Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Ermöglichung einer solchen Organisation und diese Forderung stellen wir im Interesse einer geordneten Verwaltung und zu dem Zwecke, damit endlich jüdische Angelegenheiten von jüdischen Instanzen erledigt werden. Forderungen für den jüdischen Jugendunterricht. Ich werde jetzt kurz die Forderungen besprechen, welche die jüdische Jugend an das Unterrichtsministerium stellt. Diese Forderungen sind sehr bescheiden. Es handelt sich um keine Gymnasien, es handelt sich um keine Universität — fürchten Sie das nicht, Herr Hofrat Kuranda — es handelt sich nur darum, daß der jüdischen Jugend Gelegenheit gegeben werde, die Geschichte ihres Volkes, die jüdische Geschichte und die Sprache ihres Volkes, die hebräische Sprache zu erlernen. An den Universitäten und Techniken waren im Jahre 1904 zirka 5000 jüdische Studenten, an den Mittelschulen im Jahre 1903 15.880 und an den Volksschulen im Jahre 1900 also noch vor zehn Jahren — 110.269 Schüler. Es ist recht und billig, wenn wir verlangen, daß dieser Jugend die Möglichkeit gegeben werde, ihre Geschichte und ihre Sprache lernen zu k ö n n e n, daß wenigstens an den Hochschulen zu Lemberg und Krakau Kanzeln für jüdische Geschichte und hebräische Sprache errichtet und daß an den Mittelschulen für jüdische Studenten obligate Kurse für diese Fächer eingeführt werden. Aber nicht genug damit, daß man es der jüdischen Jugend nicht ermöglicht, diesen wichtigsten Teil des jüdischen Lebens kennenzulernen, verfolgt man sie auch noch, wenn sie das aus eigenen Mitteln anstreben. In Sambor zum Beispiel hat der Gymnasialdirektor einen strengen Erlaß herausgegeban, daß d ie jüdische Jugend hebräische Privatschulen nicht besuchen darf, um dort die hebräische Sprache zu erlernen. Wenn sich unter der jüdischen Jugend Zirkel bilden, wo jüdische Geschichte und jüdische Sprache unterrichtet wird, so wird sie auf das strengste verfolgt. Wir haben diesbezüglich mehrere Interpellationen eingebracht, sie sind aber alle unbeantwortet geblieben. Wenn sich die jüdische Jugend zu ihrer eigenen Nation bekennen will — und das darf sie doch — so ist das schon das größte Verbrechen. Früher war in den Mittelschulen und Hochschulen die Rubrik „Nationalität“ eingeführt. Der jüdischen Jugend hat man nun verboten, diese Rubrik mit dem Worte „jüdisch“ auszufüllen. Als sie nun angefangen hat, diese Rubrik „arabisch“ auszufüllen, hat man gesehen, bis zu welchen Lächerlichkeiten man das treibt und hat diese Rubrik beseitigt, obwohl sie in jedem anderen Lande besteht. Bei den Promotionen wird der jüdischen Jugend nicht erlaubt, als Jüdischnationale zu promovieren, sondern als „sine natione“. So wurde öffentlich zugestanden, daß es in Oesterreich eine besondere Nationalität gibt, die „sine natione“ heißt. (Heiterkeit.) Es ist doch wirklich lächerlich und für die jüdische Jugend speziell sehr kränkend, wenn man ihr ihre Nationalität raubt und sie zwingt, sich zur polnischen oder einer anderen Nation zu bekennen. (Abgeordneter Dr. Trylowskyj: Zur ruthenischen Nation wird man sie nicht zwingen!) Natürlich hat das den Zweck, daß die polnische Nation vergrößert wird. Ich glaube, die primitivste Gerechtigkeit fordert es, daß jedem das selbstverständliche Recht nicht vorenthallen wird, sich als Angehörigen dieser Nation zu bekennen, zu welcher er sich zugehörig fühlt. Die Juden und die Volkszählung. Ich gehe nun zum Ministerium des Innern über. Ich beklage hier, daß sich auch das Ministerium des Innern den Juden gegenüber ebenso verhält wie das Kultus- und Unterrichtsministerium. Wir sehen hier denselben Vorgang. Man will die jüdische Nationalität nicht anerkennen und wenn die Juden trotzdem sich zu ihrer Nationalität bekennen, verfolgt man sie aufs heftigste. W i r stellen an das Ministerium des Innern die Forderung, daß es bei der Volkszählung des Jahres 1910 die Rubrik der Nationalität ein führt, die es jedem Menschen ermöglicht, sich zu seiner Nation zu bekennen. Auf diese Weise wollen wir die Stärke unserer Nation in Zahlen der Regierung dokumentieren und sie zwingen die jüdische Nationalität anzuerkennen. Aber man erlaubt uns das nicht, man will nicht zugeben, daß unsere gerechte Forderung erfüllt wird. Wir erinnern weiters an die Wahlen vom Jahre 1907. Als damals die Juden es gewagt haben, sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen, wurden sie aufs schärfste bekämpft und drangsaliert; ihre Geschäfte wurden geschlossen, ihre Existenzen ruiniert, nur deshalb, weil sie es wagten, für einen jüdischnationalen Kandidaten zu stimmen. Wir haben Hunderte von Beschwerden vorgebracht. Aber diese Beschwerden von denselben Bezirksleuten, welche in Vertretung des Ministers des Innern die Leute mißhandelt haben, untersucht, und die Bestrafung der Bezirkshauptleute blieb natürlich aus. Seither sind zwei Jahre verflossen und die Regierung hat Zeit genug gehabt, sich zu überzeugen, daß wir keine Radaupartei sind, und daß wir in maßvoller Form unsere Beschwerden Vorbringen. Dennoch hört die Drangsal ierung der Juden wegen ihrer Bekennung zur jüdischen Nationalität nicht auf. JÜDISCHE ZEITUNG. Verfolgung der Zionisten durch die Regierung. Wir haben den krassesten Beweis dafür in Böbrka, wo gegenwärtig Neuwahlen stattfinden. Dort kandidiert ein Angehöriger unserer Partei und gleich am ersten Tage, an welchem diese Kandidatur veröffentlicht wurde, bekommen wir von dort einen Brief mit vielen Unterschritten, worin über die Schikanen der jüdischen Wähler Klage geführt wird. Die Schikanen erfolgen in diesem Falle sogar von dem Kultuspräsidenten der jüdischen Gemeinde, einem sogenannten Moschkojuden. In diesem Briefe heißt es (liest): „Der hiesige Kultuspräsident der jüdischen Gemeinde, David Holländer, hat bei der Wahl eines Reichsratsabgeordneten des 34. Wahlbezirkes Böbrka im Jahre 1907 bei der Verteilung der Stimmzettel an die jüdischen Wähler, die ihm von der Bezirkshauptmannschaft übertragen wurde, Mißbräuche getrieben, indem er auf jeden Wähler, der keinen ausgefüllten Stimmzettel annehmen wollte, eine Pression ausübte und ihn einschüchterte, daß er es dem Bezirkshauptmann erzählen wird, so daß schließlich ein jeder doch den von ihm mit dem Namen seines Kandidaten Abrahamomicz versehenen Zettel wohl oder übel annehmen wußte.“ Derselbe Kultuspräsident verspricht ... (Abgeordneter Stand: Das ist das einzige Versprechen, das er halten wird!) . . . ja, auch bei der jetzigen Wahl, die am 30. Juni stattfinden wird, genau so vorzugehen. Der Herr Ministerpräsident hat uns versprochen, daß diese Wahl legal stattfinden werde. Wie man diese Wahl cinleitet, ersieht man aus diesem Briefe. Wir fordern, daß man die Stimmzettel dem Kultuspräsidenten wegnehmc, damit weder dieser noch eine andere private Person überhaupt zur Verteilung der Stimmzettel gelange, sondern daß einem jeden Wähler sein Stimmzeuel samt Legitimation durch einen Gemeindeamtsboten oder durch die Post zugestellt werde.' Eine solche bescheidene Forderung steilen wir an den Ministerpräsidenten. Wir vei langen, daß die Forderung erfüllt wird und daß es dort nicht weiter so zugehe wie bisher. Wie die Beamtenschaft unsere Judenschaft bezüglich ihres primitivsten Rechtes, sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen, behandelt, dafür führe ich Ihnen nun weiters zwei krasse Beispiele vor. In Sniatyn wurde den Juden überhaupt verboten, in einer jüdisdien Versammlung jüdisch zu reden. Das Recht, sich mit den Juden in ihrer Sprache zu verständigen, wurde durch einen Erlaß des Bezirkshauptmannes kassiert. (Zwischenrufe.) In Zloczöw, wo leider ein jüdischer A s s i m i 1 a n t Bürgermeister und Abgeordneter ist, hat man die Plakate, welche in jüdischer Sprache gedruckt waren und die Einladung zu einer Versammlung enthielten, konfisziert. (Zwischenrufe.) Wir sehen, wie die prinzipiellen Rechte der Juden, sich ihrer eigenen Sprache zu bedienen, mit den Füßen getreten werden. Wirtschaftliche Bedrückung der Juden durch die Regierung. Ich gehe nun von dieser national-jüdischen Frage zu den allgemeinen jüdischen Fragen über; da wird sich gewiß kein Jude dieses Hauses finden, der mit mir streiten würde. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die großen Massen des jüdischen Volkes in Galizien dem größten wirtschaftlichen Elend preisgegeben sind und immer mehr ihrem Ruin entgegeneilen. Betrachten wir nur einige Ziffern. Auf 1000 Personen, welche beschäftigt sind, entfallen auf die Polen 10 Taglöhner oder Dienstboten — das sind Leute, welche von der Hand in den Mund leben — auf die Ruthenen 8 Taglöhner, auf die Juden 75, in Ostgalizien sogar 80; auf 1000 Katholiken, welche erwerbstätig sind, kommen 757, welche keinen haben, auf 1000 Juden dagegen 1922 erwerbslose, also fast die zweifache Zahl und in manchen Erwerbszweigen sogar die dreifache Zahl der Erwerbslosen. (Rufe: Das kann nicht sein, auf 10001922!) So ist es! 1000 erwerbsfähigen Juden stehen 1922 erwerbslose Juden gegenüber. (Zwischenrufe.) Ich bitte, das heißt, auf jeden erwerbsfähigen Katholiken entfallen 0'7 mittellose Katholiken, auf jeden erwerbsfähigen Juden 2 bis 2'A mittellose. (Zwischenrufe) Das sind doch statistische Daten; diese sind nicht falsch. Es ist Tatsache, daß, trotzdem sich das Land entwickelt, was man nicht in Abrede stellen kann, die Zahl der Juden in Galizien, auch in großen Städten, wie in Lemberg und Krakau, sich beständig verringert, daß vom Jahre 1890 bis 1900 zirka 10 Prozent der Juden aus Galizien ausgewandert sind, so daß die Juden geradezu dezimiert werden. Da haben sie also den drastischen Beweis, daß das Elend der Juden von Tag zu Tag zunimmt. Wie benehmen sich nun die Beamten den Juden gegenüber? Obwohl die galizische Statthalterei die Möglichkeit besitzt, das Gesetz, betreffend die Sonntagsruhe, welches die Juden dem Ruin ausliefert, auf eine humane Weise zu handhaben, tut sie es trotz unserer wiederholten Forderung und Bitten nicht. Wenn ein Geschäft, eine Unternehmung von einer Konzession abhängt, da bekommt der Jude die Konzession sicher nicht. Ich werde zum Beweise dessen ein Beispiel anführen, ln Lemberg hat sich ein Jude, ein gewisser Jakob Eichner, um die Konzession für ein Antiquariat beworben. Obwohl er glänzende Zeugnisse besaß, wurde ihm dieselbe verweigert mit der Begründung, Seite 5 daß kein Lokalbedarf danach vorhanden sei. Gleich nach der Abweisung seines Gesuches wurde aber zwei anderen Bewerbern die Konzession erteilt. (Abgeordneter Breiter: Dreien!) Ich komme gleich dazu. Er hat nachher wiederum ein Gesuch überreicht. Man erwiderte ihm hierauf neuerlich, daß kein Lokalbedarf vorhanden sei, und bald darauf hat man die dritte Konzession einem dritten Bewerber erteilt. Dem Eichner gegenüber behauptete man aber trotzdem noch immer, daß kein Lokalbedarf vorhanden sei. Ich habe bezüglich dieses Falles beim früheren Leiter des Handelsministeriums Dr. Mataja interveniert, er hat mir recht gegeben und war darüber entrüstet, leider aber erledigt im Ministerium diese Angelegenheiten nicht der Minister selbst, sondern ein Pole, der Hofrat Feodorowicz, der sich unseren Wünschen, sogar den berechtigsten, in schroffster Weise widersetzt. Ich übergehe das Justizministerium, obwohl ich auch darüber viel zu sprechen hätte, da diesbezüglich Kollege Strauch er unsere Wünsche Vorbringen wird. Ich würde nun meinen, daß schon diese wirtschaftlichen Leiden des jüdischen Volkes die jüdischen Abgeordneten aller Parteien dazu bewegen müßten, eine Vereinigung, einen Verband oder wenigstens eine Verständigung untereinander anzubahnen, damit wir alle zusammen etwas Positives leisten und die jüdischen Volksinteressen tatkräftig fördern. Leider verhallt unser Ruf noch immer wie die Stimme des Wanderers in der Wüste. Wir trösten uns aber damit, daß das jüdische Volk auch ohne die jüdisch-assimilatorischen Abgeordneten Wege und Mittel finden wird, sich aus seiner heutigen traurigen Situation zu befreien. Das Hauptmittel dazu bietet die jungjüdische Organisation mit ihrer Doppelaufgabe, der Landespolitik einerseits und der Palästinaarbeit anderseits. Durch die wiitsciiaftliche und nationale Organisation wird es den Juden gelingen, einerseits ihre traurige soziale Lage hierzulande zu verbessern und anderseits in ihrer alten historischen Heimat in Palästina die Grundlage zu ihrer zukünftigen Blüte zu legen. Hiermit schließe ich. (Lebhafter Beifall.) Pogrom. Das unheimliche Wispern und Raunen von etwas Schrecklichem, das sich weit hinein in Rußland zuträgt, hebt an. Zwischen Schilderungen von rauschenden Festlichkeiten, Fiirsteubesuchen und Kongressen tauchen sie auf, wie kleine, häßliche Flecken auf farbenprächtigem Muster, die P o g r o mnachrichten. Vier, fünf Zeilen, davor der Name eines russischen Nestes, Ortsnamen, von denen niemand eine Ahnung hatte, die nur genannt werden, wenn Judenblut fließt. Immer der gleiche Vorgang. Erst flattern diese unscheinbaren, lakonischen Meldungen wie Totenvögel zu uns herüber, dann die Berichtigungen und Dementis der russischen Regierung und schließlich, wenn die gräßlichen Geschehnisse aller Zensurkiinste spotten, jagt eine Blutnachricht die andere und ein Schwall von Greueiberichten ergießt sich zu uns, knapp hinter ihm der Strom der Flüchtlinge. Wohin sie kommen Angst, Verwirrung, Hilflosigkeit. Die unglücklichen Brüder aus dem Osten, an die man so süß vergessen hatte, sind wieder da. Jetzt wird gesammelt, protestiert, viel gesprochen, beraten und dann erkannt, daß das Elend zu groß, daß ihm nicht beizukommen ist. Schließlich verlauten sich die Elenden. Wenige retten sich in freie Länder, viele verenden auf dem Wege und die anderen müssen zurück in die Folterkammer, zu Gräbern der Opfer, wo sie angstvoll kauern, bis sie ein neuer Orkan nach dem Westen wirft. In wenigen Wochen wird sich das alte Schauspiel wiederholen. Wieder wird das westliche Judentum ungerüstet, ohnmächtig dem Unglück der Brüder gegenüberstehen. Man hat eben seit dem letzten Pogrom nichts geiernt und die Zionisten, diese unreifen Schwärmer und Utopisten, verlacht. Ihr Ruf nach Sammlung und Rüstung, ihr Ruf nach einem Vaterlande ist ungehört verhallt! Bukarest. Einer Meldung des „Adeverul“ zufolge sollen entgegen dem Dementi aus Petersburg die Behörden in J a s s y (Rumänien) davon verständigt worden sein, daß in Bessa r a b i e n (Rußland) ein Aufstand ausgebrochen sei. Bei dieser Revolte sind viele jüdische Familien ums Leben gekommen. Die Zahl der getöteten Juden wird mit hundert beziffert. Um eine Einwanderung der Flüchtigen nach Rumänien zu verhindern, wurde Militär unter dem Kommando der Hauptleute Dragucanescu und Duca an die Grenze gesendet.