Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 K. H.Wolf, dem Führer der Deutschradikalen und dem „fortschrittlichen“ Parteiführer Abgeordneten Dr. G r o ß. Nein, das — antisemitische Lager muß größer werden, darin besteht der Ehrgeiz des Abgeordneten Hofrat Kuranda und des Abgeordneten Dr. Stransky, der als „fortschrittlicher“ tschechischer Parlamentarier gleichwie der „freiheitliche“ „deutsche“ Herr Hofrat Kuranda immer mehr für den Antisemitismus im tschechischen Lager Proselyten macht. In einer Polemik gegen seinen deutsch-nationalen Antipoden und Namensbruder Stransky, sowie gegen die Christlichsozialen suchte Dr. Stransky den Nachweis zu bringen, das deren Antisemitismus nicht echt sei, daß sie mehr mit Juden verkehren als er, der ein besserer Christ sei, als die Christlichsozialen etc. Wahrlich jener tschechisch -christlichsoziale Zwischenrufer hätte nicht so unrecht, der da meinte, daß die beiden Srtansky einander wert seien; diese beiden Typen des deutschen und tschechischen „Freisinnes“, die Bahnbrecher des Antisemitismus und der Reaktion sind. Herr v. Stransky und die Deutsch radikalen arbeiten genau so .für die deutschen Christlichsozialen, wie Herr Dr. Stransky und die tschechisch radikal e n für die tschechischen. Katholischnationalen. Der Ausfall der letzten Prager Reichsratswahl, wo der jungtschechische Kandidat unterlag und der radikal-tschechische Nationalsoziale mit Hilte der klerikalen Stimmen siegte, zeigt dies neuerlich. Bei Deutschen, Slaven und' Magyaren vollzieht sich überall im gesamten Reiche der Zusammenbruch d er Sche in 1 ib era 1 en und Extrem-Nationalen und der Vormarsch der christlichsozialen Armee. Nach dem Niedergange der deutsch-freiheitlichen Gruppen und ihrer Unterordnung unter die christlichsoziale Führung kann man deutlich jetzt den Zersetzungsprozeß auch im Polenklub und in der slavischen Union beobachten, wo ebenfalls die reaktionären Elemente Oberwasser haben. Keine einzige Partei des österreichischen Abgeordnetenhauses ruht somit auf festem Fundamente, in allen Klubs der Volksvertretung schreitet langsam aber sicher die Zersetzung vorwärts, die — gleichzeitig auch die magyarische Koalition ergriffen hat. Also Parlamentsdämmerung in Zisuud Transleithanien! Die unnatürliche dualistische Verfassung, die unnatürliche Parteigruppierung, sowie die Verlogenheit der meisten Parteiführer, haben sie herbeigeführt. So lange diese Ursachen nicht verschwinden, so lange wird auch ihre Wirkung — die Parlamentsdämmerung — fortdauem. Jüdisch-türkische Denunziation. Die in der vorigen Nummer an leitender Stelle besprochenen antizionistischen Kundgebungen in der Winter leiden die Unbemittelten unter ihnen — und das ist die bei weitem überwiegende Mehrheit — in schrecklicher Weise durch den Mangel an Heizmaterial. Hunderttausende von armen Juden müssen beim größten Frost in kalten Räumen wohnen. Die Wohltätigkeit kann diesem Elend auch nicht annähernd Abhilfe leisten. Nun ist die strenge Winterkälte vorüber und da kommen die „Frühlingsmotive“ — in Gestalt eines vom Minister des Innern an sämtliche Lokaladministrationen gerichteten Zirkulars mit dem gegen die Juden gerichteten Verbot, sich im Sommer auf dem Lande zur Erholung aufzuhalten. Dieses Verbot ist charakteristisch für den Geist der russischen Judenpolitik. Die russische Regierung pflegt gewöhnlich zu behaupten, sie sei zu den beschränkenden Maßnahmen gegen die Juden gezwungen „aus Rücksicht auf die nationalrussische Bevölkerung, deren ökonomische Schwäche eine Konkurrenz gegen die Juden unmöglich mache und dessen materiellen Interessen die Beschränkungen der jüdischen Rechte erforderten. Nun hat aber gerade das obige Verbot wie kein anderes die Entrüstung und den Unwillen der christlichen Interessenten hervorgerufen“. Die russischen Landbewohner protestieren überall gegen die erwähnte Maßnahme, da sie von dem Sommeraufenthalt der Juden in ihren Orten große materielle Vorteile hatten und auf die daraus erzielten Einnahmen großenteils angewiesen sind. Das diesbezügliche Verbot ist somit gegen das offenkundige Interesse der Russen selbst. Und das kennzeichnet die Judenpolitik der russischen Regierung als eine Politik des Hasses um des Hasses willen als ein System Türkei erscheinen zufolge der dieswöchentlichen Berichte in der Presse in einem wesentlich anderem Lichte. Die Ursache der leidenschaftlichen Diskussion der zionistischen Frage in der türkischen Oeffentlichkcit liegt wohl in der unverantwortlichen Politik des Mr. Zangwill,dessen mesopotamisches Projekt viel Staub aufgewirbelt und die maßgebenden Kreise beunruhigt hat. In dieser nervösen Stimmung wirkte der offene Brief eines assimilierten, im Geiste der Alliance erzogenen Juden aus Kairo in dem in Konstantinopel erscheinenden „Stambul“ wie ein Funke im Pulverfaß. Der Briefschreiber, ein gewisser J. Cohen, forderte die „Glaubensgenossen“ zum Kampfe gegen den Zionismus auf. „Ein Zionist sein, heißteinschlechterPatriot sein“, resümierte er im Briefe, „darum nieder mit dem Zionismus!“ Der Brief rief Sensation hervor. Die ottomanische Presse, welche sich früher mit der Frage nicht intensiv beschäftigt hatte, spaltete sich in zwei Lager, das eine für, das andere gegen den Zionismus. Erst als durch viele einflußreiche und glaubwürdige Personen, welche dem Zionismus näher kamen, die Erklärung abgegeben wurde, daß die zionistische Bewegung der ottomanischen Regierung nicht feindlich gegenüberstehe und bloß die Ansiedlung von Juden bezwecke, nahmen die Blätter keinen Anstand, dem Zionismus sympatische Ausführungen zu widmen. Mit Recht hebt aber der Korrespondent des „Jewish Chronicle“ hervor, daß die ottomanische Oeffentlichkeit über den Zionismus nicht genügend aufgeklärt sei und daß es Pflicht der zionistischen Partei- 1 eitung wäre, durch Broschüren die mohamedanische Bevölkerung mit den Tendenzen des Zionismus bekanntzumachen. Das Interessante an der ganzen Af faire ist die schmähliche Rolle, welche der Alliance-Zögling, der assimilierte Hyperpatriot J. Cohen spielt. Das Judentum hat wohl viele Feinde, die ärgsten aber sind die eigenen verderbten Stammverwandten. Unter ihnen nehmen die assimilierten „Iraeliten“ den ersten Rang ein. Aus welchem Lande sie auch stammen, ihr Gedankengang und die Art ihrer Argumentation bleiben gleich. So schließt Cohen einen zweiten Brief, den er in' Angelegenheit des Zionismus veröffentlichte mit den Worten: „Der Nationalität nach bin ich ein Ottomane, und der Konfession nach ein Israelit.“ Das liest sich wie das Bekenntnis eines deutschbürgerlichen Kandidaten in der Leopoldstadt. Uebrigens war man auf diese Stimmuug unter den ottomanischen Juden gefaßt und trat den Regungen der Assimilation beizeiten entgegen. Individua wie Cohen sind unter den türkischen Juden nicht allzu häufig. Die Mehrzahl denkt und fühlt jüdisch-national. Die Mißstimmung gegen den Zionismus, die sich während kurzer Zeit geregt hat, ist vorübergehender Natur. Durch kluge Taktik der Parteileitung und durch intensive Aufklärungsarbeit muß es gelingen, die Unterstützung der leitenden Kreise der neuen Türkei, unter welchen unsere Sache viele derEntrechtungum derEntrechtung willen — ohne jeden materiellen oder moralischen Sinn. Es ist eine barbarische Bedrückung als Selbstzweck. — Uebrigens kann man hier — wie bei allen Handlungen der jetzigen Machthaber im Zarenreiche — von einem „System“ nicht gut reden. Widerspruch und Sinnlosigkeit treten auch dabei zutage. Für Kaukasien ist den Juden der Sommeraufenthalt in den dortigen Mineralbadeorten nach langen Bemühungen allerhöchst gestattet worden. Der Kiewer Generalgouverneur Trepow wurde vom Premierminister Stolypin telegraphisch davon verständigt, daß seine Bitte, den Juden den Aufenthalt in den Sommerwohnorten des Kiewer Rayons zu gestatten, „einstweilen“ genehmigt ist. Dagegen wird das Verbot in allen anderen Bezirken aufrecht erhalten. InDwinsk wurde das Verbotszirkular sämtlichen Juden vorgelegt, die durch ihre Unterschrift bescheinigen mußten, dieses Zirkular gelesen zu haben. Ueber das Sommeraufenthaltsverbot herrscht große Bestürzung unter den Juden in allen Orten, da viele von ihnen bereits auf das Land übergesiedelt sind oder dort schon Wohnungen gemietet haben und der Landaufenthalt für die meist körperlich schwachen Juden von eminenter Wichtigkeit in gesundheitlicher Beziehung ist. Die gesamte jüdische Bevölkenmg fühlt sich dabei einmütig in ihrem Schmerz. Die „Privilegierten“ unter ihnen — die Diplomierten und die Kaufleute erster Gilde — haben in vielen Städten beschlossen, von ihren „Vorrechten“ keinen Gebrauch zu machen und auf den Landaufenthalt zu verzichten, wenn das gegen ihre ärmeren Brüder gerichtete Verbot nicht aufgehoben wird. Förderer und Fürsprecher besitzt, für unsere Pläne zu gewinnen. _ Brief aus Galizien. Berek Josselewicz. Hündische Unterwürfigkeit und nationaler Harikiriwahnsinn sind in Galizien nunmehr nur noch bei den Moschkos zu finden. Als Heloten niedrigster Art benützen sie jede Gelegenheit, um sich als vollendete Mauschel zu geberden. Fieberhaft suchten sie nach einem Symbol für ihre assimilatorische Handlungsweise. Und in ihrem Servilismus mißbrauchten sie den Namen eines jüdischen Obersten, des Berekjosselewicz, der sich während der Revolutionskriege ausgezeichnet hat. Berek Josselewicz kämpfte damals für die Sache der Freiheit, ohne sein Judentum aufzugeben. Er kämpfte, um die Juden aus der Schmach der Feigheit zu befreien und für sie die Gleichberechtigung zu erobern. Er dachte, gleich vielen anderen jüdischen Soldaten, die in die polnischen Legionen eintraten und sich Napoleon anscblossen, nie daran, seinem Judentume zu entsagen. Nichtsdestoweniger wird er jetzt von den Moschkos als Vorkämpfer der „Assimilation“ bezeichnet. Anläßlich der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages wurde ihm ein Denkmal errichtet, eine große Parade wurde veranstaltet und die Assimilanten Löwenstein, Aschkenaze etc. hielten unverfälschte Mauschelreden. Unser Bruderorgan, der „ W sch öd“, schreibt aus diesem Anlasse folgende treffende Bemerkungen: „Unter den damaligen (das heißt im Jahre 1800) Polen und Juden dachte niemand daran, daß der gemeinsame Kampf um die Freiheit, den Anfang des nationalen Todes der Juden bedeute. Es mußten erst die große Revolution, die Napoleonischen Kriege und die konstitutionellen Kämpfe kommen, damit aus diesem Ozean von Heldenblut das heutige Geschlecht großmäuliger Schmeichler und Kläffer entstehe, welches sich bemüht, die Feigheit und das Maklertum zur Bedeutung eines Systemes sozialer Ethik zu erheben.“ Sich an die Assimilanten wendend, fährt der „Wschöd“ fort: „Wenn es Euch doch gelingen würde, einige Stellen für Juden im „vaterländischen“ Lemberger Magistrate, in unseren „vaterländischen“ k. k. Bezirkshauptmannschaften, im „vaterländischen“ Landesausschusse, in den „vaterländischen“ Gerichten und in der „vaterländischen“ Armee zu erlangen; wenn es Euch doch gelingen würde, nach dieser großen Parade von unseren verwandten Mächtigen einige Groschen für die Hunterttausende armer jüdischer Hanwerker und Arbeiter, Stipendien für die studierende jüdische Jugend, Subventionen für jüdische Institutionen und jüdische Spitäler zu bekommen; wenn es Euch gelingen würde, durch den von Löwenstein verfaßten und bei der Feier zum Vortrag gebrachten Vers („Unserer Träume Gipfel ist, daß mit dem polnischen Volke der polnische Jude einig sei.“) einem einzigen brüderlichen Juden-Polen von der Notwendigkeit der Emigration nach Amerika zu entbinden; wenn es Euch gelingen könnte, wenigstens ein einziges jener berühmten und berüchtigten Urteile, welche unsere Gerichte erlassen, sobald es sich um einen Juden handelt, auf zuheben und die antisemitische Grimasse des polnischnationalen Demokraten in eine brüderliche und freundschaftliche Geste zu verwandeln — dann würden wir glauben, daß das von Berek Josselewicz und den jüdischen Regimentern vergossene Blut Euch etwas genützt hat und daß Eure „Idee“ etwas wert ist. So lange das nicht eintritt, möget ihr prophezeien und paradieren. Wir werden u nseren Weg gehen.“ Daß das Urteil des „Wschöd“ berechtigt ist, möge folgende interessante Gegenüberstellung zweier in derselben Nummer des „Slowo polskie“ sich befindlichen Stellen beweisen. Im Leitartikel auf Seite 1 wird höhnisch bemerkt: . . . „unter anderen auch der „Dziennik polkie“, bekanntlich Eigentum .reinrassiger Slaven1“ . . . (der „Dziennik polskie“ ist Eigentum der Herren Löwe n s t e i n und Aschkenase. Anm. d. Red.) Auf Seite 3 im Berichte über die Berek Josselewicz- Feier in der Rede Löwensteins heißt es: ... „dieses Land, welches unsere Wiege und unser Grab ist, diese Erde, welche uns geboren hat, auf welcher wir leben und in der unser Staub ruhen wird, dieser Boden, der unser Vaterland ist . . .“