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Jüdische Zeitung · 1909-06-18 · 25 (18.6.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 In der letzten Generalversammlung der deutschen Alliance brach der Vorsitzende der Versammlung die Alliance-Tradition, das heißt etwa nicht, daß er einen neuen Kurs angekündigt, Gott behüte! — aber er wahrte nicht einmal die Form, sondern griff den „Hilfsverein der deutschen Juden“ und die Zionisten in plumper Weise an, indem er direkt Tatsachen entstellte. Der Angriff des Vorsitzenden wurde selbstverständlich vom Zentralkomitee der zionistischen Vereinigung in Deutschland gebührend zurückgewiesen. Interessant ist es, was das bedeutendste Organ der russischen Juden, der nichtzionistische „F r a j n d“ über die „Alliance“ und speziell über die letzte Generalversammlung schreibt: „Es ist bekannt, daß wir uns nie für die Wohltaten unserer Stammesgenossen (aus der Alliance) im Interesse ihrer Glaubensgenossen begeistert haben. Wir sind ihrem Treiben kühl gegenüber gestanden, weil in ihren Werken nie ein Zusammenklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung, für welche sie etwas taten, zu bemerken war. Sie haben sich hie um die staatsbürgerlichen und nationalen Wünsche der Juden, welche sie mit ihren „Wohltaten beglückten“, gekümmert. Man hat nie in ihrer Arbeit Zielsicherheit und Willen beobachten können und man wußte daher nicht, was die Leute eigentlich wollen. Die Systemlosigkeit der Pariser kleinen Gesellschaft mit dem großen, volltönenden Namen, „Alle Juden sind Brüder“, äußerte sich in ihren Filialen in ganz Westeuropa. Oft haben wir uns Vorwürfe gemacht und uns in Gedanken gefragt: „Vielleicht haben sie doch Ideen und Ziele?“ Unsere Selbstvorwürfe waren überflüssig, denn die guten Leute haben öffentlich bekannt, daß sie selbst keine Ahnung davon haben, was sie wollen. Vorige Woche fand in Berlin die Generalversammlung der deutschen Alliance statt. Und auf dieser Versammlung wurde so deutlich — wie nie zuvor — die ganze politische und jüdischnationale Weisheit der Gesellschaft enthüllt. Der Vorsitzende hob besonders hervor, daß die Tätigkeit der Alliance von der Hamidischen Regierung nie erschwert wurde, „weil sich die Alliance immer bemüht habe, die jüdischen Kinder zu guten Ottomanen zu erziehen.“ Daß ein „guter Ottomane“ aus Adul Hamids Zeiten heute bereits ein Reaktionär und Gegner des jetzigen Regimes ist, ficht die Alliance nicht an. Sie versteht es eben das Mäntelchen nach dem Winde zu hängen; denn nach freimütigem Geständnis „hat sie nicht wie eine ausländische, sondern wie eine inländische Gesellschaft gearbeitet“, das heißt, sie hat sich nie um die inneren Angelegenheiten gekümmert. „Unser Hauptaugenmerk, war das Wohl der ottomanischen Juden“, heißt es im Berichte. Daß das Wohl der ottomanischen Juden vielleicht darin bestehen könnte, daß ihre Söhne gute Juden werden — gute Bürger werden sie in der Folge — fällt der Alliance gar nicht ein. Sie hat ihren Grundsatz: Juden in Deutschland sind Deutsche, in Frankreich Franzosen und in der Türkei — Türken. Wenn gegenwärtig in den Alliance-Schulen auf das Hebräische größeres Gewicht gelegt wird, so geschieht das — die Alliance entschuldigt sich — gewiß nicht aus nationalen Gründen, sondern darum, weil die türkischen Juden, trotzdem sie echte Türken sind, der „jüdischen Konfession“ angehören. So sieht die nationale Arbeit der Alliance aus. Und nun eine Probe ihrer politischen Weisheit. Im Berichte des Vorsitzenden heißt es: „Als die Zionisten Propaganda für ihre Ideen zu machen begannen, da hat die Alliance sofort erkannt, welche Gefahr für die türkischen Juden darin liegt.“ Weiter: „Die Tatsachen haben bewiesen, daß die Alliance Recht hatte.“ Man muß wirklich über diese Weisheit staunen! Man kann mit den Zionisten hoffen, daß sich alle an Palästina geknüpften Hoffnungen erfüllen werden, man kann diese Hoffnungen nicht teilen — gewiß ist es, daß die Zionisten demjudentum in der Türkei und in Palästina größeren Nutzen gebracht haben als alle „Alliancen“ zusammengenommen. Behaupten, daß die zionistische Propaganda das türkische Judentum in Gefahr gebracht, ist ziemlich stark! Dazu gehört reiche Phantasie und Unverfrorenheit. Die zweite Behauptung des Vorsitzenden, „daß durch die Neuordnung in der Türkei die Hoffnungen der Zionisten auf Erfolg in Palästina zerstört wurden,“ ist auch nur als Ausfluß von Einbildung und Hartnäckigkeit — möglich. Ob man die Hoffnungen, welche die Zionisten auf die Jungtürken setzen, teilt oder nicht: man muß zugeben, daß sich die Lage für den Zionismus um vieles gebessert hat. Zumindest ist doch die Kolonisation Palästinas bedeutend erleichtert worden. Wenn die Politiker der Alliance die Gefahren wahrzunehmen glaubten, müßten sie ihren Irrtum eingestehen. Denn die Gefahren haben sich jetzt doch — wofern sie einmal bestanden haben — verringert. Die Alliance-Leute sehen aber nur das, was sie sehen wollen. Kein Wunder, daß die Gesellschaft auch weiterhin dasselbe Tohuwabohu und Chaos wie früher darstellen wird.“ Dieser trefflichen Charakteristik der Alliance und ihrer letzten Versammlung haben wir nichts hinzuzufügen. Parteinachrichten. Der „Jüdische Klub“. Die Abstimmung des „Jüdischen Klubs“ in der Frage der Bosnischen Agrarbank hat in der Oeffentlichkeit Zustimmung gefunden. Diese Abstimmung war ein Beweis der freiheitlichen und prinzipientreuen Politik der jüdischnationalen Parlamentsvertretung. In der letzten Zeit hat Abgeordneter Dr. Gabel mehrere Interpellationen eingebracht, welche sich mit verschiedenen konkreten Fällen von Bedrückungen der Juden befassen. Abgeordneter Dr. Straucher brachte mehrere, auf Bukowinaer Verhältnisse bezügliche Anträge ein. In der Debatte über die Finanzreform kam der „Jüdische Klub“ wegen Annahme des Antrages auf Schluß der Debatte nicht zum Worte. In der am 14. d. stattgefundenen Obmännerkonferenz führte Abgeordneter Dr. Straucher über die Praxis der Majoritätsparteien, die Abgeordneten der kleineren Verbände um ihr Recht der Meinungsäußerung zu bringen, Beschwerde. Er verlangte für die kleineren Parteien eine größere Redezeit, damit auch sie zum Worte kommen können. Die Ausführungen des Abgeordneten Dr. Straucher wurden wie gewöhnlich von der liberalen Wiener Presse entstellt oder verschwiegen. Allen voran ging wie gewöhnlich die „Arbeiter-Zeitung“. * * * Der „Jüdische Klub“ beim Ministerpräsidenten Bienerth. Freitag den 12. Juni d. J. wurden die Abgeordneten Dr. Strauch e r und Stand vom Ministerpräsidenten Baron Bienerth zu einer Konferenz eingeladen, in welcher hauptsächlich die Frage der Vertretung der Juden im bosnischen Landtage zur Sprache gelangte. Außerdem brachten unsere Abgeordneten die Wünsche und Beschwerden der jüdischen Bevölkerung vor. Es sei bemerkt, daß die von den Abgeordneten erhobenen Forderungen vornehmlich konkreter Art waren und das Ergebnis eingehender Beratungen im „Jüdischen Klub“ und im „Jüdischen Nationalverein“ darstellen. * . * Jüdischer Nationalverein für Oesterreich. Am Freitag den 11. d. M. hielt der Ausschuß eine Sitzung ab, welcher sämtliche Mitglieder des „Jüdischen Klub“ beiwohnten. Der Obmann des Klubs, Abgeordneter Dr. S t r a u c h e r, besprach in ausführlicher Weise die Tätigkeit des Klubs im Parlamente, seine Stellung zur Regierung und den Parteien und die Verhältnisse im Klub selbst Auch über den Stand der Frage des Wahlrechtes der bosnischen Juden erstattete er ausführlichen Bericht. Der Klub arbeitet unablässig an der Lösung dieser Frage und ist eine gedeihliche Entwicklung der Angelegenheit zu erwarten. Abgeordneter Stand referierte über den Kampf um das Reichsratsmandat in Bobrka. Es wurde mit Befriedigung konstatiert, daß die vom „Jüdischen Klub“ betriebene Politik den Intentionen des jüdischen Nationalismus völlig entspricht und der Beschluß gefaßt, die galizischen Gesinnungsgenossen im Wahlkampfe nach Kräften zu unterstützen. * * * Vom Arbeitsausschuß mähr.-schles. Ferialverbindungen. Der diesjährige Studententag der mähr.-schles. Studentenschaft findet anfangs September in L e i pn i k statt. Anmeldung von Referaten bis 10. Juli bei med. Rosner, VIII., Alserstraße 7, Tür 32. * * * Abituriententag 1909. Wie bereits früher angekündigt wurde, findet im Oktober d. J. im Saale des Hotel „Central“, Wien, ein Abituriententag statt. Die zum Vortrage gelangenden Referate umfassen unter anderem die Themen: 1. Die Strömungen im modernen Judentum; 2. Die Aufgaben des jüdischen Akademikers. Im Interesse des Gelingens der Veranstaltung ergeht an alle Gesinnungsgenossen der Appell, Namen und Adressen der Abiturienten, ihre Heimatsstädte, ehestens bekanntgeben zu wollen. Zuschriften sind zu richten an die akad. Verbindung „Kadimah“, Wien, IX., Porzellangasse 36. * . * Berlin. Der geschäftsführende Ausschuß des Zentralkomitees der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ hat in seiner Sitzung vom 7. Juni die folgende Resolution gefaßt: Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland weist die von Herrn Geheimrat Goldberger in der Generalversammlung der Alliance Israelite Universelle getanen Aeusserungen über den Zionismus mit Entrüstung zurück. Das Zentralkomitee spricht sein Befremden darüber aus, daß eine an einen verantwortlichen Platz in einer großen jüdischen Organisation gestellte Persönlichkeit ein derartiges Fehlen an Sachkenntnis in der Frage des Verhältnisses der Zionisten zur türkischen Regierung und Bevölkerung aufweist und so völlig den Charakter der türkischen Juden verkennt. Der in der Kundgebung der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I. U. hervortretende Mängel an Verantwortlichkeitsgefühl wirkt umso bedauerlicher, als gerade die A. I. U. nach ihrer Vergangenheit und ihrem Namen berufen sein sollte, die gesamtjüdischen Interessen zu pflegen. Wenn statt dessen in einem Geschäftsbericht des Vorsitzenden über die Wirksamkeit der eigenen Gesellschaft lediglich das Trennende betont und das Empfinden zahlreicher Mitglieder, die zugleich anderen großen jüdischen Organisationen angehören, verletzt wird, so muß dieses Vorgehen als ein Versuch erscheinen, andere jüdische Organisationen zu Gunsten der eigenen in ihrem Besitzstände zu schädigen. Wir sind überzeugt, daß ein derartiger Versuch, das friedliche Zusammenarbeiten der jüdischen Organisationen zu stören, in der Geschichte der A. I. U. vereinzelt bleiben wird. Der IV. Jüdische Tumtag. Berlin. Vorige Woche fand in Berlin der IV. Jüdische Turntag statt, dessen schöner Verlauf ein Beweis für den Aufschwung der Turnbewegung unter den Juden ist. Sowohl der turnerische Teil der Veranstaltung, als auch der Turntag boten ein Bild von dem Ernst und der Liebe der jüdischen Turner für die Bewegung. Ueber den Turntag liegt uns folgender Bericht vor: Dr. Arndt eröffnete die Tagung. Er wies auf die Erfolge der jüdischen Turnbewegung in der fetzten Zeit hin. Die Bewegung hat sich territorial ausgedehnt; in manchen Ländern, wo bisher keine jüdischen Turnvereine existierten, sind jetzt solche gegründet worden; in anderen ist die Zahl der Vereine und die der Vereinsmitglieder wesentlich gestiegen. Auch qualitativ ist die jüdische Turnbewegung bedeutend gewachsen und befestigt worden. Viel erhofft der Redner von der Turnbewegung in Palästina, die von dem in Berlin ausgebildeten Turnlehrer Orlow organisiert wurde und geleitet wird. Dieser arbeitet jetzt im Aufträge des Zentralausschusses an einem Leitfaden für die Kommandosprache im Hebräischen. Der Redner besprach den Zusammenhang zwischen der jüdischen Turnbewegung und dem Zionismus. Daruuf wurde der Kassenbericht erstattet, der in Einnahmen und Ausgaben mit Mark 3962.13 abschließt. Nach dem von Dr. Zirker darauf verlesenen Bericht des Präsenz-Ausschusses beteiligten sich an

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