Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 haben beschlossen für den jüdischnational enKändidaten zu stimmen. Im „Djilo“ dem Hauptorgan der ukrainischen Partei war ein Aufruf abgedruckt, in welchem die ruthenischen Wähler aufgefortert wurden, für den Z i on i s t e n ihre Stimmen abzugeben. Es ist gewiß, daß am Entscheidungstage alle freiheitlichen Elemente geschlossen für den zionistischen Kandidaten eintreten werden. Die Mitglieder des „Jüdischen Klubs“ werden in den nächsten Tagen in den Wahlbezirk reisen, um in die Agitation einzugreifen. Mehrere ruthenische Abgeordnete aus Galizien haben ihre Unterstützung versprochen. Am Samstag den 12. und Sonntag den 13. d. M. fanden im Wahlbezirke zwölf große Wählerversammlungen statt, in welchen die besten zionistischen Redner das Programm entwickelten. Alle Versammlungen nahmen einen günstigen Verlauf. Die Hauptarbeit wird aber erst in den letzten Tagen geleistet werden müssen. Es ist fast überflüßig darauf hinzuweisen, welche Bedeutung diese Wahl für die zionistische Partei, im besonderen für das gesamte jüdische Volk in Galizien hat. Wir empfinden es jetzt als selbstverständlich, daß wir im Parlamente eine wahre jüdische Vertretung besitzen, daß die Regierung gezwungen ist, sich für jüdische Fragen zu interessieren und daß von der Parlamentstribüne aus jüdische Forderungen aufgestellt werden. Vor wenigen Jahren noch waren die Juden das Aschenbrödel der österreichischen Politik. Vor wenigen Jahren noch waren Hausjuden und Assimilationsisraeliten die einzigen „Vertreter“ des jüdischen Volkes. Dank der jüdischnationalen Politik haben sich die Verhältnisse gründlich geändert. Die öffentliche Meinung ist aufgeklärt, die Assimilationslüge gründlich aufgedekt worden. Leiden irgendwo in ganz Oesterreich Juden in ihrer Eigenschaft als Juden und Staatsbürger, so erheben die jüdisch-nationalen Abgeordneten Protest dagegen und verhindern in vielen Fällen Verunglimpfungen der jüdischen Ehre und Bedrückungen der jüdischen Staatsbürger. Doch ist kaum der Anfang der Aufklärungsarbeit gemacht. Je mehr Mitglieder der „Jüdische Klub“ haben wird, desto leichter und desto besser wird er im Dienste des Vofkes arbeiten können. Durch Wahlschwindel und Repressalien sind vie le unserer bewährten und tüchtigsten Gesinnungsgenossen vor zwei Jahren zu Fall gebracht worden. Es ist daher eine Pflicht der jüdischen Wähler im 34. galizischen Wahlbezirke durch die Wahl eines unserer tüchtigsten und bewährtesten Gesinnungsgenossen, des Dr. Gerson Zipper diesen Schaden teilweise gut zu machen. * * * Eine fatale Widmung. Die öffentliche Meinung, soweit sie den famosen Abgeordneten der Judenstadt Göding, den sattsam bekannten und getauften Dr. Redlich betrifft, fängt nachgerade an ungeteilt zu werden. Vielleicht mit Ausnahme einiger, der Firma Redlich Freilich wurde er und mit ihm wurden viele andere jüdische Studenten mit allen Ehren bestattet ... Schwermut beschleicht einen bei der Schilderung eines Begräbnisses der Märzgefallenen Etwas abseits bei den zwei rohen fichtenen Särgen, die die Leichen der gefallenen Juden enthielten, stand der Rabbiner im schwarzen Ornat, der zu zögern schien. Da trat ein wohlbeleibter katholischer Priester im weißen Chorhemd auf ihn zu und bat ihn, sich ihm anzuschließen, um denen, die für die Freiheit gefallen, die letzte Ehre zu erweisen ... Und man erlebte bald das Schauspiel, daß ein katholischer Priester und ein Rabbiner nebeneinander hinter den Särgen herschritten. Freilich war das ein ergreifendes Schauspiel. Aber — Nein! Wir wollen nicht nach den Früchten jener Kämpfe unserer Intelligenz fragen, wir wollen aus der Geschichte lernen. Wo es um die höchsten Güter der Menschheit geht, wird man uns stets in den ersten Reihen sehen. Wir dürfen aber nicht der eigenen Brüder vergessen. Ihnen vor allem soll unser Leben geweiht sein. Vielleicht kommen wir so näher der Freiheit, die ich meine . .. JÜDISCHE ZEITUNG. wirtschaftlich attachierter Agenten und Makler, wird es wohl wenige geben, die die ungeheure „Schmieg- und Biegsamkeit“ und edle „Dreistigkeit“ dieses christlichsozialen Hausjuden nicht voll zu würdigen wissen. Es ist fast schon überflüssig, den Charaktereigenschaften dieses Volkstribunen nachzugehen. Er hat uns schon solche Ueberraschungen geboten, daß er sich schwerlich noch wird übertrumpfen können. Im übrigen liegt schon seit längerer Zeit ein umfassendes Urteil über Redlich vor, gefällt von einem seiner Freunde. Der bekannte Schriftsteller und Nichtjude Hermann Ba h r hat ein aufsehenerregendes Werk über Wien verfaßt. Auf der zweiten Seite steht groß geschrieben: „Gewidmet meinem lieben Freunde Dr. Redlich.“ In diesem Buche ist folgende Stelle enthalten : „Wie zur ganzen Tradition auch das Tun der reformierten feetauften) Juden stimmt. Es konnte sich nirgends besser entfalten. Nirgends als in der Stadt jener das Leben nur träumenden Barocke und diese außerhalb der Wirklichkeit erfundenen Liberalismus kann es üppiger gedeihen. Alle Bedingungen sind da. Der Wiener scheint wirklich nur noch auf den entwurzeltenjuden gewartet z u h a b e n. In diesem vollendet sich seine Geschichte. Der wirkliche Jude hat keine Macht über die Wiener Stadt. Leider. Sie könnte seinen Fleiß, die Betriebsamkeit, den Lebensernst brauchen. Aber gegen ihn hat sie sich immer gewehrt. Das Tüchtigste, das Große, die Kraft des Judentums mag sie nicht. Aber derjude, der es nicht mehr sein will, der Verräter seiner Rasse, der sie verläßt, der Schauspieler einer fremden, ist ihr verwandt. Das Künstliche dieser ausgerissenen Existenzen, die, von aller Vergangenheit entleert, gierig sind, sich jede Gegenwart, jede Zukunft einzupumpen, die nur Schale sind, die sich täglich anders aufblasen, gar nichts zu sein, aber alles zu scheinen fähig, hat den Wiener immer mehr verlockt. Erfindet an ihnen sich selbst. Wenn man das Wort so nimmt, kann man sagen, daß er durch und durch verjudet ist. Er war es schon, bevor noch der erste Jude kam.“ Oh, ahnungsloser Hermann Bahr! Aerger kann man dem Renegaten nicht über die Schnauze fahren, als du es tatest, ausgerechnet unter der Widmung: „Meinem lieben Freunde Dr. Josef Redlich!“ Wir gönnen deinem „Freunderl“ diese Widmung aus vollem Herzen! * * * Unverschämte Betteleien. „Euer Hochwohlgeboren! Zu unserem aufrichtigen Bedauern vermissen wir in den Mitgliederlisten unserer Ortsgruppe Ihren werten Namen. Wir gestatten uns demnach Euer H. zum Eintritte in den ältesten deutschen Schutzverein — den Deutschen Schulverein — höflichst einzuladen.“ — Um den Adressaten aber auch weitere Möglichkeiten des Blechens zu bieten, wird noch folgendes Formular beigeschlossen: „An den Deutschen Schulverein! Ich verpflichte mich hiemit für mich und meine Erben, für die von Peter Rosegger angeregte Sammlung „2000 K 2,000.000“ zum Zwecke der Erbauung deutscher Schulen an der Sprachgrenze 2000 K zu widmen und diesen Betrag an den Deutschen Schulverein auszuzahlen, wenn bis Ende des Jahres 1910 tausend Zeichnungen von je 2000 K erfolgt sind.“ — Mit diesen famosen Zuschriften wurden in letzter Zeit die Juden in ganz Oesterreich beglückt. Als Absender sind unterschrieben u. a. die christlichsoziale Hetzorganisation „Bundder christlichen Deutschen in der Bukowina, weiters die bestbekannten Antisemiten Silvester, Hoffmann v. Wellenhof, Weidenhoffer, kurz alle politischen Größen, die seinerzeit für den Antrag S c h m i d, der auf Ausschließung der Judenkinder aus den Mittelschulen lautete, gestimmt haben. Ueber die Unverfrorenheit und Charakterlosigkeit deutscher Männer, welche den Juden in der infamsten Weise bekämpfen, um ihn nachher demütig anzuschnorren, braucht man nicht viel Worte zu verlieren. Die deutsch¬ Seite 3 österreichische Parteigeschichte der letzten Jahre diese Geschichte der ärgsten politischen Prostitution, bietet eine Fülle derartiger Vorkomnisse. Wohl aber muß das Verhalten der Juden diesen Helden gegenüber immer und immer wieder besprochen werden. Wenn auch erfreulicher Weise konstatiert werden kann, daß der jüdische Zuzug zum „Deutschen Schulverein“ nachgelassen hat und auch die Lust, sich an deutschen Trutzaktionen aktiv zu beteiligen, so gibt es immer noch Juden, besonders in der mährischen und böhmischen Provinz, die teils aus alter Gewohnheit, teils aus Unverstand, ihre Person und ihr Geld in den Dienst unserer ärgsten Feinde stellen. Und das, trotzdem die Dinge so weit gediehen und so augenfällig sind, daß heute der Austritt aus dieser, vom antisemitischen Geiste beseelten Organisation für die Juden nicht mehr in Frage einer bestimmten politischen Ueberzeugung, sondern einfach ein Gebot der Anständigkeit ist. Die jüdische Gesellschaft muß zur Selbsthilfe greifen und alle diejenigen, die dieses Gebot außer Acht lassen, entfernen. Einem Juden gegenüber, der, wenn auch indirekt mithilft, jüdische Kinder aus den Schulen zu jagen, antisemitische Parteizwecke und eine nationale „Jugendbildung“ zu fördern, die uns Feinde erzieht, einem solchen Juden gegenüber ist die Anwendung der schärfsten gesellschaftlichen Maßnahmen am Platze. Zionistische Wochenschau. Die Verschiebung des IX. Kongresses auf den Monat Dezember hat in der zionistischen Oeffentiichkeit große Mißstimmung erregt. Es werden Stimmen laut, daß diese Maßnahme hauptsächlich dazu getroffen wurde, um der Opposition, die sich namentlich aus Rußland und.Galizien rekrutiert, das zahlreiche Erscheinen unmöglich zu machen. Zweifellos ist die Verschiebung des Kongresses eine Maßnahme, die nur durch besonders zwingende Gründe gerechtfertigt werden könnte. Die Erwägung, daß momentan die Verhältnisse in der Türkei ungeklärt sind, kann im allgemeinen nicht als ein solcher Grund angesehen werden, denn bis Dezember wird sich daran wenig ändern. Nur wenn mit dem Abwarten erzielt würde — und das ist wohl sehr zweifelhaft — daß der Kongreß innerhalb der Türkei, etwa in Konstantinopel oder Saloniki stattfinden könnte, wäre die Verschiebung bis Dezember gerechtfertigt. Es verlautet aber — allerdings noch unverbürgt — daß als Kongreßort Hamburg gewählt wurde. Wenn dies richtig wäre, so würde Präsident Wolffsohn sehr schwere Vorwürfe zu erdulden haben. Denn die Wahl dieses Ortes würde erst recht als Versuch der Knebelung der Opposition erscheinen. Denn nach Hamburg könnten wohl nur wenige russische und österreichische Delegierte kommen. Die westösterreichische Organisation hat im Verein mit der galizischen, den Wunsch ausgesprochen, daß der Kongreß in der Nähe Oesterreichs und Rußlands stattfinden möge. Hoffentlich wird das Enge Aktionskomitee diesem berechtigten Verlangen nachkommen und damit jene Vorwürfe zum Schweigen bringen. * * * Die Zionisten Ungarns können mit großer Befriedigung auf ihre letzte Landeskonferenz zurückblicken: In den letzten zwei Jahren hat die Arbeit des Budapest er Komitees reiche Früchte getragen und die zionistische Bewegung ist in Ungarn überraschend stark geworden. Mit Wehmut muß man der vergeblichen Anstrengungen gedenken, die H e r z 1 seinerzeit in dem Lande seiner Geburt gemacht hat. Hätte er am letzten ungarischen Zionistentag zugegen sein können, dann hätte er über die Stärke der ungarischen Organisation eine gewiß besondere Genugtuung empfunden. Leider haben aber die Verhandlungen des Tages auch gezeigt, daß die junge Partei sich noch nicht frei von Halbheiten und Opportunismus halten kann. Die Resolution gegen eine jüdischnationale Politik mag noch hingehen, da die Entfaltung einer solchen für die junge Partei unter den momentanen politischen Verhältnissen in Ungarn vielleicht katastrophal sein könnte. Haben sich doch auch in Oesterreich erst nach einer jahrzehntelangen Antisemitenherrschaft in Gesellschaft und Politik und nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes die Zionisten aktiv nationalpolitisch betätigt. Immerhin hätte die zionistische Partei Ungarns den Juden