Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 25 anlage auch weniger Bemittelten möglich. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß in Oesterreich zumindest 5000 Aktien in kürzester Zeit plaziert werden können, falls die Lokalorganisationen ihre Pflicht tun! Das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich hat soeben einen Aufruf für die Zeichnung der Aktien erlassen, die Sammelstelle des jüdischen Nationalfonds in Wien nimmt dieZeichnungen entgegen. Das Prinzip, jüdische Kapitalien in jüdische Unternehmungen anzulegen, wird und muß sich immer mehr durchringen, je mehr jüdische Institutionen geschaffen werden, welche, wie Volksvorschußkassen, Banken etc., bei streng geschäftlichem Charakter berufen sind, zur Hebung der Lage der jüdischen Massen beizutragen. Ein solches Institut im besten Sinne des Wortes ist die Anglo-Palestine Cy. Sie ist die Hauptstütze der Arbeit für die jüdische Zukunft. Sie zu stärken ist die wichtigste Aufgabe des Augenblicks. Darum rufen wir allen guten Juden zu: Zeichnet Aktien der Anglo-Palestine Company! Werbet für Aktien in Eurem Freundeskreis! Stärkt das Arbeitskapital des jüdischen Volkes! Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Die ungarländische orthodoxe Landeskanzlei gegen die Galizianer. Die hierortigen offiziellen jüdischen Kreise beider Parteien legen ein derartig schroff ablehnendes Verhalten gegen die galizischen Juden an den Tag, daß es sogar bei Assimilanten Entrüstung hervorruft. Der beste Beweis hiefür ist ein jüngst in „Ost und West“, dem offiziellen Organ der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle erschienenen Artikel, in welchem dieses Treiben des ungarischen Juden einer scharfen Kritik unterzogen wird. Man kann sich vorstellen, wie es mit der Sache bestellt ist, wenn sich die durch und durch assimilatorisch gesinnten Alliance veranlaßt fühlt, Einspruch zu erheben. — Erst voriges Jahr, als die Zionisten bei den Kultuswahlen in Kassa einen glänzenden Sieg davontrugen, hat die unterlegene Partei beim Unterrichtsminister mit der Motivierung Protest eingebracht, daß auch Galizianer an der Wahl teilgenommen haben. Der Minister indessen, ließ den Protest dem Kassaer Bürgermeister zur weiteren Erledigung zugehen, der die ganze Angelegenheit — dem Papierkorb anvertraute. — Letzthin hat sich ein ähnlicher Fall ereignet. Die bei dem Homonnaer Kultuswahlen unterlegene Partei hat beim Ministerium gegen die Stimmberechtigung Der Großhändler Mosch-Eskeles, ein feiner, vornehmer, sehr sympathischer Abkömmling der stolzen spanischen Juden, mit einem empfindlichen Gewissen, wohlhabend, opfert insgeheim sein halbes Einkommen wohltätigen Zwecken und spielt als Freund der Jugend bei allen christlichen Familien, wo er gerne verkehrt und gesehen wird, die Rolle des Onkels. Er liebt ein fein erzogenes Christenmädchen und wird vielleicht wiedergeliebt, unternimmt jedoch nichts, um eine Verbindung mit ihr einzugehen, da er sagt: „Ein Jude bleibt Jude. Und wenn er nicht gerade eine Jüdin findet . . .“ So bleibt er nur ihr Freund — als Hagestolz. Die große Zeit findet ihn aber klein. Noch kleiner, ja erbärmlich, erscheint uns ein anderer Typus: {Saphir, von dem jemand im Roman sagt: „Der alte Jud’ macht nach dem 13. März dieselben faden Witze, wie vordem 13. ln der Hinsicht ist die Revolution wirkungslos geblieben.“ Anders verhalten sich Leb Pinkas, Heinrich Spitzer und Adolf Fischhof. Von Leb Pinkas sagt Mießriegel: „Ein Mauschel, wie er im Buche steht“ Er, dessen Großvater ein Hausierer war, den die Leute auf dem Schottenfeld mit den Füßen traten, studiert und fristet als Advokatursschreiber ein elendes Dasein, weil ihm andere Berufe verschlossen sind. „Er schürt unter den trostlosen Arbeitern, ein freiwilliger, glühender Agitator. Hat er doch von nichtungarischer Bürger protestiert! Jedoch | bevor noch das Ministerium in dieser Angelegeni heit entscheiden konnte, hat sich die orthodoxe Landeskanzlei der von den bösen galizischen Juden unterjochten konfessionellen Nationsgenossen angenommen und nach Homonna einen Kommissär entsendet. Derselbe hat auf Grund eines Ministerialerlasses vom Jahre 1888, wonach angeblich ausländischen Juden das Kultuswahlrecht vorenthalten wird, von der Kanzlei die Weisung erhalten, im Sinne dieses Erlasses vorzugehen. Wir zweifeln daran, daß es einen solchen Erlaß gibt und wenn dies auch der Fall wäre, könnte das unjüdische und ungerechte Vorgehen der orthodoxen Landeskanzlei nicht scharf genug getadelt werden. Es ist ein Zeichen der Dekadenz, daß Juden, die selbst oder deren Väter aus Galizien eingewandert sind — und dies kann von der Hälfte der hier ansässigen Juden behauptet werden — ihre eigenen Volksgenossen entrechten wollen, weil sie um einige Jahre später eingewandert sind. Dies ist die Frucht der assimilatorischen Denkweise, welche in beiden Lagern — sowohl bei den Orthodoxen, wie bei den Neologen Wurzel gefaßt hat. Denn die Orthodoxen sind, was die Assimilation betrifft, um kein Jota besser, als die Neologen. Das magyarischnationale Gehaben der offizielen orthodoxen Kreise kann nur Ekel erregen. In der Orczyschen Synagoge in Budapest ist jeden Sabbath ein Orthodoxer zu sehen, der an seinem Tallith eine rot-weiß-grüne Borte trägt. Das ist das Symbol dieser Kreise. * * * Die Landeskonferenz. Der würdige Verlauf .der gutbesuchten zionistischen Landeskonferenz hat die zionistische Sache in Ungarn um ein guten Stück Weges weitergebracht Es könnte an den Details so manches ausgesetzt werden und insbesondere ist der Umstand auffallend, daß die geänderten Verhältnisse in der Türkei nur sehr wenig erörtert wurden; doch geschah dies rein zufällig, nachdem das Palästinareferat des Ing. Beregi zufolge eines Unfalles unterbleiben mußte. Die Einsetzung einer Palästinakommission ist jedoch der beste Beweis dafür, daß auch die ungarländischen Zionisten der Palästinaarbeit großes Verständnis entgegenbringen. Die Bezalelausstellung — deren Objekte fast ausverkauft wurden — hat sich eines besonderen Zuspruches erfreut und wurde nicht nur von Zionisten, sondern von Volksgenossen aller Schichten, ja sogar von Nichtjuden besucht. Die Tagespresse hat sehr objektive, mitunter sympathisierende Berichte gebracht. Das kann jedoch von der „israelitischen“ Presse nicht behauptet werden. Die orthodoxe „A11 g. J ü d. Zeitung“ brachte über die Sonntagsitzung ein in sympathisierendem Tone gehaltenen Artikel, in welchem sie die Bedeutung und Fortschritte unseier Organisation hervorhob. Tags darauf veröffentlicht dasselbe Blatt, anstatt den Bericht vom zweiten Verhandlungstag zu bringen, einen ganz gemeinen Angriff einer Umwälzung nichts zu fürchten und alles zu erhoffen. Dieser junge Jude mit Anzeichen von Kummer und Leidenschaft in den unsteten Augen, redete von der Schmach, die man den Juden auf Schritt und Tritt zufügte und forderte Glaubensfreiheit mit dem Hinweis darauf, daß die Juden zur europäischen Völkerfamilie gehören.“ „Und die Zuhörer stimmten ihm zu, wenn er mit Emphase ausrief: „Das ist dunkelstes Mittelalter — eine Schande für Oesterreich.“ Heute fände ein Leb Pinkas nicht einmal diese ideale Zustimmung. Es hat sich eben manches geändert — und doch nicht geändert. Doch kehren wir zu jener Zeit zurück, wo wenigstens noch tausend Hoffnungen keimten, wo wahre demokratisch e Gesinnung die stürmischen Herzen erfüllte. Eine Leuchte der Demokratie war D r. Adolf F i s c h h o f. Leider unterläßt es der Dichter, seinen ungeheuren aktiven Anteil an der damaligen Bewegung ausführlich zu schildern. Wir sehen nicht die Phasen der geistigen Kämpfe, wie sie dieser Heros ausfocht, wir hören nicht die flammenden Reden dieses redegewaltigen Führers. Einmal nur blitzt seine Erscheinung auf. Charakteristisch ist der Vergleich, bezeichnend sind die Worte, mit denen ihn Ertl einführt: „Wie der Geist Gottes über dem Gewässer, auf die Bewegung. Schade nur, daß demselben allzusehr die Spuren eines Winkes „von oben“ seitens der heiligen orthodoxen Landeskanzlei anzusehen sind, sonst könnte man das loyale Vorgehen dieses sogenannten „unabhängigen“ Blattes einem Fehlgriffe zuschreiben. Das offizielle Sprechrohr des assimilanten Protzjudentums, das „Egyen 1 ö's.eg“, kann sein Aergernis über den gelungenen Verlauf der Konferenz nicht verschlucken. Er erklärte nochmals feierlich, daß es in Ungarn mit Ausnahme einiger unreifer Jünglinge überhaupt keine Zionisten gäbe, trotzdem fühlt es sich veranlasst, der Konferenz an erster Stelle des Blattes vier Spalten zu widmen. Wie schmerzt es ihn nun, daß nichtjüdische Politiker der Idee ein wohlwollendes Interesse entgegenbringen. „Sie wurden von den Zionisten irregeführt, so auch die Hauptstadt Budapest, die nicht weiß, was Zionismus ist und demzufolge den Prunksaal des Rathauses den Zionisten zur Verfügung stellte. Dies ist der Beweis dafür, daß kein redlicher ungarischer Jude Zionist ist, denn weder die. jüdische Gemeinde, noch die Chewrah-Kadischah .hätte ihnen ihre Räume überlassen.“ Dann folgte eine ganze Reihe von Verunglimpfungen schlimmster Sorte, die nichts anderes als eine regelrechte Denunziation sind. Mauschel ist in seinem Element: er .denunziert. Er ballt die Faust und will Hand in Hand mit der antisemitisch-klerikalen Volkspartei die Aufmerksamkeit auf die antipatriotische, nach dem Auslande gravitierenden Zionisten aufrufen, die es wagen, für ihr Volk zu arbeiten und nicht gewillt sind, der zersetzenden Tätigkeit der Kahalgrößen, diesen furchtsamen Golusjuden, zuzustimmen. Alles vergebens! Die zionistische Idee hat in Ungarn tiefe Wurzel gefaßt. Die israelitischen „Mosserer“ werden ihren Sieg gewiß nicht vereiteln können. B. Rundschau. Die Reichsratsersatzwahl in Galizien. Wir haben schon in der vorigen Nummer berichtet, daß die Kandidatur unseres Gesinnungsgenossen Dr. Gerson Zipper von der jüdischen Bevölkerung des Wahlbezirkes Böbrka sehr günstig aufgenommen wurde. In allen Versammlungen, welche bis jetzt stattfanden, erklärten sich die jüdischen Wähler einstimmig für den zionistischen Kandidaten und fasten diesbezügliche Resolutionen. In jedem Wahlorte bildeten sich sofort jüdische Wahlkomitees, welchen Wähler aus allen Gesellschaftsklassen beitraten. Merkwürdig ist, daß sich sogar die Kahalinks und Propinatoren, sonst heftige Gegner der Zionisten, ganz ruhig verhalten und der selbstständigen Kandidatur freundlich gegenüberstehen. Im ganzen Lande macht sich für die Wahlagitation starkes Interesse geltend. Aus allen Städten fliessen Spenden für den Wahlfond ein. Die Agitation nimmt einen sehr guten Verlauf. Die Ruthenen —————— | so schwebte ein bärtiger junger Mann über der I Menschenmenge. Er warf die Hände in die Luft, weil er zu der Menge redete, hochgehoben auf den Schultern von Studenten. Ab und zu trug die Luft ein Schlagwort herüber: Preßfreiheit! Volksvertretung! Glaubensfreiheit! Der Geist Gottes tauchte nieder... Stürmisch dröhnte der Beifall. Man verlangte nach dem Namen. Da tauchte er empor. Stille trat ein, und man hörte ihn sagen: „Das Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte, aber ich sage mit Hutten: Ich hab’sgewagt, ich, Dr. Adolf Fischhof.“ Welch theatralisches Auftreten, durch einen ironischen Verkleinerer gesehen! Aber auch welche Größe! Diese zeitgemäße Anpassung an die Umgebung! Das Schwungvolle, Pathetische in diesem 'Manne! Aus all dem erklärt sich seine fabelhaft hinreißende Wirkung. Doch was nützten all die Begeisterung, all der Idealismus und der aufstürmende Kampf? Die Kanonen hallten in den Straßen Wiens, Soldaten wüteten gegen Studenten und Bürger. Und wer fiel als Vorkämpfer für die Freiheit? Ein Jude. Heinrich Spitzer, der Heldenjüngling mit den abstehenden Ohren erlitt am 13. März in der Herrengasse als erster den Opfertod. Freilich war dann sein Bild in allen Auslagen zu sehen, mit schwungvollen Gedichten.