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Jüdische Zeitung · 1909-06-04 · 23 (4.6.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 23 sehr — jüdisch zugeht. Das Damenkomitee besteht ohnedies aus lauter Elsen, Truden und Gretln, gut koschere Namen. Also, was tun die radikal-nationalen Studenten, die sich sonst von den Liberalen im Kasino beherbergen lassen? Das liberale Montagsblatt schreibt unter der Spitzmarke: „Die Charaktervollen: „Alle nationale Arbeit und jede nationale Steuer überlassen diese Provinzmaulhelden den Liberalen. Dementsprechend ist auch ihr Verhalten gegenüber dem deutschen Frühlingsiest Heuer hatten wohl ein paar nationale Leute soviel Einsicht, ihre Genossen zur Teilnahme an dem für das Prager Deutschtum so überaus wichtigen Feste aufzufordern. Kaum aber war diese Aufforderung ausgesprochen, als sich das Gros dieser Leute dagegen wehrte und die Anreger desavouierte. So soffen sich denn die Knaben irgendwo durch; dem Feste blieben sie ferne. Für das Fest selbst ist das ohne Belang; man kann die Atmosphäre der Herren im Jägerhemd gern vermissen. Aber eines sollte man ihnen doch sagen: sie sollten, da sie bei diesem Anlasse dem Kasino in weitem Bogen auswichen, endlich so charaktervoll werden und das Kasino überhaupt unbehelligt lassen. Sowohl bei ihren Promenaden als auch Saufgelagen“ .... Soweit das Montagsblatt Wir können nur erst fragen, ob das Bestreben der Assimilanten nicht noch weit „charaktervoller“ ist, als diese Sucht, erst um die Jägerhemdatmosphäre zu betteln. Nachher wirkt das Verzichten wie „Saure Trauben“! Aber die Liberalen sind eben nicht engherzig .... * * # Die gleiche Geschichte spielte sich bei den zum erstenmal vorgenommenen Wahlen in die allgemeine Pensionsanstalt ab. Da arbeitete trotz der „eminenten Gefahr, welche dem nicht geeinten Deutschtum drohte“, die deutschnationale Querulantensippe gegen die deutschfreiheitliche Kandidatenliste. Eine KompromiQIiste wurde von den Ariern nur zum Scheine aufgestellt Im letzten Moment sahen sich die „Deutschfreiheitlichen“ recte „Nichtarier“ gezwungen, eine eigeneListe aufzustellen. Ob man das nicht billiger haben könnte? Aber die Israeliten haben nicht genug daran, sie gründen in der Schnelligkeit noch eine „deutschsoziale“ Lokalorganisation, zur Heilung der deutschen Lauheit der intemationalenGenossen. DerMacher dieserdeutschen Klofacpartei ist der berüchtigte teutsche „Israelit“ Ernst Lustig aus Wollenka bei Nimburg. * * * Sonntag vormittags den 23. Mai fand in der Produktenbörse eine Versammlung statt. Der sozialdemokratische Abgeordnete Nießner und andere Sozialdemokraten besprachen das Thema „National oder sozial“ und wandten sich von ihrem Standpunkt aus gegen die „Deutschsozialen“. Besagter Lustig stand auf und nahm den Mund mit Deutschtum und nationalem Bewußtsein reichlich voll, eiferte von der Notwendigkeit, die breiten Massen zur deutschnationalen Strammheit zu erziehen. Er wirkte so lächerlich, daß ihn die ganze große Versammlung wirklich nicht ernst nehmen konnte. Hierauf stand ein zionistischer Gesinnungsgenosse JUC. Leo Herrmann auf und beleuchtete in temperamentvoller Rede das „charaktervolle Bestreben der Lustig-Kompagnie“, die im Wettlauf mit den Antisemiten sich die nationale Anerkennung beim deutschen Volke zu erbetteln sucht. Er führte aus, wie charakterlos diese Anbiederungsversuche seien, aber auch wie nutzlos. Für die Juden ist es bedauerlich, daß man darauf hinweisen kann, daß leider wieder einer von unserem Volke mit Behagen die Rolle des Hausjuden spielt und sich energisch um neue „Ausschließungen und Abstoßungen“ bemüht Deshalb sind die Jüdischnationalen gezwungen, öffentlich zu erklären, daß sie die entfernteste Gemeinschaft mit solchen Leuten ablehnen, sich gegen ihre Handlungsweise verwahren und immer der Ansicht sind, daß auch die politische Stellung eine anständige und moralische sein soli. Wie sie es bei diesen Heildeutschen israelitischer Konfession aus Üaslau und Wollenka nicht ist.“ — Den Ausführungen unseres Gesinnungsgenossen, die in der vollkommensten Ruhe angehört wurden, folgte der lebhafteste Beifall. Wieder können die Prager Assimilanten ersehen, daß man sich die Sympathie der „Anderen“ anders erwerben kann und muß, als sie es tun. Lustig wird aber, wenn es bei den Deutschen nicht mehr geht, tschechischer Assimilant werden. Habeat sibi! Alis dem jüdischen Leben. Wirtschaftlicher Kampf gegen die Juden in Ungarn. Budapest. In verschiedenen Städten des Landes wird ein ökonomischer Boykott gegen die Juden organisiert, der zu ernstlicher Besorgnis für die Zukunft Veranlassung gibt. Der „Verband ungarischer Kaufleute“ bemüht sich, die Juden aus dem Handelsbetrieben nach Möglichkeit zu verdrängen. Die Konsumgenossenschaften, die sich besonderer Privilegien und steuerfreier Konzessionierung seitens der Regierung erfreuen, nehmen keine Juden auf, so daß diese mit ihnen nur sehr schwer konkurrieren können. Der Boykott -der jüdischen Geschäfte wird von Agitatoren systematisch und mit Erfolg propagiert. Jüdische Hausierer werden tagtäglich wegen Uebertretung des Hausierverbotes vor die Gerichte gezerrt und von diesen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Erwähnt sei auch, daß in einigen Blättern, wie dem „Alkotmani“, die Befürchtung ausgesprochen wird, bei Einführung '-'des allgemeinen Wahlrechtes würde der Einfluß der Juden im Parlament und politischen Leben gesteigert werden. * * * Der XI. Jüdische ^Gemeindetag in Berlin. Berlin. Der XI. Jüdische Gemeindetag, der am 16. und 17. Mai in Berlin tagte und sich mit dem vom „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund“ in Gemeinschaft mit dem, „Verbände der Deutschen Juden“ ausgearbeiteteri Entwurf eines Judengesetzes zu befassen hatte, beschloß mit knapper Majorität von 183 gegen 178 Stimmen die Annahme der folgenden Resolution: Bei der Organisation der jüdischen Gemeinden Preußens ist über die lokale Gemeinde, über die Bezirksgemeinde eine weitere Organisation nur insoweit zu schaffen, als es zur Bildung und zur Unterhaltung von Bezirksgemeinden, sowie zur Bildung von Ruhegehaltsklassen erforderlich ist. Eine Organisation von Provinzgemeinden, und der Landesgemeinde ist nur insoweit zu bilden, als durch dieselbe die Selbständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt wird. Diese Resolution wurde einer gemischten Kommission als Material überwiesen, welche unter Zugrundelegung des vorgelegten Entwurfes eine dritte Lesung vorzubereiten hat *' * * Hilfsaktion für die anatolischen Juden. Berlin. Wie uns vom Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle mitgeteilt wird, hat sich in Aleppo ein Unterstützungskomitee gebildet für die Israeliten aus Anatolien, namentlich aus Adana, Antiochia, Marasch, Aintab, Van, die infolge der bekannten Ereignisse in großer Not sind. Die Alliance Israelite Universelle hat dem Unterstützungskomitee telegraphisch 5000 Francs überwiesen. ** * * Jüdische Schulen im Orient. Paris. Anatole Leroy Beaulieu, der bekannte französische Schriftsteller und Mitglied des Institut de France, befindet sich eben auf einer Studienreise im Orient Er veröffentlichte vorige Woche in der „Revue des deux Mondes“ einige interessante Schilderungen über die Eindrücke, die er von den jüdischen Schulen im Orient empfangen hat. Nach Beaulieus Ansicht sind die besten französischen Schulen die kongreganistischen. Aber auch den israelitischen Lehranstalten zollt Anatole Beaulieu lebhaften Beifall. Er hat sie sämtlich besucht; in Europa, Asien und Afrika — und überall nötigte ihm das gediegene Wissen der Lehrer und der Lerneifer der Schüler und Schülerinnen die höchste Achtung ab. Die Schulen von Saloniki, Galata, Konstantinopel und Sofia führt er als geradezu mustergültig an. Als hervorragend gut organisiert preist er die französischen Schulen der Alliance Israelite, deren Leiter in Paris eine besondere Schule unterhalten, in der sie ihre Lehrer ausbilden lassen. Er erwähnt auch den Vorwurf, den die deutschen und österreichischen Juden gegen die Alliance-Schulen erheben, nämlich, daß das starke Betonen der französischen Sprache geeignet sei, ihr Ansehen in Palästina zu schwächen. Ebenso wie die kongreganistischen Schulen sind die Alliance-Schulen allen Konfessionen geöffnet. Sie werden selten von christlichen Kindern, häufig aber von muselmanischen besucht. — Anatole Beaulieu glaubt, daß alle diese aufblühenden Schulen noch eine große weitere Entwickelungsmöglichkeit vor sich haben und mißt ihnen eine hohe Bedeutung für die Zukunft der Juden im Orient bei. * * * Vom französischen Antisemitismus. Paris. Mit der Erledigung der Dreifus-Affäre hat der Bund zwischen den Royalisten und Klerikalen in Frankreich seine Wühlarbeit gegen die Juden nicht eingestellt. Mit der Parole des Judenhasses, die ihre Wirkung auf den Pöbel noch nie und nirgends versagt hat, fahren die Royalisten fort, auf die Masse einzuwirken und besonders durch Gründung von Jugend vereinen sich eine treue, allezeit marschbereite Truppe zu erhalten. Die Hilfe, die ihnen bei diesem löblichen Bestreben von der Kirche wird und auf die sie sich nicht genug einbilden können, geht eigentlich vom niederen Klerus, während die höhere Geistlichkeit einer anderen Auffassung huldigt. Ein solcher Fall ist jetzt in Paris zu verzeichnen. Der berüchtigte Hetzapostel Abbe Gaffre, der seit Jahren in Wort und Schrift den blindwütigsten Judenhaß predigt, glaubte es der Welt schuldig zu .sein, seine Weisheit in Form eines fünf Hetzreden enthaltenen Bandes der weiteren Oeffentlichkeit zu übermitteln. Der Erzbischof von Paris, Monsignore Amette, fand es aber in gerechter Würdigung der moralischen Qualität des ihm gut bekannten Autors für nötig, das Buch zunächst einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Das Resultat war die Streichung einer Anzahl von Kapiteln, die weiter nichts als eine Wiederholung atler bekannten und tausendfach widerlegten antisemitischen Anklagen gegen die Juden als „Vaterlandsverräter“ enthielten. Natürlich können die Antisemiten diesen Beweis der Toleranz von so hoher kirchlicher Seite nicht verwinden und lassen es an Verleumdungen gegen den Erzbischof nicht fehlen. Sie versuchen sogar, ihn wegen seines Eingreifens zugunsten der Juden als „Modernisten“ in Rom zu denunzieren und den Vatikan zur Erteilung eines Verweises an den „Jude nbischof“ zu bewegen. * * * 7 Ein rumänischer Konsul über die Lage der Juden in Rumänien. New-York. Der hiesige rumänische Konsul Spencer hat in einer New-Yorker Zeitung einen Aufsatz über Rumänien veröffentlicht, worin er über die Lage der Juden in diesem Lande folgendes bemerkt: „Ein Löffel kostet l‘A Pence und eine ganze jüdische Familie muß sich mit einem Löffel begnügen, da sie nicht einen zweiten kaufen kann. Ein neugeborenes Kind wird in Papier gewickelt, weil Leinwandwindeln zu teuer sind. Die Lage der Juden in Rußland ist eine bessere als die ihrer Brüder in ^Rumänien. In Rußland besteht die Hoffnung, daß die Progressiven und Gerechten zur Regierung gelangen; in Rumänien aber ist gar keine Hoffnung auf Besserung vorhanden, da die Konstitution dort das Unrecht sanktioniert und alle Parteien daran beteiligt sind. Aus Mangel an Mitteln zur Flucht aus der Knechtung ist jede Rettung unmöglich. Die rumänischenjuden leiden unter dem schweren Drucke von besonderen Steuern und Abgaben.“ Wie trostlos muß es um die Lage der Juden in Rumänien bestellt sein, daß selbst sein offizieller Vertreter sich zu solchen Bemerkungen gedrängt fühlte! * * * Jüdisches Bankunternehmen in der Türkei. Saloniki. Eine Anzahl angesehener Juden unserer Stadt hatte kürzlich beschlossen, in Saloniki ein Bankunternehmen mit nur einheimischen Mitteln zu gründen. In dieser Form hatte das Projekt aber sehr wenig Aussichten, verwirklicht zu werden, denn es würde sehr schwierig sein, in Saloniki die zur Schaffung einer bedeutenderen finanziellen Institution notwendigen Kapitalien aufzutreiben. Inzwischen besuchte Herr Jacobsohn, Direktor der Anglo-Levantine Bank in Konstantinopel unsere Stadt. Von dem obigen Plane unterrichtet, schlug er den Leitern des Unternehmens vor, in Saloniki eine Filiale der Anglo-Levantine zu gründen mit einem Kapital von 3 Millionen Frank und unter der Bedingung, daß Saloniki mit einer Summe von 25.000 Pfund eintritt. Dieser Vorschlag fand bei einem Teile Zu-

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