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Jüdische Zeitung · 1909-05-28 · 22 (28.5.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 J ÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 22 die Juden auf ihre Haltlosigkeit zu prüfen. Die Progressiven in der Duma vermögen es am besten, von dieser weithin sichtbaren Stelle aus Aufklärung über den Charakter und die Verhältnisse der jüdischen Mitbürger zu geben. Damit eine solche Aufklärung aber auch wirksam werde, müßte sie von der liberalen Presse in die weitesten Kreise der russischen Bevölkerung weitergetragen werden. Bei den letzten Judendebatten in der Duma hatte sie die beste Gelegenheit dazu. Sie hat diese Gelegenheit jedoch nicht benutzt Wir wollen hoffen, daß sie in Zukunft anders verfahren wird — will sie nicht anders ein Verbrechen an den entrechteten und geplagten 6 Millionen Juden in ihrem Lande und einen Verrat an ihren eigenen Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschlichkeit begehen. * * * Abschaffung des Ansiedlungsrayons? Petersburg. Das Reichsratsmitglied Weinlowitsch hat soeben einen Antrag auf Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons eingebracht Die Kanzlei des Reichsrates hat eine schriftliche Kopie dieses Antrages sämtlichen Mitgliedern der Finanzkommission zugestellt. In dem Antrag wird darauf hingewiesen, daß die Begrenzungen des jüdischen Wohnrechtes unmoralisch und ungerecht sind und den gesamten industriellen und Handelsbetrieb des Landes schädigen. In den Kreisen der Reichsratsmitglieder wird über diesen Antrag viel gesprochen; im allgemeinen aber bringt man ihm natürlich sehr wenig Sympathie entgegen. * * * Judenreine Kurorte. Petersburg. Der Handelsminister hat es abgelehnt, ein Gesuch an Allerhöchster Stelle wegen Erteilung einer Erlaubnis an Juden zum Kuraufenthalte in den kaukasischen Mineralbadeorten zu richten, da ein solches Ersuchen keine Aussicht auf Erfolg habe. Das Bemerkenswerteste an diesem Bescheide ist, daß der jetzige Handelsminister Timirasjew, ein früherer Kadett, als „liberal“ gilt. Sobald es sich aber um Juden handelt, hört hier aller Liberalismus auf. * * * Jüdische Mohammedaner in Rußland. Petersburg. Am 29. April ist folgende Senatsentscheidung offiziell publiziert worden, deren Resultat wir bereits früher mitgeteilt haben: „In Beratung des Rapports des Ministeriums des Innern über die zwei Fragen: 1. Haben Juden das Recht, zum mohammedanischen Glauben überzutreten? 2. Werden sie dadurch von den verschiedenen Beschränkungen befreit? — Findet der Senat: 1. daß das Allerhöchste Manifest vom 30. Oktober 1905 der Bevölkerung Freiheit von Gewissen und Glauben geschenkt hat; 2. daß das Nichtvorhandensein von gesetzlichen Bestimmungen über die Art desUebertritts von einem Glauben zu einem andern nicht als Hindernis für den Uebertritt selbst dienen kann; 3. daß die Gesetze, welche jüdische Rechte beschränken, für alle nicht dem christlichen Glauben anhängenden Juden Giltigkeit haben; 4. daß seit dem Manifest vom 30. Oktober keine Verordnungen wegen der Resultate des Uebertrittes von Juden zu einem anderen, nicht christlichen Glauben erlassen sind. Hierauf hat der Senat in seinem Erlaß an den Minister des Innern vom 4. März 1909, Nr. 2029, erklärt: 1. Juden dürfen zum mohammedanischen Glauben übertreten; 2. dadurch werden sie von den auf ihnen lastenden Beschränkungen nicht befreit.“ — Da ist wenigstens der „christliche Staat“ konsequent * * * Die Juden in Sibirien. Tschfta. Die Lage der Juden in Sibirien hat sich in den letzten Jahren wesentlich verschlimmert, besonders leiden sie hier in ihren kulturellen Angelegenheiten. Nach dem Zirkular des- Kriegsministers vom 27. Januar 1908 (Nr. 457) haben auch diplomierte Juden kein Wohnrecht in Ostsibirien jenseits des Baikalflusses.; In ganz Sibirien fällt es schwer, jüdische Lehrer zu finden, die hier das Wohnrecht haben; vollends unmöglich ist es nun in Ostsibirien. Dasselbe gilt auch von Rabbinern und anderen Kultusbeamten; Die eingeborenen sibirischen Juden besitzen wenige jüdische Kenntnisse, und aus dem westlichen Rußland eingewanderte Juden, selbst diplomierte, haben dort kein Wohnrecht So mußte die jüdische Schule in Tschita wegen Mangel an Lehrkräften geschlossen werden. In Werchneudinsk wurde eine schöne „Talmud- Thora“ errichtet: sie konnte aber aus demselben Grunde nicht eröffnet werden, und die armen jüdischen Kinder erhalten keinerlei Unterricht. Noch schlimmer steht es mit' den Rabbinern. Der Gouverneur erließ einen Befehl, wonach im gesamten ostsibirischen Gebiet jede' Synagoge einen besonderen Rabbiner haben muß — sonst würde sie von der Administration geschlossen. Wo aber nun, nachdem obigen Zirkular, Rabbiner hernehmen? — An den Dumaabgeordneten Beleussow wurden mehrere Briefe von sibirischen Juden gerichtet, namentlich aus Tomsk und den angrenzenden Gouvernements, worin mitgeteilt wird, daß die Administration zahlreiche, seit langen Jahren ansässige jüdische Familien ausgewiesen hat.--Der Abgeordnete wird gebeten, „irgendwelche Erleichterungen im großen Unglück zu erwirken.“ Leider nach den bisherigen Erfahrungen ist in solchen Fällen wenig Aussicht auf einen Erfolg, selbst wenn der Abgeordnete sich alle mögliche Mühe geben sollte. * * Russische Polizeiwiilkür. Kiew. Unsere Lokaladministration hat in letzter Zeit die hiesige, 60—-;70.000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung durch barbarische Brutalität, die selbst hierzulande in: solchem Maße nicht zu den Alltäglichkeiten gehört, in Schrecken und Panik versetzt. Allnächtlich werden verschiedene jüdische Privatwohnungen und; Gasthäuser von Polizisten | umzingelt und nach wohnrechtslosen Juden durchsucht, die selbst aus den Betten herausgeschleppt und mit Verbrechern und Prostituierten zusammen nach ihren Heimatsorten per Schub befördert werden. Selbst Greise und Kranke, die zur ärztlichen Behandlung hergekommeri sind, werden nicht geschont. Eine in Geburtswehen liegende jüdische Frau wurde, statt nach der Entbindungsanstalt, nach einem Polizeirevier gezerrt, wo sie alsbald von' einem Knaben entbunden wurde. Dort machte man sich über das „junge Jüdchen“ lustig, das es gewagt habe, an einem „verbotenen Ort“ zur Welt zu kommen. Auf Befragen erklärte der Polizeichef, es wäre aus Petersburg der Befehl zugegangen, „Oblawy“ (Polizeirazzia) auf wohnrechtslose Juden hier zu veranstalten. Und nun finden hier diese berüchtigten „Oblawy“ — die eines der grauenerregendsten Kapitel in der düsteren Leidensgeschichte der russischen Juden bilden — ununterbrochen statt und versetzen uns in .die wildesten -Zeiten der 80er Jahre zurück. Nur Eins scheint sich inzwischen geändert zu haben: man spricht nicht mehr soviel davon. Die öffentliche Meinung ist den Judenleiden gegenüber „besonnener“ geworden und regt sich über sie. nicht mehr auf. — Der neunte Zionisten- Kongreß. Ende dieses Jahres wird der neunte Zionisten- Kongreß abgehalten werden. Auf demselben werden wichtige Fragen zur Entscheidung kommen. Bei der kurzen Dauer des Kongresses ist es nicht möglich, auf diesem selbst die verschiedenen Probleme eingehend zu diskutieren. Die Delegierten müssen vielmehr schon vorher genau über alle Fragen orientiert sein, damit sie in voller .Kenntnis der Tragweite der zu fassenden Beschlüsse ihr Votum abgeben. Wir werden daher zur Informierung der Oeffentlichkeit unter obigem Titel eine Reihe von Artikeln aus der Feder sachkundiger Parteigenossen veröffentlichen, um zur Vorbereitung des Kongresses beizutragen. ...» * Zionismus und Territorialismus. Von Dr. D. Pasmanik, Genf. Zwei Erscheinungen des jüdischen Willens haben in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit der Zionisten sehr beschäftigt: in New York fand eine Versammlung von drei jüdisch - sozialistischen Parteien statt, die nunmehr alle die Bedeutung Palästinas anerkannten und in London kündigte Zangwill einen neuen Plan an, der sich ebenfalls Palästina nähert. Es ist zweifellos, daß sich eine Annäherung aller territorialistischen Elemente an den Zionismus sehr stark bemerkbar macht. Sollten wir Zionisten uns darob freuen? Es scheint wohl, denn unser offizielles Organ „Die Welt“ bläst schon Hossana. Auch wir gehören zu denjenigen; die die Stärkung des Einigungsgedankens unter den Juden mit Freuden begrüßten. Und trotzdem können wir uns jetzt nicht freuen, nicht etwa weil Zangwill noch nicht mit Sack und Pack zu uns übergegangen ist, sondern weil wir, weil die zionistische Organisation, dem jetzigen Alomente nicht gewachsen ist. Eine kleine Analyse soll den Sachverhalt aufklären. Warum nähern sich die territorialistischen Elemente dem Zionismus? Etwa aus positiven Gründen, etwa weil der Zionismus ihnen eine größere Arbeitsmöglichkeit bietet? Nein! Denn Zangwill erklärt klipp und klar: „Diese (die Zionisten) haben nur ein Programm, aber keinen Arbeitsplan“. Also nur negative Gründe haben die Territorialisten überhaupt, sowie auch die jüdisch-sozialistischen Parteien dem Palästinismus näher gebracht oder wie Zangwill es formuliert hat: „Die Ito hat Pläne, die zwar bisher sämtlich fehlgeschlagen sind.“ Ebenso steht es mit den jüdisch-sozialistischen Parteien: die furchtbare Reaktion in Rußland und die durch beiter, so wie hier; er lebte dort iu überfüllten Wohnräumen, wie auch hier. Er hat den Preis für seine „Verstadtlichung“ schon vor vielen hundert Jahren gezahlt, während der Italiener, Syrier, Ire, Slave und Ungar, die als Proletarier nach den Vereinigten Staaten kommen, mit den städtischen Verhältnissen zum ersten Male zu tun bekommt und einen außerordentlich hohen Preis im Schatten der Opfer der weißen Pest bezahlen muß. Die Effekte der durchgehenden „Verstadtlichung“ der Juden haben sich in manch anderer Art geoffenbart Es wurde von vielen Aerzten beobachtet, daß selbst bei ihrer Infektion durch den Tuberkelbazillus, die Prognose bei den Juden günstiger ist als bei den anderen Völkern. Der Verlauf der Krankheit ist milder und langsamer. Ich habe sehr wenig Fälle von Tuberkulose der galoppierenden Form unter Tausenden von Tuberkulosefällen unter Juden beobachtet. Akute Miliartuberkulose ist bei ihnen sehr selten. Auch die Fälle von Erkrankungen, die mit sehr hohem Fieber und rapider Ausbreitung unter Kavemenbildung in wenigen Wochen oder auch Monaten einhergehen, sind selten. Dagegen sind Fälle von äußerst chronischem Typus, die sich auf Jahre erstrecken und sogar dem Befallenen erlaubten, sich mit leichter Arbeit zu beschäftigen, gewöhnlich häufiger als bei anderen Volksangehörigen in gleicher sozialer Stellung. Natürlich hängt dies zu einem gewissen Grad von ihrer Alkoholabstinenz-ab, aber diese allein erklärt nicht den erwähnten Umstand. Es hat den Anschein, als würde der „verstaatlichte“ Organismus der Entwicklung und Ausbreitung nicht so günstigen Boden bieten, während der Landbewohner den Bazillen jungfräulichen Boden darbietet. Das ist der einzige vernünftige Weg, der; uns die hohen Todeszahlen an Tuberkulose bei den Landbewohnern erklärt, die in die Städte einwandem. Es gibt nun Anzeichen dafür, daß dieser Vorteil der Juden nicht ein dauernder ist. Es scheint, daß im östlichen Europa die Tuberkulose im Ansteigen begriffen sei;;dasselbe wurde von London berichtet. In der Stadt New-York hat die Zahl der bei der „United Hebren Charitier“ um Hilfe Suchenden, die an Tuberkulose leiden, im Jahre 1907 die Zahl von 1000 überschritten, während sechs Jahre vorher die Zahl sich bloß auf die Hälfte belief. Es scheint, je mehr sie sich an das Leben innerhalb der Stuben gewöhnen, sie der Infektion nicht mehr solchen Widerstand leisten können, wenn, ihre ökonomischen Verhältnisse sehr ungünstig werden.

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