Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 . JÜDISCHE ZE1TÜNG. Seite 5 sie, heryorgcrufene, Verzweiflüiig der jiidiscb.eji Masse,...'hat . diese] Patteieii "dem Zjonismüs^gepähert. / •’ ’ . V In” dem " Flusse des; jüdischen Lebens, auf der .wogenden Oberfläche; des unruhigen Goius ist der Zionismus der ruhende Pol,, der unbewegliche Felsen, auf den die Blicke des'herumirrenden und verzweifelten Juden sich, richten. Aber ist der Felsen schon mit grünem Laub bewachsen, ist er nicht bloß hoffnungsverheißend, sondern auch hoffnungsverwirklichend geworden? Nicht doch! Denn obwohl die Itopläne fehlgeschlagen sind, kommt man noch mit einem neuen Plane, mit Mesopotamien. Und der verzweifelte Sozialist, Herr Sirkin und der herumirrende jüdische „Nationalist“ Lucien Wolf appellieren an alle jüdischen Organisationen, ihre Energie auf das Mesopotämienprojekt zu konzentrieren. Und somit ist die ganze Annäherung zur Phrase geworden. Denn erst jetzt müssen wir von Neuem mit den Leuten diskutieren. Wir müssen den Leuten die Ueberzeugung beibringen, daß unter den gegebenen Verhältnissendie Kolonisation in Palästina leichter ist, als in Mesopotamien, da man nach Eingeständnis der Ito-Führer 150 Millionen Mark verausgaben müßte, um Mesopotamien überhaupt kolonisationsfähig zu machen, während man mit dieser Summe in Palästina sofort eine großzügige Judenkoionisation bewerkstelligen könnte, man könnte ja weiter Vorbringen, daß, in welchem Lande es auch sein mag, die ersten Schritte einer Agrikulturkolonisation nur langsam getan werden können, während wir in Palästina doch über Erfahrungen verfügen, die uns die weitere Arbeit erleichtern, daß es sich vor allem darum handelt, ein jüdisches Zentrum — ein wirtschaftliches und geistiges — zu schaffen, wozu wir in Palästina schon gewisse Ansätze besitzen. Aber man könnte noch Hunderte von Gründen anführen, die für Palästina sprechen, ohne in Gegensatz zu Mesopotamien zu treten, denn zwischen beiden existiert ein genetischer Zusammenhang. Wenn sich in Palästina ein jüdisches Zentrum ausgebildet haben wird, könnten wir gar nicht vermeiden, daß von da aus die nachkommenden Juden nach allen Nachbargebieten* somit auch nach Mesopotamien sich ausbreiten würden. Und so käme dann der Mesopotamienplan an die Reihe. Vergessen wir nicht, daß in der asiatischen Türkei Platz für 100 Millionen Einwohner vorhanden ist, daß durch die Entwicklung der Verkehrswege alle diese Gebiete einander näher gebrachtwerden müssen. All das kann man Vorbringen und noch viel mehr. Aber das ist wieder nur Diskussion, unnütze Plauderei, die niemanden überzeugt, der sich aus diesem oder jenem Grunde nicht überzeugen lassen will. Nur die Tat wirkt überzeugend. Und wirklich verstehen denn die Territorialisten nicht, daß man nach Mesopotamien ebensowenig von Anfang an große Massen jüdischer Emigranten senden könnte,, wie nach Palästina? Dort wie hier wird noch lange Zeit die Industrie fehlen, die allein eine große Immigration verträgt. Also dort wie hier müßte man mit Agrikulturkolonisation beginnen, die eben nur langsam fortschreiten kann. Noch mehr. Herr Lucien Wolf, der doch praktischer als Herr Zangwill und Herr Sirkin zusammengenommen ist, weiß ganz gut, daß unter den jetzigen Umständen Palästina viel eher für Industrie und Handel vorbereitet ist, als Mesopotamien, respektive daß vorläufig Palästina viel eher Immigrationsland werden kann. Und trotzdem ... Die Sache ist gar einfach: Diskussionen führen zu nichts. Nur der tatenreiche Zionismus könnte alle Zweifler und Abtrünnige in unser Lager zurückbringen. Solange Zangwill das Recht hat zu erklären, daß die Zionisten „keinen Arbeitsplan haben“, kann keine Rede von einer tatsächlichen Verständigung zwischen uns. upd den andern sein, .denn sie werden immer Projekte machen können. .Nur. zionistische Erf o lge könnten allen Projekten ein Ende machen. Und zwar meinen wir ja nicht „diplomatische“ Erfolge, sondern Erfolge in dem Weiterausbaü des jüdischen Lebens in Palästina. Seien diese Erfolge auch klein, sie müssen nur eine Entwicklungslinie anzeigen, einen durchdachten und zielbewußten Arbeitsplan. Dann brauchten wir mit den Territorialisten gar nicht zu diskutieren: die lebendigen Tatsachen würden sie am leichtesten in unser Lager zurückbringen. Haben wir diesen Arbeitsplan? Wirmeinen, daß es doch einmal offen vor der ganzen Welt, sogar vor unseren Gegnern und Kritikern gesagt werden muß: Wir haben keinen Arbeitsplan. Wir leben von der Hand in den Mund. Und dieses offene Geständnis muß eben jetzt abgelegt werden, da uns nur einige Monate vom IX. Kongreß trennen. Wenn dieser Kongreß nur ein .Redekongreß, ein Flickwerk sein wird, dann verlieren wir jeglichen Boden unter den Füßen. Nicht darum sollen wir streiten, w o der Kongreß abzuhalten sei, sondern mit welchem Plane und mit welchen Zielen. Der nächste Kongreß muß die Lücke ausfüllen, auf die Zangwill hingewiesen hat: er muß uns einen bestimmten, konkreten, gangbaren Arbeitsplan geben. Dann erst, aber nur dann, wird jegliche Projektenmacherei aufhören, der Territorialismus verschwinden. Und noch ein offenes Geständnis müssen wir ablegen: wir können uns nicht auf unsere Leitung verlassen. Die Zeiten Herzls sind vorbei. Die Persönlichkeit fehlt, die klar wußte, was sie will und dementsprechend auch handelte. Jetzt ist es Pflicht jedes Zionisten, mit sich darüber ins Reine zu kommen, was nun zu geschehen hat. Fürchte man ja nicht die spöttische Bemerkung, jeder Zionist gefalle sich in der Rolle des „Eizes-Gebers“. Hätten wir einen Arbeitsgeber, wären die Eizesgeber überflüssig. Aber jetzt, wo man von keiner Tat hört, muß man damit beginnen, einander Ratschläge zu geben. Je sehnlicher wir wünschen Anhänger zu werben, nicht nur unsere gewesenen Freunde, sondern auch unsere Gegner zu Bundesgenossen zu machen, desto mehr müssen wir bestrebt sein, endlich einen klaren Arbeitsplan zu bekommen und Garantien zu schaffen, daß derselbe auch ausgeführt werde. Das wird unser bestes Propagandamittel, unser bestes Agitationsmittel sein. Nur das Fehlen der Tat erklärt die Tatsache, daß die gewaltige Veränderung in der Türkei unsere Sache verhältnismäßig wenig begünstigt hat. Wohl ist da die Schwäche und die Entartung des jüdischen Volkswillens mitschuldig, aber hätten wir eine energische Minorität, die dem ganzen Volke als Beispiel diente, wie anders sähe der Zionismus aus! Diese Minorität — denn noch lange werden wir eine Minderheit bleiben — muß geschaffen werden, und zwar noch bis zum nächsten Kongreß. Um das zu erreichen, ist vor allem notwendig, mit scharfem Blick die Gegenwart zu überschauen, sich nicht damit zu trösten, daß dieser oder jener sich dem Zionismus genähert habe. Diese Elemente bleiben bei uns nur dann, wenn wir ihnen auch Arbeitsgebiete an weisen können. Außer allgemeinen Phrasen können wir ihnen jetzt nichts bieten. Das muß anders werden. Darüber müssen wir uns aussprechen. Ich werde mir erlauben, in einem folgenden Artikel mit positiven Vorschlägen an die Leser heranzutreten. Ich hoffe, daß unsere bewußten Gesinnungsgenossen mithelfen werden. Ich glaube, daß offene Kritik nie schaden kann. Um so mehr als unsere Gegner viel schlimmer daran sind als wir. Wir haben, keine Taten, aber besitzen doch eine wunderschöne Hoffnung, die mit allen Fibern der jüdischen Seele verknüpft ist, während sie weder Taten noch Hoffnung besitzen; im besten Falle sind sie Projektenmacher. Entwurf einer hebräischen Schul-Organisation in Galizien („Safa Berurah“). Parallel mit der Bestrebung nach Neubelebung des jüdischen Volksbewußtseins und Verjüngung des jüdischen Vaterlandes, entwickelte sich auch die Renaissance-Bewegung der hebräischen Sprache, der — trotz „Czemowitz“ — der Charakter der Nationalsprache des jüdischen Volkes nie genommen werden kann. Der Gedanke, den hebräischen Unterricht zu modernisieren, beginnt auch im starren galizischen Boden Wurzel zu fassen und die „Cheder“-Kalamität kann als bald überwunden betrachtet werden. Es bestehen bereits in vielen galizischen Gemeinden — meistens unter dem Namen „Safa Berurah“ — moderne hebräische Schulen, die sich die Belebung der hebräischen Sprache zum Ziele gesteckt haben und das Erreichen dieses Zieles durch praktische Einführung der Berlitzschen Methode „Ibritbeibrit“ erstreben. Ungeachtet vieler Hindernisse und Schwierigkeiten aller Art, die allerdings bei Neugründungen kaum umgangen werden können, sind schon glänzende Erfolge erzielt worden, die zur Hoffnung berechtigen, daß die Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit dieser Schulen endlich allgemein anerkannt werden wird. Um aber den leider noch vorhandenen zahlreichen Mängeln der hebräischen Schulen wirksam begegnen zu können, wurde auf Anregung der Kulturkommission des galizischen zionistischen Zentralkomitees eine gemeinsame Konferenz der hebräischen Lehrer und Schulkomiteemitglieder für den 18. und 19. April l.J. nach Lemberg einberufen, die den Zweck hatte, eine einheitliche Landesorganisation sämtlicher „Safa Berurah“-Schulen Galiziens ins Leben zu rufen. Leider wurde dieser löbliche Zweck durch die Konferenz nur teilweise erreicht und zwar nur insoferne, als durch diese erste öffentliche Diskussion die Aufmerksamkeit interessierter Kreise geweckt wurde. Denn daß die Konferenz in der kurz zugemessenen Zeit etwas konkretes, irgend ein Werk von bleibendem Werte hätte schaffen können, war bei der mangelhaften Vorbereitung von vorneherein ausgeschlossen. Zwar verzeichnen die offiziellen Konferenzprotokolle die Annahme eines Organisationsstatuts, ja sogar die formelle Konstituierung dieser Organisation. Aber wollen wir nicht beschönigen — was, nebenbei bemerkt, der Sache nur schaden könnte — so müssen wir zugeben, daß alle Beschlüsse formeller Natur, die gefaßt wurden, nur das Feigenblatt sind, das die Schande eines vollständigen Fiaskos zu verhüllen bestimmt ist. Das kaum geborene Stanislauer Statut wurde infolge seiner praktischen Unverwendbarkeit sofort zum Tode verurteilt. Subtrahieren wir nun von der fiktiven Aktiva die tatsächliche Passiva, so ergibt die Bilanz zum Schlüsse — Null. Diese unangenehme Wahrheit muß öffentlich gesagt werden. Wenn auch keine persönliche Kritik geübt werden soll, so muß konstatiert werden, daß die Organisation der hebräischen Schulen in Galizien vorläufig mißlungen ist, nicht deshalb, weil es in den interessierten Kreisen an gutem Willen oder an Tatkraft gefehlt hat, vielmehr aus dem Grunde, weil die Konferenz mangelhaft vorbereitet und, unüberlegter Weise, gleichzeitig mit der zionistischen Landeskonferenz einberufen wurde. Durch diesen Umstand wurde den Delegierten, die meistens mit Doppelmandaten ausgestattet waren, nicht einmal so viel Zeit gelassen, um die auf der Tagesordnung stehenden Fragen einer eingehenden Diskussion zu unterziehen, geschweige denn einen Statutenentwurf auszuarbeiten. Die erste Konferenz ist also, weil überhastet, erfolglos geblieben und wir müssen wieder von vorne beginnen, wenn die endlich in Fluß geratene Organisierungsbewegung verlaufen soll. Dabei dürfen