Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Nr. 26 Reichsratsabgeordneter Stand über die bosnische Agrarbank. Gesinnungsgenossse Reichsratsabgeordneter Stand steilt uns folgenden Brief, den er an unser Bruderblatt „2 i d o v s k a Smotra“ in Esseg gerichtet hat und welcher in der gesamten südslavischen Presse reproduziert wird, zur Verfügung. „Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie fragen mich über die Stellung des Jüdischen Klubs und die Ursachen unserer Abstimmung in der Angelegenheit der bosnischen Agrarbank. Ich erteile Ihnen gerne darüber Bescheid und habe selbstverständlich nichts dagegen, 'daß meine Ansichten publiziert werden. Als wir davon erfuhren, daß die Regierung einer ungarischen Bank die bewußte Konzession erteilte, nahmen wir gleich dagegen eine entschieden oppositionelle Stellung ein. Wir konnten es als demokratische Partei nicht zulassen, daß zwei Millionen bosnischer Kmeten einer Bank ausgeliefert werden. Es ist uns vollkommen gleichgültig, wer an derSpitze der Bank steht — Jude oder Christ. Wir begreifen, wie ich es schon einmal im Parlamente zu sagen Gelegenheit hatte, die jüdische Solidarität ausschließlich in dem Sinne, daß wir uns solidarisch erklären mit allen produktiven Kräften unserer Nation, mit den großen, breiten, bedrückten Massen des Judenvolkes, wo immer dasselbe wohnt. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, daß da arme Bauern einem Unternehmen ganz ausgeiiefert werden, daß die Angelegenheit vor der Konzessionierung gar nicht dem Parlamente vorgelegt wurde, in weiterer Berücksichtigung des Umstandes, daß die Verfassung, die für Bosnien und die Herzegowina geschaffen wird, den modernen Prinzipien durchaus widerspricht, haben wiralsjuden und als Demokraten für die drei Resolutionen Sustersic gestimmt. Sie können, Herr Redakteur, auch dessen versichert sein, daß es wie bisher immer unsere Devise sein wird: Wir Juden wissen als Minorität ein Lied davon zu singen, wie Bedrückung schmeckt. Es ist und wird immer unser Weg also sein: W i r gehen mit allen bedrückten Minoritäten gegen die Bedrücker, mit den Verfolgten gegen d i e V e r f o 1 g er, mit den Gepeinigten gegen die Peiniger. Wir schließen uns beispielsweise den Ruth e n e n in Galizien an, weil sie eine verfolgte Nation sind. Von diesem Grundsätze ausgehend stehen wir auch bei den Polen in der Bukowina und in Schlesien, wo man ihre berechtigten nationalen Forderungen ignoriert. Wir stehen bei ihnen ganz, voll, .uneigennützig in Deutschland und Rußland — ich hatte als einziger Jude Gelegenheit, dies im Parlament bereits zu dokumentieren — wo sie mit Verletzung der Menschenrechte barbarisch und grausam behandelt werden. So sind wir auch Denn sie sind Brüder im eigenen Bau, Sie webeii die eigene Wolle! Und wehen die Wetter auch bitter und rauh, Der eigene Himmel wird wieder blau, Und grün die eigene Scholle. Doch wir, wir Fremden und Armen zugleich, Wir können mit ihnen nicht wandern! Wir sind ja geduldet und sehnsuchtsbleich — Die Armen so fremd! Die Eignen so reichl Wir ,sind und bleiben die Andern! Und weiter, viel weiter ist unser Pfad Zum Glück und zum lachenden Lichte, Doch unsere Hoffnung, auch sie wird einst Tat . . . Drum ostwärts, vorwärts, Herzkamerad, Mit den Furchen im jungen Gesichte! Beda. jetzt mit den Kroaten gegangen und haben sie offen unterstützt. Wir werden es immer so tun, wenn sie im Rechte sein werden. Es war eine vollständig verfehlte Politik der Juden, immer mit dem Starken zu gehen. Das tat die ältere Generation der assimilatorischen Politiker, die wir auch darum bekämpfen. Die Politik, die wir inaugurieren, heißt: Wir gehen mit den Gerechten. Es ist meine innerste Ueberzeugung, und ich finde nicht genug Worte, um ihr Ausdruck zu geben: Diejenigen Juden, die gegen die Resolution Sustersic gemeinschaftlich mit Geßmann und Liechtenstein gestimmt haben, haben einer schlechten Sache einen Dienst geleistet. Nie darf unsere Hilfe den Bedrückern geboten werden. Nie. Und wenn es uns nützen sollte —erst recht nicht. Henkersdienste zu leisten — ist unmenschlich. Sie für Belohnung zu leisten — unjüdisch. Wir appellieren an die öffentliche Meinung aller Völker, aller Konfessionen, sie mögen uns zu unserem Lande, zu unseren nationalen Rechten verhelfen. Der Appell kann nur dann von Wirkung sein, wenn auch wir den Minoritäten helfen. Ich glaube, ich habe klar und deutlich unsere Stellungnahme geschildert und es würde mich freuen, wenn die kroatische öffentliche Meinung uns richtig begreifen und unseren berechtigten Forderungen ihre für uns so wichtige und wertvolle Sympathie und Unterstützung entgegenbringen würde.“ Die Entjudung in den Allianceschulen. - Kein Geld für Hebräisch! In neuester Zeit ist die „Alliance israelite“ sehr nervös geworden. Herr Kommerzienrat Goldberger leistete sich auf der deutschen Jahresversammlung den bekannten unerhörten Ausfall gegen die Zionisten, und auch der eben erschienene Jahresbericht der Alliance zeigt, daß man gegen dieselben sehr empfindllich geworden ist. Während früher über ihre Beschwerden mit souverainer Verachtung hinweggegangen wurde, fand es im abgelaufenen Jahre die Alliance für notwendig, eine eigene Kommission zur Inspizierung ihrer Schulen in den Orient zu entsenden, um die Vorwürfe der Zionisten zu entkräften, welche behaupten, daß die Zöglinge dieser Anstalten zu Franzosen erzogen und entjudet werden und daß — in natürlicher Konsequenz — der hebräischen Sprache in den Schulen der Alliance zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. So zogen die Rabbiner Dr. Porges-Leipzig und Dr. Levi-Paris aus und inspizierten fleißig die Anstalten der Alliance. Ihr Bericht liegt nun vor. Man weiß wirklich nicht, ob man ihn ernst nehmen oder als direkt bestellt ansehen soll. Vor allem: Mit welchem Rechte verkündet der „objektive" Sachverständige Prinzipien wie das folgende: „Die Alliance, als solche im Dienste des jüdisch-religiösen Gedankens stehend, kann nicht und wird sich nicht dazu hergeben, dem jüdischnationalen Gedanken Vorspann zu leisten.“ So etwas darf die Generalversammlung deklarieren, nicht aber ein Mann, der als unparteiischer Sachverständiger zur Inspektion entsendet wurde. Uebrigens sei nebenbei bemerkt, daß im Statut der Alliance kein Wort davon steht, daß die Vereinigung eine religiöse Grundlage hat. In der Sache selbst gibt es wohl keine größere Verdrehung, als die, welche sich der Herr Sachverständige leistet. Nachdem Hebräisch die Mutter- und Verkehrssprache der jungen Generation Palästinas ist, in welchen die Schüler auch in den Kindergärten bis zum 6. Lebensjahr erzogen werden, so ist es sowohl vom praktischen, als auch vom pädagogischen Standpunkt — vom nationalen ganz abgesehen — zumindest ein Widersinn, die Kinder vom 6. Jahre an ausschließlich in einer fremden Sprache zu unterrichten, und sie so ihren Eltern, ihrem Volk, ihrem Heimatland zu entfremden, sie zu Franzosen, anstatt zu Juden zu erziehen. Die natürliche Folge davon ist, daß die Abiturienten sich als Franzosen fühlen, nicht mehr in Palästina bleiben wollen, sondern nach Absolvierung ihrer Studien auswandern. Die Allianceschulen sind Verbreiter französischen, nicht jüdischen Geistes, das hat erst kürzlich Anatole Leroy-Beaulieu in der „Revue de deux mondes“ geschildert, als er die Forderung der hebräischen Unterrichtssprache mit dem Argument bekämpfte, daß mit deren Einführung ein gut Teil französischen Einflusses im Orient schwinden würde. Herr Dr. Porges leistet sich aber die Behauptung, daß die Zöglinge, falls sie in Paläsina ihr Brot nicht fänden und zur Auswanderunggezwungen wären, im Ausland nicht fortkommen konnten, Wenn sie nicht in französischer Sprache erzogen würden 1 Die Verdrehung liegt auf der Hand: Zu diesem Zweck genügt es natürlich vollkommen, wenn die Kenntnis der französischen Sprache den Schülern im Sprachunterricht vermittelt wird. Der Auffassung des Dr. Porges nach müßten etwa die russischen Juden in englische Schulen gehen, um sie zur eventuellen Auswanderung nach Amerika vorzubereiten 1 Unsere Entjudung im Golus stammt daher, daß wir in,lichtjüdische, deutsche, französische etc. Schulen gehen müssen. Das wird nur schwer zu bessern sein. Wenn aber eine jüdische Organisation den Judenkindern in Palästina, wo hebräisch die Muttersprache geworden ist, französische Assimilationsschulen bietet, dann darf es nicht Wunder nehmen, wenn bei aller Anerkennung der Leistungen der Alliance für die geistige Hebung der orientalischen Juden, gegen sie die furchtbare Anklage erhoben wird, daß ihre Schulpolitik ein Verrat am jüdischen Volke ist. Leider ist unsere nationale Renaissancebewegung noch nicht stark genug, aber es kommt der Tag, wo die Entrüstung über das Vorgehen der Alliance so ungeheuere Dimensionen annehmen wird, daß der elementare Ausbruch der Volksleidenschaft mit unbezwingiicher Kraft die verbohrten Assimilanten und gewaltsamen Assimilatoren der Alliance zwingen wird, den Juden Palästinas jüdische Schulen an Stelle der französischen zu geben. Die antinationale Gesinnung der Alliance, die wir heftig bekämpfen müssen, können wir nicht einmal als ehrliche Ueberzeugung achten. Denn trotz der von ihr betriebenen „Exportassimilation“, weint sie bittere Tränen darüber, daß die Zöglinge, die sie am liebsten an die Scholle binden möchte, auswandern! Wahrlich eine solche Unaufrichtigkeit muß jeden ehrlichen Menschen mit Zorn und Entrüstung erfüllen. Die Zöglinge wandern aus, weil die Alliance sie nicht an die Scholle bindet. Man denke, abgesehen von der Erziehung der Kinder zu Franzosen, an die Ackerbauschule Mikweh Israel: Die Sache der jüdischen Kolonisation Palästinas stockt wegen des Mangels ausgebildeter jüdischer Landwirte. Die Alliance aber schickt die Abiturienten ihrer palästinensischen Ackerbauschule nach Kanada und Argentinien! Die Tränen, die sie darüber vergießt, daß sie dazu „gezwungen“ ist, sind wahre Krokodilstränen. Die Alliance ist mit der I. C. A. auf’s engste liiert, die I. C. A. — das gesteht die Alliance in ihrem heurigen Jahresberichte selbst zu — bietet den Zöglingen Land in Palästina zur Pacht an, und da soll ein Mensch glauben, daß die Zöglinge, wenn die Alliance wollte und sie ein bischen unterstützte, zur Auswanderung gezwungen wären! Nach diesen Leistungen des Dr. Porges, dieses gehorsamen Dieners der Alliance, muß es Wunder nehmen, daß er sich doch dazu aufrafft, in einem wichtigen Punkte den bösen Zionisten Recht zu geben. Er sagt über den hebräischen Unterricht in den Allianceschulen: „Die Zionisten, die sich wiederholt bei uns beklagten, daß der hebräiche Unterricht an vielen unserer Schulen im Zuschnitt verdorben, inseinerMethode verfehlt und verkehrt sei, haben in diesem Punkte unstreitig recht.“ Wie fürchterlich verlottert muß dieser Unterricht sein, wenn ein solcher Beurteiler einer derart scharfen Kritik beipflichtet! Aber er entschuldigt sofort die Alliance: sie könne viele nicht anstellen, „die das Hebräische vorzüglich zu unterteilten imstande wären“, weil diese vielen nicht jüdisch-religiös sind und in der hebräischen Sprache nicht sowohl ein Mittel religiöser Vertiefung, als vielmehr ein Mittel nationaler Erhebung sehen! Also jüdischnationale Gesinnung ist ein Ausschließungsgrund für Lehrer der hebräischen Sprache an jüdischen Schulen in Palästina! Abscheulicher können Juden wirklich schon nicht mehr gegen das eigene Volk wüten, als diese sogenannte Israelitische Weltallianz es tut. Dr. Porges sagt weiter, daß die Umgestaltung des hebräischen Unterrichtes zu viel kosten würde! Kein Geld für Hebräisch! Das ist der Weisheit letzter Schluß! Bei einem Ausgabenbudget von fast 2 Millionen Francs kann die Alliance an den 7 oder 8