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Jüdische Zeitung · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 24 „Deutschfreiheitlichen“ bewogen, alles, was Freiheit und Fortschritt bedeutet, von sich zu werfen und die Deutschen Oesterreichs ins Lager der Christlichsozialen und polnischen Schlachzizen hinüberzuführen. Positive Erfolge und bleibende Errungenschaften für das deutsche Volk — Anwartschaften auf Ministerpensionen und fette Pfründen, die sich einige der Herren Führer erschachert haben, kann man wohl nicht als solche bezeichnen — resultieren aus dieser Periode nicht, hingegen wird das deutsche Volk lange und schwer zu arbeiten haben, ehe es seinen politischen Karren wieder aus dem Sumpfe des Klerikalismus und der Reaktion wird herausziehen können. Kläglich war die Rolle, welche die der Majorität angehörenden Juden bei diesen Vorgängen gespielt haben, insbesondere die „Deutschfreiheitlichen“. In erster Linie der sattsam bekannte Täufling Redlich, der Abgeordnete von Göding, der „H a u s j u d e der Kl eri kalen“, wie ihn die „Arbeiterzeitung“ treffend nennt. Ein Mann, durch den Einfluß seiner jüdischen Familie auf den Schild gehoben und von einer jüdischen Majoritätgewählt, hat die Stirn, den „Einpeitscher“ im Dienste der Christlichsozialen zu spielen. Er fängt die Angriffe, welche die Opposition gegen die Antisemiten richtet, auf, fabriziert regierungsfreundliche Resolutionen, hält Obstruktionsreden, um die Aktionen der Gegner der klerikalen Machthaber zu lähmen, kurz, der gelehrte Herr Universitätsprofessor leistet mit wahrer Wollust der judenfresserischen Greisler- und Meßnerpartei Lakaiendienste. Die Gödinger Juden können auf dieses famose Exemplar, auf ihren ehrenwerten Vertreter sehr stolz sein! Daß Herr K u r a n d a, der Abgeordnete der Wiener Kaijuden, fleißig mit den Antisemiten stimmt, ist eigentlich selbstverständlich. Seine Wähler können sich rühmen, den zähesten Mann im Parlamente sitzen zu haben. Hinauswürfe und Fußtritte überwindet er spielend. Immer wieder taucht er lächelnd und Beifall spendend an der Seite Bielohlaweks und Geßmanns auf. Der „Jüdische Klub“ hat gegen die Regierung gestimmt und dadurch den Willen der Jüdischnationalen zum Ausdrucke gebracht, die der reaktionären Regierung gegenüber keinen anderen Standpunkt kennen, als den der strengsten Opposition. Es hat wohl nicht an Stimmen gefehlt, die dahin rieten, mit der verlegenen und zu Konzessionen gewiß nicht abgeneigten Regierung „Geschäftchen“ zu machen. Aber die Jüdischnationalen, insbesondere der „Jüdische Nationalverein“ und die „Jüdische Zeitung“, haben mit aller Macht auf der Einhaltung der gesunden und einzig vernünftigen, programmatischen Politik bestanden und das Erkaufen kleinlichen Vorteiles und soziale Lage im Vergleich mit den anderen Nationalitäten Rußlands. Insgesamt gibt es nach dieser Aufstellung in Rußland 5,215.805 Juden, die also nach den Russen und den Polen die zahlreichst vertretene Nation Rußlands darstellen. Rußland ist bekanntlich auch dasjenige Land, das die weitaus größte Zahl von Juden überhaupt, fast die Hälfte aller Juden der Welt, besitzt Die Mehrzahl der russischen Juden, 75'6 Prozent, leben im Gebiet des ehemaligen Königreiches Polen, wo sie im Durchschnitt mit 15 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. In den südlichen, genauer südöstlichen Gouvernements erreichen die Juden nur 4 bis 5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Außerhalb des Ansiedlungsrayons bilden die Juden nur einen verschwindend geringen Bruchteil der Bevölkerung. Sie zählen dort im ganzen 316.478 Seelen, das heißt 6'09 Prozent aller russischen Juden. Abgesehen vom Kaukasus, vom Weichselgebiet und Mittelasien gibt es nach Brutzkus insgesamt nur eine Viertelmillion Juden in Rußland, die einige Bewegungsfreiheit haben. Die Geburtenziffer der russischen Juden ist verhältnismäßig niedrig; die Sterblichkeit bei den Kindern ist zwar gering, aber dafür ist eine entsprechend größere Sterblichkeit bei den Erwachsenen zu beobachten. Daher ist der Prozentsatz der Personen in arbeitsfähigem Alter bei den Juden nur 43*8 Prozent der Gesamtzahl, während bei den anderen Nationalitäten diese Ziffer zwischen 57 und 58 Prozent schwankt. Man ersieht daraus, um wieviel schwieriger es den Juden in Rußland ist, den Kampf um das Dasein zu führen, als den anderen um Preisgabe ehrlicher Ueberzeugung energisch zurückgevyiesen. Die hämischen Angriffe der „Arbeiterzeitung“ und des Abgeordneten Daszynski, welche von den Zionisten sprachen, die sich üm den Posten eines „zionistischen Kultusreferenten“ an die Regierung verkauft ,haben, erweisen sich als leere Verleumdungen. Dieser vielzitierte Posten ist schon seit Monaten besetzt, nicht mit einem Vertrauensmanne unserer Partei, sondern mit einem Intimus des Polenklubjuden Dr. Löwenstein. Ehrliche Jüdischnationale haben nie daran gedacht aus diesem Posten ein Kaufobjekt zu machen, deshalb, weil ein den Juden gegenüber geübtes Unrecht teilweise gutgemacht wird, einer reaktionären Regierung Helfersdienste zu leisten. Die oft erwähnte Absentierung des Vertreters des Jüdischen Klub“ bei der Abstimmung im Annexionsausschusse war nicht das Resultat eines Beschlusses der Partei oder der Ausdruck ihrer Willensmeinung. Die Aufklärung dieser Angelegenheit erübrigt wohl dem Jüdischen Klub“. Die entscheidende Abstimmung im Plenum, das geschlossene Auftreten des Klubs gegen die Regierung, das war der Ausdruck ehrlichen jüdischnationalenWillens! Aus dem jüdischen Leben. Der neunte Zionistenkongreß. Wien. Das Wilnaer hebräische Tagblatt „Heed Hasman“ brachte in der vorigen Woche die Nachricht, daß der IX. Zionistenkongreß am 25. Dezember in Hamburg stattfinden wird. Offiziell ist diesbezüglich noch nichts verlautbart worden. Diese Nachricht muß daher mit einer gewissen Reserve aufgenommen werden. , * * * Ein kräftiges Wort an die Juden. Berlin. Von dem kürzlich verstorbenen reichsdeutschen 'Parlamentarier Theodor Barth, einem der wenigen wirklich freisinnigen deutschen Politiker, stammt folgender Ausspruch: „Die Juden sollten sich klar machen, daß man den Antisemitismus nicht dadurch los wird, daß man über ihn lamentiert und ihn ausschließlich definitiv bekämpft. Der Antisemitismus ist nur im Rahmen der allgemeinen Politik wirksam zu bekämpfen. Wenn manche jüdische Geheimen Kommerzienräte und geadelte, ungetaufte und getaufte, Parvenüs, die ihre Töchter mit verkrachten Junkern verheiraten, das noch nicht begriffen haben und sich womöglich eine Ehre daraus machen, in politischen und gesellschaftlichen Kreisen zu verkehren, wo man sie bloß duldet und mit Recht verachtet,, weil sie mit einer so demütigen Rolle vorlieb nehmen, so ist das allerdings | bedauerlich. Es sollte aber die anderen Juden, die nicht geduldet, sondern geachtet sein wollen, nur Bewohnern Rußlands, obwohl deren Lage doch auch nicht glänzend genannt werden kann. Interessante Daten gibt Brutzkus über die Sprache der Juden. Trotz ihrer Zerstreutheit bilden die Juden in Rußland doch eine homogene Masse, die im wesentlichen eine Sprache spricht. Als Muttersprache betrachten nämlich 97 Prozent der russischen Juden den jüdisch-deutschen Jargon. Die übrigen 31 Prozent bilden hauptsächlich die 23.000 Bergjuden, die grusinischen Juden und Krimtschi (Bewohner der Krim) und die 145.000 anderen Juden, von denen 76.000 russisch, 47.000 polnisch und 22.782 deutsch als Muttersprache ansehen. Der Blitzableiter im Talmud. Man hat sich oft und viel darüber gestritten, ob das Altertum eine unseren heutigen Blitzableitern ähnliche Vorrichtung gekannt habe. Viele Vermutungen haben sich jedoch als irrig erwiesen. So glaubte man, der Salomonische Tempel zu Jerusalem sei mit Blitzableitern ausgestattet gewesen. Der jüdische Historiker Josephus berichtet nämlich im ersten Jahrhundert nach Christus, die jüdischen Priester hätten sich bei der Einnahme von Jerusalem auf den Dächern des Tempels mit langen Spießen verteidigt, die auf den goldprunkenden Platten des Daches angebracht waren. Man hat dabei aber übersehen, daß Josephus ausdrücklich berichtet, jene Spieße hätten den Zweck gehabt, zu verhindern, daß sich Vögel auf das Dach setzten, um es zu beschmutzen. Auch handelt es sich nicht mehr um den Salomonium so mehr veranlassen, jene politischen Richtungen mit allem Nachdruck zu bekämpfen, die ihnen nur ein Tittelchen von ihren staatsbürgerlichen Rechten nehmen wollen. Denn im politischen Leben wird nur respektiert, der sich keinerlei Ungerechtigkeit gefallen läßt.“ * * * Die Grunwaldstiftung und die Juden. Lemberg. Die Grunwaldstiftung ist eine polnische Stiftung, von der Art der deutschen Roseggerstiftung. Der Ertrag der Stiftung ist insbesondere für nationale Schulzwecke' bestimmt. Polnischnationale Zwecke, daß sind heute leider antijüdische und antiruthenische Zwecke. Wer aber glaubt, daß die Juden für die Grunwaldstiftung nichts hergeben, geht fehl, denn es finden sich genug Moszkos, wie der Herr Samuel Edler von Horowitz, die für Polnisierungsinstitute Tausende von Kronen spenden. Nicht genug daran. Es fand sich ein gottbegnadeter Sänger, namens G. K ö h n, welcher im „Slowo polskie“ ein Gedicht veröffentlichte, in welchem er die polnische Nation besingt, die Preußen beschimpft und üm Spenden für die Grunwaldstiftung bittet. Ob gerade ein Herr K o h n der berufene Dichter für derartige Zwecke ist, ist mehr als fraglich. * * * Eine nationale Vereinigung sämtlicher türkischer Juden. Konstantinopel. Der Korrespondent der „Welt“ schreibt: Die Revue „La Nation“ bringt einen Leitartikel unter der Ueberschrift „Aufruf zur Gründung einer nationalen Liga derottomanischenjuden“. Ist dieser Artikel schon durch seinen Inhalt an und für sich sehr beachtenswert, so gewinnt er an Bedeutung dadurch, daß er aus der Feder des bekannten jüdischen Advokaten Albert Effendi Tarika, Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Smyrna, stammt. Herr Tarika erläutert in seinem Artikel die Notwendigkeit einer Vereinigung aller ottomanischen Juden zum Zwecke der Verteidigung ihrer nationalen Interessen. Er drückt die Befürchtung aus, daß nicht der Antisem itism.üs auch i.n. die Türkei e i n d r i n g e, wenn auch eine solche Prüfung der bereits wahrnehmbaren Assimilationssucht mancher jüdischen Kreise voraussichtlich einen Damm setzen werde. Der Verfasser betont nachträglich den Nutzen, der den Gesamtreiche durch eine starke Organisation der Juden erwachsen werde. Auch die Idee des Fortschrittes, insbesondere aber die nationale Entwicklung der Juden selbst werde durch eine solche Vereinigung gewinnen. Zum Schluß appelliert er an den Cercle des Intimes, er möge die Initiative zur Umsetzung dieses Gedankens in die Wirklichkeit ergreifen. In einem Nachwort erklärt darauf die Redaktion, daß sich der Klub bereits mit dieser Frage beschäftigt habe und daß die Redaktion selbst in der nächsten Nummer dazu Stellung nehmen wird. * * * sehen Tempel, der längst zerstört und zum drittenmal wieder aufgebaut worden war. Vielfach verweist man, um das Vorhandensein des Blitzableiters im Altertum zu erklären, auf zwei Inschriften, die sowohl am Horos-Tempel zu Edfu, wie auch am Hator-Tempel zu Dendera in Aegypten gefunden wurden. Beide Tempel stammen aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Die Inschriften sprechen von zwei oder vier Holzmasten, die „gleich einem Geschwisterpaar zum Himmel ragen, beschlagen mit Kupfer des fremden Landes, zum Abwehren des Unwetters des Himmels“. Es kann also als sicher hingestellt werden, daß das Altertum beobachtet hatte, daß sich der Blitz an metallenen Masten unschädlich zur Erde leiten lasse. Einen völlig einwandfreien Beweis für das Vorhandensein der Blitzableiter im Altertum aber gibt uns die Tosefta Sabbath XII im Talmud, wo es heißt: „Wer ein Eisen stellt zwischen Geflügel, Übertritt das Verbot der Nachahmung heidnischer Sitten; zum Schutze vor Blitz und Donner ist dies jedoch zu tun erlaubt.“ Betrachten wir die Nachrichten über die metallenen Spieße auf dem letzten Tempel zu Jerusalem, die metallenen Maste an den ägyptischen Tempeln und die Blitz- und Donnereisen im Talmud, so können wir annehmen, daß die Priester, die Träger der Wissenschaft im Altertum, das Prinzip des Blitzableiters erkannt hatten, es aber, wie so manches ändere, als Geheimnis bewahrten.

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