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Jüdische Zeitung · 1909-07-02 · 27 (2.7.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 27 Landtagsabgeordneter Dr. Fruchtmann gestorben. Vorige Woche ist in Stryj hochbetagt der jüdische Abgeordnete des galizischen Landtages Dr. Filip Fruchtmann gestorben. Er war einer der ältesten israelitisch-polnischen Wortführer in Galizien. Der Verstorbene war im Gegensätze zu seinen Parteigenossen persönlich höchst ehrenhaft jund bewahr im politischen Kampfe eine gewisse Konzil ianz. Durch mehr als 20 Jahre vertrat er die Stadt Stryj im Landtage und war außer Dr. Löwenstein und Dr. Landau aus Krakau der einzige jüdische städtische Vertreter im galizischen Landtage. Die anderen jüdischen Abgeordneten — drei an der Zahl — wurden von den Handelskammern entsendet. Der Tod des Abg. Fruchtmann gibt den Polen willkommene Gelegenheit, den ohnehin geringen jüdischen Besitzstand zu schmälern. Der galizische Landsmannminister Dr. D u 1 e m b a soll nämlich das erledigte Mandat erhalten. Und die galizischen Moschkos lassen sich das widerspruchslos gefallen. * « * Die Reichsratsersatzwahl in Bobrka- Rohatyn. Lemberg, 30. Juni. (Tel. d. „J. Z.“) Bei der Reichsratsersatzwahl im Wahlbezirke Bobrka-Rohatyn wurde der polnische Kandidat Biesadecki mit 4105 Stimmen gewählt. Der zionistische Kandidat Gg. Dr. Gereon Zipper blieb mit 1416 Stimmen in der Minorität Der ukrainische Kandidat Dr. Lewicki erhielt 895 Stimmen. Abgegeben wurden im ganzen 6577 Stimmen. Aus dem jüdischen Leben. Von der Grazer Universität. Wir erhalten von der jüd.-akad. Verbindung „Charitas“ folgende Zuschrift: Graz. Der Rektor der Grazer Universität verfügte vorigen Freitag die Einziehung sämtlicher im Vestibüle der Universität angebrachten Ankündigungstafeln der Korps, Burschenschaften und Vereine mit Ausnahme der Tafeln der fachwissenschaftlichen Korporationen. Diese Maßregel erfolgte wegen einer von unbekannter Hand verübten Beschädigung der Ankündigungstafel der jüd.-akad. Verbindung „Charitas“ und war schon im Dezember vorigen Jahres für den Fall der Beschädigung irgend einer Tafel in einer Kundmachung des Rektorats angedroht worden. Am Montag, den 21. d. M. erschienen die Chargierten der „Charitas“ beim Rektor Hofrat Prof. Dr. Hildebrand und ersuchten um eine strenge Untersuchung dieses Bubenstreiches. Ferner baten sie den Rektor, er möge ihnen das Recht auf die Ankündigungstafel für das nächste Semester sichern. Hofrat Hildebrand erklärte, daß er mit Rücksicht darauf, daß er am Ende stehe, keine Entscheidung treffen könne, da diese dem neuen Rektor zustehe. Die „Chariten“ haben beschlossen, kein Mittel unversucht zu lassen, um ihre Tafel wieder zu erlangen und werden sich nötigenfalls an die jüdischen Abgeordneten wenden. * * * Ein jüdisches Gymnasium in Budapest. Budapest. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde ist bereits an die Realisierung des durch Reskript des Unterrichtsministere Grafen Apponyi konzessionierten jüdischen Gymnasiums geschritten. Die Eröffnung des Gymnasiums findet wahrscheinlich im Herbst 1910 statt * *' * Ein Arier über getaufte Juden. Berlin. Herr von Gerlach, der politische Parteigenosse des verstorbenen Dr. Theodor Barth, schreibt in der „W. a. M.“ über die getauften Juden: „Wenn sich heutzutage ein Jude taufen läßt, wird man ihm meist mit Recht höchst praktische Motive unterschieben. Es ist wenig glaubhaft, daß in unserer unfrommen Zeit plötzlich ein Großkaufmann jüdischen Stammes von heißer Liebe zum Gekreuzigten erfüllt wird. Viel wahrscheinlicher ist es, daß er mit dem Uebertritt aus dem mosaischen Bekenntnis zu einer christlichen Konfession den Ausweg aus einer eng umgrenzten, genierenden Gemeinschsaft sucht Aber wenn ein Mann sich taufen läßt, um alleruntertänigst in den Bezirk der fürstlichen Gnadensonne zu kriechen, das ist schäbig. In der Natur der Sache liegt es, dreist zu sein. Innere Unsicherheit geht Hand in Hand mit Zudringlichkeit. Es ist vorgekommen, daß ein Mann, der gestern noch — sagen wir: — Naphthali hieß: heute als Träger eines kerndeutschen Namens — sagen wir — Guntherauf wachte. Und während dieses Aufwachens versinkt seine Naphthalische Existenz hinter ihm wie ein Traum. Er will nichts mehr von sich wissen. Er verkehrt nur noch mit Christen, vorausgesetzt, daß sie betitelt und berühmt sind, er drängt sie dazu, sich bei ihm abfüttern zu lassen, und der Gipfel seiner Glückseligkeit ist es ihm, einen leibhaftigen Prinzen bei sich zu empfangen.“ . * * * Jüdische Einwanderung in New-York. Berlin. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle.) Im Monat Mai sind in New-York 2239 jüdische Einwanderer gelandet. Von ihnen stammten aus Rußland 1738, Oesterreich 305, Ungarn 90, Rumänien 50, England 26, Deutschland 6, der Türkei 23. 1601 verblieben in New-York selbst, während 638 sich nach anderen Orten der Vereinigten Staaten begaben. * * * Ein zionistischer Demonstrationszug im New-Yorker Ghetto. New York. Ein eigenartiger Zug durchzog in der vorigen Woche die Straßen des New Yorker East-End. Es war ein Demonstrationszug von besonderer Art, wie ihn das Ghetto bisher nicht gesehen hatte. Ueber tausend Zionisten, darunter eine große Anzahl Jugendlicher hatten sich zusammengeschart, um in friedlichem Zuge und in musterhafter Ordnung für ihr Ideal Zeugnis zu geben. Solche Züge sind an und für sich im Ghetto von New York nichts Ungewöhnliches — man erinnert sich der gewaltigen Demonstration anläßlich der russischen Judenmassakres, und auch in innerjüdischen Angelegenheiten bediente man sich häufig dieses Kampfmittels — aber es ist das erste Mal, daß sich eine solche Masse zusammenfand, nicht um gegen fremde Willkür zu protestieren, sondern um für ein Ideal zu zeugen, das dem materiellen Eigeninteresse des Einzelnen so wenig zu bieten hat. Anlaß zu der Kundgebung war die Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten, zu der eine große Anzahl Delegierte aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt waren. Der Zug fand in einem zionistischen Massenmeeting, das unter freiem Himmel abgehalten wurde, seinen Abschluß. « * * Protest gegen den Zarenbesuch. London. Der für die erste Hälfte des August geplante Besuch des russischen Kaisers in Cowes begegnet in der hiesigen Bevölkerung recht wenig freundlichen Gefühlen. Der freiheitlich empfindende Engländer erblickt im Zaren den Repräsentanten eines barbarischem Systems der Gewalt und Unterdrückung der Minoritäten und lehnt es mit Entschiedenheit ab, diesem Despoten Gastfreundschaft zu erweisen. Diese Stimmung fand jüngst in einer Sitzung des Unterhauses erregten Ausdruck in einigen eindeutigen Anfragen an den Premierminister. Insbesondere ist es auch sein Verhältnis zu den „echten Russen“, das dem Zaren verübelt wird und auch die Presse zu zahlreichen Protesten veranlaßt hat. So schreibt u. a. „Daily News“: „Es gibt nur einen Kommentar zu der Ankündigung des Besuches des Zaren in England. Man muß die einfache historische Tatsache wiederholen, daß, während der Periode, in der die „Schwarzen Hundert“ das Blutbad unter den Juden öffentlich organisierten, zur Zeit wo ein Protestmeeting in London abgehalten wurde, bei dem Lord Milner sprach und zu dem Mr. Chamberlain einen Brief sandte, der Zar die Anführer der Mord-Liga in Audienz empfing und öffentlich zu dem Fonds beisteuerte, mit dessen Hilfe sie aufreizende Artikel druckten, um den Mob zu ködern, der die Blutarbeit verrichten sollte.“ * * * Muselmanische Gerichtsbarkeit in Tunis. Tunis. Eine Skandal-Affäre erregt hier die Gemüter und dürfte weit über die Grenzen von Sousse, dem kleinen Städtchen, wo sie sich abspielt, hinaus, berechtigtes Aufsehen verursachen. — Ein jüdischer Goldwarenhändler ist unter Beschuldigung eines Vergewaltigungsversuches an einem muselmanischen Mädchen vor das muselmanische Gericht zitiert worden. Man kann dem Angeklagten zwar durchaus die Tat nicht nachweisen, da die Beschuldigung nur auf der Aussage des jungen Mädchens fußt, das sich in den Laden des Goldwarenhändlers, Herrn Berrebi, begab, um ein Schmuckstück fassen zu lassen, aber der Haß der muhammedanischen Bevölkerung gegen die Juden ist so groß, daß sie den Angeklagten zu den härtesten Strafen verurteilt sehen möchte. Eine schreiende Ungerechtigkeit liegt darin, daß ein Jude vor ein muselmanisches und nicht vor ein französisches Gericht gestellt worden ist — in einem Lande, das unter französischer Schutzherrschaft steht. Natürlich wird der Haß der Eingeborenen jeden klaren Urteilsspruch der Richter trüben, die ja selbst der feindlichen Partei zugehören. Sie haben es der-Partei des Angeklagten bereits sehr verdacht, daß sie in der französischen Presse erst Lärm geschlagen hat! — Und diese Affäre dürfte auch sogar für die französische Bevölkerung von weittragenden Folgen sein: Die Mohammedaner boykotr tieren alle europäischen Geschäfte und verbieten öffentlich den muselmanischen Frauen, daselbst ihre Einkäufe zu machen. So leiden also sämtliche jüdischen und französischen Geschäfte unter dieser unerwiesenen Tat des Angeklagten, der selbst unter der schwersten Anklage steht — weil der Haß der Bevölkerung ein willkommenes Objekt in ihm sieht, sich wieder einmal zu entladen. — Der Urteilsspruch steht noch aus. — Wann wird die französische Regierung tatkräftig eingreifen? * * * Rumänische Judenausweisungen. Jassy. Sämtliche jüdische Weingartenpächter aus den Jassy benachbarten Gemeinden wurden aufgefordert, sofort die Gegenden zu verlassen, obwohl sie schon mit 30 und mehr Jahren dort ansässig sind. Diese Aufforderung wird dadurch begründet, daß den Juden der Aufenthalt in den Dorfgemeinden verboten ist. Es herrscht große Panik unter der jüdischen Bevölkerung, die nun ihr ganzes Hab und Gut in Gefahr sieht. Die Juden haben sich an die oberen Behörden telegraphisch gewandt, es wurde ihnen aber geantwortet, daß dies eine Angelegenheit der Dorfgemeinden sei. ' * * * Eine neue jüdische Zeitung in Konstantinopel. Konstantinopel. Am Freitag, den 25. Juni d.J. ist die erste Nummer einer neuen in französischer Sprache geschriebenen jüdischen Zeitung unter dem Titel. „L’Aurore“ erschienen. Der Herausgeber der „Aurore“ ist Herr Lucien Scinto. Das Programm der Zeitung ist jüdischnational. Aus der ersten Nummer ersieht man, daß die Redaktion dem Zionismus großes Interesse entgegenbringt und sich bemüht, unter den Juden der Türkei für die zionistische Idee zu wirken. Die nächsten Aufgaben. ii. (Von Dr. D. Pasmanik) „Wie verwandelt man den Ghettojuden in einen erfahrenen palästinensischen Landwirt?“ Von der Lösung dieser Frage hängt der Erfolg des Zionismus ab, denn die Wiedergeburt unseres Volkes ohne eine gesunde breite Bauernschichte — die Kraftquelle aller Völker — ist absolut unmöglich. Ohne uns in weitläufige Theorien einzulassen, wollen wir die Sache rein praktisch behandeln. Unter den gegebenen Umständen haben wir zwei Mittel, den Juden an die Landwirtschaft zu gewöhnen: durch eine Lehrfarm oder aber durch die Arbeit in den schon vorhandenen Kolonien. Das erste Mittel ist kostspielig, das zweite ist nicht billiger, aber verlangt eine gewisse Organisation. Beginnen wir mit dem zweiten Mittel. Es gibt schon jetzt eine ganze Reihe von jüdischen Kolonien, in denen der arbeitswillige Jude die Landwirtschaft erlernen kann, wenn er dort 2—3 Jahre als Arbeiter verbleibt. Wirmeinen die Getreide bauenden Kolonien und nicht die Kolonien, die Plantationswirtschaft treiben. Nun geht

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