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Jüdische Zeitung · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr; 29. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 „Volkskörpex., gesundet zusehends und wird . bald auch das Geschwüf‘„'Alliance* genannt," aus seinem Oigdnismus ausscheiden I" Ghetto-Musik^ Willst Du. als Jude ein Tänzchen wagen, Het mußt Du starke Musike vertragen: Die Neid-Violine, die Nörgel-Flöte, Die Trottel-Trommel, die Schimpf-Trompete, Und machst Du gar einen falschen Schritt, Dann musiziert die Hölle mit. '-Du denkst nun: Sie können es eben nicht besser, Die Harten, die Fremden, der Feind bis aufs Messer — Doch plötzlich erbleichst Du, naiver Geselle, Dieweil Du siehst, wie die Lästerkapelle, Die Deine Seele zusammenschnürt, Ein Blutsgenosse dirigiert. Und da’s Tänzchen sein Ende gefunden, Dann klingt's Dir im Ohr noch viele Stunden Und Du versuchst es nachzupfeifen, Beginnst die Melodie zu begreifen, Und wenn man den neuen Tänzer nennt, Ertappst Du Dich selbst am Instrument.- Beda. Aus dem jüdischen Leben. Graf Kasimir Badeni. Wien. Freitag, den 9.Td. ist der gewesene Ministerpräsident Graf Badeni auf der Reise von Lemberg nach Bursk gestorben. Der jähe Tod des einst so mächtigen Staatsmannes gab allen Parteien Anlaß, sich an die Tage seiner Herrschaft zu erinnern. Für die meisten Völker Oesterreichs sind diese Erinnerungen recht traurig, für diejuden aber am traurigsten, denn seine Regierung bedeutete für sie eine unaufhörliche Kette von Schikanen und Unterdrückungen. Graf Badeni, der rücksichtslose Vertreter des schlachzizischen Egoismus, hatte für die Bedürfnisse der Juden keinen Sinn. Er suchte die Juden zu willenlosen Sklaven des Polentums und zu stummen Handlangern der Stanczykenpolitik herunterzudrücken. Als Bezirkshauptmann, Statthalter und Ministerpräsident zeigte er sich als rücksichtsloser Gegner jeder selbständigen Regung im galizischen Judentum. Er war Mitbegründer aller Institutionen, welche die Juden brutal von der Anteilnahme an dem politischen und wirtschaftlichen Leben ausschlossen. Graf Badeni hat alles getan, um sich bei unseren Stammesgenossen unbeliebt zu machen. Sein Andenken wird darum nichts weniger als gesegnet werden. * * * Oesterreichische Gleicht» erechtigung. Sereth. In der Bukowina war der Posten eines Staarsanwaltsubstitutes zu besetzen, um den sich auch ein Jude bewarb. Der Bewerber ist ein sub auspiciis promovierter Dr. juris, er hat die Richteramtsprüfung mit ausgezeichneten Erfolge bestanden und hatte die beste Qualifikation. Außerdem war er vom Staatsanwalt inCzernowitz, an erster Stelle vorgesehlagen worden, wurde aber nicht ernannt, weil das Prinzip gilt: Juden werden bei der Staatsanwaltschaft nicht ernannt.“ Ich bin noch naiv genug zu fragen, wie sich dieses famose Prinzip mit der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Unabhängigkeit der Zulassung zu einem. Staatsanwalte von religiösem Bekenntnisse vertrage? — Man hat stets die Ausrede gebraucht, Juden werden zu selbstständig leitenden Stellungen nicht berufen. — Warum denn? Aber nicht einmal diese Ausrede hat Halt, da die Stelle eines Staatsanwaltsubstituten keine leitende ist. Oesterreich würde also sicherlich noch nicht zu Grunde gehen, wenn man einen Juden auf den (man denke) höchst verantwortungsvollen hohen (?) Posten eines Staatsanwaltssubstituten berufen würde. Dieses angebliche Prinzip ist aber überdies durchbrochen worden; denn in Galizien (Tamopol) ist vor vielen Jahren ein Jude zum Staatsanwaltssubstituten ernannt worden. — Er hat die Taufe erst einige Zeit nach seiner Ernennung empfangen und hat als J u d e sein Amt tadellos geübt. Es ist eine traurige aber leider wahre Tatsache, daß bei Ernennungen für ein Staatsamt nicht mehr (wie es doch stets sein sollte) die sachliche Eignung des Bewerbers für das betreffende Amt entscheidet, sondern das Maß von Verwendung und ganz besonders der Einfluß der bezüglichen nationalen Abgeordneten. — In unserem Falle haben die deutschen Abgeordneten der Bukowina auch die Ernennung zweier Deutschen durchgesetzt. — In derlei Fällen sollte der jüdische Klub alles daransetzen, um die ZurücksetzungjüdischerBewerberhintanzuhalten. Ich habe mich als Jude veranlaßt gesehen auf das schreiende Unrecht, das einem Juden zugefügt wurde, aufmerksam zu machen. Dr. J. K o h n. * , * Galizische Schulverwaltung. Lemberg. Die im vorigen Jahre in dieser Zeitung geschilderten Brutalitäten galizischer Schuldirektoren, welche unter verschiedenen Vorwänden jüdischen Schülern die Aufnahme in die Mittelschulen verweigern, wiederholen sich heuer in verstärktem Maßstabe. Waren aber voriges Jahr die antisemitischen Schulverwaltungen vereinzelt, so scheinen sie sich heuer vereinigt zu haben. Es liegt nämlich in dieser judenfeindlichen Praxis ein gewisses System. Von einem Gymnasialdirektor wird erzählt, daß er von jüdischen Schülern die Beibringung von Polizeizeugnissen verlangt, von einem anderen, daß er trotz des offiziell ausgeschriebenen Einschreibtermines, die Vornahme der Einschreibungen verweigerte, weil die Mehrzahl der Angemeldeten Juden waren, von einem dritten, daß er unter 80 Aufnahmeheischenden nur 21, und zwar nur die Christen aufgenommen habe. Die Planmäßigkeit dieser gesetzwidrigen Handlungen zwingt unser ZentralOfgan. „Die. Weit? .gpbürqgd erwidert, und ihmrdie Sympathiekundgebungen-..der höchsten, türkischen Würdenträger für den Zionismus unte#: die (Nase gehalten; Herr Goldberger.' hatte ferrter den Hilfsverein angegriffen, der, in. einer überall, veröffentlichten Erklärung die Behauptungen; des Herrn Goldberger Punkt für Punkt berichtigte und zurückwies.. Daraufhin erläßt der geheime. Kommerzienrat eine Erklärung, in welcher er mit keiner Silbe auf das Sachliche eingeht, die ihm nachgewiesenen Unrichtigkeiten mit keinem Worte zu verteidigen wagt, sondern mit souverainer Ueberhebung die sämtlichen Widerlegungen mit dem Worte „Phrasen“ bezeichnet. Nicht genug mit dieser Auskneiferei, welche die Stichhältigkeit der Goldbergerschen Angriffe ins rechte Licht setzt, leistet er sich in seiner Erklärung auch noch ein Stückchen, das er dem Dr. Stern und Konsorten abgelauscht haben dürfte. Er sagt wörtlich: „Den Zionismus selbst und seine Wertung trenne ich von jenen Wortführern innerhalb des Zionismus, die nur von Unterstellungen undSkandal leben und die man schon als P r o p aga ndistendesAntisemit i s m u s totschweigen sollte, da man ihnen andernfalls zu viel Ehre erweist.“ Genau so wollen die Wiener Antizionisten den Zionismus vor den Zionisten erretten. Wenn meint aber Goldberger unter jenen Skandalsuchern und Antisemitenerzeugern : Niemand anderen als den Generalsekretär der zionistischen Bewegung, NahumSokolow, der im zionistischen Zentralorgan jene Entgegnung schrieb 1 Es wird wirklich schwer für Herrn Goldberger sein, die zionistische Bewegung von ihrem eigenen Generalsekretär und ihrem eigenen Zentralorgan zu retten 1 Ueberdies: Gerade Nahum Sokolow ist einer der mildesten von uns, ja sein sanfter Ton wird von den Radikalen direkt getadelt. Zu Sokolow gesellt Herr Goldberger auch „einen Herrn Julius Simon“, der gleichfalls eine Widerlegung schrieb. Gg. Simon, Mannheim, einer der begeistertsten, fähigsten und charaktervollsten Zionisten wird sich hoffentlich eine Ehre daraus machen, Arm in Arm mit Sokolow am Pranger zu stehen, den die ärgste Feindin der jüdischeRenaissance, die israelitische Alliance, für die Führer des jüdischen Volkes aufgestellt hat. Die Alliance ladet durch die Entjudung der Schüler ihrer Anstalten, die sie mit Fanatismus betreibt, eine furchtbare, schwere Schuld auf sich, unter deren Last sie auch schließlich zusammenbrechen wird. Nicht genug daran, vergiftet sie auch das jüdische öffentliche Leben, indem sie völlig unwahre, leichtfertige und niederige Angriffe gegen jüdische Organisationen richtet, die andere Grundsätze verfechten als sie selbst. Die Krone setzt sie ihrem abscheulichen Treiben aber noch dadurch auf, daß ihre ordenbehängten Führer auf wackere, um das jüdische Volk verdiente Männer, Kübel von Unrat gießen, wenn sie der Unrichtigkeit ihrer Angriffe überführt werden. Das wird kein gutes Ende nehmen, ihr Herren von der Alliance! Der jüdische wird niemand bezweifeln, doch ist es ebenso einleuchtend, daß sie nur eine zeitlich nebensächliche Wirkung ausüben, daß der Zuwachs, den sie hervorrufen, nur ein sozusagen außerordentlicher ist. So stieg die jüdische Auswanderung aus Rußland im Jahre 1892, als die Juden aus Moskau und aus den Dörfern vertrieben wurden, von 34.303 im Jahre 1891 bis auf 69.139, um dann im folgenden Jahr auf 30.325 herabzugehen; und auch die Pogromjahre 1905 und 1906 hatten gleiche Erscheinungen nach sich gezogen. Ferner bleibt es bei der Annahme, daß nur die ungünstigen politischen Lebensbedingungen die Juden zum Wanderstab greifen lassen ganz unverständlich, warum die verschiedenen sozialen Schichten des jüdischen Volks einen so ungleichen Anteil an der Auswanderung nehmen. Warum liefert die jüdische Handelsklasse, die ja zirka 39°/» der jüdischen Bevölkerung Rußlands umfaßt, jahraus jahrein nur 4 bis 57» der Auswanderer? Warum bilden die Handwerker und Arbeiter durchschnittlich zirka 607» der jüdischen Auswanderung im letzten Jahrzehnt, während ja gerade sie — wenigtens auf dem Papier — das Wohnrecht in ganz Rußland haben? Diese Erscheinungen, sowie überhaupt das unaufhaltsame Wachstum der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa können nur als notwendiger Ausfluß jener sozialökonomischen Anomalitäten im jüdischen Leben aufgefaßt werden, die ich in meinen früheren Artikeln aufzudecken suchte. Hieraus folgt, daß, solange die dort aufgezählten negativen wirtschaftlichen Faktoren wirksam sein werden, die jüdische Auswanderung nicht zurückgehen kann. So kommt auch Dr. K. Vomberg, einer der besten Kenner der jüdischen Einwanderung in Amerika, zu dem Ergebnis, daß „nicht die Furcht vor den Pogromen und nicht der politische Druck als H a u p t triebfeder der jüdischen Auswanderung erscheinen, sondern die Untergrabung ihrer sozialökonomischen Grundlagen, die „unnormalen Bedingungen, unter denen sich die jüdische Nation entwickelte“. Das selbe wird von einem anderen Autor für die jüdische Auswanderung aus Galizien festgestellt. An diesen Triebfedern kann wesentlich weder die politische Emanzipation noch die nationalkulturelle Autonomie der Juden etwas ändern. Höchstens kann die Auswanderung dabei ihren fluchtartigen, sprunghaften Charakter verlieren. Denn, ist die Judenfrage einerseits ihrem Wesen und Inhalt nach ein sozialökonomisches Problem, so ist sie andererseits ihren notwendigen Aeußerungsformen nach ein Wanderungsproblem, ein eigenartiger Ausschnitt aus dem großen internationalen Wanderungsproblem der Gegenwart. Die spezifischen Triebfedern der jüdischen Emigration erklären uns, warum sie unter keine der zwei Typen der modernen Wanderbewegungen fällt; sie ist weder agrarisch-hauswirtschaftlich, noch industriell-kapitalistisch. Ersteres schon deshalb nicht, weil eine landwirtschaftliche Klasse bei den osteuropäischen Juden fast überhaupt nicht vorhanden ist; letzteres nicht, weil auch die Zahl modern industrieller Arbeiter bei den Juden eine äußerst geringe ist. So sagt auch Otto Bauer: „ . . . Die Ostjuden sind zwar nicht für den Eigenbedarf produzierende Bauern, aber sie haben auch nicht die Psychologie moderner Industriearbeiter“. Dies äußert sich auch in zahlreichen Abweichungen der jüdischen Emigrationsbewegung von der der anderen Nationen. Im Gegensatz zu diesen ist die jüdischeAuswanderung nicht eine zeitliche, zum vorübergehenden Erwerb, wie es beispielsweise die Auswanderung der Slawen und Italiener vorwiegend ist, sondern eine dauernde, auf immer, mit Hab und Gut, was sich natürlich in der eigenartigen Zusammensetzung der jüdischen Auswanderung nach Geschlecht, Alter und Beruf wiederspiegelt. So besteht die jüdische Emigration fast zur Hälfte (40 bis 48° o) aus Frauen und — was ihren dauernden Charakter besonders kennzeichnet — zu einem Viertel (22 bis 287») aus Kindern unter 14 Jahren.

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