Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG NRTJONflL-JLEDBCHö OREjM Jggg Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdetl nicht zurückgestellt.-— Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *********** ** ********** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. *********************** Nr. 29. Wien, Freitag den 16. Juli 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Zur Vertagung des Parlamentes. Zionistische Wochenschau. Eine neue Heldentat des Alliancechefs. Prager Brief. Ghettomusik. Gedicht von BEDA. Jüdisches Studentenheim. Herzlfeiern.. Feuilleton:; Die Judenfrage als Wanderungs- Problem. Aus dem^,jüdischen Leben. Palästina: Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Zur Vertagung des Parlamentes. r. st. Der große Parlamentskrach ist da! Alle Parteien und Politiker tun unendlich bestürzt. Nichts ist komischer als die wehmütige Verwunderung, die sich auf allen Gesichtern und Zeitungsblättern breit macht. Ja, in Dreiteufelsnamen, an solche Dinge könnten wir Oesterreicher uns denn doch schon gewöhnt haben. Ein hundertmal genossenes Schauspiel hat sich einfach wiederholt. Nichts, absolut nichts hat sich vorher ereignet, was uns gerade diese Wiederholung so unerklärlich, so überraschend erscheinen lassen könnte. Wir haben wohl in der Zwischenzeit ein Volksparlament bekommen, wer aber die Vorgänge in diesem „Volkshause“ verfolgte, mußte nur zu bald erkennen, daß wohl eine Titelaber keine Wesensänderung platzgegriffen hat. Der Geist des alten Kurienparlamentes herrscht noch immer absolut, der Geist der nationalen Verhetzung und des politischen Spekulantentums. Man hatte vom Volksparlamente erwartet, daß es durch die Schaffung der nationalen Autonomie alle nationalen Die Judenfrage als Wanderungsproblem. Von Maxim An in. (Die „Sozialistischen Monatshefte“, welche im Gegensatz zur marxistisch-orthodoxen „Neuen Zeit“ ohne dogmatische Voreingenommenheit, wenn auch vom sozialistischen Standpunkt, die national- und sozialökonomischen Fragen der Zeit durch sachkundige Referenten besprechen lassen, haben in jüngster Zeit sehr objektiv gehaltene Artikel über die Judenfrage gebracht. Im letzten Hefte 13 finden wir nachstehenden Artikel, welcher beweist, daß auch Nichtzionisten, wenn sie objektiv an die Judenfrage herantreten, mit zwingender Notwendigkeit zu denselben Schlüssen gelangen müssen, wie wir. Die Red.) Will man das Schicksal einer Nation richtig beurteilen, so muß man vor allem die innere Logik ihrer Geschichte erfassen; aus ihrer konsequenten Fortbildung werden sich dann auch die historischen Entwicklungsmöglichkeiten und -ziele dieser Nation Streitigkeiten aus dem Wege räumen und den Weg für soziale Arbeit bahnen werde. Tatsächlich haben die Vertreter der sogenannten „freiheitlichen“ Parteien — allerdings vor ihrer Wahl -*• das Banner der nationalen Gerechtigkeit Hoch flattern lassen, ja, der Wahlkampf würde vielfach ausschließlich mit dieser Parole geführt. Im Parlamente selbst hat sifch aber während der zwei Jahre auch nicht eine Stimme erhoben, nicht ein Antrag wurde eingebracht, der die Durchführung der nationalen Autonomie zum Gegenstand gehabt hätte. Die Sozialdemokraten, deren Theoretiker diesen Gegenstand nicht oft genug behandeln können, haben geschwiegen; ebenso die Christlichsozialen, in deren Programm die nationale Autonomie paradiert, die Deutschnationalen, Polen, Tschechen desgleichen. Daß die Regierung, die sich heute wie vordem nur dank des Nationalitätenhaders ihrer Gegner erwehren kann, in dieser Richtung keinen Schritt unternahm, ist selbstverständlich. So mußte es zum Krach kommen, zur Verhinderung jeder Arbeit im Parlamente. Auf den alten Grundlagen, nach dem alten PruJzIpe,,, daß. eine Nation nur Vorteile erringen-kann, hicfcm sie die anderen vergewaltigt, kann eben niemand ruhig und gedeihlich arbeiten, sei er nun von bevorzugten Ständen oder aber vom Volke gewählt. Da nützt auch das allgemeine Wahlrecht nichts. Von den großen Parteien des Parlamentes, die sich insgesamt durch persönliche und politische Interessen, vielfach solche unlauterster Art, gebunden fühlen, ist in der nächsten Zeit in dieser Richtung nichts zu erwarten. Prinzipienverrat und politische und persönliche Profitmacherei ist bei ihnen Trumpf. Aber die kleinen, ehrlichen, radikalen Gruppen, die Vertreter der kleineren unterdrückten österreichischen Nationen, die doch durch keinerlei Intererheben. Gegen diese elementare Wahrheit wurde vielleicht nirgends so stark gesündigt wie bei der Behandlung der vielumstrittenen Judenfrage, und zwar sowohl auf seiten der Philowie der Antisemiten. Wohin mit den Juden? Was mit den Juden beginnen? Diese Fragen klingen aus allen Zeitaltern und aus allen Ländern zu uns herüber. Natürlich mußte die Antwort je nach dem politischen und sozialen Kredo des Beantwortenden grundverschieden ausfallen, und so brachte diese Fragestellung notwendigerweise das Moment der subjektiven Voreingenommenheit in die Behandlung der Judenfrage. Der eine wollte, daß die Juden so rasch wie möglich von der Erdoberfläche verschwinden, der andere, daß sie vorher die oder jene (religiöse, ethische oder soziale) Mission erfüllen, der dritte, daß sie nach Zion zurückkehren, der vierte, daß sie in der Diaspora (Golus) eine „autonom kulturelle Gemeinschaft“ bilden sollen usw. Kurz: entweder theologischer Determinismus oder teleologische Willkür. Die Hauptfragen aber (Wohin führen die Entwicklungstendenzen der jüdischen Nation? Welche Strömungen und Kräfte machen sich, unabhängig von den Wünschen einzelner, im jüdischen Leben geltend?), diese Fragen wurden stets äußerst stiefmütterlich behandelt Und dennoch steht es außer allem Zweifel, daß die Fragestellung essenschacher behindert werden, könnten für ihre Völker und ganz Oesterreich unendlich Gutes stiften, wenn sie den Kampf um das gleiche Recht aller Völker aufnehmen, sich zu Wortführern der nationalen Autonomie machen würden. In erster Linie kommt hiebei der Jüdische Klub in Betracht. Wer heute offen und nachhaltig im Parlamente und unter den Massen das autonomistische Programm vertritt, wird keinen widerstandsfähigen Gegner finden, alle werden mittun müssen, ob sie nun wollen oder nicht. Zur Vertretung dieser guten Sachen genügen wenige Männer, nur mutig und ehrlich müssen sie sein, Volksvertreter und keine Profitjäger. Kein Volk in Oesterreich ist so sehr an der Durchführung der Autonomie interessiert, als wir Juden. Es ist die nächste und dringendste Aufgabe für unseren Klub, die ehrlichen Fortschrittler aller Nationen zu sammeln und den ersten Vorstoß zu unternehmen. Anläßlich der Vertagung des Hauses hätten wir noch einen Wunsch an unsere Abgeordneten zu richten. Die österreichische Gesamtorganisation wurde vor mehr als einem Jahre leichtfertiger Weise zerschlagen. Es hätte jetzt wenig Sinn, mit den Urhebern zu rechten. Aber sowohl die politischen Verhältnisse in Oesterreich, als auch die Vorgänge in der zionistischen Weltorganisation erheischen die ungesäumte Wiederherstellung der Einheit. Die Abgeordneten sind zur Lösung dieser Aufgabe berufen und verpflichtet. Die Parlamentsferien bilden die beste Gelegenheit für die Durchführung dieser Aktion, an welcher sich alle arbeitswilligen Gesinnungsgenossen gern beteiligen werden. nur so lauten kann, wenn eine sichere Basis für ihre Lösung gewonnen werden soll. Ueberblickt man die jüdische Geschichte vom Gesichtspunkte ihrer inneren Triebfeder und Tendenzen aus, so erscheint sie gewissermaßen als eine fast ununterbrochene Kette von Wanderungen, die besonders intensiv und rasch seit dem Mittelalter aufeinanderfolgen. Seit dieser Zeit wandern die Juden als Träger der Geldwirtschaft unaufhörlich innerhalb der naturalwirtschaftlichen Welt. Ein Werkzeug der finanziellen Ausbeutung der breiten Volksmassen in den Händen des herrschenden Feudaladels, werden die Juden von den ersteren gehaßt, von den letzteren verachtet, von allen jedoch verfolgt und mißhandelt. Nur solange man ihrer finanziellen und vermittelnden Tätigkeit bedarf, werden sie geduldet. Kaum aber ist das heranwachsende Bürgertum reif die volkswirtschaftlichen Funktionen der Juden auf sich zu nehmen, so werden sie brutal aus dem Land gejagt. Es ist gewiß kein bloßer Zufall, daß gerade in diesen Perioden die Scheiterhaufen der heiligen Inquisition lichterloh brannten, die ungeheure Tragik des jüdischen Schicksals beleuchtend. Spanien, England, Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland: Das ist der dornenvolle Weg, den die Juden gleichzeitig mit der Bewegung des Kapitalismus vom Westen nach Osten