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Jüdische Zeitung · 1909-05-28 · 22 (28.5.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG.Nr. 22 wir selbstredend nicht in alte Fehler verfallen. Das Werk muß genügend vorbereitet werden. Schreiber dieser Zeilen, Mitbegründer und Verwalter der hiesigen „Safa-Berurah“-Schule, — zweifellos einer, der größten Galiziens — der sich wohl einige Kenntnis über Mängel und Vorzüge dieser Schulen zumuten darf, hat im Einverständnis mit seinen Kollegen im leitenden Ausschüsse des Tamower Schulvereins die Aufgabe übernommen, ein neues Organisationsstatut auszuarbeiten, das einer’ später einzuberufenden Konferenz als Entwurf vorgelegt werden soll. Er wendet sich daher an alle Interessenten mit der Bitte um lebhafte Beteiligung an der hiermit eingeleiteten Diskussion, damit dann die endgültige Formulierung um so sicherer und leichter vor sich gehen kann. Als Rahmen für die zu schaffende Organisation schwebt mir vorbildlich der gutfunktionierende Apparat der gesamtzionistischen Bewegung vor. Also Kongress, Aktionskomitee und Ortskomitees als Basis, worauf der weitere Bau, den Verhältnissen angepaßt, aufzuführen wäre. — Im Interesse einer unparteiischen Geschäftsführung wäre die Schulorganisation von der bereits bestehenden Organisation der hebräischen Lehrer (Agudas hamorim) — die eine rein berufliche ist und bleiben soll — vollständig getrennt werd e n, was aber eine gegenseitige Verständigung in vielen wichtigen Fragen nicht gerade ausschließen muß. — Die Tätigkeit einer hebräischen Schulorganisation stelle ich mir als eine dreifache vor. Zur ersten Wirkungssphäre sollten gehören: Die Auflage und der Vertrieb einheitlicher Lehrmittel für sämtliche Schulen nach dem im Einverständnis mit dem Lehrerverbande festzulegenden Lehrplane; die periodische Inspizierung sämtlicher Verbandsschulen durch einen besoldeten Inspektor, für welches verantwortungsvolle Amt ein gediegener Hebraist und Pädagoge gesucht werden soll; die Leitung einer lebhaften zielbewußten Agitation für die Modernisierung des hebräischen Unterrichte bis zur vollständigen Verdrängung der „iChedarim,“ die Gründung neuer Schulen, sowie das Bestreben, durch Erwerbung oder Errichtung eigener Gebäude den bestehenden eine gewisse Stabilität zu sichern. Der zweite Teil der Organisationstätigkeit sollte zwar kein vollständiges Gebiet umfassen, aber in konsultativen Richtung von großer, nicht zu unterschätzender Bedeutung sein. Hieher gehören: die entsprechende Mitwirkung bei der Ausarbeitung von einheitlichen Lehrplänen, wobei sehr große Vorsicht geboten ist, da auch auf viele traditionelle Gefühle der konservativen Bevölkerung Rücksicht genommen.werden muß; die Entsendung von Delegierten in die Prüfungskommission der Lehrer und Einflußnahme auf die Qualifikationsart derselben; Mitwirkung bei der Regelung verschiedener pädagogischer oder lehrtechnischer Fragen etc. Endlich stelle ich mir noch ein drittes, nicht minder wichtiges Aktionsgebiet einer Schulorganisation vor. Der repräsentative Wert eines organisierten Landesverbandes ist sehr groß, und zwar nicht nur da, wo es sich um erfolgversprechende Intervention bei Behörden oder öffentlichen jüdischen Institutionen handelt, sondern auch in Fällen, wo eine kräftige Abwehr nottut, gegen die Angriffe immer frecher werdender Feinde aus dem Lager unserer schwarzen Hundertschaften. Diesen feigen Verleumdern gelingt es leider noch jetzt, viele Freunde der hebräischen Sprache und eines modern geregelten /Unterrichts durch allerlei Einschüchterungen im alten Schmutze zurückzuhalten, weil es letzteren an Charakterfestigkeit fehlt, den «lenden Finsterlingen trotzig die Stirn zu bieten. Bier wäre ein Gegenstoß mit vereinten Kräften das •einzige und radikalste Mittel. Diese sind in großen Zügen die Umrisse eines Organisationsbildes, wie ich es verwirklicht haben wollte. Eine detailierte Besprechung einzelner Punkte ist natürlich, ohne den Rahmen eines Zeitungsartikels zu überschreiten, unmöglich. Das Gesagte genügt jedoch vollständig, um den interessierten Kreisen zu zeigen, nach welcher Richtung hin sich mein Plan bewegt und ich stelle es ihnen anheim, etwaige Anregungen und Wünsche entweder durch weitere öffentliche Behandlung in der. Parteipresse oder in Form.p.r.i v.ate.r Mitteilungen an den Schreiber' dieser Zeilen vorzubringen. Jedenfalls, wird es . für .die gute Sache schon einen Erfolg bedeuten, wenn mein Ruf nicht wir-. kungslos verhallen wird und wenn es durch eine sachliche Diskussion ermöglicht wird, für einen dauernden m o n u m en täl e n Bau d e s j üdischen Erziehungswesens den Grundstein zu legen. Tamöw, 1. Sivan 5669. Joachim Neiger. Brief aus Galizien. Die Ersatzwahlen in Sambor und Böbrka. Am 30. Juni d. J. sollen die Reichsratsersatzwahlen in den Bezirken Sambor und Böbrka stattfinden. Alle polnischen und ruthenischen Parteien diskutieren in ihren Organen die Aussichten ihrer Kandidaten. Doch ist bis jetzt keine Kandi-’ datur offiziell endgültig aufgestellt. Diese Haltung der Polen könnte sonderbar erscheinen, wenn man sich nicht vor Augen halten würde, daß die Polen durch die Stellung der jüdischen Parteien zu dieser Geheimtuerei gezwungen sind. In dem einen Wahlbezirke Sambor bilden die Juden das Zünglein an der Wage, im zweiten kann bei einer jüdischen Kandidatur auf Erfolg gerechnet werden. Von der Haltung der jüdischen Wähler hängt es aiso in erster Linie ab, welche Partei das Mandat erobern wird. Und gerade das ist bis jetzt nicht aufgeklärt, da merkwürdigerweise die jüdische Presse, in erster Linie die jüdisch-nationale und zionistische, über diese wichtige Frage schweigend hinweggeht. Wohl sind Gerüchte verschiedener Art in Umlauf gewesen. Eine offizielle Notiz im „Lemberger Tagblatt“ wußte vor einigen Wochen zu berichten, daß sich das Zentralkomitee der galizischen Zionisten „mit der Frage der Kandidaturen“ beschäftigt habe. Zu welchem Resultate das Zentralkomitee gekommen, ist unbekannt. Andrerseits wird in der polnischen Presse beständig auf Umtriebe der Zionisten hingewiesen. Doch ist alles in Dunkel! gehüllt. Dieses sonderbare Verhalten ist nicht nur beunruhigend, sondern auch im höchsten Grade unpolitisch. Man bedenke: vier Wochen trennen von der Entscheidung und kein Mensch rührt sich. Die Annahme, daß die Zionisten ein aktives Eingreifen in die Wahlbewegung scheuen, wäre aber dennoch verfehlt. Die Politik der zionistischen Partei ließe ein derartiges Sichherumdrücken einfach nicht zu! Sollte die galizische, zionistische Partei den Weg der selbständigen Wahlbeteiligung nicht gehen wollen, so werden sich im letzten Momente genug unverantwortliche Personen finden, welche sich die Stimmung der jüdischen Wählerschaft — und die ist dank der Existenz und der Arbeit der zionistischen Partei selbständig national — zunutze machen werden. Es ist uns aus sicherer Quelle bekannt, daß bereits zwei Wiener Advokaten allen Ernstes daran denken, auf der Bildfläche zu erscheinen und sich auf Grundlage eines jüdischnationaldemokratischen Programmes um die jüdischen Stimmen zu bewerben. Wie wird sich die zionistische Partei in einem derartigen nicht nur möglichen sondern mehr als wahrscheinlichen Falle verhalten? Wird sie etwa Wahlenthaltung predigen können? Wird sie nicht durch ihre Anschauung, ihr Programm und ihre bisherige Politik dazu gezwungen sein, die unverantwortlichen, der Partei nicht angehörenden Kandidaten zu unterstützen? Es ist zu hoffen, daß die Leitung in den nächsten Tagen einen Entschluß fassen wird, und daß dieser Entschluß'nur eindeutig lauten kann: Aktive Wahlbeteiligung und Nominierung vertrauenswürdiger, verantwortlicher Männer zu Kandidaten der zionistischen Partei. * * Polnische Juden. Bekanntlich lautet der beständig wiederkehrende Refrain der Anklagen, welche die Polen gegen die Zionisten erheben, folgendermaßen: „Ihr lebt in unserem Lande, wir betrachten Euch als unsere Brüder und ersehnen nichts anderes als Eure Verschmelzung mit unserem Volke und Ihr lohnet diese Gefühle durch strenge Absonderung!“ Dieser Ausspruch ist nicht ad hoc konstruiert, sondern man kann ihn in. tausend Variationen alUägjiqh jn p.olni , sehen Zeitungen ' lesen. Man ^sollte miii/erwarte'n, daß die Polen den nichtziönistischenJuden’ beständig, um den ilals fallen, .sie. mit'Wohltaten über-; häufen und ihnen das Leben sö. angenehm als.möglich gestalten.^ Einerseits um den so oft geäußerten brüderlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, anderseits den Zionisten , zu zeigen, welche unermeßliche Liebe sie durch ihr Selbständigseinwollen verscherzt haben. Das tun indes die Polen nicht. Sie haben andere Methoden, um die Zionisten von ihrer aufrichtigen Judenliebe zu überzeugen. Wie diese Methoden aussehen, lehren folgende Fälle. In Krosno, einem größeren Provinzstädtchen Galiziens, wohnen mehrere hundert jüdische Seelen. Lauter folgsame und . fügsame Moschkowesen. Seit Jahren tanzen sie so wie die Polen pfeifen, stimmen auf Befehl des Bezirkshauptmannes für jeden Kandidaten, spenden für den polnischen Schulvercin, fe.iern die polnischen Nationalfeste und haben nie .laut den Wunsch nach Freiheit zu äußern gewagt; sind somit ideale Polen mosaischer Konfession, wie sie kein Allpole . besser und treuer wünschen kann. Wie verfährt aber diese Gesellschaft diesen „mosaischen Brüdern“ gegenüber? Wie lohnt sie die Folgsamkeit dieser Moschkos? Ein Bericht eines Juden aus Krpsno gibt Antwort: Die Polen verfolgen diejuden auf das heftigste, sie haben über die jüdischen Kaufleute den wirtschaftlichen Boykott verhängt, sie hetzen die Landbevölkerung der umliegenden Dörfer gegen die'Juclen auf. Der Bezirkshauptmann, Steuerinspektor, Stadtarzt, die ganze Beamtenschaft, vom. Goldkrägler bi» zum Heiducken, ist die Leiterin der Hetzagitation! . Ein anderer Fall. Die Stanislauer Schuljugend veranstaltet eine Feier zu Ehren des Dichters SIowacki. Eingeleitet wird die Feier durch eine Messe in der Kirche. Dieser Messe bleiben die jüdischen Schüler fern. Der Professor benützte die Abwesenheit der jüdischen Schüler um die Juden zu beschimpfen und die jüdischen Schüler zu verhöhnen . . . Man könnte die Anzahl ähnlicher Fälle ins Unendliche vergrößern. Alle sprechen sie die eine traurige Wahrheit aus: Ueberall — in Amt und Schule, Gesellschaft und Erwerbsleben — tritt dem Juden-in Galizien brutaler Judenhaß entgegen. Der. Jude mag machen, was er will, immer und überall ist er der Prügelknabe, der Schuldige, der Undankbare, der Ausbeuter und Schädling. Was bleibt da zu tun übrig? Wenn man’s den andern nicht recht machen kann, so sei man wenigstens sich selber gerecht! Strafe für einen Mord — fünfzehn Tage Stubenarrest. Bekanntlich wurde der preußische Rittmeister von Gersdorff, welcher durch fortgesetzte antisemitische. Quälereien den jüdischen Einjährigen Bloch in den Tod getrieben hat, von der militärischen Schandjustiz zu 2 Tagen Stubenarrest verurteilt. Ueber. Berufung wurde die Gerichtskomödie wiederholt. Auf Grund der vernichtendsten Beweise, wurde der Angeklagte zu d.er unerhört hohen (!) Strafe von sage und schreibe 15 Tagen Stubenarrest verurteilt. Nachstehend der Verhandlungsbericht. Mühlhausen i. E., . 14. Mai. Vor dem Oberkriegsgericht begann heute morgen 8 Uhr die Berufungsverhandlung gegen den- Rittmeister von Gersdorff der zweiten Eskadron des 5. Jägerregiments zu Pferd in Mühlhausen, der durch Urteil des Kriegsgerichts der 29. Division vom 20. April wegen Beleidigung des Einjährigen Bloch zu zwei Tagen Stubenarrest verurteilt worden war. Nach Verlesung der Protokolle der ersten Verhandlung wurde der Angeklagte über die in der Berufungsklage wieder aufgenommenen Anklagepunkte vernommen. Den Ausdruck „Beten Sie zu Moses und den-Propheten* habe er scherzweise getan, aber eine beleidigende Absicht dabei nicht gehabt. (!) Den zum Vorwurf gemachten Ausdruck „Bilden Sie sich nichts ein auf Ihr Geld, das Ihr Vater erworben hat, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen“, sucht der Angeklagte durch einen Zusatz im Sinn zu ändern: „um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen,. sind Sie ein unverschämter Mensch“. Des Ausdrucks „Judenjunge“ könne er sich nicht entsinnen. Wenn er ihn gebraucht habe, so habe er auch dabei eine beleidigende Absicht nicht gehabt (!). In weiteren Ausführungen versucht der Angeklagte den Haupt-

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