Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28/; JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Wir aber haben das Bewußtsein, daß!’ der Gesundungsprozeß der galizischen- Judenheit fortschreitety daß die zionistischen Anschauungen' im Volke wurzeln. Darum blicken wir der Zukunft zuversichtlich und hoffnungsfreudig entgegen. Aus dem jüdischen Leben. Ad maiorem Dei gloriam. Lemberg, ln den letzten Wochen wurde wieder — diesmal von griechisch - katholischen Seelenfängern — ein jüdisches Mädchen in die Arme der alleinigseligmachenden Kirche entführt. Das Mädchen ist die jüngste Tochter des jüdischen Gutspächters H o c h r a t aus dem Dorfe H o 1 h o cze Bezirk Podhajce und befindet sich jetzt in dem Basilianerkloster in Lemberg. Nach dem Verschwinden Mädchens stellten seine Eltern Nachforschungen an und erfuhren von seinem Aufenthaltsort. Sie wandten sich an die Lemberger Polizei mit der Bitte, ihre Tochter aus dem Kloster zu holen. Doch fünf Wochen warteten sie vergebens auf Antwort. Sie wandten sich daher an Abg. Dr. Gabel um Hilfe. Dr. Gabel intervenierte bei der Polizei und auf sein Verlangen begab sich der Polizeikommissär Terlecki mit ihm ins Kloster, wo eine Zusammenkunft von Vater und Tochter stattfand. Das Mädchen erklärte, das Kloster nicht verlassen zu wollen. Die Klosterverwaltung weigerte sich infolgedessen, das Mädchen den Eltern zu übergeben. Es ist klar, den das Mädchen durch verschiedene Mittel zu dieser Erklärung veranlaßt wurde und daß man daher von keinem freiwilligen Entschluß reden kann. Dr. Gabel hat nun gerichtliche Schritte eingeleitet um die betrübten Eltern in den Besitz ihres Kindes zu setzen. Hoffentlich wird es ihm gelingen, das irregeleitete Mädchen aus den Fängen der Kleriker zu befreien. * * * Der dritte Vizebürgermeister in Lemberg. Lemberg. Donnerstag, den 1. Juli, fand in Lemberg die Wahl des dritten Vizebürgermeisters der Stadt Lemberg statt. Es waren drei Wahlgänge notwendfg. Schließlich gelang es doch dem mosaischen Kandidaten die zur Wahl nötige Stimmenanzahl auf sich zu vereinigen. Der Kandidat war kein anderer als der bestbekannte polnischnationale Israelit Dr. A s z k e n a z e, der zusammen mit Dr. Löw.enstein und M erwin das berüchtigte Mauscheltrifolium Galiziens bildet. Trotz seines oft bewiesenen Mangels an Rückgrat, trotz der treuen Helfersdienste, welche er mit Hintansetzung der jüdischen Interessen den Polen geleistet, fiel es ihm sehr schwer dritter Vizebürgermeister zu werden. Für die Allpolen war und blieb er doch der „Jud“, welcher nicht würdig ist, Repräsentant einer polnischen Stadt zu sein. Intriguen und Winkelzüge niedrigster Art wurden in Szene gesetzt, um Aszkenazes Wahl zu hintertreiben. Offiziell wurde nichts gegen ihn unternommen, aber im Geheimen schürte jauch der^ dümmste polnische Stadtvater gegen den; minderwertigen Juden. Schließlich gelang es Dr. jAszkenaze nach Tausend Erklärungen und Bücklingen nach-allen Seiten, die Vizebürgermeisterstelle;zu erbetteln. Nach erfolgter Wahl gab er dann folgende für die Moschkopsychologie kennzeichnende;Erklärung: „Durch meine Wahl wird L e reib erg nicht aufhören polnisch zusein.“ iDas klingt, als wenn er sagen wollte: „Entschuldigen Sie, daß ich Jude bin, es ist nicht meine Schuld!“ * * # Was ist eine jüdische Gemeinde? Budapest. Der Kultusminister Graf Apponyt hat unter Berufung auf einen früheren Miniserialerlaß die Bestimmung getroffen, daß als selbständige jüdische Religionsgemeinden nur diejenigen zu betrachten sind, in denen Rabbinerstellen besetzt sind. Diejenigen Gemeinden, bei denen dies nicht! der Fall ist, hat der Minister auf gefordert, binnen 6 Monaten amtierende Rabbiner anzustellen; sonst würden sie den Charakter als selbständige Gemeinden verlieren. * * ♦ Ein interessanter Taufschein. Brüssel. Einen interessanten Taufschein besitzt König Leopold von Belgien. Obwohl sein Vater Protestant war, wurde er mit Rücksicht auf seine künftige Regierung katholisch getauft, und da nach dem belgischen Gesetz die Taufscheine vom Vater, von dem die Zeremonie vollziehenden Geistlichen und vom Bürgermeister unterzeichnet werden müssen, zeigt König Leopolds Taufurkunde eine äußerst tolerante Namen-Zusammenstellung. Der Vater war, wie gesagt, Protestant, der taufende Geistliche war katholischer Kardinal und der Bürgermeister (von Laeken bei Brüssel) war — Jude. * * * Zur jüdischen Emigrationsfrage. Petersburg. Im vorigen Jahre hat das Handelsministerium eine spezielle Kommission zur Beratung über die Lage der russischen Emigranten eingesetzt. Diese Kommission, zu der auch Vertreter von anderen Ministerien zugezogen worden sind, hat sich jetzt u. a. auch an das hiesige Zentralkomitee der JCA. (Jewish Colonisation Association) mit dem Ersuchen gewendet, ihr alle Materialien und Berichte über die Tätigkeit des jüdischen Emigrations- Bureaus zu überweisen. * *; * Boykottierung einer Tramway. Jassy. Ein Kondukteur der hiesigen Tramway wollte nicht halten, als ein jüdischer Leichenzug passierte und verursachte dadurch eine Panik. Die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde führten bei der Tramwaydirektion darüber Beschwerde, wurden aber unter antisemitischen Schimpfworten hinausgeworfen. Infolgedessen beschlossen die jüdischen j Einwohner von Jassy, die einen großen Teil der I Bevölkerung bilden, die Boykottierung der Tramway. Seit Tagen fahren alle Tramwaywaggons fast ganz ohne Passagiere. Nunmehr hat die Direktion mi ider jüdischen Gemeindevertretung Verhandlungen j eingeleitet, um sie durch Gewährung einer Genug- ’tuung zur Aufhebung des Boykotts zu bewegen. * * j •* Sühne für Adana. Konstantinopel. Gestern wählte die Depu- : tiertenkammer eine Parlamentskommission von drei Mitgliedern, die sich nach Adana begeben wird, um eine Untersuchung betreff der letzten Massakres in dieser Stadt einzuleiten. Einer der Deputierten, die in die Kommission gewählt worden sind, ist der jüdische Deputierte von Saloniki, Carasso, dessen Geschicklichkeit sich schon einmal bei einer heiklen Mission als Sprecher der Deputation an den Exsultan, Abdul Hamid, bewährt hat. Er erhielt 150 Stimmen, während die beiden anderen Mitglieder (Muhammedaner) nur je 50 Stimmen auf sich vereinigen konnten. * * * Konstantinopel. Auf Einladung der Parlamente von London und Paris hat sich vorige Woche eine Deputation hiesiger Abgeordneter auf die Reise nach Europa begeben. Dieser Deputation werden auch die jüdischen Abgeordneten Nessim M a z- I i a h Effendi und S a s s o n Effendi angehören. I * * * | Reichsdumaersatzwahl in Odessa. I Petersburg. Auf Winawers Vorschlag hat das Zentralkomitee der Kadettenpartei beschlossen, für die durch Pergaments Tod in Odessa notwendig gewordene Reichsdumaersatzwahl einen jüdischen Kandidaten aufzustellen. Die Stimmen der Kadetten und Juden in der ersten Odessaer Wahlkurie betragen 800 (von insgesamt 1700 Wählern). Bei der letzten Wahl haben im ganzen 1200 Wähler von ihrem Stimmrechte Gebrauch gemacht; davon entfielen 800 Stimmen auf Pergament und 400 — auf den Kandidaten der Verbändler. Die Aussichten für einen von den Kadetten aufgestellten Kandidaten in Odessa wären somit günstig — wenn die dortigen von der Lokaladministration unterstützten Verbändler nicht ihren so oft bewährten Terror auf die Wähler ausüben würden. * * * Der erste jüdische Kabinettminister in England. London. Am verflossenen Sonntag kündigten die Zeitungen ein geschichtliches Ereignis an — die Ernennung des ersten Juden zum Mitglied des englischen Ministerkabinetts. Der Name des so ausgezeichneten Staatsmannes ist Mr. Herbert Samuel, der in das Ministerium des verstorbenen Sir Herbert Campbeil-Bannermann im Dezember 1905 als Unterstaatssekretär des Innern eintrat, ln dieser Stellung, die keinen Sitz im Kabinett mit sich bringt, gewann Mr. Samuel die Anerkennung aller Parteien durch den Takt und das Geschick, mit denen er das Kinderschutzgesetz durchs Parlament steuerte, ein Gesetz, das einen Markstein in der sozialen Gesetzgebung Englands bedeutet. Das j Amt, zu dem Mr. Samuel jetzt berufen wurde, i-1 Ich teilte den Enthusiasmus nicht ganz, das Gedicht war mir etwas zu lang, etwas verbos, aber ich erbat mir das Exemplar zur Abschrift — Wilde war damals auf dem Festland noch so gut wie unbekannt und Exemplare dieser ersten Ausgabe überaus schwer erlangbar — und versprach, mich an der Uebersetzung zu versuchen. Sie blieb freilich zunächst in den Anfängen stecken, wurde erst 1904 vollendet, erschien aber im Druck erst, als Herzl eben gestorben war. Als ich im folgenden Jahre den Auftrag erhielt, die „Gedichte“ Oskar Wildes für die Gesamtausgabe des Wiener Verlages zu übertragen, konnte ich die „Zuchthausballade“ in revidierter Fassung anschließen. Noch einer dritten Berufung muß ich gedenken. Im Frühjahr 1902 beschied mich Doktor Herzl in einer Angelegenheit zu sich, die ihn selbst betraf. Zum erstenmal sprach er mir von seinem Lebenstraum. Ich hatte längst Kunde von der zionistischen .Bewegung, glaube aber nicht, daß er irgendwie erfahren haben kann, wie ich selbst zu ihr stand. Der dunkle Südländer, der die Art des lichten Nordländers schätzte, mochte bei diesem eine gleiche Schätzung seiner eigenen Bestrebungen voraussetzen. Es bedurfte da keiner näheren Erklärungen, kaum einer Einleitung. Doktor Herzl hatte damals eben seinen Roman „Alt-Neuland“ geschrieben und von diesem sprach er mir nun, entwickelte die leitenden Ideen, legte die Gründe für die gewählte Form dar. Ich sollte ihm in der Angelegenheit des Verlags beistehen; er erklärte sich in dieser Hinsicht wenig geschickt, wendete sich allerdings auch bei mir nicht an den rechten, da ich, wie erwähnt, schon mit meinem ersten Werke einen Verlag auch für die übrigen gefunden und somit keine Gelegenheit gehabt hatte, mich mit anderen in Verbindung zu setzen. Das Wenige, was in meinen Kräften stand, tat ich gerne. Ich nannte Cotta und meinen eigenen Verleger, Adolf Bonz & Co. in Stuttgart, von dem ich wußte, daß er sich für ethnographisch interessante Werke interessierte und dabei keine Tendenz befolgte. Ich schrieb an beide und von beiden wurden, soviel ich weiß, mit Doktor Herzl Verhandlungen gepflogen, doch scheiterten sie wohl an der Forderung Herzls, daß sein Buch zu einem sehr billigen Preise veröffentlicht werden müsse, um weit in die Massen dringen zu können. Das Buch erschien dann bei Seemann in Leipzig, einem Verlag, der indessen wenig solid begründet war und wahllos alle möglichen Bücher, namentlich auch von Wiener Autoren, auf den Markt brachte und endlich zusammenbrach. Bei den wenigen Begegnungen, die ich von da an noch mit Dr. Herzl hatte, sprach er mir mit Freude davon, daß sein Buch in mehrere Sprachen übersetzt worden sei oder werde, erkundigte sich dabei immer auch nach meinen eigenen Erfolgen, die meiner Wesensart gemäß freilich wenig geräuschvoll waren und ihn vielleicht in seinen Erwartungen enttäuschten. Wenn ich Eines bedaure, so ist es, daß ich ihm meinen „Spinoza“ nicht mehr vorlegen konnte. Ich glaube, er hätte daran Freude gehabt. Allerlei. Die Sterblichkeit der Juden im Ghetto. Während heute in Westeuropa die Sterblichkeit der Juden überall geringer ist wie die der christlichen Bevölkerung, ist in früheren Jahrhunderten das Umgekehrte der Fall gewesen. Dies wird unter anderm von Dr. W. Hanauer, Frankfurt a. M., in seiner Arbeit über die „Geschichte der Sterblichkeit und der öffentlichen Gesundheitspflege in Frankfurt a. M.“ (Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 1908) für Frankfurt a. M. zahlenmäßig nachgewiesen. Während aber im 17. und 18. Jahrhundert die Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen größer war, wie die der christlichen, war die Kindersterblichkeit bei den Juden geringer wie bei den Christen. Das konnte daher rühren, daß die Kinderzahl bei den Juden eine kleinere war wie bei den Christen und daher der Nahrungsspielraum, der auf das. einzelne Kind entfiel, ein weit größerer. Die Ergebnisse der Eercch-