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Jüdische Zeitung · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 zur Annahme^ daß der galizische Landesschulrat eine geheime Weisung 'an die "Schulverwaltungen gerichtet hat, juden; nicht aüfeühehmen:' Sei dem aber wie immer — Antisemitismus .auf eigene oder auf des Landesschulrates Rechnung —'-die galizisdien Juden werden-sich diese Behandlung nicht gefallen lassen, sondern -mit gehörigem Nachdruck' gegen diese zynische Anwendung der abgelehnten Schmidschen Resolution Stellung nehmen. * * * ' Eine bedeutungsvolle Versammlung. Berlin. Der Berliner Korrespondent des „Lemberger Tagblatt“ berichtet von einer interessanten Versammlung, welche vor einigen Tagen in einem der vornehmsten Klubräume Berlins stattgefunden hat. An dieser Versammlung nahmen die reichsten Berliner Juden teil. Die Beratungen, die einen streng vertraulichen Charakter trugen, bezogen sich auf die Lage der Juden in Osteuropa. Die Versammlung wurde vom Justizrat Friedmann eröffnet, welcher in seinem Referate der Meinung Ausdruck gab, daß die Lage der Juden in ihren Heimatsländern nicht zu verbessern und daß der einzige Ausweg eine jüdische Kolonisation in Palästina sei. Justizrat Friedmann hob hervor, daß er sich nicht zum Zionismus bekenne. Viele Anwesende richteten an den Vorsitzenden verschiedene auf die Kolonisation Palästinas bezügliche Fragen, welche von den anwesenden Zionisten Dr. Ruppin, Dr. Soskin und Ing. Treidel beantwortet wurden. Interessant waren auch die Ausführungen des Advokaten Zaleschinski, eines Nichtzionisten, welcher vor kurzem das heilige Land besucht hat Ein Millionär, der Ingenieur Dr. Ginsburg forderte die Anwesenden auf, sich nicht mit platonischen Sympathiekundgebungen zu begnügen, sondern die Aktion werktätig zu unterstützen Der Professor am Polytechnikum in Charlottenburg, Dr. Kolischer, bekannte sich als Nationaljude und als Anhänger der palästinensischen Kolonisationsidee. Der letzte Redner, ein Nichtzionist, Justizrat Dr. Fuchs, der Palästina bereist hat, berichtete von den jüdischen Kolonien und lobte die Erfolge der Kolonisation in Erez-Israel. Man hofft, daß diese Versammlung reiche Früchte tragen wird. * * * Schritte der englischen Juden zugunsten der Juden Rußlands. Ltmdon. Das Jüdische Deputiertenkollegium von England nahm anläßlich des Besuches von Chomiakow, dem Präsidenten der russischen Duma, nebst 20 Deputierten in London, Gelegenheit, ihnen eine Deputation zu schicken, die ihnen die elende Lage der russischen Juden vor Augen führte und um Besserung des Zustandes ersuchte. Das Verfahren dürfte wohl wenig Aussicht auch nur auf den geringfügigsten Erfolg haben, da ja sogar das recht fühlbare Kampfmittel des Boykotts russischer Wertpapiere, welches die englischen Juden in einmütiger Weise durchführten, erfolglos blieb. * * * JÜD1SCHE ZEITUNG. Ein Jude als .Indlanerhäuptllrigj."1 New York. Die letzte Nummet,des „American |! Hebrew“ enthält eine Sensation, die jetzt in Ämerika viel von sich reden macht und trotz der un- ' glaubwürdigenj j fwnantjScheijiRäTbJjng hier wieder- ' gegeben werden soll, weil „American Hebrew“ zu \ den seriösesten jüdischen Blättern der Vereinigtet j Staaten zählt. Der Veiriasser'des [Artikels; 'Mr: Phr-’! lipp Cowen, erzählt ü: aV:; Der^Jhde,’''wtrchehr beschieden war, der Herrscher eines indianischen Stammes'zu werden, stammte aus einer reichen jüdischen Familie in Deutschland, deren mehrere Mitglieder in der New Yorker großen Geschäftswelt eine hervorragende Stellung einnehmen. Er suchte für sich ein Tätigkeitsgebiet im Westen und siedelte sich auf einem der westlichen Territorien an. Durch seine Geschäfte kam er mit den Indianern in nahe Beziehungen; er gewann ihr Vertrauen und sie zollten ihm Liebe und Ächtung. Eines Tages bot das Oberhaupt des Stammes dem fremden Juden seine Tochter zur Frau an. Der Jude führte die Tochter des Indianerhäuptlings heim und wurde bald darauf mit Einwilligung seines Schwiegervaters zum Chefstellvertreter des Stammes proklamiert. Als der alte Häuptling sein Ende, nahen fühlte, berief er die Häupter seines Stammes und teilte ihnen mit, daß nach seinem Tode sein Schwiegersohn Nachfolger werde. Diese Botschaft wurde mit großem Jubel aufgenommen und der aus Deutschland stammende Jude bekleidete seinen Herrscherposten viele Jahre hindurch. Der jüdische Indianerhäuptling war ein überzeugter Jude, gab schließlich seine Herrschaft auf und zog mit seinen Kindern, die er beschneiden ließ, wieder in eine Stadt, wo er unter Juden jüdisch leben kann . . . Das klingt wie ein ersonnener Indianerroman, aber die Redaktion des Blattes behauptet, den Namen des gewesenen „jüdischen Indianerhäuptlings“ zu kennen, den Mr. Cowen nicht nennen will, um nicht eine Person zu kompromittieren, welche die höchsten ethischen Prinzipien des jüdischen Lebens in einer Gruppe amerikanischer Indianer eingeführt hat“. Herzlfeiern. Wien. Anläßlich der "fünften Wiederkehr des Todestages unseres .Führers veranstaltete die Wiener zionistische Organisation , eine Gedenkfeier, welche durch ihren Verlauf und durch ihren Massenbesuch ein großartiges Zeugnis von der Liebe der Wiener Zionisten für Dr. Herzl ablegte. Donnerstag, den 19. Thamus fand im Seitenstettner Tempel ein Trauergottesdienst statt. Der Tempel war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Herr Oberkantor Don Fuchs versah den kantoralen Teil des Gottesdienstes und der Rabbiner Herr Dr. Feuchtw a n g hielt die Gedenkrede. Samstag den 21. Thamus fand eine große Gedenkversammlung statt, zu welcher sich viele Hunderte Gesinnungsgenossen einfanden. Gg. Herr Adolf Böhm eröffnete die Versammlung, worauf Gg. Herr Egon Brecher einen von Dr. Z u c k e rm a n n verfaßten Prolog musterhaft zum Vortrage brachte. Gg. Dr. Leopold M e i s 1 sprach dann im Namen des inner-österreichischen D.-K. Er feierte Herzl als jüdischen Politiker und Nr. 29 .(•edelsten Jüden-'der letzten Jahrhunderte; -Nach ihm |i sprach' im' Namen .'der'(ungarischen: Zionisten Gg. I: Herr, Samg.Eeitj elh e i m -aus.; Preßburg,.,.welcher (! ifl schöner ypn. Zitaten aus .der jüdischen Literatur i dufcHwiricteh' Rede' "der ‘ Persönlichkeit und ' des i VifirK'ens ünSeres-totfeh Führers gedachte. « i; m- Den Höhepunkt: des, Abends:-bildete, die, groß-! angelegte;;- Gedenkrede.des,; Gg., -.Reiehsratsr, j abgeordneten Adolf S t a n d, welcher als begeisterter j Verehrer Herzls bekannt ist. Abgeordneter S t a ri d i schilderte denLeidensweg 'des ÄGeistesjudeh“" Herzl, der nach Montefiore, dem „Gemütsjuden“ und Baron Hirsch, dein „Geldjuden“ der Repräsentant des Judentums geworden, in der ersten Zeit seiner zionistischen Tätigkeit. Er erwähnte alle Institutionen, welche ihr Entstehen Dr. Herzl verdanken. „Herzl“, sagte der Redner, „ist einneuerTypus; während Jehuda Halewy, Ibn-Esra und Gabirol nur Juden, Marx und Heine nur Europäer waren, stellt Herzl die vollendete Harmonie zwischen Judentum und Europäertum dar. Bis zum Alter von 35 Jahren war er Diener des Wortes, später ward . er ein Mann der Tat.“ „Mit Herzl ist der repräsentative Mann im Judentum gestorben; ein neuer ist nicht erständen. Män hat aber auch keinen neuen ■ nötig, denn die repräsentative Kraft des Judentums sind H e r z 1 s 1 d e e n, welche in der von ihm begründeten und aufwärtsstrebenden Organisation' fortleben und wirken; ' Das Jüdische Volk hat Erinnerungen, und Hoffnungen, Herzl ist die Vereinigung beider, denn er bedeutet Erinnerung und Hoffnung zugleich“. Die Rede des Abgeordneten. S t a n d wurde in tiefer Ergriffenheit angehört und am Schlüsse mit rauschendem minutenlangem Beifall belohnt. Sonntag, den 21. Thamus fänden sich an 600 Gesinnungsgenossen auf dem Döblinger Friedhofe ein. Herr Oberkantor Jakob Landau brachte die Trauergebete zum Vortrage, worauf Gg. Herr Qr. Egon Zweig im Namen. der Wiener Zionisten, Gg. cand. tech. Herr Otto Krasny im Namen der Studentenschaft, Gg. Herr L e b o w i c z aus Budapest namens der ungarischen Zionisten, Gg. Herr Cornelius Strach, namens des mährisch-schlesischen D.-K. .und Gg. Reichsratsabgeordneter Adolf Stand als Vertreter des galizischen Zentralkomitees sprachen. Alle Redner gaben sowohl der tiefen Trauer um den großen Toten, als auch stolzen und ’ prachtvollen Hoffnung auf die.Zukunft des jüdischen Volkes und der . zionistischen Bewegung Ausdruck. Graz. Der Verein „Zion“ veranstaltete Donnerstag den 8. d. im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde eine „Herzl Trauerfeier“, welche äußerst würdevoll verlief. Obmannstellvertreter Oskar Freudmann konnte unter dem zahlreich erschienenen Publikum, Sr. Ehrwürden Herrn Landesrabbiner Doz. Dr. David Herzog, Herrn Oberkantor Paul Horn, sowie mehrere Vertreter des Kultusrates begrüßen. Unsere Brudervereine, die jüd. akadem. Verbindung „Charitas“, wie der jüdische Turnverein waren fast vollzählig erschienen. Ebenso fehlte fast keiner, unserer stramm jüdischnational gesinnten Mittelschüler. Vereinsmitglied cand. med. Julius Schwarz hielt vor dem trauerumflorten Bilde Herzls die Gedenkrede, welche wohl kein Auge troken ließ. In begeisterten Worten feierte er das Audenken des großen, unvergeßlichen Regenerators unseres Volkes, und als er mit Herzls Worten: „Es verdorren meine Rechte, wenn ich dein vergesse, Jerusulem,“ schloß, da hob sich wohl manche Hand wie zum Schwur, und mancher sprach insgeheim diese Worte nach. Herr Oberkantor Paul Horn stimmte nun einen ergreifenden, Herzl geweihten Trauerpsalm an, und Landesrabbiner Dr. Herzog beschloß mit dem Kadischgebete diese weihevolle Trauerfeier. Die von uns mittelst Flugblatt eingeleitete, von unseren Mittelschülern durch- Was die soziale Struktur der jüdischen Einwanderung in Amerika anlangt, so haben im Zeitraum 1899 bis 1906 die gelernten Handwerker und Arbeiter 27'2% der gesamten jüdischen Einwanderung oder 66-7“... aller jüdischen Einwanderer mit bestimmten Beruf gebildet, während das erste Verhältnis bei den Immigranten der übrigen Nationen in Amerika nur 15‘5°/ü ausmacht. Auch ist die Zahl der jüdischen Rückwanderer im Vergleich zu der bei den übrigen Nationen verschwindend klein. Wie ist nun die Lage der eingewanderten jüdischen Arbeitermassen in den lmmigrationsländem? Wenn es auch einer Anzahl der jüdischen Einwanderer gelungen ist, einen mehr oder weniger festen Boden im sozialökonomischen Leben zu gewinnen, ein Leben zu machen, wie sich die jüdischen Emigranten ausdrücken, so kann das heute von der überwiegenden Mehrzahl in keiner Weise behauptet werden. In denjenigen Arbeitszweigen, in denen die jüdischen Immigranten sich hauptsächlich konzentrieren, im sogenannten Sweating System, erreicht bekanntlich die kapitalistische Ausbeutung ihren Höhepunkt. Die Lage der Arbeiter in diesen jüdischen Industrien (Kleiderkonfektion, Moden, Tabakfabrikation usw.) charakterisiert das jüngst erschienene offizielle Bulletin des Arbeitsdepartements desStaatesNewYorkfürdasJahr 1908 folgendermaßen: Die Lebensverhältnisse dieser Bevölkerungsgruppen sind ganz fürchterliche. Die Konkurrenz bei Erlangung von Arbeit ist hier am intensivsten; sie sind daher in besonders starkem Maß der Ausbeutung ausgesetzt. Sie verkaufen ihre Arbeit am billigsten und sind verurteilt unter den schlimmsten Bedingungen zu arbeiten. Ein 18stündiger Arbeitstag bildet hier keine Seltenheit. Es darf uns daher nicht wundernehmen, daß die örtliche Arbeiterbevölkerung der Einwanderungsländer die jüdische Immigration immer mehr als eine gefährliche Lohndrückerei empfindet, wenn zum Beispiel der englische Arbeiter immer öfter an den Türen der Werkstuben die Aufschrift liest No English need apply. So verlangten bereits im Jahre 1893 die Londoner Arbeitslosen „das Verbot der Einwanderung von Ausländem, die bei ihrer Landung sich nicht über Existenzmittel ausweisen können“, da „drei Viertel der britischen Arbeiter im Schuhmacher-, Tischler-, Schneider- und anderen Gewerbszweigen . . . gegenwärtig arbeitslos“ sind „infolge dieser Konkurrenz in der Form des Schwitzsystems schlimmster Art von Fremden“, die fast ausschließlich osteuropäische Juden sind. Diese antialienistische Bewegung faßt in England und in Amerika immer-tiefer Wurzel und verlangt immer energischer die — sei es direkte oder indirekte — Beschränkung dieser Einwanderung, und zwar bekanntllich in der letzten Zeit mit immer größerem Erfolg. Das Fremdengesetz hat die jüdische Einwanderung in England ganz beträchtlich eingeschränkt. Von besonders wichtiger Bedeutung aber ist die vom Handelsminister Churchill dem Unterhaus jüngst unterbreitete Bill gegen das Schwitzsystem, die auf das Schneidergewerbe, die Kartonnagen- und Spitzenfabrikation Anwendung finden soll, also gerade dort, wo fast ausschließlich die jüdischen Einwanderer beschäftigt werden. Dieses Gesetz ist gewiß zu begrüßen, da es menschenwürdige Bedingungen innerhalb des Schwitzsystems herbeiführen will. Und doch muß es indirekt gerade der jüdischen Arbeitermasse einen sehr empfindlichen Schlag versetzen, denn es beschränkt für sie die Einwanderungsmöglichkeit in England noch mehr. Mit Recht sagt Bauer: „Ein energisches Gesetz gegen das Schwitzsystem hätte die Gefahren der jüdischen Einwanderung nach London weit wirksamer bekämpft, als die albernen Polizeischikanen der Aliens-Bill.“ Aber auch in Amerika werden zahlreiche Maß1 regeln zur Einschränkung der Einwanderung getroffen. Selbst die amerikanischen Genossen sind bekanntlich von der antialienistischen Bewegung ergriffen worden. Aber abgesehen von diesen gesetz-

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