Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Heere;-einige inden sächsischen, badischen, hessischen,; braunschweigischen und mecklenburgischen Kontingenten.' - Viele; 'davon'7 erhielten das-eiserne Kreuz-oder ' es wurden ihnen die entsprechenden Auszeichnungen der Bundesstaaten verliehen. Ein großer Teil wurde weiter befördert, viele zu Preiv.ierleutnants, nicht wenige zu Hauptleuten und Stabsoffizieren, u. a. in der aktiven Armee Oberstleutnant Heule-München. Auch in dem folgenden Jahrzehnt wurden Juden Reserveoffiziere. Erst infolge der antisemitischen Agitation stockte dieses Avancement, und es wurde in Preußen seit etwa 1880 zur feststehenden Regel, keinen Juden mehr zum Offizier zu befördern. Nur in Bayern werden noch gelegentlich geeignete jüdische Aspiranten Offiziere. * * * Die Vertretung der Juden im bosnischen Landtage. Wien. Der Wiener Korrespondent des „Lemberger Tagblatt“ weiß seiner Zeitung aus angeblich sicherer Quelle zu berichten, daß trotz der in den Blättern erschienenen Meldung, wonach die Juden im bosnischen Landtage nur durcheinen Virili&ten vertreten sein werden, der betreffende Gesetzentwurf der Regierungfür die Juden eine erheblich größereVertretung vorsieht. Seiner Angabe gemäß werden die Juden drei Mandate innehaben, nämlich eine Virilstimme, ein Mandat in der allgemeinen und ein Mandat in der Städtekurie. Es wäre verfrüht, diese Meldung als wahr hinzunehmen. * * * Allgemeines Wahlrecht in einer größeren Kultusgemeinde. Tarnopol. Einem Berichte aus Tarnopol zufolge hat der Kultusrat am 14. d. über Antrag des auf jüdischnationalem Programm gewählten Kultusratmitgliedes Dr. B1 e m m e r beschlossen, binnen vier Wochen einen Entwurf für das allgemeine Wahlrecht in die Tamopoler Kultusgemeinde zu verfassen. Die Tamopoler Kultusgemeinde gehört zu den größten Kultusgemeinden Galiziens. Der Beschluß des Kultusrates ist daher um so erfreulicher. Wir können ruhig behaupten, daß ohne Druck der durch die zionistische Partei aufgeklärten öffentlichen Meinung dieser Beschluß nie gefaßt worden wäre. * , * Aus dem Jildiz-Kiosk. Konstantinopel. Unter den beschlagnahmten Papieren des Ex-Sultens Abdul Hamid fand man eine Anzahl von Pamphleten gegen verschiedene Personen und Unternehmungen. Unter diesen Pamphleten befand sich auch eine denunziatorische Schrift gegen den Zionismus. Die Zionisten werden in dieser Schmähschrift als Feinde der Türkei hingestellt, welche einen Teil des türkischen Reiches rauben wollen. Gerüchte besagen, daß der Verfasser dieser verläumderischen Schmähschrift in der Umgebung des gewesenen Chacham-Baschi zu suchen sei. Diese Gerüchte dürften nicht unrecht haben, zillen zu tun gehabt hatten, waren sie sehr vulnerabel dagegen. Das ist nicht nnr bei Tuberkulose der Fall. Wir wissen dasselbe von Masern, Scharlach, Pocken usw. Aehnlich nun wird die ländliche Bevölkerung unserer modernen Staaten, die bei ihrem Leben in freier Luft nicht so strenge den Ausleseprozeß mitgemacht hat, in dem die meisten für Tuberkulose Prädisponierten unterliegen, öfter infiziert, wenn sie in die Stadt wandert und dort in überfüllten Häusern zu leben beginnt, die der frischen Luft und der Sonne ermangeln, und die oft in den modernen Fabriken und Läden zu tun hat, in denen sie mit Leuten zusammenzukommen Gelegenheit haben, die an Tuberkulose leiden. Diese Klasse von Landbewohnern ist es, die, nicht geeignet für das städtische Leben, unter den Juden fehlt, die 2000 Jahre in den Städten gewohnt haben, und die während des Mittelalters in den meisten Ländern der Welt in den elendesten Teilen der Städte, den Ghettos, eingepfercht waren. Da diese Ghetti selten vergrößert wurden, waren die Juden bei der Zunahme der Bevölkerung gezwungen, sich diesen engen Verhältnissen anzupassen. Unter diesen Verhältnissen hinterließen die meisten Juden, die für Tuberkulose prädisponiert, zugrunde gingen, keine Nachkommenschaft. Derselbe Prozeß ist heute bei den meisten anderen Bewohnern der großen Städte dünnnirgends hat der Zionismus heftigere7 und erbittertere Gegner,7 als, inderfanatischen und: volksverdummendcn jüdischen Klerisei.— * " : * ’ * ' Zehnjähriges Jubiläum eines Vereines. Stanislau. Der poale-zionistische Handelsangestelltenverein „Achw-ah? begeht am 26., 27., 28. und 29. d. M. das Fest seines zehnjährigen Bestandes. Diese Feier hat darum mehr als lokale Bedeutung, weil der Verein „Achwah“ der erste zionistische Handelsangestelltenverein in Oesterreich ist. Ursprünglich umfaßte er alle radikalen und jüngeren Elemente der zionistischen Partei. Später neigte er immer mehr sozialistischen Ideen zu und wurde mit dem Auftreten des Poale Zionismus poale-zionistisch. Der sozialistische Verein hat im Laufe der zehn Jahre sehr viel für den Zionismus geleistet. Auch auf dem Gebiete der Arbeiterbewegung konnte der Verein auf erfolgreiche Leistungen hinweisen. Er hat Streiks inszeniert und erfolgreich durchgeführt etc. Das Festprogramm umfaßt verschiedene Veranstaltungen. * * * Die Juden in Rußland. Petersburg. Eine interessante Statistik der russischen Juden veröffentlicht D. B. Brutzkus in den Publikationen der Jewish Colonisation Association (JCA). Das Buch ist reich an Tabellen und Diagrammen, die einen vollständigen Ueberblick über die Verteilung der Juden in Rußland geben, über ihren Familienstand, ihre kulturelle und soziale Lage im Vergleich mit den anderen Nationalitäten Rußlands. Insgesamt gibt es nach dieser Aufstellung in Rußland 5,215.805 Juden, die also nach den Russen und Polen die zahlreichst vertretene Nation Rußlands darstellen. Rußland ist bekanntlich auch dasjenige Land, das die weitaus größte Zahl von Juden überhaupt, fast die Hälfte aller Juden der Welt, besitzt. Die Mehrzahl der russischen Juden, 75-6°/o, leben im Gebiet des ehemaligen Königreiches Polen, wo sie im Durchschnitt 15% der Gesamtbevölkerung bilden. In den südlichen, genauer süd-östlichen Gouvernements erreichen die Juden nur 4—5% der Gesamtbevölkerung. Außerhalb des Ansiedlungsrayons bilden die Juden nur einen verschwindend kleinen BrüchfeTl der Bevölkerung. Sie zählen dort im ganzen 316.478 Seelen, das heißt 6.09% aller russischen Juden. Abgesehen vom Kaukasus, vom Weichselgebiet und Mittelasien gibt es nach Brutzkus insgesamt nur eine Viertelmillion Juden in Rußland, die einige Bewegungsfreiheit haben. Die Geburtszilfer der rassischen Juden ist verhältnismäßig niedrig; die Sterblichkeit bei den Kindern ist zwar gering, aber dafür ist eine entsprechend größere Sterblichkeit bei den Erwachsenen zu beobachten. Daher ist der Prozentsatz der Personen in arbeitsfähigem Alter bei den Juden nur 43-8% der Gesamtzahl, während bei den anderen Nationalitäten diese Ziffer zwischen 57 und 58% schwankt. Man ersieht daraus, um wie viel schwieriger es den Juden in Rußland ist, den Kampf um im Gange. Die Juden genießen bloß den Vorteil, i durch diesen Infektionsprozeß während der vergangenen Jahrhunderte hindurchgegangen zu sein. Daher kommt ihre heutige geringere Mortalität an Tuberkulose. Eine ausgezeichnete Illustration zu diesem Prozeß geht vor unseren Augen in der Stadt New- York vor sich. Die Mehrzahl der Einwanderer, die sich in der Ostseite der Stadt niedergelassen haben, besteht hauptsächlich aus Italienern und Juden. Die ersteren kommen hauptsächlich aus Süditalien, Sizilien, Kalabrien, wo die Mortajijät an Tuberkulose die niedrigste des Landes ist, ynd niedriger ist als in vielen nördlichen und westlichen Ländern Europas. Im Jahre 1904 betrag die Mortalität an Tuberkulose in Italien 16-4 auf 10.000 Bewohner, während sie in Kalabrien bloß 9'6 und in Sizilien 11*5 betrug. Während in den norditalienischen Provinzen, wo eine große Anzahl der Bevölkerung in großen Städten lebt, die Tuberkulosemortalität viel höher war, 21‘6 in Ligurien, 21*1 in der Lombardei usw. und in den Städten Rom, Turin, Genua die Todesraten auf über 30 auf 10.000 Einwohner anstiegen. Man ersieht daraus, daß der Süditaliener in seinem Heimatland keine besondere Neigung zur Tuberkulose hat. Wenn sie aber in die Vereinigten Staaten kommen, siedeln das Dasein zu führen, '-als den anderen Bewohnern Rußlands, obwohl deren Lage auch nicht glänzend genannt werden kann. : Der Prozentsatz der Frauen ist bei den Juden bedeutend höher als bei den anderen Völkern, was wohl durch die große Auswanderung jüdischer Männer seine Erklärung! findet. Im allgemeinen treten die Juden entgegen der allgemeinen Annahme ziemlich spät in die Ehe. Die Zahl der Junggesellen und Jungfrauen ist bei ihnen größer als-bei der rassischen Bevölkerung, jedoch nicht höher als bei den Polen und den Deutschen. Die Zahl der Juden mit physischen Gebrechen ist verhältnismäßig klein. — Interessante Datengibt Brutzkus über die Sprache der Juden. Trotz ihrer Zerstreutheit bilden die Juden in Rußland doch eine! homogene Masse, die im wesentlichen eine Sprache spricht. Als Muttersprache betrachten nämlich 96-9% der russischen Juden den rassisch-deutschen Jargon! Die übrigen 3*17» bilden hauptsächlich die 23.000 Bergjuden, die grusinischen Juden und Krimtschki (Bewohner der Krim) und die 145.000 anderen Juden, von denen 76.000 rassisch, 47.000 polnisch und 22.782 deutsch als Muttersprache angeben. * * Die russische Presse und die Judenfrage. Petersburg. Die allgemeine russische Presse, außer den antisemitischen Hetzblättern ä la „Nowoje Wremja“ und „Rossia“, befaßt sich sehr wenig mit der Judenfrage, mit den Leiden und der Rechtlosigkeit der 6 Millionen Juden in Rußland. Selbst die führenden Organe der Kadettenpartei berühren sehr selten diese traurige Seite des gesamtrussischen Lebens. Nun sollte man aber meinen, daß die liberale Presse wenigstens die Dumadebatten über die Judenfrage ausführlich wiedergeben und entsprechend kommentieren würde. Aber auch das ist nicht der Fall. Die verflossene Woche brachte eine eingehende Dumadebatten bei den Beratungen über den Etat des Kultusministeriums und das Militärkontingent. In der dritten Duma ist die Judenfrage noch nie so ausführlich besprochen worden wie bei diesen Gelegenheiten, Miljukow, Genetschkori, Beleussow, Pergament und Friedmann haben dabei die rigorosen Begrenzungen der Juden in den Schulen und im Militärdienst ausführlich beleuchtet. Und nun haben die liberalen Blätter nicht einmal ihre Reden wiedergegeben, sondern nur mit kurzen Notizen darüber berichtet. Die einzige Zeitung, in der diese Reden vollinhaltlich abgedruckt wurden, war die antisemitische „Rossia“. Die Juden haben von der dritten Duma selbst nichts zu erwarten — höchstens Verschlimmerungen ihrer trostlosen Lage. Was in dieser Duma zugunsten der Juden hervorgebracht wird, könnte nur einen gewissen Aufklärungswert nach außen hin haben. Das russische Durchschnittspublikum ist über Wesen und Lage der in einem Rayon zusammengepferchten Juden gar nicht oder wenig orientiert und ist selber nicht in der Lage, die zahllosen Hetzschriften gegen sich drei Viertel von ihnen in großen Städten an, obwohl in Süditalien neun Zehntel von ihnen in ländlichen Bezirken wohnen, ln New York nun ist ihre Tuberkulosemortalität 276*3 auf 100.000, fast dreimal so hoch als in ihrem Vaterland, und das selbst gibt uns noch nicht die richtige Ziffer an, weil viele Italiener, nachdem sie in New-York Tuberkulose erworben haben, heimkehren, um dort gesund zu werden, oder zu sterben. Jeder Dampfer, der von New-York oder von Boston nach Mittelmeerhäfen geht, trägt an Bord viele tuberkulöse Italiener, die in ihr Heimatland zurückkehren. Gerade das Umgekehrte ist der Fall mit den jüdischen Einwanderern in New-York. Obwohl ihre Uebervölkerung nicht so groß ist, wie die der Italiener, und ihr Lebensunterhalt im Durchschnitt viel besser ist, leben sie trotzdem öfter in Wohnungen, wo die Infektionsmöglichkeiten sehr große sind. Aber trotz der ungünstigen Umgebung, in der sie sich befinden, ist ihre Tuberkulosemortalität weit geringer, als die eines anderen Volkes. Nach Gilfoy betrug sie 1906 172*4 auf 100.000 rassische Juden. Der Hauptgrund ist, wie bereits angedeutet wurde, die Tatsache, daß der Jude in seinem Milieu keine Veränderung vornimmt, wenn er von Osteuropa nach Amerika kommt. Er lebte dort in einer Stadt, so wie er es hier tut; er lebte dort als Heimar-