Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 24 n i c h t magyarischen Völker und speziell auch Kroatiens vom Sklavenjoche der übermütigen magyarischen Oligarchie durch die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes in Ungarn sich zur Aufgabe setzt, verlängert den unerträglichen Zustand des „Reiches auf Kündigung“ und verhindert zugleich jede großzügige Reichspolitik am Balkan. Wahrhaft, wenn im österreichischen Abgeordnetenhau.se auch nur ein Atom von Verständnis und Interesse für die wir klichen Lebensinteressen des Reiches und der Völker herrschen würde, dann müssen Deutsche und Tschechen, Ruthenen, Rumänen und Südslaven, die Millionen vergewaltigten Volksgenossen in Ungarn-Kroatien besitzen, .eine demokratische österreichische Liga auf Grund der nationalen Autonomie bilden, und der nimmersatten magyarischen Oligarchie: Ein donnerndes „Halt, bis hierher und nicht weiter!“ zurufen. Das war der Grundzug der jüngsten Rede des Abg. Masaryk anläßlich seines Dringlic hkeits antrages über den Agramer Hochverratsprozeß, .in der er auch die magyarische Gewaltherrschaft geißelte. Statt dessen leisten abwechselnd deutsche oder tschechische Abgeordnete den nationalen Totfeinden ihrer Volksgenossen jenseits der Leitha Helfersdienste. Und doch trennt . nur eine dünne ScheidewandDeutsche und Tschechen. Der Ausfall der letzten Landtagswahlen bedeutet für die deutschfreiheitlichen Politiker eben so ein „Memonto mori“, wie der tschechischchristlichsoziale Kongreß in Olmütz für die Jungtschechen und Tschechischradikalen. Oesterreich kann weder gegen die Deutschen noch gegen die Slaven, am wenigsten aber gegen beide im Sinne der magyarischen Oligarchie regiert werden. Wenn nicht dies hüben und drüben endlich begriffen wird, dann ist die Konsequenz nur die, daß in Cisleithanien ein Regime des § 14 winkt, die Ausschaltung des österreichischen Parlamentes, die ungarische Krise aber eine Lösung findet, im Sinne eines faulenKompromisses mitder magyarischen Koalition, also wieder keine Lösung. Eine Erklärung des Zentralkomitees der galizischen Zionisten. Lemberg den 1. Juni 1909. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der von Dr. S R. L a n d a u herausgegebenen „Neuen National - Zeit u n g“ erschien vor einigen Tagen die Nachricht, wonach man eine Zeitlang daran dachte, Herrn Luzian Brunner statt des Dr. Malz als Kandidaten im Wahlkreise Böbrka aufzustellen, die jüdischnationale Parteileitung sei aber zur Ueberzeugung gelangt, daß eine derartige Kandidatur für die Juden des in Betracht kommenden Bezirkes von den verhängnisvollsten Folgen begleitet sein könnte, auch sollten die Reisen des Herrn Brunner nach Lemberg mit dieser Eventualität Zusammenhängen. Unter der jüdischnationalen Parteileitung dürfte das galizisch-zionistische Zentralkomitee gemeint sein, wir erachten es also für nötig, festzustellen, daß die ganze Nachricht jeder Grundlage entbehrt. Auf jeden Fall muß das Zentralkomitee insbesondere die Behauptung von etwaigen verhängnisvollen FoIgen einer derartigen Kandidatur als vollständig grundlose und von der ebenso unbegründeten als sattsam bekannten Animosität gewisser Wiener Kreise gegen die Person des Herrn Brunner eingegebene Erfindung zurückgewiesen werden. Die beiden Reisen des Herrn Luzian Brunner nach Lemberg hängen ausschließlich mit der Gründung der Kredit-Union zusammen, für die Herr Luzian Brunner ganz hervorragendes leistet, ebenso wie er überhaupt großes Interesse für die wirtschaftliche Hebung der galizischen Judenheit an den Tag legt. Wir betrachten es daher als unsere Pflicht, um so energischer die gegen ihn planmäßig gerichteten Verdächtigungen zurückzuweisen als in ihnen ein gewisses System zu liegen scheint. Hochachtungsvoll mit Zionsgruß für das Zentralkomitee der galizischen Zionisten D r. Ringel m. p. Brief aus Bosnien. Der bosnische Landtag. Wie verlautet, soll der bosnische Landtag bereits am 1. September l.J. seine Tätigkeit beginnen. Bis zur Stunde ist noch immer nichts Gewisses über das Wahlrecht der Juden bekannt. Es hat jedoch allen Anschein, daß die Juden auf die Ver tretung durch den jeweiligen Oberrabbiner der Sarajevoer spaniolischen Gemeinde, den Chacham- Baschi, welcher als Virilist Sitz und Stimme im Landtage haben soll, beschränkt bleiben werden. Jedenfalls wird die nächste Zukunft bereits Licht in dieses geheimnisvolle Dunkel bringen und den bosnischen Juden den Weg weisen, welchen sie von nun ab zur Wahrung und zum Schutze ihrer berechtigten Interessen wandeln müssen. körpers herbeizuführen. — Was die überwiegende Mehrheit der Parlamentarier in beiden Reichshälften jetzt neuerlich als unsere Krankheit bezeichnet, sind aber nur Symptome derselben, daher sind auch alle die Parteirezepte der alten Schule Palliativmaßnahmen. Es handelt sich ja n i c h t in erster Linie darum, wie die geehrten Herren parlamentarischen Parteiführer in Zis und Trans behaupten, wer regiert und mit wem regiert wird, sondern w i e in dem von 12 Völkern bewohnten Donaureiche regiert werden muß. Was die Monarchie braucht, das zeigen die parlamentarischen Verhältnise in Cis- und Transleithanien drastisch — ist n i c h t wieder blos ein Wechsel von Personen, sonderndes ganzen seit 1867 etablierten Systems. Das System, nach dem seit 42 Jahren das Reich regiert wurde: Divide et impera, das Programm der Begründer des Dualismus, ist gescheitert Daher muß der deutsch-tschechische Ausgleich endlich perfekt werden, dann werden Deutsche und Tschechen vereint die Gewaltherrschaft der polnischen, sowie magyarischen Oligarchie brechen. Das allein bedeutet eine wirkliche Lösung der Krise, der-österreichischen sowie der ungarischen. Solange diese Erkenntnis nicht Platz greift, solange die einen gegen die Deutschen und die anderen gegen die Slaven regieren wollen, die dritten noch von einer deutsch-polnischen und die vierten von einer deutsch-magyarischen Herrschaft träumen, sind wir noch sehr weit von einer Gesundung der österreichischen Verhältnisse entfernt Doppelt und dreifach traurig ist es, wenn jüdische Volksmassen einer solchen albernen Politik, die schon so oft Schiffbruch gelitten, noch weiter dienstbar gemacht werden sollen, einer Politik, die ja doch für die Juden nur einen greifbaren Erfolg haben kann: Einen gesteigerten Antisemitismus. Der deutsch-tschechische Ausgleich, den die freisinnigen Chauvinisten nicht machen wollen; er wird früher oder später doch (vielleicht von den Klerikalen) gemacht werden (siehe die letzte Rede des tschechisch-christlichsozialen Abg. Schramek) und im Falle des Gelingens, möglicherweise auch früher (im Falle des Rücktrittes des Kabinetts Bienerth) wird ein christlichsoziales Koalitionsministerium aus Deutschen, Tschechen, Polen und Südslaven gebildet werden, schon mit Rücksicht auf die a k u t e ungarische Krise. Die ungarische Frage ist heute weit brennender als die deutsch - tschechische. Jede „Lösung“ der ungarischen Frage aber, welche nicht die Emanzipation der manche gestorben, einige befinden sich aber unter den Katraer Kolonisten, zum Teile Leute einer harten, kernigen Lebensklugheit und eines gewissen, in Arbeit und Einsamkeit erworbenen Bauerntrotzes. Einer der ältesten Kolonisten ist auch das Vorbild des York-Steiner sehen Talmudbauers. Er vereinigt Frömmigkeit und stupendes talmudisches Wissen mit emsigster Regsamkeit in wirtschaftlichen Dingen, ist immer auf der Suche nach talmudischen Analogien und wirtschaftlichen neuen Möglichkeiten und gilt als der tüchtigste Landwirt. Die Leute von Katra scheinen manches Gemeinsame tüchtig ausgeführt zu haben. So besitzen sie zum Beispiel eine Wasserleitung und auch Mandelgärten und Weizenfelder sind für alle Kolonisten örtlich vereinigt Von einer einseitigen landwirtschaftlichen Spekulation ist hier keine Rede — wahrscheinlich auch aus dringenden ökonomischen Gründen — vor allem wird durch vielseitige Wirtschaft der Eigenbedarf gedeckt Der Boden soll auch ganz vorzüglich und vor allem äußerst vielfältig sein, wofern ich den Worten eines jungen Katraeer Patrioten glauben darf. Vielleicht ist dies auch darum begreiflich, weil diese Kolonie vom Dünenlande und vom Berggebiete im Westen ziemlich gleich weit entfernt ist, und ihr Boden zum Teil# der Ebene, zum Teile einer Hügelkette angehört. Seit ihrer Gründung hat diese kleine Kolonie ziemlich viel durchgemacht. Das arabische Dorf Katra ist kaum eine halbe Stunde von Gederah entfernt und aus irgendwelchen Gründen sind die Araber aller Nachbardörfer den Kolonisten nichts weniger als hold gesinnt. Da gab es manch harten Strauß zu bestehen, und einer der gefährlichsten Streitfälle hat erst vor zwei Jahren stattgefunden. Als ein junger Kolonist, der Sohn jenes „Talmudbeters“, in äußerster Notwehr einen Araber tödlich verwundete, war Blutrache auf sein Haus und Feindschaft auf die ganze Kolonie heraufbeschworen. Noch sieht man das Stiegenhaus eingestürzt, das der Menge der heranstürmenden Araber nachgab — und nach der Meinung des frommen Kolonisten war es dieser schon vorbereitete Einsturz, welcher die ganze Familie vom Tode errettete. Auch von Mißwachs, Mäusen, Rinderseuche und zum Teile auch von Krankheiten war die kleine Kolonie wiederholt heimgesucht. So hat sie denn lange Zeit keinen wirtschaftlichen Aufschwung genommen und eher eine Verringerung durch Auswanderung als eine Erweiterung erfahren. Erst in den letzten Jahren hat sich ihre Lage wesentlich günstiger gestaltet. Vor kurzem haben sich einige neue, zum Teile wohlhabende Kolonisten hier angesiedelt. Zugleich findet auch der jüdische Arbeiter, wenn auch in ganz geringer Anzahl, Verwendung. Den primitiven Lebensverhältnissen entsprechend gehört Tisch und Wohnung bei seinem Herrn zu den wichtigsten Lohnbedingungen. Daß der jüdische Arbeiter hier, wo der Araber Feind und Diener zugleich ist, notwendiger ist als irgendwo, liegt auf der Hand. Noch in anderer Weise trachten die Kolonisten, welche mit ihren wirtschaftlichen Fortschritten sehr zufrieden sind, nach Stärkung und Sicherung der Kolonie durch deren Erweiterung und Vergrößerung. Ein Teil des Katraer Gebietes ist ganz vor das arabische Dorf hinausgerückt, und große Komplexe, die zum Teile einem Armenier, zum Teile einem arabischen Grundbesitzer gehörten, sollen zum Verkaufe freistehen. Die Schule, obwohl ganz klein und nur von einem Lehrer geleitet, der seit vielen Jahren hier schon im Verborgenen wirkt, machteinenverhältnismäßig günstigen Eindruck. Wie weit die Phantasie der Kolonisten reicht, beweisen die den umgebenden Hügeln beigelegten Namen „Moses“, oder gar „Berg der Uni-