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Jüdische Zeitung · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 28 Sein Weg aber war dieser: die zio-, nistische Bewegung sollte in Bahnen gelenkt werden, in -denen sie von selbst vorwärts strebt .und. vom Wirken des. Ein-; zelindividuums unabhängig wird. Es sollte nur mehr der Stoßkraft des Volkswillens bedürfen, um das Ziel zu erreichen. Ihn durch Aufklärung zu entfesseln, durch Erziehung zu stärken und durch Kulturarbeit zu binden, sollte das Erbe der Gleichgesinnten werden. H e r z 1 hat dieses Ziel in der kurzen Spanne Zeit durch fieberhafte Arbeit erreicht. Am fünften Kongresse dürfte er sagen: „Wir sind mit unserer ersten Aufgabe fertig. Die Institutionen sind vielfach nur angedeutet und verbesserungsfähig, aber sie sind vorhanden. Das jüdische Volk kann sie ausbauen, verstärken und benützen, wenn es will. In allem haben wir uns bemüht, Unpersönliches einzurichten. Nur das hat Dauer. Kein einziger von uns ist heute mehr unentbehrlich. Wer immer von uns verschwindet oder aus der Reihe falle, die Sache geht weiter. Wie schnell oder wie langsam, das können wir nicht bestimmen. Von uns hängt es nicht ab. Wir konnten nur die Anlage hersteilen, die Kraft können wir nicht liefern. Die Kraft muß vom jüdischen Volk geliefert werden — wenn es will.“ Das ist Herzls große Tat. Niemand ist mehr imstande, die zionistische Bewegung auf das Niveau des Hindämmerns und der unfruchtbaren Gefühlsduselei der vorherzlichen Zeit zurückzuschlagen. Es gibt kein Zurück mehr und keinen Abweg. Gewiß hat auch H e r z 1 in seinem sonstigen Wirken und Wollen geirrt. Aber wenn Börne sagt, daß die Irrtümer der Großen wertvoller seien, wie die Wahrheiten der Kleinen, weil gerade ihr Irren den rechten Weg weise, so .gilt das doppelt von dem irrenden Genius der Ganzgroßen. In diesem Sinne haben wir aus dem Mißerfolg des herzlischen Chartergedankens die klare Erkenntnis gewonnen, daß die Juden Palästina erarbeiten und verdienen müssen, bevor sie es fordern können. * * # Sein Todestag ein Trauertag? Er starb wie ein Krieger, der seiner Schar die Todeswunde verheimlicht, sie vor.värtsweist auf die Höhe, die errungen werden muß, und gerne ungesehen im Gebüsch niedersinken möchte. Es war ein Sterben nach reichem Leben und vergehend sah er die Früchte seines Seins in der Sonne der Liebe reifen. ja. wir lieben ihn, denn er war der Wil'e des Volkes. Riesenhaft gewachsen, v/ar er, wenigstens gegen mich, immer sehr einfach, voll freundlicher Anerkennung für meine Art, die ihm, obwohl sie von allem Anfang an typisch nordisch war, sehr zuzusagen schien. Bei der ersten Unterredung forderte mich Doktor Herzl auf, etwas Größeres für die „Neue freie Presse“ zu schreiben, gelegentlich Essays einzusenden. In der Tat sendete ich 1900 einen Essay über Dante Gabriel Rossetti ein, dessen „Haus des Lebens“ zu übersetzen ich beauftragt worden war. Im selben Jahre im Herbst konnte ich auch meine erste größere Erzählung, den „Lehrer Johannes Johansen“, einschicken. Die Erledigung ließ lange auf sich warten, zumal ich nicht drängte, war aber dann um so freundlicher. Ein außerordentlich liebenswürdiger, geradezu liebevoller Brief Theodor Herzls, den ich noch aufbewahre, teilte mir, noch unter dem Eindruck der Lektüre meines Werkes, die Annahme mit und beschied mich für den nächsten Tag in die Redaktion. Bei diesem zweiten Besuche im Herbst 1£01 fand ich Theodor Herzl weniger als bloßen Schätzer meiner Art, denn als väterlichen Freund. Er gab mir den dringenden Rat, mich keiner Clique anzuschließen, dessen es im übrigen bei mir nicht bedurfte, und zeigte sich über meine Zukunft sicher. Was er vorhatte, als er mich über meinen bisherigen Lebensgang befragte, wußte ich nicht, aber er bemerkte, steht er unter uns, seitdem seine Gebeine begraben wurden, wundersam eindringlich spricht,er zu uns, seitdem, sein Mund verstummt; ist. Jahrzeit halten aber mögen die, für; welche Theodor Herzl nie gelebt hat. Dr. 0. A. Die Wahl in Böbrka. Bei der Reichsratsersatzwahl im Bezirke Böbrka-Zydaczow „siegte“ der polnischkonservative Kandidat. Der zionistische Kandidat „unterlag“. Es ist am Platze, sowohl den polnischen „Sieg“ als auch die zionistische „Niederlage“ näher zu untersuchen. Bevor wir das tun, sei folgendes vorausgeschickt: das Ziel der polnischen Politik in Galizien ist, Vergrößerung des nationalen Besitzstandes und Durchführung einer schrankenlosen Herrschaft im Lande. Das Ziel der zionistischen Politik ist lediglich die Selbständigkeit der Juden. Von diesem Standpunkte — dem einzigen den Tatsachen entsprechenden — betrachtet, bedeutet, jeder Fall in welchem Juden oder Ruthenen im Kampfe gegen Polen eine selbständige Haltung beobachten, für die Machtpolitik der Polen eine Niederlage und für die Selbständigkeitspolitik der Juden und Ruthenen einen Sieg. Je geringer die Anzahl der Juden ist, welche nationalunselbstständig Vorgehen, denken, fühlen, stimmen, desto besser steht es um die zionistische Politik. Bei dei letzten Wahl haben von den jüdischen Wählern des Bezirkes volle neunzig Prozent für den zionistischen Kandidaten gestimmt. Man kann daher dieses Wahlresultat nicht nur als sogenannten moralischen, sondern als tatsächlichen Erfolg bezeichnen. Ziel der zionistischen Politik ist die Aufklärung der Massen, Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, Befreiung der Juden aus der Macht der Moschkos und Schlachzizen. Dieses Ziel wurde im letzten Wahlkampfe nahezu vollständig erreicht. Das kann nicht genug hervorgehoben werden. Man bedenke, mit welchen Mächten die Zionisten zu kämpfen hatten! Bezirkshauptmann und Steueradministrator, Bürgermeister und Kultüsvorstand, Wucherrabbi und Moszko, der orthodoxe „Machsike-Hadas“ und die assimilatorische „Jednose“, und außerdem die Tausender aus dem Wahlfonds (lies Bestechungsfonds) der „Rada Narodowa“ — lauerten den jüdischen Wählern auf, schikanierten sie, 1 drohten ihnen, peinigten sie, suchten sie nun würden sich diei Verleger um mich bewerben. Als dann mein Werk erschien, hatte ihm Doktor Herzl ein überaus gütiges Geleit gegeben, wie es wohl von seiner Hand keiner anderen Schöpfung in dieser Weise zuteil geworden; wie ich später hörte — denn ich las und lese noch heute keine Zeitungen oder Zeitschriften — wurde dieses Geleitwort in der „Fackel“' glossiert. Es machte doch auch noch anderweitig einiges Aufsehen. Mehrere Verleger bemühten sich in der Tat um mein Werk und meine Werke, darunter der ehemalige Klassikerverlag Cotta, der noch immer, obwohl zur Aktien- . gesellschaft geworden, einen hohen Rang einnimmt. Ich hatte indessen schon seit meinem ersten Buche den „Ethnographischen Novellen“, die im gleichen Herbst 1901 herauskamen, einen Verleger gefunden, dem ich für meine übrigen Originalwerke verpflichtet worden war, wußte mir dort einen persönlichen Schätzer an der Spitze des Unternehmens und hatte ebenso günstige Bedingungen, wie sie mir Cotta unter Hinweis auf die Gleichstellung mit Wilbrandt und Sudermann bieten wollte. So hatte das schöne Eintreten Doktor Herzls für mich eigentlich keine praktischen Erfolge; mein Dank für diesen Beweis seiner Gesinnung gegen mich war und ist darum nicht geringer. Mein zweites, für die „Neue freie Presse“ bezu überreden und .zu bestechen und die armen, furchtsamen, geängstigten galizischen .Juden stimmten g.e,sch Lössen -f ür d en zionisti s c h en;Kandid aten! Wer könnte leugnen, daß dieses Resultat ein Sieg der zionistischen Idee, ein imponierendes Vertrauensvotum für die zionistische Partei bedeutet! Aber nicht nur das Resultat, sondern auch der ganze Verlauf des Wahlkampfes war ein Zeichen von der Kraft der zionistischen Organisation. Drei Mitglieder des „Jüdischen Klubs“, Gesinnungsgenossen aus dem ganzen Lande, zahlreiche Studenten arbeiteten unverdrossen Tag und Nacht. Die Begeisterung, welche unter den jüdischen Wählern herrschte, ist einfach nicht zu beschreiben. Stolz und zuversichtlich sahen sie dem Ausgang der Wahl entgegen. Die „geldgierigen“, armen galizischen Juden, für welche zehn Kronen ein Vermögen darstellen, stimmten trotz der Lockungen der Stimmenkäufer für den zionistischen Kandidaten! Wer die galizischen Verhältnisse vor zehn Jahren gekannt hat und Zeuge der letzten Wahl war, muß zugeben, daß die zionistische Partei einen großen Sieg errungen hat. Sie hat nicht nur Stimmen auf ihre Kandidaten zu vereinigen vermocht, sondern sie hat die seelische Struktur des galizischen Judentums verändert! Diese Veränderung der jüdisch-galizischen Psychologie machte sich auch ziffernmäßig geltend. Im Jahre 1907 erhielt der zionistische Kandidat in demselben Wahlbezirke ungefähr 1200 Stimmen, trotzdem sich damals kein selbständiger ruthenischer Kandidat um das Mandat bewarb. Genaue Kenner des Wahlbezirkes schätzten die Anzahl der damals abgegebenen jüdischen Stimmen auf höchstens 650. In der Ersatzwahl erhielt Dr.Zipper 1416 — bis auf geringe Ausnahmen, welche die Zahl 50 gewiß nicht überschreiten — jüdische Stimmen. So erhielt z. B. Dr. Malz im Jahre 1907 in Böbrka 7 Stimmen und Dr. Zipper 360 Stimmen. In Zydaczow erhielt Dr. Malz im Jahre 1907 53 Stimmen, Dr. Zipper diesmal 279 Stimmen 1 Wenn aber Biesadecki doch über 4000 Stimmen auf sich vereinigte und gewählt wurde, so kam dieses nur durch den in den rein ruthenischen Dörfern betriebenen Wahlschwindel und Stimmenkauf zustande! So stimmten z. B. das rein ruthenische Dorf Hanaczöwce geschlossen für Biesadecki! Mit rechten Dingen gings dort gewiß nicht zu. Die ruthenischen Stimmen wurden ganz einfach erschwindelt; diesem Umstande verdankt der Pole das Mandat. stimmtes Werk, die Erzählung „Angelika und Malwine“, konnte ich ihm noch überbringen, doch erlebte er sein Erscheinen nicht mehr. Seit der Lektüre meines „Lehrers Johansen“ wurden die Begegnungen mit Doktor Herzl häufiger, obwohl ich natürlich nur gerufen in seiner Redaktion erschien. So zeigte er mir einmal die Druckereiräumlichkeiten und machte dabei den fachkundigen Cicerone und ein anderes Mal, im Winter 1901/02 bestellte mich ein Großes verheißender Brief zu ihm. Doktor Herzl hatte Oskar Wildes „Bailad of Reading Goal“ (1898) geliehen erhalten, war von dem Gedicht enthusiasmiert und las es mir nun vor, damit ich es übersetze. Namentlich eine Strophe wiederholte er mehrmals: Yet each man kills the thing he loves, By each let this be heard, Some do it with a bitter Iook, Some with a flattering word, The coward does it with a kiss, The brave man with a sword. (Doch jeder mordet was er liebt, Sei jeder deß belehrt, Mit schmeichelndem Wort, mit bitterem Blick, Nach jedes Art und Wert; Der Feige mordet mit einem Kuß, Der Tapf’re mit einem Schwert.)

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