Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 nistiselien Wählerschaft hat wahrlich die Führer nicht berechtigt, an dem Vorhandensein vqii Kampflust und Ppferbereitschaft zu zweifeln! Es ist höchste Zeit, das Versäumte nachzuHolen. Eine Weitere Verzögerung wird die Lemberger Parteileitung nie und nimmer verantworten können. Im nationaljüdischen Lager herrscht der Wille zum Kampfe. Es ist die Pflicht der Führer, sich sofort, voll und ganz in den Dienst dieses souveränen Willens zu stellen! Otto Hauser: Zur Judenfrage. Gg. Dr. M. Scherlag stellt uns einen Brief zur Verfügung, den er von Otto Hauser, dem Wiener Schriftsteller und Verfasser des Spinozaromanes als Dankschreiben für das entliehene Büchlein von Beda: „Getaufte und Ba 1 d ge ta u fte“, erhalten hat. .„Gleich gestern habe ich das Büchlein gelesen. Die ernste Gesinnung, die sich nirgends verleugnet, scheint mir das Beste daran. Ich selbst habe freilich nur wenig Exemplare der aufs Korn genommenen Gattung kennen gelernt und bei den Getauften meistens nur ein stummes Sich-hingeben an eine als notwendig empfundene Sache gefunden. Jedenfalls hat der Antisemitismus, der bei den meisten von uns „Ariern“ in einer gewissen jugendlichen Epoche gelegentlich auftritt, in den berührten Erscheinungen seine Wurzeln und wendet sich auch in der Tat fast ausschließlich gegen jene, die sich durch die Verleugnung ihrer alten Kultur selbst verächtlich machen, und vielfach waren es ja auch Renegaten aus dem Judentum, die sich zu Führern und Schürern der weiter greifenden „antisemitischen“ Bewegungen aufwarfen. Die •Sympathie unserer Größten galt durchwegs den Juden, die auf ihr Volk stolz waren. Aber es ist nicht zu leugnen, das der Romantizismus, der Reiz, den das Fremde, Geheimnisvolle ausübt, da eine gewisse Rolle gespielt hat, und auch mein Verhältnis zum Judentum hatte anfänglich diese Färbung. Ich denke nun, wie ich andeutete, nüchterner über die Sache und dies zumal im Hinblick auf den Zionismus, der mir in Gegensatz zu anderen — nicht als ein neues romantizistisches Ideal, sondern als etwas sehr Positives erscheint und für mich die Möglichkeit hat, verwirklicht zu werden. Erst durch die klare Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse sollen jene Schranken, die zwiberge, damals hatte jeder seine eigene Scholle, an der er mit allen Fasern seines Herzens hing. Damals waren die luden ein seßhaftes, starkes und gesundes Volk. Heute aber ist bloß die Sehnsucht geblieben. Kein eigener Boden, keine selbstgepflanzten Bäume, keine Weinberge. Die Blumen und das Laub sind anderer Eigentum. Und wie nach einem Almosen strecken sich Judenhände nach Baum- und Blumenschmuck, erfreuen sich zwei Tage hindurch an den Schätzen einer Landschaft, die nicht ihnen gehört. An diesen zwei Tagen aber will der Jude vergessen, daß er fremd ist. Er will wieder Kind der Natur sein und all’ die Liebe, die er für Wald und Wiese, Baum und Blume hegt, sucht Ausdruck, will Erfüllung. Sie will sich an Blütenpracht berauschen, will im Grünen schwelgen. Was tufs, daß die anderen die Herren sind. Einige Brosamen, Abfälle dessen, was die Natur bietet, müssen für Täuschung verhelfen, müssen das Märchen spinnen helfen, ■daß die Juden wie einstens auf freier Scholle, auf eigenem Grunde lebt . . . Wie lange noch wird dieser Selbstbe¬ IÜDISCHE ZEITUNG. sehen dem romantizistischen Betrachter des Judentums und den Juden selbst noch imrper bestehen. Für mich ist das Judentum pur ein Tgil der Qesamjlcultur; nur völkisch, nicht 'aber geistig von den andern Kulturnationen abgegrenzt. Damit fällt’wohl die Prätension des Judentums, das „auserwählte Volk“ auch den neueren germanischen Kulturnationen Italiens, Franhreichs, Spaniens und der eigentlich germanischen Länder zu sein, und das mag den in Bezug auf seine Herkunft strenggläubigen Juden vielleicht nicht zur Zustimmung gewinnen. Aber gerade in dieser Bezeichnung liegt die Zugehörigkeit der Juden zu den übrigen Kulturnationen, die sich in ganz ähnlicher Weise den unterworfenen dunklen Völkern gegenüber zu bezeichnen pflegte. „Arja“ (Arier) bedeutet ja nichts anderes als der „Edle“, „Deutsch“ kommt von thiuda („das Volk“) und nimmt den Anspruch für sich, allein als Volk zu gelten, ebenso srb, der weitverbreitete Name der Slawen. So ist ein Abkommen leicht zu treffen. Der Jude möge uns unsere Prätension lassen, wir lassen ihm die seine. Den Stolz des anderen Menschen achten, ist die Grundbedingung jedes sozialen Verhältnisses. Auf dieser Basis gibt es dann keine Feindschaft mehr, nur aneifernden Wettbewerb. Von hier aus aber muß man wünschen, daß der Jude sein staatliches .Rückgrat erhalte. Die gegenwärtigen Verhältnisse korrumpieren jeden, der korrumpierbar ist, statt den ethisch schwachen zu stützen, wie es eine staatliche Organisation sollte. Ich kann zwar demjenigen, der sich taufen läßt, darum allein meine Achtung nicht versagen, wohl aber möchte ich Verhältnisse sehen, wo ein solcher Schritt nicht mehr als geboten oder förderlich erscheint“ „Wir Christen - - - “ In der Zunft der Advokaten Blühen in der jüngsten Zeit Für die Kirche reiche Saaten Von besondrer Lieblichkeit. Sintemalen bei den „Großen“ Legt man ab den Israel Denn es könnte sich dran stoßen Die feudale Klientel. Auch die bessern Sozialisten Fühlen gern sich j u d e n b 1 a n k; Schließlich wirkt das Wort „Wir Christen —“ Stark auf die Geschwomenbank. trug währen? Wie lange noch werden wir Schewuoth, das Fest der Erstlinge, in der Fremde feiern? Wann wird unser Boden, unsere Bäume und unsere Rosenstöcke ihre Schätze zum Festesschmucke unserer Häuser liefern? Wann werden wir wieder ein gesundes und freies Volk? Wer kann diese Fragen beantworten? Niemand! Wer kann beitragen, daß diese Zeit bald komme? Alle! Die Tuberkulose unter den Juden. IV.*) Die sozialen und ökonomischen Bedingungen der Tuberkulose sind während der letzten Jahre sehr sorgfältigst studiert worden. Demographische Statistiken haben gezeigt, daß es in Städten mehr Todesfälle an Tuberkulose gibt als in ländlichen Gegenden, und daß dieselbe hauptsächlich eine Krankheit der Bevölkerung ist, die sich in ihren Stuben aufhält. Die Konzentration der Bevölkerung in den Städten ist eine relativ junge Erscheinung. *) Siehe Nr. 20 und 21. Nr. 22 Sq als Chrjste und Prater Im Barett und im Talar Aehn^lt er deip Urgroßvater Der beljeb,t q|s Chanen w«jr. „Wir forensisch! Ciceronisch!“ Ruft das Publikum entflammt; Doch der Ursprung ist rebbonisch Und der Ni gen angestammt. „O wie geistreich! Wie juristisch!“ Seufzt man nach dem Plädoyer- Doch der Geist ist talmudistisch Und von Rom stammt nicht der Dreh. In den „feinsten Kreisen“ schweben Diese Zierden des Barreaus, Die auf großem Zinsfuß leben Konfessions- und skrupellos. Schwarzgelockt und ausgefressen, Hochbegabt und freigesinnt Hängen sie an fremden Schössen Und im arisch-süßen Wind. Höri ich diese Vögel krächzen Muß ich denken immerzu: § 516 Strafgesetz, wo bleibestDu? Beda. Aus dem jüdischen Leben. Die Zurücksetzung der jüdischen Soldaten in der deutschen Armee. Wien. Die „Frankfurter Zeitung“ schreibt: Es dienten seit 1880 nach zuverlässiger privater Feststellung in Preußen: 25—30.000 Einjährig-Freiwillige jüdischen Glaubens, von denen keiner zum Reserveoffizier befördert wurde, hingegen 1200—1500 Einjährig-Freiwillige rein jüdischer Abstammung (Vater und Mutter Juden oder Jüdinnen gewesen), aber zum christlichen Glauben übergetreten, davon wurden etwa 300 zu Reserveoffizieren befördert. Daß die preußische Armee eine ganze Reihe aktiver Offiziere rein jüdischer Abstammung, darunter Stabsoffiziere und Generäle aufweist, ist hinlänglich bekannt. Ueber die Avancementsverhältnisse der Juden in den Kriegen des vorigen Jahrhunderts orientieren folgende Zahlen: Von den zahlreichen Kriegsfreiwilligen jüdischen Glaubens, die 1813/15 in dieJArmee getreten waren, wurden etwa 30 zu Offizieren befördert, von denen einige nach dem Friedensschluß in den aktiven Dienst übernommen wurden, darunter der nachmalige Major Burg, der als aktiver Stabsoffizier sfarb. 1870/71 fochten auf deutscher Seite — abgesehen von den zahlreichen Sanitätsoffizieren — etwa 100 Offiziere jüdischen Glaubens, die Mehrzahl in der preußischen Armee, 22 im bayrischen Noch vor 100 Jahren machte die städtische Bevölkerung nur einen geringen Teil der Gesamtbevölkerung aus. Heutzutage besteht ein ständiger Zug der Landbewohner in die großen Industriezentren, in denen die Möglichkeit zum Fortkommen eine größere ist als am Lande. Daß aber der durchschnittliche Landbewohner mehr oder weniger unfähig ist, den deletären Effekten der Ueberfüllung mit der sie begleitenden Leichtigkeit der Verbreitung von Infektionskrankheiten Widerstand zu leisten, geht aus der Tatsache hervor, daß sehr wenige der Bewohner der modernen großen Städte in Europa imstande sind, ihre Vorfahren auf mehr als drei Generationen Stadtbewohner zurückzuführen. Wenn der Landbewohner in die Stadt kommt, hat er die größten Chancen, sich ansteckende Krankeiten, besonders die Tuberkulose zuzuziehen. Um mit dem extremen Typus der Landbewohner zu beginnen, mit denjenigen, die ständig in freier Luft leben, wie die nomadischen Kirghisen und Tartaren in den Sibirischen Ebenen oder den Ureinwohnern von Australien, Polynesien oder Nord- und Südamerika, finden wir, daß bei ihnen vor Ankunft des weißen Mannes die Tuberkulose vollständig unbekannt war, der zu diesen Stämmen nicht nur die Zivilisation in Form von Alkohol, sondern auch den Tuberkelbazillus brachte. Da diese Stämme nie mit diesen Ba-