Ungläubigen Gläubige macht, die wie eine Offenbarung wirkt und Erleuchtung in die Herzen ziehen läßt. Er ist aber auch kein Cicero, der das höchste Ziel im architektonisch vollendeten Satz, in der äußerlichen Pracht einer Verbalfassade oder im alliterierenden Wortspiel erblickt und dessen orationes der populus Romanus wie Leckerbissen beschnalzt. Das heißt: Ich glaube nicht, daß die Form seiner Rede letzte Wahrheit ist, seine Rhetorik Schauspiel, die Pause Kunst und der Ton vorbedachter Zweck. Obwohl es von seinen Feinden mit Beharrlichkeit allgemeinen §afz bestätigt: „das jüdische Volk igt eip Luftvolk“, sondern alles was er über dj§ wirtschaftliche und geistige Lage des gegenwärtigen Judentums ausgesagt hat. Und alle die zionistisohen Theoretiker und alle diejenigen, die sich bis auf den heutigen Tag mit der Judenfrage beschäftigten, haben eigentlich absolut nichts neues zu der Diagnose Nordaus hinzugefügt. Seine Diagnose lautete: „Nur das jüdische Volk bildet keinen geschlossenen Wirtschaftkörper, denn es fehlt ihm dazu die unentbehrliche Unterlage: der Boden,“ Und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen, denn er hat die Grundursache der ganzen Tragik des Diasporajudentums aufgedeckt, die Urquelle unserer wirtschaftlichen Rückständigkeit, unserer geistigen Assimilation, unserer Recht- und Haltlosigkeit. Und wenn man die ganze Literatur über die Judenfrage durchstöbert, die im Verlauf der 120 Jahre zusammengeschrieben wurde, findet man nichts, aber absolut nichts, das sich mit diesem Vortrage Nordaus vergleichen kann. Wie kleinlich und schülerhaft sich in Vergleich damit die Arbeit von Marx über die Judenfrage ausnimmt! Wie lächerlich unbedeutend sind die Elaborate der assimilatorischen Wohltäter! Und dabei wie meisterhaft Nordau auch alle Konsequenzen aus seiner Analyse gezogen hat! Ein Volk ohne eigenen Wirtschaftskörper ist gezwungen, Dienste zu leisten, sich nützlich zu machen. Ein solches Volk hört auf Selbstzweck zu sein. Und das ist ja der Inhalt unserer ganzen Diasporageschichte : wir durften nicht für uns leben, wir mußten immer uns nützlich machen, das ist aber auch die Unterlage der ganzen Assimilation, die eben dazu führt, daß der Jude bald Deutscher, bald Böhme, bald Pole, bald Ungar wird, um sich ja nützlich zu machen. Und als letzte, die allerfurchtbarste Konsequenz dieser Analyse stellt Nordau den folgenschweren Satz auf: „Zionismus oder nationale Liquidation“. Das ist kein leicht hingeworfener; paradoxal sein sollender Satz, sondern ein prophetischer Spruch, trotz aller Faseleien über nationale Autonomie in der ständigen Diaspora. Wieviel Mut und Ueberzeugungskraft gehört dazu, um diesen lebensspendenden oder todesverheißenden Satz auszusprechen! Dieser Satz scheint ihnen paradox? Aber ist denn das ganze Leben des jüdischen Volkes in der Diaspora weniger paradoxal? Nur denkfaule Menschen können sich mit nichtssagenden, salbungsvollen Reden über Mission, Einigkeit des Judentums und dergleichen beruhigen. Aber auch unter den Zionisten selbst finden wir selten ein Durchdringen der ganzen Tiefe des jüdibehauptet wird. Er ist vielmehr dem Alkibiades in der Kunst zu reden vergleichbar. Von dem die Römer mit Bewunderung erzählen, daß er seiten gesprochen, wenn er es aber getan, seine Zuhörer wie ein Orkan hinriß und sie momentan betäubte — durch die Macht seiner Persönlichkeit. Das ist’s: die Macht der Persönlichkeit. Schon die Gestalt: untersetzt, massiv und gedrungen. Man hat die Empfindung, daß er fest auf den Füßen steht, wenn er sich erhebt. Ein jugendfrisches, mit viel Liebe gepflegtes, trotziges Gesicht, von zwei klugen, kalten, ausdrucksvollen Augen beleuchtet und von einem runden Silberbart umrahmt. Auf den des Gesichtes Blässe wie „der Schatten einer weißen Lilie auf einen silbernen Spiegel“ fällt. Es ist nicht denkbar, an ihm vorüberzublicken. Das große Geheimnis seiner Persönlichkeit aber ist das Selbstbewußtsein. Auf all den zahlreichen Gebieten, wo er geistig tätig war, hat er es mit Betonung zur Schau getragen, hat sich mit einer ganzen Welt in Widerspruch gesetzt, deren Heilige verspottet, deren Götzen enttront. Er hat, um ins Volle nur zu greifen, Auguste Rodin das Ende prophezeit, Maupassant in den Staub gezerrt, Maeterlink belächelt und Ibsen als Patienten behandelt Er hat es nicht gescheut, ein ganzes Jahrhundert krankzusprechen und die konventionellen