Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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nrtidnrl-jledbqies drern kmc wrMETwrm bbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbb b h h ■ b Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige .k«*.*.*#.#**************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. *********************** Nr. 30. Wien, Freitag den 23. Juli 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Adolf Stand: An Dr. Max Nordau. Dr. D. Pasmanik: Nordau als Zionist. Zionistische Wochenschau. Ghristlichsozial — Trumpf. Der geheime „Ito“-Tag. Das goldene Kalb. Gedicht von BEDA. Feuilleton: Max Nordau. Eine Silhouette. Aus dem jüdischen Leben. Palästina. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. An Dr. Max Nordau. (Zu seinem 60. Geburtstage.) Von R.-Abg. Adolf Stand. Sehr geehrter Herr Doktor! Der heutige Tag ist für Sie und für unser ganzes Volk ein Festtag. Aus aller Herren Ländern werden die Bewunderer Ihres Talentes erscheinen, um Ihnen, dem großen Schriftsteller, dem Meister der Feder, zu huldigen. Auch wir erscheinen, um Ihnen, dem großen Juden, dem treuen Sohne unseres Volkes, unsere Huldigung darzubringen. Bei allen anderen Völkern^ sind die Begriffe „hervorragender Mensch“ und „Zierde seiner Nation“ sinnverwandt. Bei uns ist alles anders. Darum standen bis vor kurzem geistige Erlesenheit und Zugehörigkeitsgefühl zur Gesamtheit in entgegengesetztem Verhältnis zueinander. Je größer das Talent war, desto kleiner der Jude. Je höher einer gelangte, desto mehr entfernte er sich von seinem Stamme. Je größere Werke er schuf, desto loser war die Verbindung mit seiner Wurzel. Wir gewöhnten uns daran, wie an so manches Unglück. Möglich, daß sich anfangs dagegen Widerspruch erhob. Doch mußte er so leise gewesen sein, daß er sich mit der FEUILLETON. Nordau auf dem 8. Kongreß. Eine Silhouette.*) Max Nordau hat seine Kongreßrede mit einigen französischen Sätzen eingeleitet und damit die Mehrzahl der Delegierten in nicht geringe Erregung versetzt. Man konnte es sehen: die Leute lehnten sich auf ihren Sitzen zurück, murmelten unverständlich und waren arg enttäuscht. Französisch ist eben nicht so gemeinverständlich wie deutsch.' Und es war, wie wenn etwa der Meister von Palmyra wegen plötzlicher Unpäßlichkeit Sonnenthals von einem gleichgültigen Mimen gegeben worden wäre. Und manchem stand es deutlich auf dem Gesichte geschrieben: Jetzt bin ich Hunderte von Meilen hergepilgert und werde ihn nicht einmal verstehen. Die Verstimmung wuchs von Sekunde zu Sekunde, man fühlte es merklich an der Unruhe des Saales. Und *) Wir glauben, daß der Wiederabdruck dieser in Nr. 13 des I. Jahrganges unserer Zeitung erschienenen Charakterisierung des Auftretens Max Nordaus auf. dem VIII. Kongresse den Beifall unserer Leser finden wird. (Anm. d. Red.) Zeit in Duldung verwandelte. Und von Duldung zur Resignation ist nur ein Schritt. Die Treugebliebenen ertrugen die Massenflucht der Juden aus dem Judentum mit Resignation. Die Flucht war Verrat, die Resignation Auflösung. Aus diesem todesstarren Zustand wurde das Volk durch den lauten Ruf eines Dr. Max Nordau. Freundes, unseres Führers, gerissen. Unter denjenigen, die ihm treu zur Seite standen und mit ihrer ganzen Kraft unterstützten, warst auch Du, unser Meister! Es kam eine neue Epoche: Schöpferische Persönlichkeit und guter Jude hörten auf, Gegensätze zu sein, wie sie zur Zeit der Heine und der Marx waren. wenn es Kongreßaktien gäbe, sie wären damals tief unter pari gesunken. Da plötzlich hält der Redner inne und mit ihm der Kongreß. Er beginnt deutsch zu sprechen. Es wirkt wie eine Erlösung. Man atmet auf, lächelt dankbar, beugt sich wieder vor, um besser zu sehen. Bewegung, Geräusper gehen durch die Reihen. Das sind die Vorbereitungen zu einem geistigen Fest, während dessen Dauer man Körper und Geist in starrer Unbeweglichkeit und Ruhe festhalten muß, um auch eines Genußatomes nicht verlustig zu werden oder andere verlustig zu machen; das ist die letzte Freiheit, die man sich, gewährt, denn von nun ab begibt man sich in den Bann eines anderen, eines Starken. Wie? Er sagte: „Geehrter Kongreß!“ Deutsch? Dann rasch ausgehustet, sich vorgeschoben und zurechtgerückt! Das ist die unvermeidliche Vorbereitung, die man bei jeder erwartungsvollen Masse beobachten kann. Jetzt aber wird der Kongreß zu einer Einheit. Er wandelt sich plötzlich von einer Schöpfung in ein Geschöpf: Mit einem Sinn, einem Herzen und einer Empfindung. Er handelt einheitlich nach einem Impuls, schweigt und redet wie ein Individuum. Er wird von einem einzigen Manne beherrscht, in dessen gekannte Gewalt er sich freiwillig begab. Der Mann aber mit dem scharten Im Zeitalter Herzls, Nordaus und Zang wills decken sich diese Begriffe. „Großer Mann“ und „großer Jude“ fließen bei Euch in eins zusammen. Großer Mann! In jungen Jahren erwarbs Du umfassendes Wissen, drangst Du in die Geheimnisse der Natur ein, fandest Dich in den Irrgängen des Lebens zurecht und als Deine Ueberzeugung gebildet war, da verteidigtest Du sie mit orientalischer Glut, mit dem Kritizismus eines Gelehrten und mit der ganzen Wucht Deines glühenden Temperaments. Die ganze Welt las die „Konventionellen Lügen“. Man lobte das Werk und tadelte es auch — aber Deine Meinung wurde beachtet. Großer Jude! Als unser Führerin dem Augenblicke, wo sein Plan geboren wurde und bangeZweifel und Ungewißheit sein Herz zerrissen, Hilfe suchte, fand er sie zuerst bei Dir. Und Du dientest ihm vom ersten Augenblick, in dem er sich in grenzenlosem Vertrauen an Dich gewendet, bis zum tragischen Momente, als er uns zu Waisen machte. Der große Mann in Dir wurde Jude! Und wie es immer bei Dir zu sein pflegte — nie warst du Opportunist, nie halb, nie Kompromissen zugänglich — nach innerem Ringen schlossest Du Dich einer Idee an und wurdest ihr bedingungsloser Anhänger. Und ebenso, wie Du rücksichtslos warst in der Publizistik, so wurdest Du auch uneingeschränkt Jude. Deine erste Kongreßrede! Das war keine Rede, keine politische Enunziation. Das war ein geschichtliches Ereignis. Für Dich und Dein Volk. In uns stieg die Ahnung einer neuen Welt auf. Und auch in Dir. Das war eine Beichte. Was Jahrzehnte lang auf dem tiefen Grunde Deiner Seele geschlummert, das rang plötzlich nach Ausdruck. Instinkt, Leidenschaft, Liebe, Tradition und Pietät brachen vulkanisch hervor. Wir waren Zeugen einer Eruption. —————— Auge und dem bleichen Gesicht, der von der Tribüne aus zu dem Kongreß redet, ist scharf und kalt wie ein Tierbändiger. Er hat das, was man nennt: den Willen zur Macht. Er packt diese zu einem Hörer zusammengewachsene Masse ins Auge und läßt sie nicht mehr los. Keine Wechselwirkung entsteht zwischen ihm und seiner Hörerschaft — denn er allein ist aktiv; er schafft die Ruhe, er stört sie, er läßt den Kongreß schweigen und reden, er läßt ihn sitzen und bringt ihn auf die Beine. Die aber von ihm hervorgebrachten Wirkungen wirken auf ihn nicht zurück. Er ist wie der Fels, an dem sich die Wellen brechen, ohne ihn vom Fleck zu rühren. Ueberhaupt: er ist allmächtig. Er hat ein Riesenschwert in der Hand, mit dem er die zahllosen Feinde, die er nur so lustig herbeiruft, wie das liebe Gras niedermäht. Er lockt einen Recken heran — diesen Knirps habet ihr gefürchtet? Er stößt ihm die Faust ins Gesicht, daß er taumelt und purzelt und fällt, so daß man mitleidig lächeln muß. Wie er nur alles Starke schwächt und alles Schwache stärken kann! Manchen Widersacher — man sieht es deutlich, besiegt er mit bloßem Achselzucken; den anderen überschüttet er mit ätzendem Spott, daß er sich in die eigene Haut verkriecht, wieder einen anderen donnert er an, wirklich wahr, er donnert ihn an, daß er Furcht bekommt und Füße