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Jüdische Zeitung · 1909-07-02 · 27 (2.7.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 das nicht von selbst, denn so wie die Sache jetzt steht, wird der jüdische Arbeiter der fremden Konkurrenz unterliegen und nur die wenigen, fast heroisch veranlagten jungen Juden könnten unter den schwierigen Verhältnissen ausharren. Da muß Remedur eintreten. Die zionistische Organisation, unterstützt von anderen jüdischen Organisationen (z. B. vom Odessaer Komitee) und von den Kolonien selbst, müßte vor allem die Wohnungsfrage lösen, indem sie in den betreffenden Kolonien billige Häuser baut, die sie dann an die Arbeiter verpachtet. Diese Häuser müssen in ganz bescheidenem Maße von Gartenland umgeben sein, damit der Arbeiter seinen Verdienst als Lohnarbeiter bei den Kolonisten durch die Gartenwirtschaft vergrößern kann. Außerdem müßte den Arbeitern jeder Kolonie die Möglichkeit geboten werden, einen Konsumverein zu gründen, damit sie ihre Lebensmittel billiger bekommen. Die ganze Sache muß nicht in bureaukratischem Geiste geleitet werden, sondern sich auf die aktive Mitwirkung der Arbeiter selbst stützen. Haus und Garten bleibt Eigentum der Organisation, denn der Arbeiter soll ja nicht ewig Arbeiter bleiben, sondern soll später mit Hilfe des Agrarfonds selbständiger Kolonist werden. Diese Einrichtung wird sich am leichtesten in den neu entstehenden Kolonien durchführen lassen, die meistens von unverheirateten jungen Leuten gebildet werden und die am Anfänge, wenn sie noch keine Arbeitskräfte in der eigenen Familie haben, auf die Hilfe von Lohnarbeitern angewiesen sind. Auch aus rein psychologischen Gründen läßt sich in den neu entstehenden Kolonien die jüdische Arbeit leichter durchführen. Diese Kolonisten sind meistens Pioniere, die nicht auf alle ideellen Motive verzichtet haben und die noch nicht in ausschließlich merkantilen Interessen aufgehen. Auch die Beziehungen zwischen den Kolonisten und Arbeitern sind gesünder, einfacher und demokratischer, denn der heutige Kolonist ist ja der Arbeiter von gestern. Und damit kann jede neue Kolonie zu einem Ausstrahlungspunkt für ein ganzes Kolonisationszentrum werden: sobald der Arbeiter die Landwirtschaft erlernt hat, wird er mit Hilfe des Agrarfonds als Kolonist etabliert. Praktisch betrachtet, wird sich die Sache so gestalten: um die Arbeit zu erlernen und sich an das landwirtschaftliche Leben zu gewöhnen, braucht man drei Jahre. Die schon fertige Kolonie wird also nicht jedes Jahr alle Arbeiter wechseln müssen, was in der Landwirtschaft schädlich ist, sondern jedes Jahr würde nur ein Drittel der Arbeiter durch frische Ankömmlinge ersetzt werden müssen, da nur diejenigen, die volle drei Jahre als Arbeiter in der Kolonie zugebracht haben, auf die Hilfe seitens des Agrarfonds rechnen können. Anderseits ist es sehr wichtig, daß die Kolonie progressiv wächst, denn je größer die Kolonie wird, desto leichter werden für jeden Kolonisten die Gemeindeausgaben, desto eher kann sie die kulturellen Aufgaben erfüllen, wodurch andreiseits das Leben in der Kolonie billiger und bequemer wird. Das System der mikroskopischen kleinen Kolonien ist absolut verwerflich. Also: in einigen, schon jetzt existierenden landwirtschaftlichen Kolonien müssen Einrichtungen eingeführt werden, die das Leben des jüdischen Arbeiters ermöglichen, erleichtern und menschenwürdiger gestalten. Besonders-aber muß das in den neu anzulegenden Kolonien von Anfang an geschehen. Dann wird der Arbeiter während der ersten drei Jahre auch kleine Ersparungen machen, um die Mittel fürs Leben während des ersten Jahres der Selbständigkeit zu besitzen. Dann wird eine andere sehr große Aufgabe gelöst werden: die Verbreitung von landwirtschaftlichen Arbeiterinnen, ohne die überhaupt die Bildung einer jüdischen Bauernklasse in Palästina ein Ding der Unmöglichkeit ist. Selbstverständlich können wir da in Details nicht eingehen: wir wollen hier nur die großen Linien vorzeichnen. Eines können wir aber sagen: unsre Meinung gründet sich auf genaues Studium der Verhältnisse. Nun gibt es noch ein zweites Mittel, erfahrene Landwirte aus den Juden zu machen: die Einrichtung einer Lehrfarm oder einer Musterkolonie. Dieses Mittel ist ein sehr gutes, aber auch ein sehr teures. Die Berechnungen, die uns seinerzeit von der Leitung der Land- Development - Company gegeben wurden, sind nicht der Wirklichkeit entsprechend. Weder 10% noch 5% kann eine Lehrfarm abwerfeu. Nicht bloß in Palästina, sondern, wo es auch sein mag, ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Lehrfarm arbeitet mit Defizit oder im besten Falle ohne Verlust. Von einem Gewinne kann der Natur der Sache nach gar keine Rede sein. Und um eine Wirkung auszuüben, müßte man viele, jedenfalls mehrere Lehrfarmdn besitzen. Wollen wir damit sagen, daß eine Lehrfarm überhaupt überflüssig ist? Keineswegs! Wenigstens eine müssen wir besitzen, respektive die von der Land-Development Company schon begründete muß weiter entwickelt werden, denn so eine Lehrfarm muß eine Musterwirtschaft führen, was sehr wohltätig auf die ganze Kolonistenwirtschaft zurückwirken muß. Besonders aber wenn diese Lehrfarm mit einer landwirtschaftlichen Versuchsstation verknüpft ist. Außerdem wird diese Lehrfarm tatsächlich jedes Jahr Musterarbeiter entlassen können, um sie mit Hilfe des Agrarfonds zu Musterkolonisten zu machen. Aber die Land-Development-Coinpany in ihrer jetzigen Gestalt kann den Agrarfonds nicht ersetzen, sondern ist eine der notwendigen Voraussetzungen'für das Gedeihen des Agrarfonds. Deshalb muß die L.-D.-C. konsolidiert werden, damit sie ruhig arbeiten kann. Dazu ist notwendig, daß die Zionisten die Aktien dieser Institution ankaufen, denn Nichtzionisten werden diese Aktien nicht kaufen, weil sie — wenigstens vorläufig — keine Dividenden tragen. Uebrigens handelt es sich nicht um eine große Summe: mit einer halben Million Franken kann die L.-D.-C. ruhig arbeiten, wenn sie nur systematisch vorgeht und ihre Arbeit den Mitteln anpaßt. Auf diese Weise, die Regelung der Arbeiterfrage mit der Schaffung eines Agrarfonds, kombinierend, kann ein wirklicher Arbeitsplan geschaffen werden, der neues Leben in unsere Reihen selbst und in weitere Kreise des Judentums bringen wird. Und wenn man uns vorwirft, wir begnügen uns mit Wenigem, so haben wir eine Antwort: Sollen es die anderen besser machen! Wenn sie die Kolonisation beginnen werden, dann werden sie mit sich reden lassen. Aber nur anf diese Weise kann und muß aus Kleinkolonisation Großkolonisation werden. Um so mehr, als mit dem Vorhingesagten die nächsten Aufgaben des Zionismus noch lange nicht erschöpft sind. Darüber ein anderesmal, aber hier beschränken wir uns auf die Aufgaben auf dem Gebiete der Kolonisation, die wir jedenfalls für die allerwichtigste halfen. Es erübrigt uns noch, die Frage über die materiellen Mittel zu beantworten. Was den Agrarfonds anbetrifft, so muß eine energische Aktion eingeleitet werden, und zwar sofort, um eine bestimmte Summe — sagen wir von zwei bis drei Millionen Franken — zu sammeln. Sogar der bedächtige und sehr vorsichtige Herr Tschlenoff hält das für möglich. Das russische Judentum allein würde den größten Teil dieser Summe aufbringen. Und unsere reichen Zionisten müßten da recht kräftig mithelfen, wenn für sie Zionismus kein leeres Paradewort ist. Wir halten es ebenfalls für zulässig, daß der Nationalfonds eine Million Franken leihweise, und zwar verzinsbar, dem Agrarfonds zur Verfügung stellt. Haben wir drei Millionen Franken, kann die Arbeit beginnen. Wir glauben nämlich, daß, wenn der Nationalfonds wirklich kolonisatorische Arbeit leistet, so wird er viel schneller wachsen als jetzt: dann wird er zu einer wirklichen Volksinstitution werden. Nur durch die schaffende Arbeit wird Kapital befruchtet, Um so mehr als wir wirklich nicht vom Verschenken, sondern nur vom Ausleihen des Geldes seitens des Nationalfonds sprechen, und zwar unter Garantie von realen Wertobjekten, die den Kolonisten zur Verfügung gestellt worden sind (Boden, Häuser usw.). Was nun die Mittel anbetrifft, um die Arbeiter einzurichten, so handelt es sich erstens um eine verhältnismäßig geringe Aufgabe, die nicht auf einmal gemacht werden muß. Wie gesagt, müßten wir in den landwirtschaftlichen Kolonien oder in den neu anzulegenden Kolonien Arbeiterhäuser und wenn möglich neben jedem Arbeiterhaus etwas Land ankaufen für einen Gemüsegarten. Vorläufig und für mehrere Jahre handelt es sich um eine jährliche Ausgabe von 50.000 Franken. Da die Häuser, sowie das Gartenland an die Arbeiter nur verpachtet werden sollen, während das Eigentumsrecht der Organisation für immer verbleiben soll, so soll diese Ausgabe von den Zinsen des Nationalfonds gedeckt werden, respektive von den Zinsen der dem Agrarfonds geliehenen Million aus dem Nationalfonds. Auch da könnte man ganz sicher auf die Mitwirkung der Odessaer Palästinagesellschaft, sowie auch anderer jüdischen Organisationen rechnen. In den schon bestehenden Kolonien würden auch die Kolonisten selber einige Unterstützung nicht versagen. Selbstverständlich müßte man die Administrationsausgaben des Nationalfonds beträchtlich vermindern, denn leider haben wir schon zu große Administrationskosten, von denen einige frühzeitig sind, weil sie keinem reellen Bedürfnisse entsprechen. Manche schlagen vor, einen Arbeiterfonds zu gründen. Nur keine neuen Fonds! Wir haben schon 333 Fonds und dadurch schaden wir der Sache. Das ist Spielerei. Nur noch ein Wort: wenn wir einen klaren Arbeitsplan haben, wenn wir wirklich etwas leisten werden, so werden auch unsere Mittel wachsen. Lebendige Arbeit steckt an und erweckt die Energie. Es ist ein grundfalscher Fehler, wenn die Leitung sagt: gebt uns Geld und wir werden arbeiten. Das Gegenteil ist richtig: beginnen wir die Arbeit mit den Mitteln, die wir jetzt haben, dann werden die Mittel wachsen, dann werden wir mehr Schkolim bekommen, dann wird der Nationalfonds mehr Spenden bekommen, dann werden sich auch eher die Mittel finden, um den Arbeitern zu Hilfe zu kommen. Genf, Juni 1909. Ein Türke über den Zionismus. Unter diesem Titel veröffentlichte der Konstantinopeler „Courrier d’Orient“ am 14. und 13. Juni einen Artikel, dessen Verfasser, der Sohn eines ottomanischen Ministers, sich unter dem Pseudonym Nedjmy verbirgt. Nachdem der Verfasser auseinandergesetzt, daß die Türkei ein großes Interesse daran habe, die Immigration in das Land zu begünstigen, fährt er folgendermaßen fort: „Es existiert ein in der ganzen Welt zerstreutes Volk von ungefähr 10 Millionen Seelen, welches seine Nationalität bewahrt GEDENKET DES HERZLWALDES!

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