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Jüdische Zeitung · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG. Vor der Wahl eines Dumaabgeordneten. Wilna. Wir stehen hier jetzt vor der Wahl eines neuen Dumaabgeordneten. Es ist keine Nachwahl nach sonstigen parlamentarischen Begriffen; der hiesige Abgeordnete Koljubakin ist weder gestorben, noch hat er sein Mandat niedergelegt — sondern ist auf Wunsch der Regierung von der Duma selbst ausgeschlossen worden. Es ist also eine spezifisch russische Nachwahl, Koljubakin hat sich nämlich erdreistet, vor seinen Wählern über die politische und parlamentarische Lage zu referieren, wobei er für die Regierung wenigSchmeichelhaftes zu sagen wußte. Ein solcher Deputierter gehört wirklich nicht in die dritte Duma. Wir stehen nun also vor einem neuen Wahlkampf. Höchstwahrscheinlich wird dieser abermals mit dem Sieg der Kadetten enden, für die vor allem die hiesigen jüdischen Wähler eintreten werden. Diese wünschen, und mit Recht, daß ein Jude als Kandidat von den Kadetten aufgestellt wird, mit der Begründung, daß Wilna eine überwiegend jüdische Bevölkerung hat und daß die Juden von allen Nationalitäten in Rußland in der Duma am schlechtesten vertreten sind. Als den geeignetsten Kandidaten schlagen die jüdischen Wähler den bekannten Rechtsanwalt Grusenberg vor, der zu den bedeutendsten Juristen des Landes und den mutigsten und temperamentvollsten Kämpfern für die Sache der Freiheit gehört. Die Kadetten sollen, wie verlautet, den früheren Landwirtschaftsminister und Abgeordneteu der zweiten Duma, Kuttler, als Kandidaten für den hiesigen Wahlkreis in Aussicht genommen haben. Nun ist an und für sich gegen Kuttler nichts einzuwenden, da er sich besonders als gründlicher Fachmann auf dem Gebiete der Agrarfragen einen Namen gemacht hat. Die Agrarfrage spielt jedoch in der dritten Duma keine nennenswerte Rolle. Die Großgrundbesitzer haben in ihr das absolute Uebergewicht und geben dieser Frage die ihnen erwünschte Lösung. Die Opposition in dieser Duma kann nichts Positives erreichen, sondern lediglich durch rückhaltlose Kritik der Regierungsmethoden wirken. Gerade hierzu ist aber Grusenberg wie selten ein Zweiter geeignet. Von besonderer Wichtigkeit wäre er in der Duma für die Juden. Es wird sich nun., bald zeigen, ob die Kadetten noch ein wenig Gerechtigkeitssinn und Pflichtbewußtsein gegenüber den entrechteten Juden empfinden. Die Annahme oder Ablehnung der Kandidatur Grusenberg wird ein Prüfstein dafür sein. * * * Emigration nach Palästina. Odessa. In den letzten Wochen sind 58 Juden aus den Gouvernements Bessarabien, Warschau, Grodno, Irkutsk, Kiew, Minsk, Petersburg, Pietrikau, PIocz, Podolin etc. via Odessa nach Palästina ausgewandert — darunter 45 Männer und 13 Frauen. An Vermögen besaßen von diesen Personen einer 40.000 Rucel, einer 10.000 Rubel, drei je 6000 Rubel, einer 5000 Rubel, vier je 3000 Rubel und zwei je 2000 Rubel. Von Beruf waren elf Handwerker, zwei Landarbeiter,, die übrigen Kaufleute. * * * Gefahr für die Juden Odessas. Odessa. Die reaktionären Mitglieder der hiesigen Stadtduma wollen in der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag einbringen, die Regierung zu ersuchen, die Stadt Odessa aus dem jüdischen Ansiedlungsrayon auszuscheiden und sämtliche Juden aus Odessa auszuweisen. Die hiesige Stadtduma wird jetzt bekanntlich vollständig von den „echten Russen“ beherrscht und würde kein Bedenken tragen, einem solchen Vorschlag, der viele Tausende von Juden heimatlos machen würde, zuzustimmen. * * * Ausweisungen ohne Ende. Jekaterinoslaw. Sämtliche Juden in den Dörfern des Gouvernements Jekaterinoslaw haben von der Administration eine kurzfristige Ausweisungsordre erhalten. Sie haben sich darauf an die Zentralregierung in Petersburg mit der Bitte gewendet, ihnen den Termin zum Verlassen ihrer Wohnstätten zu verlängern, damit sie in der Lage seien, ihre Geschäfte zu ordnen und ihre Immobilien zu verkaufen. Ihr Gesuch wurde jedoch abschlägig beschielten. Und so sind sie nun gezwungen, ihre langjährigen Heimsitze und ihr Hab und Gut zu verlassen und. den Wanderstab zu ergreifen. Ein jüdisches Volkshaus in Lemberg. Lemberg. Der Verein „Tikwath-Zion“ plant die Errichtung eines großen jüdischen Volkshauses, das eine Synagoge, einen großen Saal für Vereinsversammlungen und Räume für ein jüdisches Theater umfassen soll. Es sind bereits größere Beträge für diesen Zweck gespendet worden. * * * Armenischer Antisemitismus. Konstantinopel. Die armenische Zeitung „Sagig“ veröffentlichte vor kurzem unter der Ueberschrift „Der Chachambaschi“ einen regelrechten Hetz- und Schandartikel gegen die Juden. Der „Burlon“, eine hiesige spaniolisch-jüdische Zeitung, hatte diesen Artikel vollinhaltlich abgedruckt und in gebührender Weise beleuchtet. Hierauf sandte der Redakteur des armenischen Blattes, wahrscheinlich durch Furcht vor gerichtlicher Verfolgung oder vernünftige Zurede von seiten maßgebender armenischer Kreise bewogen, an alle hiesigen jüdischen Blätter eine Entschuldigung. Er schützte Krankheit und Abwesenheit von den redaktionellen Geschäften vor und versprach, demnächst in seiner Zeitung ausdrücklich zu widerrufen. Die jüdische Presse reproduzierte diesen Brief und wartete auf den Widerruf. Dieser ist aber bis dato ausgeblieben. Infolgedessen sah sich der Mischlisch veranlaßt, sich dieser Angelegenheit anzunehmen; er hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, gegen den bezeichneten Redakteur vorzugehen. * e * Judenverfolgungen in Persien. Teheran. In Kirmanschah in Persien ist das Judenviertel ausgeraubt worden. Den Vorwand bot die Ausstreuung, daß ein „Seyed“, das ist ein von Ali abstammender Priester, im Dienste eines Juden stehend, von diesem mißhandelt und zu Tode geprügelt sei. Es war kein Wort davon wahr, aber es reichte aus, eine regelrechte und vollständige Ausplünderung des Judenviertels herbeizuführen Die Konsuln, an der Spitze der englische Konsul, haben die Abberufung des Gouverneurs verlangt, der nichts getan hatte, um die Plünderung hintanzuhalten. Der englische Konsul besteht auch unbedingt auf Entschädigung der Beraubten. Die Alliance Israelite Universelle, von den Unglücklichen um Hilf angegangen, hat sofort telegraphisch 6000 Francs für die erste Hilfeleistung nach Kirmanschah überwiesen. Die nächsten Aufgaben. Von Dr. D. P a s m a n i k. I. Es ist für Jedermann klar, daß der Zionismus nicht mechanisch auf einmal, sondern nur stufenweise verwirklicht werden kann und muß. Das einzig Positive, das bis jetst von der Zionistischen Organisation geschaffen worden ist, ist die Anglo-Palästina-Bank, die, wenn ihre Mittel progressiv steigen werden, wohl vieles dazu beitragen kann, die jüdische Industrie und den jüdischen Handel in Palästina zu entwickeln. Und merkwürdig; es ist die einzige Institution, die, obwohl sie noch klein ist, allen imponiert, sogar unseren heftigsten Gegnern. Alle fühlen, daß hier die Zionisten ein Stück positiver Arbeit geleistet haben. Es ist aber zu wenig. Was uns nottut, ist die Befestigung und Ausbreitung der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation, die allein imstande ist, Land und Mensch fest miteinander zu verknüpfen. In dieser Beziehung haben die Zionisten noch nichts geleistet. Und wieder merkwürdig: es sind unsere Gegner, die I. C. A. und Baron Rothschild, die auch jetzt wenigstens Etwas auf diesem Gebiete leisten. Wollen wir vom Warten zur Tat übergehen, so muß unsere nächste Aufgabe sein, Wege und Mittel ausfindig zu machen, um eine systematische landwirtschafticheKolonisation zu beginnen. Die Parole wurde schon ausgegeben; Schaffung einer Agrarbank, wozu sogar Seite 5 eine Kommission schon bestellt ist. Leider herrscht darüber in unseren Reihen der größte Wirrwarr. Vor allem muß die Lage klargestellt werden. Einige meinen, wir wären schon jetzt imstande, eine Agrarbank zu schaffen und einer von den Mitgliedern der Agrarkommission zieht zum Vergleich Beispiele aus aller Herren Ländern heran, die eine staatliche Organisation und Autorität besitzen, wie zum Beispiel Aegypten. Das sind vorläufig — Phantasien. Das internationale Kapital wird, einer nicht kapitalskräftigen privaten, das ist auf keiner staatlichen Garantie beruhenden Organisation, die außerdem bis jetzt auf dem Gebiete der Landwirtschaft nichts geleistet hat, keinen Heller borgen. Viel eher könnte und sollte man auf diesem Wege die Aktien der Anglo-Palästina-Bank placieren. Anderseits aber hätten wir jetzt eine Agrarbank mit einem großen Kapital, so wäre es für uns ein großes Unglück, denn sie würde eine heillose Bodenspekulation hervorrufen, die — im besten Falle nur ein Resultat hätte: wir bekämen in Palästina viele jüdische Gutsbesitzer, aber keine jüdischen Landarbeiter und echte Bauern. Wir haben sie nicht: diese müssen erst erzogen werden. Denn — es muß immer und immer betont werden — nicht der Besitzer, sondern der Arbeiter bestimmt den Charakter eines Landes. Und wären alle Gutsbesitzer Palästinas Juden, aber die Arbeit in den Händen anderer, so könnte keine Rede von jüdischer Kolonisation sein. Was uns not tut, ist den jüdischen Ackerbauer in Palästina heimisch zu machen, der mit eigenen Händen den Boden bearbeitet. Wir müssen erst die Bauernklasse schaffen, was eben in den letzten Jahren, die I. C. A. (hauptsächlich mit den Mitteln des Barons Rothschild) in den galiläischen Kolonien zu tun begonnen hat. Nun aber haben wir noch sehr wenig Elemente unter uns, die wirklich im Stande sind in Palästina Ackerbauer zu werden. Aber sie sind vorhanden und diesen muß geholfen werden. Dafür brauchen wir keine Agrarbank, sondern einen Agrarfond, der nicht gar groß zu sein braucht. Er soll wachsen — entsprechend der Vermehrung der Zahl derjenigen Juden, die wirkliche Ackerbauer in Palästina werden wollen und können. Und erst wenn wir in Palästina eine stattliche Bauernklasse mit einer größeren Anzahl landwirtschaftlicher Arbeiter besitzen werden, erst dann wird man von einer Agrarbank sprechen können, denn dann wird eine reale Kreditbasis vorhanden sein. Also, um die oben aufgestellte Aufgabe zu lösen, ist es notwendig einen Agrarfond zu schaffen, wozu wir keine Kommissionen brauchen, sondern energische Leute, die das Geld sammeln sollen. Denn der praktische Weg ist uns schon vorgezeichnet durch die I.C.A. Wir sollten nur ihre Arbeit aktivieren, und zwar nicht durch schreiende Proteste, sondern im Einverständnisse mit dieser Gesellschaft. Wir können uns die Sache so vorstellen. Die zionistische Organisation schafft einen Agrarfond von 2—3 Millionen Francs. Sie soll mit Hilfe dieses Fonds nur solche Juden ansässig machen, die praktisch die palästinensische Landwirtschaft erlernt haben — worüber noch später die Rede sein wird. Sie tritt zur I. C.A. in folgende Beziehungen: die I.C. A. gibt dem Kolonisten unter der Verantwortung der Verwaltung des Agrarfonds Boden in Pacht, resp. auf langjährige Abzahlung — die Baulichkeiten (Haus und Stall) und Kredit für das bewegliche Inventar. Die Mittel zum Leben währenddes ersten Jahres muß der Kolonist selbst mitbringen. In Ziffern ausgerechnet, bekommen wir folgendes Bild: die I.C. A. verpachtet (bis zur

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