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Jüdische Zeitung · 1909-06-04 · 23 (4.6.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 23 nehmer verlegen sie sich auf bestimmte Gebiete.. . , Der Umstand,;daß die überwiegende Mehrzahl der russisch-jüdischen Einwanderer der Proletarierklasse angehören, während die deutsch-jüdischen Einwanderer Bourgeois sind, erschwert den Assimilationsprozeß unter ihnen. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß das jüdische Proletariat national viel widerstandsfähiger ist als die jüdische Bürgerklasse. Aus all diesen Tatsachen müßte man folgern, daß der Amerikanisierungsprozeß der nationalen Zukunft der russisch-amerikanischen Juden viel geringeren Schaden zufügen wird, als der ihrer deutschen Stammesgenossen. Doch liegt gerade dort, woher die nationale Kraft der russisch-jüdischen Einwandefer fließt, auch die Quelle ihrer Schwäche. Der nach Amerika einwandernde russische Emigrant ist in erster Linie Jude. Sein inneres und äußeres Leben ist jüdisch. Das Aussehen, die Sitten, die Sprache, die Denkungsart und Weltanschauung sind jüdisch-national. Zumeist befinden sich diese Einwanderer im Stadium der nationalen Eigenart vergangener Jahrhunderte und haben zu der modernen europäischen Kultur keine Beziehungen gehabt. Wenn sie in den Schmelztiegel der amerikanischen Assimilation gelangen, haben sie nicht nur ein jüdisches Innenleben, sondern auch viele jüdische Äußerlichkeiten, die sich auch in ihrer Heimat in kurzer Zeit verändert hätten. In Amerika geht natürlich dieser Prozeß viel rascher, gründlicher und vielfältiger vor sich. Für den Einwanderer und noch mehr für seine Kinder öffnen sich plötzlich weit und breit die Tore der allgemeinen Bildung. Der starke Wissensdrang, der in Rußland künstlich eingedämmt wird, erwacht in Amerika mit vehementer Leidenschaft Das ist die wichtigste Neuerung. Außerdem sind noch viele andere: der kleinstädtische Jude wird jählings Großstadtbewohner. Dieser Umstand verursacht nicht nur eine psychologische, sondern auch eine äußerliche Umwälzung. Zwischen der Lebensweise in einer Millionenstadt wie New-York, Boston, Pittsburg oder Philadelphia und der in Kowno, Grodno oder in den kleinen Städtchen des Ansiedlungsrayons besteht ein himmelweiter Unterschied. Die ökonomischen Verhältnisse, in welche der Einwanderer gelangt, sind ungewohnt Sogar in der Heimat mußte der Arbeiter, der nie eine Fabrik kannte, umlernen. Nun erst die Arbeitsverhältnisse in Amerika! Das Gerassel der Maschinen, das Hasten und Drängen, die größtmögliche Anstrengung jedes Muskels! Muß das alles nicht katastrophal wirken? Dazu kommt noch der Unterschied zwischen dem politisch-kulturellen Leben der Juden in Rußland und Amerika! Der russisch-jüdische Einwanderer, vor einigen Wochen ein gehetzter Paria, wird freier Bürger eines großen Staates. Was Wunder, wenn in ihm ein Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit für das neue Vaterland erwacht! Das alles bewerkstelligt, daß in kurzer Zeit ein äußerlich ganz verändertes Geschlecht hervorkommt. Der russisch - jüdische Einwanderer verliert viel typisch-jüdisches; der größte Teil seiner äußeren nationalen Eigentümlichkeiten und Gebräuche geht verloren, besonders dem jungen Geschlechte, welches die amerikanische Volksschule besucht hat Wenn also die Frage gelautet hätte: „Aendern sich die jüdischen Einwanderer in Amerika?“ so könnten wir dem Professor Steiner recht geben und würden antworten: Ja; sie ändern sich stark, rasch und vom Grund aus; der Amerikanisierungsprozeß wirkt tief und schnell.“ Die Frage lautete aber anders! Haben Professor Steiner und andere recht, wenn sie diesen Prozeß als Krisis im. Judentum bezeichnen, wenn sie Amerikanisierung. und Assimilation identifizieren,/; wenn, sie behaupten* daß die amerikanischen Juden in kurzer Zeit an ihre Abstammung vergessen werden? Wir geben darauf eine Antwort, welche der des Professor Steiner diametral entgegengesetzt ist und ^prognostizieren. der jüdischen Nation iri'Ämerika eine große und langwährende Zukunft. Die Kräfte, welche dort den Juden amerikanisieren, vernichten die Wurzeln seines nationalen Gefühles nicht. Kultur und Freiheit sind keine Zerstörer, sondern Förderer nationaler Selbständigkeit und Entwicklung. Wir hoffen daher, daß der jüdisch-nationale Geist unter der Einwirkung gerade dieser beiden Faktoren aufblühen und neue Formen nationalen Lebens und nationaler Kultur schaffen wird. Was für neue Formen entstehen werden, kann man nicht Voraussagen. Ebenso sind die Grenzen, innerhalb welcher sich das Leben der Juden in Amerika verändern wird, schwer zu bestimmen; sie sind weit gesteckt. Besonders stark werden sich die Formen ändern, welche ein Erbteil mittelalterlicher Zustände .sind. Auch die Sprache wird Schaden leiden. Möglich, daß ihr, sobald die Massenemigration aufhören wird, keine lange Dauer. beschieden ist. Aber beruht denn das Wesen der jüdischen Nationalität auf der jiddischen Sprache und; den mittelalterlich-religiösen äußeren Formen? Professor Steiner und viele andere sehen nur Äußerlichkeiten und meinen, daß durch ihr Verschwinden die Zukunft des amerikanischen Judentums gefährdet ist. Wer aber das Nationale nicht in den Formen, sondern in der Volksseele sieht, für wen nicht bloße Aeußerlichkeiten sondern die schöpferischen Kräfte des ganzen Volkes die Hauptsache sind, der hegt in bezug auf die Zukunft der jüdischen Nationalität in Amerika keine Befürchtungen. Wohl stellt die Geschichte das amerikanische" Judentum vor eine schwere'Probe, aber es wird die Probe bestehen. Mit oder ohne Jiddisch, in dieser oder jener kulturellen Form — die jüdische Nationalität wird in Amerika nicht zugrunde gehen. Wir hoffen geradezu, daß alle Schattenseiten derbisherigen amerikanisch-jüdischen, geistigen und kulturellnationalen Entwicklung, welche die Schöpfung innerlich gebrochener Menschen, der Zufallspoeten, Zufallsschreiber und Zufallspolitiker ist, in dem Augenblicke ver schwinden werden, in welchem ganze, gesunde Menschen die Führer der amerikanischen Judenheit und die Träger der jüdisch-nationalen Kultur geworden sind. Brief aus Galizien. Ein Gemeinderatsbeschluß und seine Folgen. Ein Beschluß des' Lemberger Geineinderates, welcher dem jüdischen Rigorosantenverein, die Subvention mit der Motivierung, daß der Verein zionistisch sei, verweigert hat, hat den jahrelang aufgehäuften Groll der jüdischen Oeffentlichkeit zum Ueberströmen gebracht Für die galizischen Juden war es schon lange kein Novum, daß die städtischen Vertretungskörper aus allgemeinen Steuergeldern wohl Kirchen oder polnisch-nationale Institutionen, jedoch fast nie jüdischnationale Anstalten subventionieren. Doch geschah das immer unter der Maske einer gewissen Objektivität und Unparteilichkeit. Der letzte Beschluß des Lemberger Gemeinderates hingegen und seine sonderbare Motivierung enthüllten in brutaler Art die Gesinnungen der polnischen Majorität. Der von dem unverschämten Beschluß betroffene Verein ließ sich das Hooliganstückchen einer wohl weisen Stadtvertretung nicht gefallen. Er wandte sich in einem offenen Briefe an die jüdische Oeffentlichkeit. In entschiedener und würdiger Weise entwirft der offene Brief ein Bild von der Haltung der polnischen Gemeindeverteter. Er überzeugt auch die vertrauensseligsten jüdischen Optimisten von. der Aussichtslosigkeit ihrer Hoffnungen, daß die autonomen Verwaltungskörper die jüdische Bevölkerung unparteiisch behandeln werden.. Zum Schlüße werden die Juden aufgefordert,, behufs Abwehr dieser ewigen Zurücksetzungen zur Selbsthilfe zu greifen. .; - , . .. . Der offene Brief rüttelte die jüdische Bevölkerung auf. Ohne Rücksicht auf ihre Parteistellung billigt sie die Aktion des Rigorosantenvereines und verurteilt den Beschluß des Gemeinderates sowie das denunziatorische Vorgehen des mosaischen Polen Hermann Feldstein, welcher dem antisemitischen Gebahren seiner christlich-polnischen Gemeinderatskollegen durch verleumderische Angaben über den Verein Vorschub geleistet hatte. Die Aktion des Rigorosentenvereines beschränkte sich jedoch nicht auf die Abfassung des offenen Briefes. Am Sonntag, den 22. Mai wurden zwei Protestversammlungen, jine bürgerliche und eine studentische, abgehalten. An der Bürgerversammlung nahmen jüdische Gemeinde- und Kultusräte, Sozialisten und sogar Assimilanten teil. Nach Anhörung eines Referates des Dr. Sommerstein und nach einer lebhaften Debatte, in welcher alle Redner der zionistischen Verwaltung des Vereines das höchste Lob zollten und sich — die jüdischen ■ Gemeinderäte Rabbiner Dr. Caro, Jonasz, Dr. Schleicher mitinbegriffen — auf die Seite des Vereines stellten, wurde folgende Resolution gefaßt: „Die am 22. Mai versammelten Bürger und unterstützenden Mitglieder des Rigorosantenvereines, welche verschiedene politische Ansichten vertreten, protestieren gegen den Gemeinderat, welcher die Erteilung der Subvention an den Rigorosantenverein von seiner politischen Ueberzeugung abhängig machte, erklären sich mit dem im offenen Briefe eingenommenen Standpunkte einverstanden, drücken dem jüdischen Mitgliede des Gemeinderates Feldstein, wegen seiner Haltung ihre tiefste Entrüstung aus, versprechen dem Vereine, in Anerkennung seiner unparteiischen Tätigkeit, ihre weitere Unterstützung und bitten die jüdische.Oeffentlichkeit durch Förderung des Vereines den Schaden, den er durch die Verweigerung der Subvention erlitten, wett zu machen.“ -i .-t . .m ..-. Die Studentenversammlung faßte eine gleichlautende Resolution, besprach aber außerdem die von dem mosaisch-polnischen Verein „Zjednoczenie“ betriebene Aktion für Gründung eines. Studentenheimes, in welchem Juden nur unter der Bedingung aufgenommen werden sollen, wenn sie sich als polnisch-national deklarieren. Die Studentenversammlnng protestierte gegen das Hineinzerren der Politik in Fragen der Philantropie und forderte die jüdische Oeffentlichkeit auf, dem zu gründenden Studentenheim, welches ein gegen die Jüdischnationalen gerichtetes Kampfinstitut sei, die Unterstützung zu versagen. Außerdem wurde von beiden Versammlungen ein Aufruf erlassen, in welchem die Juden aller Parteischattierungen aufgefordert werden, zum Zeichen des Protestes dem Rigorosantenverein Spenden zu überweisen. Der Aufruf hatte günstigen Erfolg. In einigen Tagen floß ein Betrag von fast 600 Kronen - sechsmal soviel, als die verlangte Subvention ausmacht — von nah und fern ein. Die Sammlung hat kaum den Anfang genommen. Hoffentlich wird sie ein schönes Resultat ergeben und den Lemberger Gemeinderat von dem jüdischen Willen zur Selbsthilfe überzeugen. * * * Aus dem galizischen Parteileben. Die Abwehrbewegung gegen den praktischen Antisemitismus des Lemberger Gemeinderates ist ein erfreuliches Zeichen des dem galizischen Judentum innewohnenden Selbstbewußtseins. Erfreulicher hingegen ist die in der letzten Zeit entfaltete und von Erfolg begleitete Agitation für Palästinazwecke. Sie wird besonders von Gesinnungsgenossin Frau Pewsner und Gesinnungsgenossen Herrn F e l d m a n n besorgt, welche, aus Palästina kommend, Galizien durchziehen und für verschiedene palästinensische Institutionen wirken. Gesinnungsgenossin Frau Pewsner agitiert in erster Linie für den Verein „Bezalel“, für welchen sie eine große Anzahl von Mitgliedern gewonnen

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