Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 29 Zionistische Wochenschau. In einem Interview, das kürzlich ein Redakteur des „Lemberger Tagblatt“ mit Max Nordau hatte, sprach dieser auch über die Angriffe, welche namentlich von der österreichischen zionistischen Presse gegen die Zentralleitung erhoben wurden, und welche hauptsächlich besagen, daß diese von der Hand in den Mund lebe und keinen fixen Plan habe. Nordau wies die Angriffe zurück und sägte, daß Wolffsohn, wenn er jetzt für 2 Monate in Konstantinopel weile, dies sicherlich nicht darum tue, um dort Vergnügungen zu suchen, die er in Köln nicht finden könne. Man muß wirklich staunen, aus dem Munde eines so hervorragenden Geistes eine derartige Wendung zu hören! Genau das nämliche antwortete Wolffsohn in der Aktionskomiteesitzung vor 13,< Jahren (Berlin 6. Jänner 1907) auf die dringende Frage, was er bei seiner Anwesenheit in Konstantinopel verfolgt habe. Ein solche Antwort kommt einer Mißachtung der Organisation gleich, die ein begründetes Recht hat, zu erfahren, was ihr oberster Funktionär in ihrem Namen tut. Wenn Dr. Nordau unbedingtes blindes Vertrauen zu dem Präsidenten verlangt, so ist darauf hinzuweisen, daß in der vierjährigen Präsidentenschaft Wolffsohns, währen d welcher die politischen Aktionen mit einem mysteriösen Dunkel umhüllt wurden, die Organisation schließlich immer wieder sehen mußte, daß wir um keinen Schritt weiter gekommen sind. Die Geheimniskrämerei ist aber bei den heutigen Verhältnissen der Türkei auch taktisch ein schwerer Fehler und kann nur zur Folge haben, daß man der Loyalität unserer Absichten mißtraut. Wir stehen heute nicht mehr dem Absolutisten Hamid, sondern den türkischen Völkern gegenüber. Wir können angesichts der generösen und öffentlich mit Nachdruck ausgesprochenen Sympathiekundgebungen der hervorragendsten Jungtürken nicht öffentlich und feierlich genug unsere loyalen Absichten deklarieren, sowie energisch dementieren, daß wir einen Staat im Staate wollen. Das allein kann jedes Mißtrauen beseitigen und auf beiden Seiten ehrlich gemeinten Unterhandlungen den Weg bahnen. * * * Ganz im Sinne dieser Forderung verlangte am amerikanischen Zionistentag, der soeben in New- York stattgefunden hat, einer unserer hervorragendsten Führer, Dr. Magnes, daß der IX. Kongreß eine Interpretation des Baseler Progra mmes aufstelle in welcher zu erklären sei, daß der Kongreß die Unteilbarkeit des ottomanischen Reiches wünsche und die zionistische Bewegung keinerlei separatistische Ziele verfolge. Es wurde eine Resolution angenommen, daß der Kongreß eine Deklaration über die Aufgaben und Absichten der zionistischen Bewegung erlassen möge. Diese Forderung ist schon von anderen Seiten nachdrücklichst erhoben worden, fand aber bei unserer Leitung keinen Anklang. Und •doch muß gegenüber den weltgeschichtlichen Utnals seine Träger durchgemacht haben. Rußland war die Endstation dieser Wanderung der Juden. Weiter konnte der Strom in dieser Richtung nicht fließen. Hier stauten sich seine Fluten in einem Sumpf sozialökonomischer Impotenz, bürgerlich politischer Rechtlosigkeit und nationalkultureller Sterilität. Erst nach einer jahrhundertelangen Periode der Stagnation beginnt in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts innerhalb der bisher in sozialer Beziehung fast homogenen oder richtiger amorphen Masse des europäischen Judentums der Prozeß der sozialen Differenzierung. Der Kapitalismus dringt endlich in die jüdische Nation selbst ein und ruft in ihren verschiedenen Schichten das mächtige Streben und das Bedürfnis zu höheren Formen der sozialen Betätigung hervor. Die moderne Judenfrage ist daher ihrem Wesen nach nicht ein Problem der Degeneration, wie das oft behauptet wird, sondern in erster Linie der Regeneration, der wachsenden Produktivkräfte, die jedoch keine freie Entfaltungsmöglichkeit finden. Allerdings erzeugen diese Hemmnisse im jüdischen Volk verschiedenartige Degenerationserscheinungen, diese sind aber zum bedeutenden Teil eben nur Begleiterscheinungen des gehemmten inneren Wuchses, die nach der Ueberwindung der historischen Krisis, die das Judentum jetzt durchmacht, verschwinden werden. Insbewälzungen in der Türkei unsere Organisation schon aus dem Gebote der Selbstwürdigung öffentlich Stellung nehmen. Diese Ansicht wird zweifellos am ■ IX. Kongreß durchdringen. * * * Wie stark das Bedürfnis gefühlt, wird, das jetzige türkische Regime über. den. Zionismus aufzuklären und alle Mißverständnisse, die aus dem Wortlaut des Baseler Programmes fließen können, zu' beseitiget), beweist die lebhafte Diskussion' darüber in allen jüdischen Blättern der Türkei. Besonders hervorzuheben ist ein ausführlicher Leitartikel aus der Feder des Gg. Dr. Israel Auerbach in der jüdischen Zeitung „L’Aurore“, Konstantinopel. Es heißt darin u. a., daß der Passus: „öffentlichrechtlich gesichert“, eigentlich unklar sei, aber diese Unbestimmtheit des Ausdrucks war beabsichtigt. Denn worin eine öffentlich-rechtliche Sicherung bestehe, das ändere sich mit den Verhältnissen. Unter Hamid wäre sie gewiß nur in einem „Charter“, wie Herzl ihn anstrebte, gelegen gewesen, heute, unter dem konstitutionellen Regime ist ein solcher überflüssig, da die Verfassung allen Nationen und Pror vinzen des Reiches die Freiheit und Sicherheit garantiere. Eine weitergehende Garantie verlange der Zionismus heute nicht. *. * * Es ist bereits feststehend, daß der Kongreß am 25. Dezember in Hamburg eröffnet werden wird. Trotzdem dies schon seit Wochen beschlossen ist, verlautbart die Leitung darüber nichts. Sollte doch noch in letzter Stunde ein Versuch gemacht werden, den Kongreß in einer Stadt der Türkei abzuhalten? Wenn dies der Fall wäre, so ist die Geheimtuerei völlig unangebracht. Will man wissen ob die Abhaltung des Kongresses in der Türkei nicht nur der türkischen Regierung sondern auch den türkischen Völkern willkommen ist, so muß man das Projekt in die breiteste Oeffentlichkeit lancieren, um zu erfahren, welche Stimmung dadurch ausgelöst wird. Prager Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Die Judenschaft Böhmens war bisher im Israelitischen Gemeindebund organisiert. Die bestehenden Organisationen in den einzelnen Ländern aufrechtzuerhalten, wäre eine wichtige, heute unbedingt notwendige Arbeit, um so mehr als Bestrebungen im Gange sind, die einen Zusammenschluß aller österreichischen Juden bezwecken. Nun gehen durch Böhmen große Spaltungen. Auf der einen Seite das deutschassimilatorische, auf der anderen Seite das tschechentümelnde israelitische, konfessionelle Antizionistentum. Die Zionisten sind, wenigstens in den durch entsprechende Wahlordnungen geschützten Vertretungskörpem, leider nicht maßgebend genug, um den leichtsinnig herbeigeführten Zerfall des Gemeindebundes zu verhindern, ln einer Sitzung des Gemeindebundes Jag bereits der Antrag auf Auflösung vor. Die „Führer“ sind zu schwach, um sondere hat das neu entstandene jüdische Proletariat durch sein mächtiges soziales Ringen neues Leben und Bewegung in das Dasein des europäischen Judentums hineingebracht. Freilich ist bei den äußerst beschränkten Entwickelungsbedingungen der jüdischen Nation dieser Kampf der jüdischen Arbeiterklasse nicht imstande gewesen ihr auf sozialökonomischem Gebiet Errungenschaften zu ver- I schaffen, die ihrer Kampfesenergie und ihren kulturellen Bedürfnissen entsprächen. Außerdem hat die allgemeine industrielle Entwickelung der osteuropäischen Länder eine Reihe negativer Faktoren für die wirtschaftliche Lage der Juden geschaffen, die besonders die Positionen der proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten der jüdischen Nation untergraben. Alle diese Erscheinungen rufen eine neue kolossale jüdische Wanderung hervor, die sogar in der jüdischen Geschichte nicht ihresgleichen finden kann. In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts beginnt eine Massenauswanderung der Juden gleichzeitig aus Rußland und Galizien. Es ist aber nicht mehr die mittelalterliche und frühkapitalistische Auswanderung, die zum Zweck der Handelsvermittelung nach den ökonomisch rückständigen Ländern ging, sondern zum größten Teil eine Arbeiter- und Handwerker.emigration, die in den hochentwickelten Industriestaaten, wie den Vereinigten den schwankenden Bau zu stützen. Die tschechischen Kuitusgemeinden haben schon vorher ihre vertrauliche Sitzung abgehalten und über die Ziele und Wege beraten. Alles in friedlicher Vertraulichkeit,' damit die Oeffentlichkeit ja nur nicht in die Lage komme, die Herren „tschechischer Nationalität“ bei ihrer 'destruktiven Arbeit zu sehen. Man erfährt hievön nur aus den Berichten der „Oesterreichischen Union“, die merkwürdig zahm aussehen. Was mag sich aber Bei der vertraulichen Sitzung der Herr Rabbiner Kraus aus Beneschau leisten, der es — nach bekannten Mustern — wagt, in einer großen Versammlung, und zwar in jener, in der der tschechische Universitätsprofessor Franz Krejci mit prachtvoller Wärme für den Zionismus und die jüdische Volkstreue sprach, aufzutreten und zu erklären, ihm sei jeder slowakische Drahtbinder lieber als etwa irgend ein polnischer Jude, von dem er sich höchstens abgestoßen fühle? Solche private Meinungen sind für den betretfenden Rabbiner, der vom Judentum lebt, höchst bezeichnend. Charakteristisch ist, daß ein solcher „guter Jude“ in Beratungen über jüdische Organisationen das große Wort führt. Die Organisationen werden dann auch darnach aussehen. Zwischen diesen Assimilanten tschechischer und deutscher Umgangssprache eine gemeinsame Organisation zu gründen oder zu erhalten, ist natürlich schwer. Die Verantwortung für die Krise, -der das böhmische Judentum entgegengeht, fällt auf jene Juden, die den jüdischen nationalen Gedanken so andauernd bekämpft haben und noch verfolgen. Denn nur die Jüdischnationalen werden auf die Dauer imstande sein, alle Juden in ihrer Idee zu vereinen, ob sie tschechisch oder deutsch, polnisch oder italienisch sprechen. In Böhmen, dem Lande der Experimente für Oesterreich, wird über kurz oder lang der Beweis erbracht sein, :daß es mit der das Judentum zersetzenden Assimilation nicht ' mehr weitergeht. Und die Jüdischnationalen Böhmens wissen auch, welch wichtige Aufgabe ihrer harrt. Mit Spannung verfolgen sie daher den Entwicklungsprozeß im Lager der deutschen und der tschechischen Assimilanten, die einander gegenüberstehen wie etwa in verkleinertem Maßstabe jene beiden Löwen, die sich gegenseitig auffraßen, bis nur ihre Schwänze übrig waren. Eine neue Heldentat des Alliancechefs. Ein Fürst in Juda, ein Assimiianten-Häuptling, der Geheime Kommerzienrat Ludwig Max Göldb erg er, Präsident der deutschen israelitischen (nicht jüdischen!) Alliance hat seine edle Gesinnung, welche er erst kürzlich in der Generalversammlung enthüllte, neuerlich in eklatanter Weise in einer Erklärung dokumentiert, die er soeben gegen seine Widersacher erlassen hat. In der Generalversammlung hatte er die Stirne gehabt, zu behaupten, daß der Zionismus Tendenzen verfolgt, weiche für die Türkei staatsgefährlich sind. Natürlich hat ihm sofort Staaten und England, Absatz für ihre Arbeitskraft sucht. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bewegt; sich die jährliche Zahl der jüdischen Immigranten in Amerika zwischen 20- und 40.000; von diesem i Zeitpunkt beginnt ihre Zunahme in raschem Tempo. S Die jährlichen Berichte der nordamerikanischen Ein- : Wanderungskommission geben für diese Immigration | folgende Zahlen an: im Jahre 1899 37.415 Juden, i 1900 60.764, 1901 58.098, 1902 57.688, 1903 76.203, | 1904106.236, 1905129.910, 1906153.748, 1907149.182 j und im Jahre 1908, trotz der Krise, noch 103.387 i Juden. Insgesamt sind in den letzten drei Jahrzehnten | mehr als 2 Millionen osteuropäischer Juden in Nord- amerika und England eingewandert. In den letzten i 10 Jahren nimmt diese Bewegung den Charakter j einer wahren Volkswanderung an und wird immer : mehr zur Kardinalfrage des jüdischen Lebens. Daß I dieses rasche Wachsen der Auswanderung nicht r schlechthin aut die politische und nationale Rechte i losigkeit der ostpreusischen Juden zurückzuführen j ist — wie das viele annehmen —, liegt auf der Hand : Eine statische Erscheinung, wie es die Rechtlosigkeit der Juden ist, kann unmöglich als ■ Ursache der systematischen Zunahme der | jüdischen Auswanderung angesehen werden. Daß! der Krieg, die Revolution und die Pogrome däs ' Tempo der Auswanderung äußerst beschleunigt haben,