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Jüdische Zeitung · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Jüdisches Studentenheim. Freitag den 9. d. findet die konstituierende Generalversammlung des Vereines statt. Es wurde bereits für den Zweck dieses Vereines eine passende Realität im IX. Bezirk in der Seegasse, ganz nahe bei der Elisabethpromenade, in Aussicht genommen und stehen die diesbezüglichen Unterhandlungen bereits unmittelbar vor ihrem Abschlüsse. Dieser Platz, welcher nach sehr sorgfältigen und zahlreichen Recherchen als der für diesen Zweck geeignetste befunden wurde, dürfte allen Bedürfnissen des Vereines genügen. Im Studentenheim sollen ungefähr 150 Zimmer für Studenten Platz finden, außerdem ein großer Saal für Versammlungen, ein geeigneter Platz für den jüdischen Turnverein, ein Saal für die Mensa und Räume für verschiedene jüdische Vereine. Der Bauplatz umfaßt nahezu 200 0 Quadratmeter. Mit der Errichtung des Studentenheims wird einem längst gefühlten Bedürfnisse entsprochen werden. * * * Der Parteitag der amerikanischen Zionisten. ' Der Parteitag der amerikanischen Zionisten, der am 13. Juni begann, wurde mit einem Monstremeeting eingeleitet, das von Tausenden Personen besucht war und einen enthusiastischen Verlauf nahm. Mr. Samuel Straus vom New York „Globe“, der die Versammlung leitete, eröffnete sie mit einer glänzenden Ansprache, die von glühendem Nationalgefühl durchdrungen war und in einer scharfen Anklage gegen den „Schmelztiegel“ (Melting-Pot) und seinen Verfasser, Mr. Zangwill, gipfelte. Mr. Straus sagte u. a.: , Der Fortschritt der zionistischen Bewegung in Amerika wird ihnen im einzelnen vom Präsidenten dargelegt werden. Aber eine große moralische Bewegung kann nicht nach dem Stande ihres Kassenbuches oder der Länge ihrer Mitgliederliste abgeschätzt werden. Ich bin sehr dankbar dafür, daß es in unserem Zeitalter des zwanzigsten Jahrhunderts Dinge gibt, die nicht von dem Standpunkte aus betrachjet werden, von dem aus der Geschäftsmann den Erfolg abwägt, und, ich bin froh, daß der Zionismus zu diesen Dingen gehört. Wir hören jetzt nur mehr sehr wenig über die angebliche Unvereinbarkeit von Zionismus mit Amerikanismus, und die, die vordem so laut darüber geschrien haben, hätten es nicht getan, hätten sic besser verstanden, was denn Zionismus und Amerikanismus bedeuten. Der Zionist weiß sehr wohl, was Patriotismus heißt, und eben, weil er Zionist ist, kann er ein um so patriotischerer Amerikaner sein (Beifall). Die Zionisten können mehr als andere den Ruf Amerikas an den Einzelnen verstehen, das beizusteuern, was das Beste in ihm ist. Die Harmonie der Botschaft der neuen Welt, ihre Sympathie, wenn Sie wollen, wird nur erlangt werden, wenn jeder seine eigene persönliche Note in Harmonie mit seinem Nachbarn ertönen läßt. Wie es Walt Whitman ausgedrückt hat: „Die wahre amerikanische Symphonie kann nur dann Zustandekommen, wenn jedweder das Lied singt, das er am besten kann.“ Und sicher kannte der große amerikanische Dichter Amerika besser, als der nichtamerikanische Verfasser des „Melting Pot“. Dann sprach Mr. Straus über die Pläne der Territorialisten und sagte: „Der Zionismus will nicht ein Haus mit vier Wänden und einem Dach, sondern eine Heimat. Der Zionismus sucht nicht nach einem Punkt auf der Erde, wohin der Jude deportiert werden kann, sondern wohin er zurückkehrt.“ Das Gelächter und der fröhliche Beifall, d.’e Mr. Straus sarkastischen Wendungen über die „Schmelztiegelpolitik“ fotgten, bewiesen, wie der „Jewish Comment“ sagt, daß Mr. Zangwill als der Verfasser eines unglücklichen Stückes ebenso bekannt ist,, wie er in der Rolle des sich als Erlöser seines Volkes Aufspielenden ist. Alles in allem war die Rede des Mr. Straus’ ein warmer Appell für jüdische Tätigkeit in Palästina, der jeden Versuch einer, Kolonisation irgendwo anders perhorreszierte. Im Namen der Stadt New York, „der Stadt, die mehr Juden zählt als irgendeine Stadt der Welt“ begrüßte die Konferenz im Aufträge des Mayors Herr N. Taylor Phillips, Deputy Controller der Stadt New York. Er bekannte sich als einen begeisterten Zionisten, der der Bewegung seit dem . ersten RufeHerzls angehört. Zugleich aber stellte er sich als Amerikaner, als der Typus eines solchen Amerikaners, dessen Vorfahren seit Jahrhunderten im Lande ansäßig sind, und der trotzdem oder eben deshalb doch ein eifriger und glühender Zionist ist. „Der Platz für den Zionismus ist Zion und nirgendwo anders. Mein ,Schmelztiegel‘ ist nicht ein solcher, worin Juden mit Christen verschmolzen werden, sondern worin der Jude sich verschmelzen soll mit seinem eigenen Volke. (Stürmischer Beifall.) Niemals war die Situation für uns besser. Dieselbe Methode, die uns Mesopotamien geben würde, könnte uns auch Palästina geben, und es würde keine größere Schwierigkeit bereiten, von der Türkei die Erlaubnis zur Besiedelung Palästinas als Mesopotamiens zu bekommen.“ Diese Begrüßungsrede erweckte großen Beifall, der sich zu einem unbeschreiblichen Enthusiasmus auswuchs, als Dr. Magnes, der beliebte Vizepräsident der Federation, das Wort zur Entgegnung nahm. Die ganze Versammlung erhob sich, Stürme von Beifall durchbrausten das Haus, Fahnen und Tücher wurden geschwenkt und es dauerte lange, bis sich der Redner verständlich machen konnte. Seine Rede war das Meisterstück eines Aufrufes für Palästina. „Palästina ist ein wundervolles Land“, sagte er tiefbewegt, „es ist unser Land. Seine Hügel und Täler und Flüsse rufen uns zu: Kommt, meine Kinder, kommt zu eurer Mutter, deren ausgebreitete Arme und nährende Brüste euch erwarten! Die Territorialisten verstehen uns nicht. Was sie tun wollen, wollen sie für andere tun. Wir aber arbeiten nicht im Namen derjenigen, die jenseits des Meeres leiden, sondern um unserer selbst willen, auf daß wir hier in dieser großen und glorreichen Stadt Juden sein sollen, ohne einen RIß in unserem Gemüt und ohne Furcht in unserem Herzen.“ Hierauf sprach der Präsident der Federation, Herr Dr. Friedenwald, über die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Amerika. Auf der Konferenz wurden zunächst die Tätigkeitsberichte der verschiedenen Kommissionen vorgelegt und erfuhren eine eingehende Kritik. Für den Nationalfonds wurden in der Zeit vom 1. Juli 190S bis 31. Mai 1909 37.135 75 K, für Palästinazwecke 9S12‘25 K, zusammen 46.948 K abgeführt. Es wurden verschiedene, die Palästinaarbeit betreffende Anträge gestellt, von denen insbesondere der der Zionisten aus St. Louis bemerkenswert erscheint: Es sollten überall in Amerika Landgesellschaften errichtet werden, die Aktien zum Minimalwert von 100 Dollars, zahlbar in 10 Jahresraten von 10 Dollars, ausgeben sollten. Das eingezahlte Kapital solle zum Erwerb von Boden in Palästina benutzt werden. Die Ueberwachung der verschiedenen Gesellschaften solle von der Federation, respektive einem besonderen dazu eingesetzten Komitee erfolgen. Von anderer Seite wurde dem Antrag lebhaft widersprochen. Er führe zu einer Zersplitterung der Kräfte. Man solle lieber die ganze Energie auf die Stärkung der vorhandenen offiziellen Institutionen verwenden. Auch der Agronom Aaronsohn, der augenblicklich in Amerika weilt und bei der Konferenz anwesend war, sprach sich für letztere Meinung aus. Nach langem Redekampf wurde schließlich folgende Kompromißresolution Dr. Magnes angenommen: „Die zwölfte Jahreskonferenz der Federation of American Zionists anerkennt die Ratsamkeit der Bildung solcher Organisationen, die jeden Juden in die Lage setzen, Land in Palästina zu erwerben und empfiehlt die Einsetzung eines fünfgliedrigen Komitees zum Zwecke der Ausarbeitung eines detaillierten praktischen Planes zu diesem Zwecke.“ In den folgenden Sitzungen beschäftigte man sich mit Organisations- und Erziehungsfragen. Palästina. Das Schulwerk des Hilfsvereines. In erfreulichem Gegensätze zu der Tätigkeit der „Alliance“ steht jene des „Hilfsvereines der deutschen Juden“, dessen siebenter Geschäftsbericht soeben vorliegt. Der Hilfsverein ist nicht zionistisch. Seine ausgezeichneten Leiter, voran Dr. Paul Nathan, gehen auch anders als die Herren von der „Alliance“, ohne vorgefaßte Meinung an ihre Aufgabe heran: Die Hebung der Juden in jenen Ländern, wo Hilfe von außen nötig ist, und treffen deswegen in ihrer Auffassung der Dinge vielfach mit den Zionisten zusammen. Sie sehen z. B. sehr gut ein, daß es von rein praktischem und pädagogischem Standpunkt das einzig richtige ist, die Judenkinder Palästinas in ihrer Muttersprache, der hebräischen, zu unterrichten, wodurch nicht nur — wie naturgemäß — die besten Erfolge erzielt werden, sondern auch die Liebe zum eigenen Volk und zur Heimat in den Kindern gestärkt wird. Ueberall auf der ganzen Welt hat die Psyche der jüdischen Jugend unter dem Zwiespalt zwischen ihrer Eigenart und der fremdnationalen Umgebung und Erziehung zu leiden, nur in Palästina nicht. Und dort, wo sich endlich die jüdische Seele voll entfalten kann, dort führt die „Alliance“ gewaltsam ihre Verkrüppelung wieder ein, erzieht die Kinder in einer fremden Sprache, reißt sie aus dem Mutterboden und schickt sie in den Golus. Anders der Hilfsverein. Ueber ganz Palästina erstreckt sich heute das Netz seiner Kindergärten, welche nach der Pestalozzi-Fröbelschen Methode geleitet werden. Die Unterrichtssprache ist die hebräische „Da unter den Juden des Orients“ — so heißt es im erweiterten Bericht — „große Sprachver" schiedenheit herrscht, so ist es notwendig, allen Kindern eine gemeinsame Sprache zu lehren. Nach Lage der Verhältnisse kann diese gemeinsame Sprache anknüpfend an die gemeinsame Religion nur das Hebräische sein.“ Die Kinder zeigen eine enthusiastische Liebe für die Sprache des Propheten. An die Kindergärten werden Schulen angegliedert, die dem örtlichen Bedürfnis entsprechend, verschieden organisiert sind. In den städtischen Schulen wird außer hebräisch der Landessprache, eine Kultursprache — und soweit es zweckmäßig, ev. fakultativ eine zweite gelehrt. In den Kolonien, wo das Bedürfnis für eine Kultursprache nicht vorliegt, wird neben den Realien, Unterricht im arabischen erteilt. Das Schulsystem ist noch lange nicht ausgebaut, speziell im Haiffa, wo sich die technische Hochschule erheben soll, steht die Einführung einer Volks- und Bürgerschule noch bevor. Für diese ist folgender Plan entworfen: „Vollkommene Beherrschung des Hebräischen in Wort und Schrift, ausgiebiger Unterricht ftn arabischen, und als fremde Sprache, um die Verbindung mit der europäischen Kulturwelt aufrecht zu erhalten, das Deutsche. Daneben eine besonders sorgfältige Ausbildung im Rechnen, in der Mathematik, in den Naturwissenschaften und im Zeichnen, sowie von frühester Jugend an Werkstattunterricht nach dem Vorbild der amerikanischen Manuel Training School. Die Kinder würden mit 3—4Jahren in die Kindergärten, mit 6—7 Jahren in die Schule eintreten, diese ist siebenklassig gedacht, so daß die Knaben mit 14—15 Jahren für das Technikum vorbereitet sein würden. Nur besonders begabte Knaben würden auf das Technikum übergehen, die andern sich als brauchbare Handwerker ihr Brod verdienen. „Das Technikum wäre nach den europäischen Vorbildern einzurichten. Im Sprachunterricht würde Türkisch hinzukonimen, um den Absolventen den Eintritt in den Staatsdienst zu ermöglichen und Englisch, um eventuell in Aegypten unterzukommen. Das Deutsche wäre von großem Nutzen, um Anstellung an den mit deutschem Kapital errichteten Bahnen (anatolische, Bagdad-Bahn etc.) Daneben würde das Hebräische als einigende Sprache allerjuden desOrients und als religiöses, nationales Bindemittel nach wie vor in hervorragendem Grade im Schulplan berücksichtigt werden. Der Kursus auf dem Technikum würde drei- bis vierjährig sein.“ In Jerusalem ist bereits ein geschlossenes Schulsystem vorhanden, das den Knaben von den Kindergärten in die Läme 1 schu 1 e und von da in das Lehrerseminar oder die Handelsrealschule führt. Auch gibt es in Jerusalem eine M ä d c h e n s c h u 1 e des Hilfsvereines. Wir müssen uns versagen, noch ausführlicher auf die Schultatigke t des Vereines einzugehen. Wir wollen nur erwähnen, daß der Hilfsverein für eine großartige und umfassende Schultätigkeit in Palästina im Jahre 19C8 nur Mk. 95.929T8 ausgegeben hat, ein Beweis, daß es bei richtigerem Vorgehen keiner großen Summen braucht, um in Palästina hervorragendes zu leisten. Wir können unsere kurze Besprechung mit keinen anderen Worten schließen, als mit den folgenden des Berichtes: „Bei den angegebenen Grundlagen, welche eben nur das in die Schule verpflanzte Leben sind, ist für die weitere Entwicklung der palästinensischen Schulen das Beste zu hoffen.“ * . * Nachstehend eine Zusammenstellung der vom Hilfsverein unterhaltenen oder subventionierten Schulen: Anzahl Schule der Schüler K o n s ta n t i n o p e 1: Or Thora 170 Achrida 220 Seror ha Chajim 300 Saloniki: Kindergarten 150 Jerusalem: 3 Kindergärten 3C0 Mädchenschule 195 Lämelschule 250 Handelsrealschule 35 ■ GEDENKET DES HERZLWALDES! -W

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