Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 JÜDISCHE“ZEITUNG. Nr. 26 Leider haben die aus I m a i 1 (Bessarabien) der Jüdischen Zeitung“ brieflich zugekommenen, in der letzten Nummer veröffentlichten Mitteilungen bezüglich der drohenden Pogromgefahr allzuschnelle Bestätigung gefunden. Die Russen erschlagen die Juden und die edlen Rumänen sorgen dafür, daß keiner entkommt! Brief aus Galizien. Die Reichsratsersatzwahl. Die Reichsratsersatzwahl im Bezirke B ö b r k a steht jetzt im Vordergründe des öffentlichen Interesses. Die Organe aller Parteien befassen sich leidenschaftlich mit dieser Frage. Selbst die assimilatorischen Blätter, die merkwürdigerweise anfänglich geschwiegen hatten, nehmen nun in desto heftigerer Weise Stellung. Selbstverständlich agitieren sie für den Polen und gegen den Zionisten. Die polnische Presse, allen voran die allpolnische, findet nicht genug Worte der Entrüstung über die „Schlechtigkeit“, „Verblendung“ und den „Unpatriotismus“ der Zionisten. Diese lassen sich indes nicht irremachen und agitieren um so eifriger unter den jüdischen Wählern, welche die zionistische Kandidatur mit Begeisterung aufnehmen. Die zionistischen Wählerversammlungen sind immer zahlreich besucht. Die Lauheit des polnischen Wahlkomitees wird vom „Slowo polskie“ heftig verurteilt Dieses echt allpolnische Blatt ist Anführer im Kampfe gegen die Zionisten, deren Wahlbewerbung sehr ernst genommen wird, ln der Sonntagsnummer vom 20. d. schrieb es unter dem Titel „Drohendes Unheil“ an leitender Stelle: „Das polnische Mandat in Böbrka ist ernstlich gefährdet. Die Polen haben die Mehrheit im Bezirke. (Wenn man ihnen die Juden zuzählt. Anm. d. Red.) Aber eine nurjinbedeutende, weil ein großer Teil der Juden den Zionisten Gefolgschaft leistet Für den zionistischen Kandidaten werden auch die Rulhenen welche 30 Prozent der Bevölkerung bilden, geschlossen eintreten. Die Lage ist also sehr gefährlich.“ Weiter heißt es: „Wenn wir die letzten acht Tage, welche uns von der Wahl scheiden, nicht benützen, so werden wir das Böbrkaer Mandat an die Zionisten verlieren. Es erwartet uns eine in ihren Folgen geradezu fatale Niederlage.“ Was die Allpolen unter „Benützung von Zeit“ verstehen,gesteht! der Leitartikler: „Diese Pflicht (alle Kräfte anzustrengen und den gesamten Einfluß aufzubieten, um den Sieg der polninischen Kandidatur zu sichern) obliegt auch den Behörden. Wir waren immer und sind entschiedene Gegner auch der geringsten Wahlmißbräuche(l) und der von den Verwaltungsbehörden im Lande auf die Wähler ausgeübten Repressalien. Aber die Macht ist doch dazu da, um sie — ohne sie zu mißbrauchen — für das Wohl des Volkes zu verwenden.“ Man kann sich also auf alle möglichen Bedrückungen, auf Terrorismus, auf Brutalität, kurz auf die Anwendung aller verwerflichen und empörenden Mittel schlachzizischen Wahlschwindels gefaßt machen. Diese Drohungen der Polen vermögen die Juden nicht einzuschüchtern. Die politischen Juden von heute sind nicht die galizischen Juden vor 10 Jahren. Dazwischen liegt zehnjährige zionistische Erziehungsarbeit. Die Perfidien des allpolnischen Hauptorganes werden bloß eines erzielen: Die Verstärkung des Pflichtbewußtseins und Anfachung der Begeisterung für die zionistische Kandidatur. Der Wahlkampf wird an Heftigkeit gewinnen und furchtbare Formen annehmen. Zu Kreuze kriechen oder sklavisch dem Winke der polnischenHerren gehorchen werden diejuden nicht mehr. Die große jüdische Masse hat das Kriechen verlernt. * * * Für den galizischen Reichsratswahlfonds spendeten: N. N. K 25.-, Adolf Brecher K 20.-, Dr. Schalit K 20.—, Dr. Weisengrün K 20.—, „Alphas“ Teplitz K 20.—, Dr. Zweig K 10.—, M. Hammer K10.—, Ing. Kramer K10.—,Dr. Alfr. Lewy K5.—, Dr. Jerusalem K 5.—, Max Markus K 5.—, Dr. Lanzer K 5.—, Gewitscli K 5.—, Ing. Stricker K 2.—, Ing. Hofmann K 2.—, Emil Reich K 2.—, Dr. Zollschan K 2.—, Arch. Dr. Karplus K 2.—, Reich K 2.—, Baum J. Kaufmann K 2.—, Herrn. Wertheim K2.—, Dr. Hahn K 2.—, R. Hartmann K2.—, L. Sitzmann K 2.—, Dr. Brod K 2.—, N. N. K 2.—,Dr. Löhner K 1.—, Appel Kl.—, Glücksmann K 1.—, Mendel Kohn K I.—, David Goldberger Teslit K 1.—, Leopold Brüll K 1.—, H. Edelstein K 1.—,J. Gruber K 1.—, Isidor Löw K 1.—, Deutsch K 1—, Gustav Kohn K 1.—, Alex. Geller K 1.— Summe K 197-— Der Herzlwald. Zum fünftenmale jährt sich der Tag, da wir zum Döblinger Friedhof hinauszogen, Theodor Herzl zu bestatten. Ernster als sonst regt sich an solchem Tage in uns die Mahnung, den letzten Wunsch des Meisters zu erfüllen, der es seinen Getreuen auf die Seele band, daß sie dereinst seine Gebeine nach Altneuland mit sich nehmen, wenn erst dies Land der Väter den Enkeln, den jungen Juden, wiedergewonnen sein wird. Noch liegt das Ziel fern, wir aber streben ihm mit unentwegter Tatkraft zu und aus dem opferfrohen Beispiel des todesmutigen Meisters schöpfen wir stets neue Kraft. Sie ist der Arbeit für das Land seiner und unserer Sehnsucht geweiht. Nicht länger darf Palästina, das durch jahrhundertelange Mißwirtschaft verkarstete, in seiner Entstellung verbleiben, dem Lande der jüdischen Zukunft ziemt es, daß es sich mit frischem Grün der Hoffnung bekleide. Die blühenden Oasen, die unter den liebevollen Händen unserer wackeren Kolonisten entstanden, sollen sich nach allen Seiten breiten, bis sie als ein einziger großer Garten unser Land bedecken. So allein wird es würdig sein, die Gebeine unseres Führers zur ewigen Ruhe zu empfangen. Der Grundstein zu diesem nationalen Werke, die Pflanzung des ersten Olivenwaldes ist dem Andenken Herzls gewidmet, der Wald soll stolz seinen Namen tragen. Die Bedeutung des Herzlwaldes erschöpft sich nicht in der Ehrung des toten Führers, in der Auffrischung palästinensischen Bodens und in der Arbeitsgelegenheit, welche Pflanzung und Pflege des Waldes tausenden fleißiger Brüder bietet, nein, wie jedes Stück zionistischer Arbeit, trägt der Herzlwald den Keim zu;iioch Größerem in sich, denn sein Ertrag ist auf ewige Zeiten für die Erhaltung jüdischer'Schulen in Palästina bestimmt. Wahrlich, dieser Plan entspricht dem Genius unseres Volkes vortrefflich; denn stets war es das höchste Ideal jüdischer Eltern, ihren Kindern eine bessere Bildung zu verschaffen, als sie selbst genossen hatten. Und gerade dem Herzlwald steht es wohl an, ein Förderer der jüdischen Jugend zu sein, die den Meister so innig wieder liebt, wie er sie geliebt hat. Jungjuda für Zion, Zion für Jungjuda! Wir österreichischen Juden sind erst kürzlich dem Anschlag unserer Hasser begegnet, welche die geistige Höherbildung unserer Kinder unterbinden und uns so im tiefsten Herzen treffen wollten. Diese Gefahr ist nicht endgültig gebannt, im Golus schwebt sie stündlich über uns. Die Arbeit für den Herzlwald aber, das ist die rechte Antwort unseren Hassern. Und wir österreichischen Juden, in deren Mitte Theodor Herzl für das große Werk der Regenerierung unseres Volkes lebte und starb, haben darum die Pflicht, mit verdoppeltem Eifer an der Errichtung des schönsten Denkmals zu arbeiten, das je ein Volk seinem Führer schuf. Mit all’ ihren Kräften sollen wir darum in diesen Tagen der „Jahrzeit“ beitragen zur Schaffung des „Herzlwaldes“. __ Zur Organisation unserer Parteipresse. Die Zeitschrift „Palästina". Zu der Einsendung, welche wir in Nr. 25 unter obigem Titel veröffentlichten, erhalten wir von Gg. Teilhaber, München, dem Herausgeber der Zeitschrift „Palästina“ eine Erwiderung. Wir sind leider nicht in der Lage, dieselbe vollinhaltlich zu veröffentlichen, da wir nicht den Raum dazu haben — sie ist acht Quartseiten lang wollen aber im Nachstehenden ihren Inhalt kurz wiedergeben. Gg. Teilhaber sagt bezüglich des beanständeten Artikels, daß er die. Darstellung Kieferndorfs für wahr halten muß, jedoch gerne bereit ist, eine eventuelle sachliche Richtigstellung zu bringen. Er halte eine panarabische Bewegung für eine Gefahr. Was die Agrarkreditfrage betreffe, so sei es sein sehnlichster Wunsch, eine theoretische Diskussion herbeizuführen, nur werde er im Stiche gelassen, selbst zugesagte Artikel werden nicht geliefert, Honorare könne er nicht zahlen. Die Partei unterstütze ihn fast gar nicht Gg. Teilhaber läßt durchblicken, daß er das Defizit der Zeitschrift tragen muß, da sie noch nicht genügend Abonnenten hat. Schließlich beklagt er sich bitter über die Anonymität des Einsenders. Hiezu haben wir folgendes zu bemerken: Niemand, auch der Einsender jener Notiz, hat das Verdienst des Gg. Teilhaber geschmälert, der mit großer Opferwilligkeit die Zeitschrift vor dem Untergänge gerettet hat. Immerhin ist der Organisation nicht damit gedient, daß die Zeitschrift überhaupt erscheint sondern sie müßte auch ihren Zwecken entsprechen! Tut sie das nicht, dann ist es erklärlich, wenn sie das Unternehmen auch nicht unterstützt. In der Hauptsache, was den von unserem Einsender gerügten Artikel betrifft, ist die Erwiderung des Gg. Teilhaber auch genügend. Es handelt sich nicht darum, ob die Darstellung Kieferndorfs richtig ist oder nicht, sondern darum, daß in einer zionistischen Zeitschrift Partei gegen die Araber genommen wird, daß sie sich in den Kirchenstreit einmischt. Das nicht zu tun, ist eine Selbstverständlichkeit und wenn der Herausgeber einen solchen Artikel passieren läßt, dann muß er sich den Tadel gefallen lassen. Es ist auch völlig unrichtig, daß das Bestreben der orthodoxen Araber Einfluß auf die Kirchenleitung zu bekommen, irgendwie ein Ausfluß der panarabischen Bewegung ist. Die wenigen orthodoxen Araber sind naturgemäß in strengstem Gegensatz zun> überwiegenden Mehrzahl der islamitischen Araber. Wenn Gg. Teilhaber sich beklagt, daß man ihm keine Artikel liefert, so beweist das nur, daß seine Zeitschrift eben nicht besonders angesehen ist. Die Qualifikation zum Herausgeber und Redakteur besteht eben darin, sich durch die redaktionelle Leitung ein solches Ansehen zu erwerben, daß sich niemand der Aufforderung zur Mitarbeit entzieht. Speziell wir könnten Gg. Teilhaber manche zionistische Zeitung nennen, die ohne jede materielle Unterstützung der Organisation sich eine derartige geachtete Stellung errungen hat. Daß die Einsendung anonym erschien, ändert an der Richtigkeit der sachlichen Kritik nichts. Der Name des Einsenders ist uns bekannt. Die Unterfertigung unterblieb aus Rücksichtnahme für Gg. Teilhaber, weil die Kritik sonst noch gewichtiger erschienen wäre. Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Stockerau. Am Sonntag den 20. I. M. fand in Stockerau eine sehr stark besuchte Versammlung der Mitglieder der Kultusgemeinde Stockerau-Korneuburg behufs Gründung eines Zweigvereines des Verbandes „Zion“ statt. Der Vorsitzende der Versammlung, Herr M. Sojer, Korneuburg, begrüßte die Repräsentanten der Kultusgemeinde, die Vertreter der jüdisch-akad. Verbindung „Kadimah“, den als Redner erschienenen Herrn Dr. A. Löwy, Wien, und entschuldigte Herrn Rabbiner M. Rosenmann. Hierauf ergriff Herr Dr. A. Löwy das Wort, der in längerer Ausführung die Entwicklung des jüdischen Nationalgedankens und des Zionismus an der Hand der Geschichte der Juden vortrug. An der sich anschließenden Debatte beteiligten sich die Herren J. Greip 1 (Stockerau), Dr. A. Löwy (Wien), O. Deutsch (Korneuburg) und die beiden Vertreter der „Kadimah“, Herr jur. W. Werner und Herr jur. D. Krässel; die beiden letztgenannten Herren gaben nützliche Aufschlüsse über den Zionismus und die Kolonisation. Hierauf ergriff noch Herr Dr. med. Leopold S o f e r (Stockerau) das Wort und setzte sich in einer zündenden Rede für die Gründung des Vereines ein, indem er erklärte, daß der Verein nicht nur in der zionistischen Organisation seinen Platz ausfüllen, sondern daß er auch für die lokalen jüdischen Fragen von großem Nutzen sein werde. Bei der Abstimmung meldeten sich über 40 Damen und Herren als Mitglieder. Wien. (Ness Zionah.) Am 30. Juni 1. J. wird seit der Gründung der „Vereinigung Ness Zionah in Wien“ ein Semester vergangen sein. Die aus diesem Grunde einberufene I. ordentliche Generalsversammlung wird den Rechenschaftsbericht des Ausschusses entgegennehmen. Demselben ist folgendes zu entnehmen: Die Vereinigung wurde im Jänner 1. J. auf Anregung des Herrn Emil Kafka, Numa Torczyner, Jacob Hammer und Max Mahler gegründet. Sie verfolgt den Zweck, die zionistische Idee unter jungen Leuten beiderlei Geschlechtes (speziell Handelsangestellten) zu fördern und zionistische Bildung zu verbreitern und zu vertiefen. Zur Erreichung dieses Zieles wurden Vorträge über nachstehende Themata abgehalten: Entwicklung des Zionismus, N. Torczyner; Kolonisation in Palästina, E. Kafka; Institutionen des Zionismus, Dr. E. M. Zweig; Soziale Ethik und der Zionismus, Moses Waldmann; Schekel und Organisation, H. Steckler; Jüdische Politik, David Nebenzahl; Unsere Juden des Westens, Dr. Otto Abeies; Die Aufgaben des nächsten Kongresses, E. Kafka. Den Herren Vortragenden sei an dieser Stelle für ihre Liebenswürdigkeit nochmals wärmstens gedankt. Am 24. März veranstaltete die Vereinigung eine Purimfeier, die nicht nur einen großen moralischen Erfolg bedeutete, sondern auch ein Scherflein für den Nationalfonds abwarf (Sammelbüchse der Vereinigung). Abgeführt wurden im verflossenen Semester 90 K 25 h an den Nationalfonds und 12 Oelbäume wurden gespendet. Das Klublokal befindet sich im Cafe Concordia, 1., Concordiaplatz 4, woselbst nun auch die „Jüdische Zeitung“ aufliegt. Im Kiublokal findet jeden Mittwoch abends eine