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Jüdische Zeitung · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 28 das des Kanzlers des Herzogtums Lancaster, an Stelle des Lord Fitzmaurice, eines Bruders des Lords Landsdowe, der wegen Krankheit zurückgetreten ist. Diese Stellung bringt nicht viel Arbeit mit sich, da ihr Amtsbereich beschränkt ist; aber man erwartet, daß der Staatsmann, der diesen Posten bekleidet, der Regierung in jeder Gefahr besonders wertvollen Beistand leistet, und Mr. Samuel hat bereits den Beweis der erforderlichen Gewandtheit erbracht. Es ist nicht ohne Bedeutung, von seinem Erfolg Notiz zu nehmen, denn Mr. Samuel ist der erste bekenntnistreuejude im Kabinett. Er ist ein Mitglied der New-West-End-Synagogue und mit einer Tochter des verstorbenen, durch seine Orthodoxie und Wohltätigkeit bekannten Elias Franklin verheiratet. Sein Onkel ist Lord Swaythling, der Präsident der Federation of Synagogues in East End. Mr. Herbert Samuel ist erst 39 Jahre alt und ist ein jüngerer Bruder des Parlamentariers Mr. Stuart Samuel. Lieber feig als dumm? Es gibt unglückliche Naturen, denen der Knechtsinn angeboren ist. Sie brauchen immer jemanden, der sie beherrscht, dem sie nachkriechen und schmeicheln können. Zeigen sie einmal etwas Mut und Selbständigkeit, so erschrecken sie gleich darauf selbst über solch, ungewohnte Tapferkeit. Diese Beobachtungen erweckt ein Artikel der „Oesterreichischen Wochenschrift“ betitelt Jüdische Opposition im Parlament“. Die Mitglieder des jüdischen Klubs haben gegen die Regierung Bienerth gestimmt und dadurch zum ersten Male seit Eröffnung des neuen Parlamentes bei der Regierung Beachtung gefunden. Nach der Abstimmung lud der Ministerpräsident den Obmann des Klubs zu sich und befragte ihn um sein Begehren. Man halte diese Tatsache fest. Das erste Mal seit dem Bestehen des Klubs! Der verflossene Beck hatte wohl hie und da Versprechungen gemacht, die aber nie gehalten wurden. Man sollte meinen, daß man dies als einen großen Erfolg ansehen müsse. Der Artikelschreiber scheint anderer Ansicht, indem er sich auf die Verantwortlichkeit gegenüber der Wählerschaft beruft Einverstanden! Wir schrieben schon unlängst, daß ein Abgeördnetenmandat kein persönliches Geschenk sei, mit welchem der Inhaber machen könne, was er wolle, sondern nur eine Vollmacht zur selbstlosen Vertretung der Wünsche der Wähler oder eines bestimmten Programmes. Die Opposition gegen jede antisemitische Regierung ist der ausgesprochene Wille der Wähler der Abgeordneten des jüdischen Klubs. Die Wählerschaft wünscht nicht nur dies, sie verlangt es stürmisch. Selbstredend sprechen wir nur vom jüdischen Klub, denn nur er vertritt das jüdischn Volk im Parlamente. Die anderen Abgeordneten,, welche Juden sind, besorgen die Geschäfte anderer Leute oder Parteien, die Moschkos ihre Schnapsgeschäfte im Polenklub, die Sozialisten die Interessen der Lohnarbeiter und Proletarier, insoferne sie nicht Juden sind, der Herr Ofner schwankt zwischen Rettung des Deutschtums und der Sozialdemokratie und Herr Kuranda, die lächerlichste Figur des Abgeordnetenhauses, spielt den Polonius mit Grazie. Es gibt im österreichischen Parlamente seit 40 Jahren Juden und immer haben sie in allen möglichen Gestalten als Schutzjuden figuriert, sei es gegenüber den Regierungen oder den Parteien. Was hat dies den jüdischen Wählern genützt? Gar nichts! Und so sind die wenigstens galizischen Juden zurVernunft gekommen und haben eingesehen, daß die Moschkopolitik nutzlos und verwerflich sei, und sie haben heldenmütig trotz aller Moschkos und Bezirkshauptleute für die Kandidaten ihrer Partei gestimmt, welche um jeden Preis gegen das jetzt herrschende System Stellung nimmt. Die jüdische Wählerschaft will um ihr Recht kämpfen, und will keine Gunst erkaufen. Die letzte zionistische Landeskonferenz in Lemberg, welche von 215 Delegierten aus 74 Orten besucht war, hat sich mit aller Entschiedenheit für eine energische selbständige Politik ausgesprochen und die Herren Abgeordneten Stand und Gabel ausdrücklich hiezu aufgefordert. Gleiches ereignete sich bei der Reichsratswahl in Böbrka am 30. Juni. Hier hat die jüdische Wählerschaft mit Begeisterung für den zionistischen Kanditan gekämpft, trotz aller Schikanen der Behörden und ihrer Alliierten, den jüdischen Seelenverkäufern vom Polenklub. Man exemplifiziert mit der bedrohlichen Lage der Propinationspächter in Galizien, da in drei Jahren das Gesetz aufhört und die Existenz dieser Leute gefährdet sei. Deshalb müsse man die Gunst der Regierung, wahrscheinlich jeder Regierung besitzen. Das ist die Sorge f^er Herren Löwenstein und Genossen. Abgeordnete, welche jeder Regierung zu Gefallen sind, haben natürlich gar keinen Einfluß. Insbesondere aber, wenn sie von der Regierung persönlich Gefälligkeiten verlangen. Wir sind der Ansicht, daß die Propination in Galizien den Juden verliehen wird, weil man sie braucht, weil sie besser bezahlen als andere. Aus Liebe zu Kolischer, Gail und Konsorten wird man ihnen keine Gefälligkeiten erweisen. Ebenso faul ist die Nachricht, daß den Juden in Bosnien die versprochenen Mandate entzogen würden, weil jüdische Abgeordnete für die Resolution Schusterschitz gegen Bienerth gestimmt und Herrn Burian verletzt hätten. Nun hat das ganze österreichische Parlament gegen die bosnische Regierung gestimmt durch die Resolutionen Glombinski und Redlich. Der Unterschied ist nur, das letztere Resolutionen nur gegen Burian gerichtet waren, die Resolution Schusterschitz in erster Linie gegen das deutsche antisemitische Ministerium Bienerth. Die Nachricht von der Bewilligung der Judenkurie in Bosnien war also entweder nie wahr oder nungen Dr. Hanauers stimmen mit den von Prof. Kracauer angegebenen Zahlen ziemlich überein, was imi so bemerkenswerter ist, als Dietz in seinem „Stammbuch der Frankfurter Juden“ die Behauptung aufstellte, daß die Gesundheitsverhältnisse und dementsprechend die Sterblichkeitsziffer der Juden in der Judengasse keine ungünstigere, ja sogar bessere gewesen seien, als bei der übrigen christlichen Bevölkerung. Interessant ist auch der von Rabbiner Dr. Horowitz geführte Nachweis, daß bereits in den Jahren 1776 bis 1820 eine bedeutende Abnahmeder Sterblichkeit der Frankfurter Juden zu verzeichnen war. Um diese Zeit fingen nämlich die Verhältnisse an günstiger zu werden, denn jetzt wurde, es einzelnen Juden gestattet, außerhalb der Judengasse zu wohnen. Bereits 1818 war daher die Sterbeziffer der Juden unter die der Christen herabgegangen. Die Juden in Indien. Im letzten Bande des Berichtes der englischen Regierung über Indien; finden sich auch interessante Daten über die Juden in Indien. Diesen ist zu entnehmen, daß die Zahl der indischen Juden in den letzten 20 Jahren von 12.000 auf 18.000 angewachsen ist Dieser Zuwachs Ist jedoch nicht der -Einwanderung zuzuschreiben,; da Indien mit seinen klugen, eingeborenen Kauf- , leuten und — wie der Bericht besonders hervor- hebt — mit seinen niederen Arbeitslöhnen für die * ausländischen Einwanderer wenig anziehend ist. In : Indien existieren zwei gut eingerichtete jüdische Kolo-; nien, die eine in Bombay und die andere in Kochin. Die : Entstehungsgeschichte der Kolonie „Bnei Israel“ in Bombay ist sehr dunkel und wenig aufgeklärt, hingegen sind in Kochin noch zwei Kupfertafeln; aus der Inschrift: auf denselben geht hervor, daß daselbst schon im achten Jahrhundert eine, jüdische Siedlung bestanden hat. Die jüdischen Kolonien bestehen aus einer weißen und einer schwarzen Volksschicht. Die schwarzen Juden haben sich mit den Eingeborenen vermischt, sowie auch viele Indier zum Judentume übergetreten sind. Die meisten der schwarzen Juden in Indien sind Nachkommen dieser Mischungen. In Aden wohnen 3059 Juden. Das Werk gedenkt sogar der 8 jüdischen Familien in der Provinz Baroda. In der Stadt Bombay lebten im Jahre 1901 rund 5360 Juden, gegenüber einer Gesamtbevölkerung von rund 7« Million. In Kalkutta wohnten 1889 Juden. In ganz Zentralindien finden sich nicht mehr als 24 Juden, die in den englischen Kolonien und Schutzstationen wohnen. In Kochin betrug im Jahre 1901 die Zahl der Juden 1137 und in Emaculas 412.; Diese Stadt bildet die Endstation der Kochiner Eisenbahn und hat in kürzer Zeit einen großen Aufschwung genommen. Der Handel, der jetzt in Entwicklung begriffen ist, befindet sich zum großen Teil in den Händen der Juden. Nicht weit davon liegt die Stadt Mathanchery mit 474 Juden. Interessant ist auch derjenige Teil des Berichtes, der sich mit einer Ortschaft beschäftigt, die den Namen „Jüdische Stadt“ trägt und ausschließlich von weißen und schwarzen Juden bewohnt wird. Diese Juden stammen aus Spanien,! woher sie nach der Vertreibung im 16. Jahrhundert eingewandert sind und eine große Kolonie gründeten. Mit der Zeit ist diese historisch interessante ^jüdische Stadt“ stark zurückgegangen. Von ihrer alten Blüte sprechen drei alte Synagogen. die jetzige Behauptung ist ebenfalls aus der Luft gegriffen. Ebenso lächerlich sind die Tiraden von der Beeinflussung der Abgeordneten durch die Theoretiker und die Lobpreisung der Realpolitik. Das ist ein sehr schönes Wort für eine sehr häßliche Sache. Es heißt weiter nichts, als Preisgebung aller Grundsätze und Rechte der Wähler zur Erlangung persönlicher Vorteile oder erschacherter Konzessionen. Was die Realpolitik wert ist, kann man an der deutschliberalen Partei Oesterreichs erkennen, von welcher nichts übrig geblieben ist, als — Herr Kuranda, der ewige Gratulant. Die österreichischen Juden wollen keine Gunst, sie wollen ihr Recht. Unwahr ist es auch, daß den österreichischen Juden die Macht hiezu fehlt. Es fehlt ihnen leider nur der Mut und das Gefühl der Solidarität. Nicht die Antisemiten sind unsere ärgsten Feinde, sondern jene Juden, welche ihr Volk für fremde Interessen eingarnen wollen. Ebenso jene, welche anstatt mutigen, erhobenen Hauptes die Rechte ihres Volkes vertreten, immer und immer jeder Regierung und leider jeder Reaktion Heeresfolge leisten. Die Marschroute aller jüdischnationalen Bestrebungen ist gegeben. Wir erstreben die Gleichberechtigung. Um diese zu erlangen, muß man sich die Achtung der Mitbürger erwerben. Die Achtung erwirbt man nur, wenn man mutig, offen und ehrlich kämpft. Mit Kniffen nnd Kompromissen erringt man nichts als Mißachtung. Den Weg zur Achtung hat unsere Jugend gezeigt. Sie hat sich die Gleichberechtigung an den Universitäten erkämpft. Aus dieser Jugend sind die Vertreter der zionistischen Partei hervorgegangen. Und sie haben keinen Grund, die bewährten Maximen aufzugeben und zur Schutzjudenpolitik zurückzukehren. Ohne Kampf, kein Sieg und der Kampf erfordert Opfer. Die Wählerschaft bringt täglich diese Opfer und verlangt das gleiche von ihren Vertretern. Was uns der Artikelschreiber anrät, würde dem Ausspruch Luegers entsprechen: Lieber feig als dumm. Zur politischen Taktik der Moschkos und Deütschliberalen zurückkehren, das wäre' nicht bloß feig, sondern auch dumm. Parteinachrichten. Eine Kundgebung des „Jüdischen Klubs“* Der „Jüdische Klub“ richtet an die jüdischen Wähler des 34. galizischen Wahlkreis folgenden Aufruf: Liebe Brüder! Juden! Der schwere Kampf, welchen Ihr mit Begeisterung und Aufopferung geführt habt, ist nicht von Erfolg gekrönt worden. Es ist uns nicht gelungen, unsere Zahl zu vergrößern und ein fünftes Mitglied in unserem Klub zu begrüßen. Mißbrauch der Macht und Korruption haben über politische Ehrlichkeit den Sieg davongetragen, Ihr aber, liebe Brüder des 34. Wahlkreises, betrachtet Euch nicht als besiegt! Unsere Gegner haben vor Eurer Kraft und Eurem Mut Furcht und Achtung und niemand wird es wagen, Euch zu behelligen. Wenn man aber doch wagen sollte, Euch zu verfolgen, so werden die Angriffe gebührend zurückgewiesen werden. Denn wir jüdische Abgeordnete haben Euch in den Kampf gerufen und wir wollen Euch treu zur Seite stehen. Wir ersuchen Euch, von jeder Verfolgung, jeder Schikane seitens eines Beamten, sei es der Bezirkshauptmann oder Steuerinspektor, Bürgermeister oder Polizist, dem galizischen Zentralkomitee unverzüglich und genau mitzuteilen. Wir werden alsdann in jedem Falle intervenieren und zu verhindern suchen, daß Euch Unrecht geschehe. Die jüdischen Wähler mögen überzeugt sein, daß wir alles daransetzen werden, um sie vor Verfolgungen zu bewahren; Euer Recht ist unser Recht! Wer Euch Unrecht zufügt, hat uns Unrecht zugefügt! Es lebe das jüdische Volk! Es lebe das jüdische Recht! Der reichsrätliche „Jüdische Klub“: Dr. B.enno Straucher, Obmann; Adolf Stand, Dr. Ä. Mahler, Dr. Heinrich Gabel.

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