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Jüdische Zeitung · 1909-06-18 · 25 (18.6.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Passivität in den inneren nationalen Streitigkeiten predigen können. Viel schwächer noch aber war die Haltung der Majorität, gegenüber der m israch istisch e n (orthodoxen) Gruppe, deren Angriff auf das hebräische Gymnasium in Jaffa ihre Unterstützung fand. In der Aktionskomiteesitzung vom 15. März ist für alle Zukunft festgestellt worden, daß das Gymnasium in religiösen Fragen neutral bleibt Dies entspricht der programmatischen Haltung des Zionismus und wenn die Misrachisten darüber hinausgehende Forderungen erheben, so sind diese von den nichtorthodoxen Zionisten zurückzuweisen. Die ungarischen Gesinnungsgenossen haben noch geringe Parteierfahrung und wissen anscheinend nicht, daß die Tätigkeit der Misrachi in unserer Organisation meist darin besteht, Proteste zu erheben und Forderungen geltend zu machen, welche darauf hinauslaufen, den Zionismus zum Diener der Orthodoxie zu machen. Sie in diesem Begehren unterstützen, heißt die Neutralität des Zionismus in religiösen Fragen, welche die Vorbedingung für seine Existenz und seinen rein nationalen Charakter ist, untergraben. * * * Z a n g w i 11 s Projekte für eine Kolonisation der Ito in M e s o p o t a m i e n erfahren nicht nur von den Zionisten heftige Zurückweisungen, sondern werden auch von Fachmännern als utopisch bezeichnet. Uebereinstimmend wird die Unsicherheit der Gegend hervorgehoben. So entschiedene Gegner der Itobewegung wir auch sind, müssen wir doch betonen, daß durch den Ausbau der Bagdadbahn sich die Sicherheitsverhältnisse in Mesopotamien gründlich bessern werden, wie das Beispiel der Mekkabahn für das Ostjordanland zeigt. Allerdings ist bei dem heftigen Widerstand Englands gegen den Bau der Bahn durch deutsches Kapital nicht abzusehen, wann dieser einmal vollendet sein wird. * * ♦ Aus Palästina kommt die hocherfreuliche Kunde, daß sich die Kolonien auf Anregung des zionistischen Palästinaamtes endlich organisiert haben. Auf der ersten Generalversammlung der Kolonien (24. April d. J.) wurde als Zweck der Vereinigung die Verbesserung und Hebung der ökono- .mischen, kulturellen und politischen Lage bezeichnet -und ein 17 gliederiger Rat gewählt. Dieser Zusammenschluß der Kolonien wird sehr viel dazu beitragen, den Juden in Palästina eine mächtige Position zu verschaffen. Ein weiteres erfreuliches Zeichen der einigen- -den Macht, welche der nationaljüdischen Bewegung innewohnt, ist die Organisation der jüdischen Gemeinde in Jaffa. Die alte, schier unüberbrückbare Divergenz zwischen Sephardim und A s c h k e n a s i m ist in der Jaffaer Gemeinde verschwunden. Hoffentlich wirkt dieses Beispiel auch auf die Juden Jerusalems, die zwei Drittel der Einwohnerschaft der Stadt bilden, aber infolge ihrer Zersplitterung ohne Einfluß auf deren Verwaltung sind. Aus dem jüdischen Leben. Eine interessante Versammlung. Prag. (Orig.-Korr.) Donnerstag, den 3. Juni hatte die tschechische Realistenpartei eine Versammlung im Weinberger Narodni düm mit dem Thema: Die tschechisch-jüdische Frage“ einberufen, bei der Reichsratsabgeordneter Prof. Masaryk sprechen sollte, aber nicht sprach, dafür aber der vom Freidenkerkongreß her und ob seiner wissenschaftlichen Tätigkeit geschätzte Universitätsprofessor Dr. Fr. K r ej £ i in ungemein interessanter Weise zum Zionismus und zur Assimilation Stellung nahm. Er betrachtet das Assimilationsstreben als u n e t h i s c h, weil es seine ethische Pflicht ist, an der eigenen Nationalität festzuhalten. Und weil ferner der Bestand der jüdischen Nation auch in Westeuropa nicht zu leugnen ist. In der schärfsten Weise nahm der Redner Stellung gegen das Renegatentum, das aus diesen oder jenen Motiven sich das Recht anmaßt, sich frei eine neue Nationalität zu wählen. Wenn P a 1 a c k y sagt, daß selbst der Zigeuner die Pflicht habe, seinem Stamme treu zu bleiben, so gilt das sicher nicht in geringerem Grade von dem JÜDISCHE ZEITUNG. Volke, das Männer wie Moses, Jesus und Spinoza hervorgebracht hat und sich sicher nicht schwach fühlen soll. Eine ethische Assimilationsbestrebung ist undenkbar, weil die ethische Pflicht verbietet, die eigene Persönlichkeit zu negieren. Und für eine vollzogene Assimilation wären die Grundlagen gewesen: Kulturlosigkeit, respektive Mangel einer gewissen Bildung und dann vor allem die Taufe. Denn die Religion ist bei den Juden ein Produkt der Nationalität. Zum Schluß versicherte der Redner nochmals die Zionisten seiner Sympathien. In der nachfolgenden Debatte suchten die tschechischen Assimilanten dem Herrn Professor der Logik und Ethik zu beweisen, daß er weder logisch noch, ethisch gesprochen habe. Man wird verstehen, daß es ihnen nicht gelungen ist. * * .* Jüdische Freiwillige für die osmanische Armee. Konstantinopel. Dieser Tage wurden aus Beirut Anfragen von ausländischen Juden an das Informationsbureau des Odessaer Komitees gerichtet, ob der Eintritt als Volontäre in die türkische Armee auch ihnen gestattet werden würde. Auf diese Anfrage vermochte das Armeekommando noch keine bestimmte Antwort zu erteilen, da sich weder das Kriegsministerium noch die Kammer mit dieser speziellen Frage bisher befaßt haben. * * * Militärdienst der Nichtmohammedaner in der Türkei. Konstantinopel. Der Oberkommandierende der Armee, General Mahmud Scheiket Pascha, hat den Oberhäuptern der Nichtmohämmedaner einen Takrir über den Beginn des Militärdienstes zukommen lassen. Es sollen bis zum Inkrafttreten des Gesetzes, das jetzt der Kammer vorliegt, Freiwillige in der Gendarmerie und der Armee aufgenommen werden. Für diese kommt das Alter von 19—25 Jahren in Betracht Sie müssen ebenso lange dienen, wie die ausgehobenen Rekruten dieses Jahres. Diejenigen, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, bedürfen der Zustimmung ihrer Eltern. Die Einstellung in die verschiedenen Waffengattungen -erfolgt je nach der Eignung. * ' * * Eine judenreine Jubiläumsfeier. Poltawa. Die bevorstehende Zweihundertjahrfeier der Schlacht bei Poltawa, die als großes Nationalfest in Anwesenheit der kaiserlichen Familie mit großem Pomp vor sich gehen wird, dürfte den hiesigen Juden noch länge in trauriger Erinnerung bleiben. Aus Anlaß dieser Feier sind nämlich mehr als tausend Juden von hier ausgewiesen worden. Sämtliche in der Kurakinskagasse, der Festzugsstraße, wohnhaften Juden mußten die Stadt verlassen, „dam^t sie die Prozession mit ihren Blicken nicht entweihen.“ — Die Ausgewiesenen sind in eine verzweifelte Lage geraten, weil sie wegen des bekannten Verbots sich auch nicht aufs Land begeben können und deshalb nicht wissen, wo sie sich bis zum Abschluß der Festlichkeiten aufhalten sollen. * * * Das Schächtverbot in Finnland. Helsingfors. Im Aufträge der Rabbinerkonferenz in Wilna hatte der Petersburger Rabbiner Katzenellenbogen eine längere Unterredung mit dem Generalgouverneur von Finnland, Beckmann, wegen Aufhebung des Schächtverbots in diesem Land. Der Generalgouverneur bekundete seine Sympathie gegenüber den Wünschen des Rabbiners und erklärte ihm, das Schächtverbot werde im finnländischen Landtag beraten werden, dann werde er sich beim Zaren in dieser Angelegenheit zu Gunsten der Juden verwenden. * * * Pogrome sind im Anzug. Ismail. (Bessarabien). Aus Ismail erhält die „Jüdische Zeitung“ folgendes Schreiben: „Ich habe aus sicherer Quelle erfahren, daß in letzter Zeit unter direkter Förderung der Regierung von einem Archipresbyter eine fieberhaftePogromagitation entfaltet wird. In den nächsten Tagen soll in Poltawa eine Zusammenkunft der echtrussischen Leute statfinden, in welcher man über den Termin der Pogrome schlüssig werden soll. Der Archipresbyter fordert die echtrussischen Verbändler auf, sich be¬ Nr. 25 reit zu halten, da die Pogrome in einigen Wochen gleichzeitig in ganz Rußland inszeniert werden sollen. Vorläufig werden an die Hooligans Waffen verteilt! Die Angaben des Einsenders verdienen um so mehr Glauben, als in den letzten Tagen viel von den Plänen des echtrussischen Verbandes, welcher durch einen großen Putsch die Konstitution abschaffen will, zu lesen war. Auch für den Fall, daß die Nachricht nichts als ein unkontrollierbares Gerücht wäre, so ist die Entstehung dieses Gerüchtes ein entsetzlicher Beweis von der beständigen Angst, in welcher die russischen Juden leben. S. B. T. * * * Eine internatinnale Konferenz zur Regelung der Auswanderung. Washington. Der italienische Gesandte in Washington legte der amerikanischen Regierung ein Memorandum vor, in welchem die Einberufung einer internationalen Konferenz zwecks Beratung über die Emigrationsfragen angeregt wird. Das Memorandum, welches von der amerikanischen Regierung günstig aufgenommen wurde, schlägt vor, da es sowohl die Immigrationsals auch die Emigrationsländer an der Konferenz vertreten sein sollen. Die Konferenz wird wahrscheinlich schon im Herbste dieses Jahres stattfinden. Es ist überflüssig beizufügen, daß diese Konferenz für die Juden, die den stärksten Perzentsatz zur Emigration stellen, von außerordentlicher Bedeutung werden kann. * * * Die „Judenfreundlichkeit“ der europäischen Großmächte. Newyork. Das amerikanische Ministerium des Aeußern hat soeben eine Sammlung von Dokumenten betreffend den Anteil der amerikanischen Diplomatie an der denkwürdigen Marokkokonferenz veröffentlicht. Aus diesen Dokumenten geht hervor, daß die Delegierten der Vereinigten Staaten in der Konferenz auch die J u d e n f r a g e zur Diskussion stellten und im Namen ihrer Regierung die Forderung vorlegten, daß in das Marokko-Abkommen ein Punkt aufgenommen werde, wonach den Juden volle Gleichberechtigung zugesichert wird. Dieser Antrag wurde jedoch atage 1 e h n t. Die Konferenz einigte sich blos dahin, daß der Wunsch ausgesprochen werde, daß die Juden in Marokko in Hinkunft eine bessere Behandlung erfahren mögen. Aus den Dokumenten ist ferner ersichtlich, daß die amerikanischen Delegierten, die sich anfangs mit allem Nachdrucke für die Gleichberechtigung der marokkanischen Juden eingesetzt hatten, schließlich diese Forderung selbst fallen ließen. Diese Wendung wird damit erklärt, daß die englischen und französischen Diplomaten auf ihre amerikanischen Kollegen einwirkten und sie baten, die Frage fallen zu lassen, um durch das „Aufwerfen nebensächlicher Fragen“ nicht die Hauptsache zu gefährden. Ueberdies versicherten die englischen und französischen Delegierten, daß die judenfeindlichen Gesetze im Marokko mehr auf dem Papier, als in der Praxis bestünden. Die Verlogenheit ist einfach beispiellos, da es ja allgemein bekannt ist, daß die marokkanischen Juden den entsetzlichsten Bedrückungen ausgesetzt sind. Ein Urteil über die „Alliance“ und ihre antinationale Tätigkeit. Die Alliance israelite universelle ist die Hochburg der Assimilation. Liberale Gschaftlhuberei, falscher Humanitätsdusel und verlogenes Phrasengetön, welche durch die Macht der Tatsachen aus dem öffentlichen jüdischen Leben verdrängt wurden, haben ihre Zufluchtsstätte in dieser „altehrwürdigen“ verzopften Institution, die allen „Neuerungen abhold ist“, gefunden. Die Gewalthaber des Bundes scheuen gewöhnlich den frischfröhlichen Kampf mit den modernen Ideen und gefallen sich nach dem Brauch von anno dazumal in salbungsvollen Verleumdungen, hinterlistigen Angriffen und diplomatischen Lügen. Sie bemühten sich gewöhnlich die Form zu wahren, so daß man diesen aalglatten Judenversorgern nicht recht an den Leib rücken konnte.

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