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Jüdische Zeitung · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 24 völligen Abzahlung) jedem Kolonisten Boden im Werte von zirka 4000—5000 Franken (250 Dunam); der Agrarfond kreditiert jedem Kolonisten: für das Hausund Stall ungefähr 3500 - 4000 Francs und für bewegliches Inventar 2000 Francs. Der Kolonist muß 1000 -1500 Francs mitbringen. Nur in Ausnahmefällen bekommt der Kolonist auch diese Summe kreditiert. Auf diese Weise könnte das Zusammenwirken beider Organisationen — der I. C. A. und der zionistischen sich harmonisch gestalten, wobei der Bodenkauf vollständig der I. C. A. überlassen werden müßte, was aus vielen Ursachen, die hier zu besprechen, uns zu weit führen würde, gerade wünschenswert ist Ihre Administration in Palästina verfügt auch über die notwendige Erfahrung. Auf diese Weise wäre das Risiko auf ein Minimum reduziert, denn der größte Teil des Kredits ist ja Realkredit: Boden, Haus, Ställe und totes Inventar verschwinden ja nicht. Es ist möglich, daß ein gewisser Prozentsatz der Kolonisten sich später als untauglich erweist, aber an jedem einzelnen würden wir sehr wenig verlieren, besonders wenn man in der Regel darauf besteht, daß der Kolonist einige Mittel (1000 — 1500 Francs) mitbringt Beginnt aber der Agrarfonds praktische zu Arbeit leisten, dann wächst im jüdischen Publikum das Zutrauen zu ihm und wenn er auch keine große Dividende bringen wird. Mit dem wachsenden Zutrauen werden auch seine Mittel wachsen. Denn — seien wir ganz offen — das große jüdische Publikum ist wohl nicht zionistisch, aber wenn wir positive Kolonisationsarbeit leisten werden, wird es uns seine Hilfe nicht versagen. Das ist meine innigste Ueberzeugung, und zwar in Bezug auf die Juden aller Länder. Die Initiative muß von uns ergriffen werden: die anderen werden nachfolgen. Und nach Jahren, wenn in Palästina eine solide jüdische Bauernklasse mit einer größeren Anzahl von landwirtschaftlichen Arbeitern vorhanden sein wird, erst dann werden sich jüdische Gutsbesitzer aus eigener Initiative ansässig machen: dann werden sie aber auch jüdische Arbeiter verwenden können und müssen, aus rein ökonomischen Rücksichten. Und für eine Agrarbank mit dem großen Kapital mag die kommende Generation sorgen. Jedenfalls kann man uns einwenden, daß wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Und wenn die I. C. A. mit uns nicht mitarbeiten will, wenn sie den Kolonisten den Boden nicht kreditierten will? So ganz aus der Luft ist unsere Voraussetzung nicht gegriffen. Wir haben Gründe genug, um unseren Plan für realisierbar zu halten. Aber gesetzt den Fall, für jetzt sei unsere Voraussetzung falsch. Da müssen wir Folgendes bemerken: Man hat bei uns viel von Diplomatie gesprochen. Nun, die wichtigste Diplomatie, die wir jetzt brauchen, ist die jüdische, das ist die sich innerhalb des Judentums selbst entfaltet und die den Zweck verfolgen soll, die verschiedenen jüdischen Organisationen einander näher zu bringen — nicht auf dem Gebiete der Prinzipien und der Theorien, sondern auf . dem der lebendigen und positiven Arbeit Dieser Zweck ist erreichbar, wenn man nicht mit leeren Deklarationen, sondern mit wirklichen Arbeitsplänen kommen wird. Und unter den jetzigen Umständen ist wohl eine solche friedfertige Verständigung möglich. Nur muß die Sache richtig angepackt werden, wobei wir den ersten Schritt tun müssen. Aber gesetzt den Fall, trotz allem ginge die Sache nicht und die L C. A. will mit uns absolut nicht Zusammenarbeiten. Da werden keine Proteste und keine Unterschriften helfen, wie manche Hitzköpfe glauben. Auch da kann nur die schaffende Tat Hilfe bringen. In diesem Falle wird der von uns zu schaffende Agrarfonds allein dem Kolonisten den ganzen Kredit geben müssen. Selbstverständlich wird dadurch seine Arbeit in etwas langsameren Tempo geschehen müssen, aber der Arbeitsplan und die Entwicklungsrichtung bleiben dieselben. Statt 200 Kolonisten würde der Agrarfonds vorläufig nur 100 Kolonisten einrichten, aber moralisch wird der Erfolg mit den Hundert Kolonisten ebenso wirken, wie derjenige mit Zweihundert Und die Zusammenarbeit mit der I. C. A. wäre also nur die Frage von einigen Jahren. Später oder früher müssen unsere Wege auf kolonisatorischem Gebiete Zusammentreffen. Das ist geschichtlich unvermeidlich und mag man sich jetzt dagegen beiderseits sträuben. Also an dem Wesen und den Zielen des Agrarfonds ändert sich nichts, wenn auch unsere Voraussetzung von einem harmonischen Mitwirken der I. C.A. nicht eintrifft. Unser Arbeitsplan bleibt derselbe: einen Agrarfonds schaffen, die landwirtschaftliche Kolonisation beginnen, die Vereinigung aller jüdischen Organisationen auf dem Gebiete dieser praktischen Tätigkeit anzustreben. Deshalb haben wir darauf bestanden, daß noch bis zum 9. Kongreß ein Agrarfond geschaffen werden soll. Und wäre unsere Zentralleitung auf der Höhe ihrer Aufgabe, hätte sie die Stimmung der Juden, speziell in Rußland, während der letzten Monate auszunutzen verstanden, so würde sie keine Einschläferungskommissionen gewählt haben, sondern sie hätte Geld gesammelt. Und vielleicht hätte sie eine solche Summe gesammelt, die dem bevorstehenden Kongreß die Möglichkeit bieten könnte, nicht über Theorien, sondern über einen praktischen Arbeitsplan zu diskutieren und sofort zurTat überzugehen. Vor lauter Vorsicht hat unsere Leitung geschwiegen. Das kann und muß repariert werden, und wenn wir darum den Kongreß für noch einige Monate verschieben müßten. Kehren wir zur Sache zurück. Da haben wir noch einen sehr wichtigen Punkt zu besprechen: die Vorbereitung von arbeitsfähigen Kolonisten. Denn das ist im Grunde genommen der wichtigste Punkt. Es handelt sich um die Arbeiterfrage in Palästina. Wer mit den Verhältnissen vertraut ist, mit der Tätigkeit der I.C.A. in Galiläa in den letzten 3—4 Jahren, mit den Klagen und Forderungen des „Hapoel-Hazoer“, weiß, daß das gerade die brennendste Frage ist. Wie verwandelt man den Ghettojuden in einen erfahrenen palästinensischen Landwirt? Denn davon hängt der Erfolg des Agrarfonds ab, der ja nicht dazu dienen soll, künstlich jüdische Gutsbesitzer in Palästina zu züchten, sondern der schon fertigen jüdischen Bauern den Kredit verschaffen soll, sich ansässig zu machen. Diese Frage ist so wichtig, daß wir sie genauer besprechen müssen. Das soll im folgenden Artikel geschehen. Parteinachrichten. Die Reichsratsersatzwahlen in Galizien. Das Zentralkomitee der galizischen Zionisten hat in einem der erledigten Wahlkreise eine zionistische Kandidatur aufgestellt. Der offizielle, in den Parteiblättem veröffentlichte Wahlaufruf lautet folgendermaßen: Juden! Wähler! Gemäß dem Verlangen der j&dischen Wähler des 34. galizischen Wahlbezirkes und im Einverständnis mit dem Jüdischen Klub und den Vertrauensmännern des Wahlbezirkes hat das Zentralkomitee der galizischen Zionisten einstimmig beschlossen, im Wahlbezirke Böbrka—Burztyn— Rozdöl—Zydaczöw—Bolszowce den Gesinnungsgenossen Dr. Gerson Zipper, Advokat in Lemberg, zu kandidieren. Gesinnungsgenosse Dr. Zipper hat die Kandidatur angenommen. Jüdische Wähler! Wir sind uns der Verantwortlichkeit, die wir durch Aufstellung einer selbstständigen Kandidatur auf uns laden, sowie der Be deutung, welche der Ausgang der kommenden Wahl für die politische Arbeit unseres Volkes in der Zukunft haben wird, vollkommen bewußt. Die Schwierigkeiten, mit welchen wir in der bevorstehenden Wahl zu kämpfen haben werden, sind uns genau bekannt; wir sind aber sicher, daß die jüdischen Wähler des Wahlbezirkes Böbrka—Bolszowce ihre Pflicht erkennen und unsere jüdische Kandidatur unterstützen werden. Es handelt sich um einen jüdischen Wahlbezirk, welchen wir für den noch so geringen nationalen Besitzstand der jüdischen Bevölkerung erobern müssen. Jüdische Wähler! Wir wenden uns an Euch in diesem ernsten Augenblicke mit der Aufforderung, Euch dessen bewußt zu sein, daß die Blicke aller galizischen Juden auf Euch gerichtet sind und daß die Ehre des jüdischen Volkes und der zionistischen Partei in Euren Händen liegt. Wir hoffen, daß die ganze jüdische Bevölkerung in Galizien mit Rücksicht auf den ernsten und für unsere Arbeit wichtigen Kampf unsere Kandidatur im Wahlbezirk Böbrka moralisch und materiell unterstützen wird. Unterstützet uns in diesem Kampfe und wir siegen! Das Präsidium des Zentralkomitees der galizischen Zionisten: Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Präsident, Dr. Michael Ringel, Vizepräsident. Die Proklamierung dieser Kandidatur hat allerseits Anklang gefunden. Die zionistische Partei hat einem lauten Wunsche der jüdischen Bevölkerung Rechnung getragen und nun hängt es in erster Linie von der Agitation ab, ob das Mandat erobert wird. Der Anfang läßt erwarten, daß die Partei alle Kräfte aufbieten wird, einen Erfolg zu erringen. Vorläufig fanden Sonntag den 6. Juni im Wahlbezirke 5 Wählerversammlungen statt. In Bolszowce sprach Dr. M. Ringel, in Böbrka Dr. P. Pordes, in Bursztyn Dr. D. Malz und Dr. St. Löwenherz, in Rozdöl Dr. A. Freilich und in Zydaczöw Dr. Wurzel und Dr. J. Schneider. Interessant ist, daß prinzipiell beschlossen wurde, im ganzen Wahlkampfe das zionistische Moment ungleich stärker als während der Reichsratswahlen im Jahre 1907 zu betonen. Die Agitation wird sich also nicht im Zeichen der rein jüdisch-nationalen, sondern der zionistischen Idee vollziehen und der zionistischen Partei für jeden Fall, ob der Wahlsieg gewonnen wird oder nicht, erheblichen Nutzen bringen. Zum Todestage Herzls. Ein ernster Mahnruf ergeht an Euch, Ihr jüdischen Brüder und Schwestern, die Ihr das zionistische Ideal im Herzen traget, beim Herannahen des 5. Todestages unseres unvergeßlichen Theodor Herzl. Mit mächtigen Schritten hat sich in den letzten Jahren unsere Idee ihren Zielen genähert. Fast in allen Kreisen, die sich für die Lösung der Judenfrage oder auch nur Linderung des Judenelends interessieren, hat sich die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß nur der jüdische Orient dauernde Hilfe zu bringen vermag. Zionistische und nichtzionistische Organisationen entfalten im Lande unserer Väter eine größere Tätigkeit als je zuvor. Und mit grandioser Majestät ist nun auch die Sonne der Freiheit am Horizont des osmanischen Reiches emporgestiegen, und bald wird sie mit ihren wärmenden Strahlen auch unser Werk in Palästina in seinem Wachstum fördern und zur Blüte bringen. Unserem verewigten Führer war es nicht vergönnt, diesen Umschwung zu erleben. Auf seinem dornenvollen Wege waren ihm Enttäuschungen ohne Zahl beschieden. Aber einer Empfindung fühlte er sich stets sicher: der dankbaren Liebe aller derer, denen er zu einem hoffnungsvollen Ideal verholfen, die er eine befreiende Idee gelehrt, denen er einen herrlichen Ausweg gewiesen aus der furchtbaren Lage, in der unser Volk im Golus seufzt. Nicht mit Worten wollen wir ihm danken. In ernster Stunde muß das jüdische Volk seinen ernsten Willen zur Tat bekunden. Es muß seine ganze Kraft dafür einsetzen, den Moment zu nutzen. Und daß der Aufgaben, die unser harren, nicht wenige sind, daß wir für vielerlei zionistische Zwecke an Eure Opferwilligkeit appelieren müssen, ist Euch bekannt. Heute aber, vor unseres Herzls Todestage, sollen wir eine Palästinaspende darbringen, die zugleich eine Ehrung des großen Mannes in sich schließt. Seit Jahren werden Spenden zur Pflanzung eines Herzlwaldes gesammelt, der 100.000 Bäume umfassen soll, und noch heute ist nicht der fünfte Teil dieser Pflanzung gesichert. Hätte ein jeder von Euch seine Pflicht getan, hätte ein jeder zu Ehren des großen Mannes, wenn auch nur ein-

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