Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 26 Schulen in Palästina die Lehrer der hebräischen •, Sprache nicht um ein paar Francs besser bezahlen! Der Kampf gegen die Alliance ist leider seit jangem eingeschlafen. Es ist aber höchste- Zeit ihn angesichts der Unverbesserlichkeit ihrer Leiter mit aller Schärfewieder aufzunehmen. Keine einzige jüdische Organisation ist so antinational wie diese. Alle Zionisten haben die Pflicht, wie und wo sie können, gegen diesen verderblichen Geist mit allen Mitteln anzukämpfen. Aus dem jüdischen Leben. Eine interessante Annonce. Wien. Im „Neuen Wiener Tagblatt“ vom 19. Juni findet sich folgende bemerkenswerte Annonce: Die Erherzog Friedrich’sehe Likörfabrik in Teschen sucht zur Bereisung der Alpenländer und des Südens der Monarchie mit Ausnahme von Wien und Umgebung, ferner zur Bereisung von Böhmen und Mähren zwei tüchtige Provisionsreisende, Christen, nur erstklassige Kräfte, welche in ähnlichen Unternehmungen bereits mit Erfolg tätig waren, wollen Offerte einbringen. Das Engagement erfolgt per sofort gegen hohe Provision mit eventuellen späterem Reisespesenbeitrag. Offerte sind zu richten an die Erzh. Friedrich’sche Likörfabrik in Teschen-Blagotitz. * * * Der Zar gegen die jüdischen Musikanten. Petersburg. Der russische Kriegsminister hat allen Behörden im Don- und Twergebiete mitgeteilt, der Zar habe es verboten, jüdische Musikanten in den Kur- und Theaterkapellen anzustellen und zu beschäftigen. Die geschlossenen Verträge müssen aufgelöst werden. * * * Ein jüdischer Gemeindetag in Rußland. St Petersburg. Das Ministerium des Innern hat die Erlaubnis zur Einberufung einer jüdischen Konferenz nach Kowno erteilt Auf dieser Konferenz, die wahrscheinlich im kommenden Herbste stattfinden wird, werden jüdische Gemeindefragen erörtert werden. Die Erlaubnis zur Einberufung wurde von dem Führer der jüdischen Volksgruppe Rechtsanwalt W i n a w e r erwirkt * . * Jakob Gordin gestorben. New York. Vor einigen Tagen verschied hier, 56 Jahre alt, der jüdische Dramaturg Jakob Gordin. Der Verstorbene war der bedeutendste jüdische Dramatiker und Reformator der jüdischen Eühne. Er wurde in Mirgorod (Poltawaer Gouvernement) geboren, wandte sich im Alter von 17 Jahren der Journalistik zu, arbeitete zuerst an vielen russischen Zeitschriften mit und gab später selbständig in Odessa eine Zeitung heraus. Er beschrieb hauptsächlich das jüdische Leben. In Rußland war er auch der geistige Führer einer religiösen Bewegung, der sogenannten „B i b 1 e j z i“, welche im Jahre 1879 gegründet, eine Gegenströmung gegen das orthodoxe dogmatische Judentum darstellte. Im Jahre 1890jj’zog Gordin nach Amerika, wo er anfangs Tolstojanische Ideen, doch* ohne sonderlichen Erfolg, propagierte. Durch Zufall wandte er sich der Bühne zu. Er lernte nämlich den bekannten jüdischen Schauspieler Jakob Adler kennen, welcher gerade mit dem Plane umging, anstatt der minderwertigen Goldfadenschen Stücke ernste Dramen aufzuführen. In Gordin fand er den entsprechenden Dramaturgen. Schon im Jahre 1891 schrieb Gordin das Drama „Sibirien“, welches großen Erfolg hatte. Später schrieb er unzählige Stücke, von denen das bekannteste „Gott, Mensch und Teufel“ ist Vor zwei Jahren weilte Gordin in Europa. Er hatte damals die Freundlichkeit, unserem Blatte einen Artikel über das „Jüdische Theater“ zur Verfügung zu stellen. Budgetrede des Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel. Der „Jüdische. Klub“ und die Regierung. Hohes Haus! Mit Rücksicht auf die beschränkte Redezeit will ich nicht viel Worte verlieren und übergehe sogleich zur Besprechung des Budgets. Unsere Partei wäre die letzte, welche dem Staate und der Regierung das Budget verweigern wollte. Ja, wir erklären, daß wir gerne der Regierung das Vertrauen votieren würden, wenn wir. von der Ueberzeugung durchdrungen wären, daß die Re-. gieruug wirklich das ist, was wir von ihr zu fordern : berechtigt sind, daß nämlich die Regierung wirklich ein Hort der kleinen Nationen im Kampfe um ihre Existenz gegenüber den großen ist, daß sie wirklich einen Schutewall des Schwächeren gegenüber dem Stärkeren bildet. Nun aber müssen wir mit Bedauern konstatieren, daß dies nicht der Fall ist. Die Regierung stellt sich taub, wenn eine kleine Nation mit Klagen kommt. Der Regierung sind sehr wohl die Uebelstände bekannt, unter denen die kleinen Nationen leiden, aber sie tut nichts, um diesen Uebelständen abzuhelfen. Oefters kann man sogar die Tatsache konstatieren, daß einzelne Minister sich widersprechen. Ein solcher Fall ereignete sich anläßlich der ruthenischen Beschwerden. Ein Minister behauptete, daß deren Klagen ungerechtfertigt sind, der zweite Minister sagt, daß die Klagen.gerechtfertigt sind und er werde deren Berechtigung prüfen. Was nun unsere Klagen über die verzweifelte Situation des jüdischen Volkes betrifft, so schweigt sich die Regierung vollständig darüber aus. Sie weiß sehr wohl von dieser Lage — sie ist ja von uns informiert worden —, und doch hören wir kein einziges Wort von der Ministerbank, kein öffentlich abgegebenes Versprechen, daß diesen Mißständen einmal werde ein Ende gemacht werden. Man bemerkt nicht einmal den guten Willen, diese Mißstände zum Gegenstand einer Untersuchung zu machen. Wenn wir' das Budget durchsehen, so sehen wir diese Erscheinung in allen Ressorts, bei allen Ministerien. Ueberall wurde selbst das Fundament des österreichischen Staates, die durch die Staatsgrundgesetze gewährleistete Gleichberechtigung, die doch von den Ministern beschworen wurde, den Juden gegenüber mit Füßen getreten. Die jüdischen Agenden im Kultusministerium. Ich komme zunächst zum Ministerium für Kultus und Unterricht. Ist es nicht ein krasses Unrecht, daß die jüdischen Kultusangelegenheiten im Kultusministerium von einem nichtjüdischen Referenten erledigt und daß über sie von einem nichtjüdischen Referenten referiert wird? Ist es nicht billig — und wird das nicht jede Partei zugeben —, daß die jüdischen Kultusangelegenheiten von einem jüdischen Beamten erledigt werden sollen? (Abgeordneter Dr. Mahle r: Und die der Kultusgemeinden! — Abgeordneter Kuranda: Sind das die orthodoxen oder die reformierten?) Wir Juden sind ein einheitliches Ganzes, wir machen keinen Unterschied zwischen Orthodoxen und Reformierten. (Abgeordneter Dr. Mahler: Den Widerspruch gegen diese Forderung überlassen wir besser den Antisemiten!) Oder jenen, die sich nicht als Juden fühlen. (Abgeordneter Kuranda: O, pardon, ich bin ein besserer Jude als Sie!) Wenigstens hört man nicht von Ihnen, daß Sie jemals als Jude aufgetreten wären. Wir sind dem Kultusministerium und dem Herrn Kultusminister dankbar dafür, daß er einen jüdischen Bibliothekar ins Kultusministerium berufen hat, und wir geben zu, daß dieser Bibliothekar sehr gute fachliche Kenntnisse hat, aber warum sollen diesem Herrn nicht offen die jüdischen Angelegenheiten zum Referieren übergeben werden, wozu der Herr Kultusminister, wenn er das beabsichtigt — ich weiß nicht einmal, ob er das beabsichtigt —, diesen Herrn als Deckmantel zu benutzen, damit unserer gerechten Forderung endlich einmal Genüge getan werde? Ein famoser „jüdischer“ Referent. Sehen wir uns den jüdischen Referenten in Galizien an. Wir haben dort einen jüdischen Referenten bekommen, aber seine Nominierung wurde auch so vorgenommen, wie es mit diesem Herrn Bibliothekar geschehen ist: Kein jüdischer Faktor wurde danach gefragt, es wurde einfach ein Professor einge-, setzt, der ausgezeichnet qualifiziert sein mag für die griechische und lateinische Sprache, aber von jüdischen Angelegenheiten keine Ahnung hat. Man hat niemand wegen seiner Nominierung befragt, man hat nicht einmal auf seine moralische Qualifikation gesehen... (Abgeordneter Kuranda: Nicht einmal den Beizer Rabbi?) Nicht einmal Sie hat man gefragt! Sehen wir uns nun seine moralische Qualifikation an: Dieser Herr Referent beschäftigt sich mit nichts anderem als mit Denunziationen jüdischer Lehrer, die er verdächtigt, daß sie jüdischnationaler Gesinnung seien. Das ist schon an und für sich unbillig, denn die jüdischnationale Gesinnung ist für den Staat und für das Land nicht schädlich; dennoch aber werden diese Leute verdächtigt, daß sie jüdischnationaler Gesinnung seien, als ob diese Gesinnung staats- oder landesgefährlich wäre. Der galizische Referent verständigt die Be- . troffenen nicht einmal von diesen Verdächtigungen, er gibt ihnen keine Gelegenheit, sich zu verteidigen, und wenn er von ihnen zur Rede gestellt wird, verteidigt er sich mit Lügen und gesteht diese Denunziationen nicht zu. Er ist noch weiter gegangen. Als aus jüdischen Mitteln ein theologisches Seminar, respektive ein Lehrerinstitut zu errichten beschlossen wurde, hat er ausdrücklich von den Schülern und u Professoren, welche zugelassen oder ernannt werdet sollten, eineschriftliche Erklärun* verlangt, daß sie sich nicht zu_ jüdischnationalen Richtung beken" nen und Feinde dieser Richtung sind. Es ist doch wirklich das Höchste an Unethik bei einem Menschen, wenn er Schülern und Professoren Einlaß in eine staatliche Bildungsanstalt, in ein staatliches wissenschaftliches Institut nur dann gewährt, wenn sie ihre Nationalität verleugnen und verraten. Schandwirtschaft in den Kultusgemeinden. Wenn wir jetzt zu den israelitischen Kultusgemeinden, welche auch dem Ministerium für Kultus unterstellt sind, übergehen, so sehen wir, daß hier durch, man muß sagen, bewußte Machinationen der Bezirkshauptleute und der Statthalterei Zustände geschaffen worden sind, welche jedem Begriffe von Ordnung förmlich hohnsprechen. In 60 Prozent dieser israelitischen Kultusgemeinden, in Galizien gibt es ihrer beinahe 280, fungieren entweder Regierungskommissäre oder ungesetzlich ge wählte Vorstände. Die Bezirkshauptleute bedienen sich zweier Methoden. Wenn ein neuer Vorstand gewählt wurde, der ihnen genehm ist, so setzen sie ihn gleich ins Amt und er fängt an zu amtieren. Die gegen diese Wahlen eingebrachten Proteste liegen jahrelang bei den Bezirkshauptmannschaften, dann bei der Statthalterei und schließlich beim Kultusministerium. So kommt es vor, daß Proteste sogar sechsJahre lang, also während der ganzen Amtsdauer, nicht erledigt werden, ja sogar noch länger. Obwohl nach dem Gesetze nach sechs Jahren eine Neuwahl auszuschreiben wäre, amtieren diese Vorstände noch immer weiter, sogar über die Zeitdauer von sechs Jahren hinaus, so lange, bis die Erledigung dieser Proteste endlich einmal das Licht der Welt erblickten. Der Bezirkshauptmann von Zaleszczyki hat sich noch Höheres geleistet. Dort wurde ein Vorstand gewählt, er hat fünf Jahre lang amtiert und die Erledigung des Protestes erfolgte erst in fünf Jahren. Der Protest wurde abgewiesen. Es sollte also der alte Vorstand noch ein Jahr amtieren und es hätte auf diese Weise im sechsten Jahre die Neuwahl stattfinden müssen. Der Bezirkshauptmann erklärte aber, daß die Amtsdauer erst von dem Tage der Erledigung dieses. Protestes zu rechnen sei, er verlängerte also auf diese Weise die Amtsdauer für weitere sechs Jahre in vollständig illegaler Weise. Die Bezirkshauptleute haben aber auch noch eine zweite Methode; wenn ein Vorstand gewählt wird, der ihnen nicht angenehm ist, wird der neue Vorstand zur Amtierung nicht zugelassen und der alte Vorstand amtiert weiter, bis der Protest erledigt ist. Das ist zum Beispiel in Jaslo vorgekommen. Dort wurde der alte Vorstand beibehalten. Nun besteht der alte Vorstand aus alten Leuten, welche entweder aussterben oder krank werden, so daß der alte Vorstand gar nicht funktioniert und die Gefahr droht, daß an Stelle des alten Vorstandes der Regierungskommissär treten muß. Aber der Bezirkshauptmann toleriert das und scheint danach zu streben, daß ein Regierungskommissär eingesetzt werde; und der neue Vorstand,. der doch gewählt ist und der doch darauf wartet, dieses Amt zu übernehmen, wird doch nicht zugelassen. Alle. diese Dinge sind für das Kultusministerium keine Neuigkeiten. In all diesen Angelegenheiten und in noch mehr anderen haben wir Interpellationen und Beschwerden eingebracht, aber die liegen ruhig weiter im Tische des Referenten. Die Bezirkshauptleute dulden die Mißbräuche. Sie sehen also, meine Herren, daß diese Bevormundung durch Bezirkshauptleute für das Wesen der Kultusgemeinden höchst schädlich ist, daß die Bezirkshauptleute ihre Macht dazu benützen, um Unordnung anzurichten, um die Kultusvorstände für Wahlzwecke gefügig zu machen. Dem muß einmal ein Ende bereitet werden. Wir fordern, daß die Bevormundung durch Bezirkshauptleute einmal ihr Ende nimmt und darum — und das weiß das Kultusministerium wahrscheinlich sehr wohl — haben sich die Kultusgemeinden unlängst auf einem Gemeindetag versammelt und die Gründung einer Organisation beschlossen, welche darin besteht, daß die Kultusgemeinden sich zu Landesorganisationen, die Landesorganisationen zu einer Reichsorganisation zusammenschließen sollen, welche.(Abgeordneter Kuranda: Deshalb war die Versammlung? Da muß ich doch protestieren, daß die Versammlung gemeint hat, daß das geschehen soll!). Nicht nur deshalb! Es war der Zweck des Gemeindetages und der geplanten Organisatian, in die Kultusangelegenheiten Ordnung zu bringen, eine ordentliche Erledigung der Kultusangelegenheiten zu sichern. Warum aber in den Kultusangelegenheiten und speziell in Galizien keine Ordnung existiert, das wissen wir am besten. Daran sind eben die Machinationen der Bezirkshauptleute schuld. (Abgeordneter Kuranda: Davon war mit keinem Worte die Rede!) Ich bitte, lesen Sie die Protokolle! Ich wurde deswegen sogar angegriffen. (Abgeordneter Kuranda: Weil Sie uns hier kompromitieren!) Wenn ich die Wahrheit spreche kompromitiere ich niemand; der kompromitiert sich, der die Wahrheit verhüllt! Wir fordern also von der Regierung die