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Jüdische Zeitung · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 JÜDISCHE; ZEITUNG. Seite 7 Im Repertoire des Briinner Stadttheaters prangt, nämlich die Operette „Ein Herbstmanöver“ von Kälmin. Gehört schon eine gehörige Portion Kühnheit dazu, dieses Kassastück — nebenbei gesagt ein Machwerk ärgster Sorte — in den Spielplan eines Theaters aufzunehmen, das dem „Schönen eine Stätte, den Musen ein Heim“ schaffen soll, so muß man erst recht über die Unverfrorenheit der Direktion staunen, die diese antisemitische Hanswurstiaden einem Publikum vorsetzt, das bis zu ■807" aus Juden besteht, wo doch diese . „Stätte für Kunst“ von der Gemeinde mit Steuergeldern der Juden erhalten wird!! Die Antisemiten kamen auf ihre Kosten. Und die Juden? Nun, wer kennt nicht die tragikomische Erscheinung des hundertköpfigen Mauschels? Dieser klatschte wahnsinnig Beifall und ermutigte den „Künstler“ durch Bravorufe! Daß diese beispiellose Selbstverspottung, daß dieses freche, frivole Spiel mit unserem heiligsten Volksgute, mit der jüdischen Ehre, jeden anständigen Juden bis ins Innerste beleidigen mußte, ist klar. So gab es denn auch Juden, die sich so etwas nicht bieten lassen wollten. Zionistische Bürger und Studenten vereinigten sich, um einerseits die fortgesetzten Attentate auf die jüdische Ehre zu verhindern, andererseits um dem Assimilantenpack die Möglichkeit zu nehmen, über sich selbst zu lachen. Da persönliche Vorstellungen bei ■der Direktion keinen Erfolg hatten, mußte zu andern Mitteln gegriffen werden: zionistische Bürger und Studenten veranstalteten während der Aufführung des Schundstückes „Herbstmanöver“ am 14. d. M. eine wirkungsvolle Demonstration. Sie versuchten durch Zischen und Pfeifen sowie durch laute Zurufe, die hauptsächlich dem jüdischen Parkett- und Logenpublikum galten, die Aufführung unmöglich zu machen. Dies mißlang allerdings, die Vorstellung wurde trotz der Störung zu Ende geführt. Und Mauschel rieb sich wohlgemut und siegestrunken seine fetten Hände, dieselben Hände, die wund geworden sind von dem Beifallsklatschen, mit ■welchem er auf die stürmischen Protestrufe der Zionisten reagierte. Die Polizei, die Kenntnis von der Demonstration erhielt, verhaftete einige jüdische Studenten. Zur Aufrechthaltung der Ruhe waren über 50 Wachleute in Uniform und eine entsprechende Anzahl' in Zivii anwesend. Nach der Vorstellung kam es vor dem Theatergebäude zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Schauspielern. Die Wache mußte einschreiten. Vielleicht zieht die Theaterdirektion aus diesen Vorfällen die richtigen Konsequenzen und eliminiert diese Operette, die für den kommenden Freitag wieder angesagt ist, aus dem Repertoire. Sollte dies nicht der Fall sein, dann werden die Zionisten wieder auf ihrem Posten sein. Interessant ist die Stellungnahme der tschechischen Bevölkerung zu diesen Vorgängen. Ein tschechischer Statthaltereibeamter, der bei der Erstaufführung zugegen war, verlangte die Zurückstellung der Operette an das Zensuramt der Statthalterei wegen Beleidigung und Verhöhnung gpr jufjen. |}ie BjünngJ- „Jljjjove Noviny“ besgrechan ausführlich äj§ Demonstration und verurteilen insbesondere das Vorgehen dej Theaterdirektion. Verkehrsentwicklung in Syrien. Ueber dieses Thema schreibt Ing. Linke in den sozialistischen Monatsheftes folgendes : Nachdem die Licht- und Straßenbahnanlage in Damaskus im Herbst 1906 fertig gestellt und ihr eine ähnliche Anlage in Beirut gefolgt ist, scheint jetzt in der Türkei der Weg für weitere derartige Anlagen frei zu werden. Bis vor wenigen Jahren waren Elektrizitätsanlagen im ottomanischeu Reiche verboten. Da sich aber die elektrische Beleuchtung der Grabmoschee Mohammeds in Medina bewährt hat, hat das Gebiet der elektrischen Technik die einheimischen Finanzleute lebhaft ergriffen. Eine ganze Reihe von Gesellschaften hat sich bereits um Konzessionen für Licht- und Kraftwerke - beworben und es unterliegt keinem Zweifel, - daß sie erteilt werden. Die natürlichen 'Was.serkräffg .des Landes sind auch der Ausbreitung der elektrischen Bahnen sehr günstig. Zwischen Jaffa und Jerusalem besteht eine 87 km lange Bahnverbindung, die durch die Elektrisierung ihre Trasse um mindestens 20 km verkürzen konnte, weil elektrischer Antrieb größere Steigungen zu überwinden vermag. Es ist sicher, daß die Wasserkräfte, die namentlich der Jordan und seine östlichen Nebenflüsse, sowie der Antsche liefern kann, eine kräftige Entwicklung des elektrischen Bahnbaues herbeiführen wird. Ueberhaupt nimmt der Bahnbau im Orient eine Entwickelung, an die vor einem Jahrzehnt noch kaum jemand gedacht hätte. Namentlich Syrien als Verbindungsland der nördlichen Türkei mit den südlichen Provinzen und den Vasallenstaaten wird — wie man nunmehr wohl voraussehen kann — bald von einem dichten Netz von Eisenbahnen überzogen sein. Die Fortschritte der anatolischen Bahnlinie einerseits und der afrikanischen Bahnen andererseits werden das Eisenbahnnetz dazwischen zum schnellen Ausbau zwingen. Die Bautätigkeit der syrischen Bahnen zeigt in den letzten Jahren in der Tat einen außerordentlichen Aufschwung. Vor 1892 war in Syrien und Arabien noch keine einzige Bahn in Betrieb, jetzt sind über 2000 km in Betrieb. Allein im Jahre 1906 wurden auf 3 Linien insgesamt 450 km in Benutzung genommen. Der begonnene Weiterbau der Bagdadbahn wird voraussichtlich 1912, jener der Mekkabahn 1913 fertig sein._ „Jüdische Fragen“.*) Der Wiener Studentenverein „Theodor Herzl“, der sich erst kürzlich durch die Veranstaltung der Palästina - Hochschulkurse hervorgetan hat, veröffentlicht unter diesem Titel eine Anzahl von Aufsätzen, welche teils Mitglieder des Vereines, teils bekannte zionistische Schriftsteller zu Verfassern haben. Es ist unmöglich, sich mit der Fülle des Gebotenen in einer kurzen Besprechung kritisch auseinander zu setzen, um so mehr sich niemand kompetent erachten kann, auf den verschiedenen Gebieten, welche in dem Büchlein behandelt werden, sich ein kritisches Urteil anzumaßen. Wenn das Blatt des Kultusvorstandes anläßlich der Veröffentlichung des Werkchens es für gut fand, sich mit überschwenglichen Lobesworten den Studenten anzubiedern, so ziemt es uns, mit nüchterner Kritik einzusetzen und unseren wackeren jungen Leuten nur die reine Wahrheit zu sagen. Sammelbücher und Antologien nach Art der „Jüdischen Fragen“ halte ich für vollkommen verfehlt. Da werden Aufsätze über alle möglichen weit auseinanderliegenden Themen zusammengewürfelt, Artikel, die an innerem Wert und Umfang himmelweit verschieden ist. Wenn Dr. Zuckermanu in seinem schönen Geleitwort sagt: „Unsere Arbeit ist darauf gerichtet, dem Zionismus die wissenschaftliche Begründung zu geben“, so ist das ein sebr schönes Streben. Für die veröffentlichten kleinen Seminarbeiten ist dies aber ein sehr unangebrachtes Geleitwort. Die einzig wirklich wissenschaftlichen Beiträge stammen von altbekannten Publizisten: Dr. Pasmanik und Dr. Schipper. Es ist überhaupt durchaus unrichtig, wenn die Studenten veranlaßt werden, allzu früh mit Aufsätzen in die Oeffentlichkeit zu treten, besonders aber dann, wenn dies mit solchen Prätensionen geschieht. Mit diesen Bemerkungen allgemeiner Natur will ich dem Ernste und dem hohen Streben, das die Mitglieder des Vereines „Theodor Herzl“ beseelt, durchaus nicht nahetreten. Ich begrüße es vielmehr mit großer Freude, daß seine Mitglieder ihre Aufgabe darin sehen, durch ernste, wissenschaftliche Arbeit den Zionismus zu vertiefen, in einem Grade, wie dies bei wenig anderen Studentenvereinigungen angetroffen wird. Auch will ich das Büchlein selbst durchaus nicht herabsetzen, das schon allein durch den Beitrag Pasmaniks wert ist, von jedem Zionisten gekauft und gelesen zu werden. *) „Jüdische Fragen“, Verlag des Vereines zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“, VIII., Alserstraße 7. Dieser Beitrag ist weitaus der wertvollste des ganzen Buches. Pasmanik schreibt über „Nation und jüdische Nationalität“. Noch immer herrscht in unseren Reihen die Verachtung der Theorie. Daß für eine lebendige Volksbewegung Theorien ziemlich wertlos sind, namentlich für die zionistische, bei welcher allein entscheidend ist, wie viel Willens- und Tatkraft unser Volk noch aufzubringen imstande ist und nichts anderes, weiß ich wohl. Aber ich habe auch immer darauf hingewiesen, welchen Nutzen für das Ansehen unserer Bewegung und die Gewinnung nicht der „Intelligenz“, sondern der Intellektuellen eine Theorie, die durch ein wissenschaftliches System fundiert ist, haben kann. Die Sozialdemokratie verdankt nur dem genialen System von Marx den enormen Zulauf aus akademischen, meist jüdischen Kreisen in den Neunzigerjahren. Und nur seinem Auftreten in wissenschaftlicher Drapierung verdankt der Sozialismus das Ansehen in den geistig führenden Schichten, ein Ansehen das unserer Bewegung vollkommen fehlt. Des weiteren ist zu beachten, daß die Theoretiker, welche unsere nationale Idee nicht mehr verschweigen können, jetzt anfangen, diese wissenschaftlich wegzubeweisen, wie dies Otto Bauer in seinem bekannten Buch tut. Gegen wissenschaftliche verbrämte Theorien kann man nur mit wissenschaftlicher Kritik etwas ausrichten und wir können doch nicht wollen, daß die Darstellung Bauers unwiderlegt bleibt. Gerade mit dem wichtigsten Punkte unserer Theorie, mit der Frage, sind die Juden eine Nation, beschäftigt sich Pasmanik in dem erwähnten Aufsatz, nachdem er schon in anderen Arbeiten Bauer Irrtümer und Fehlschlüsse nachgewiesen hat. Pasmanik analysiert die Elemente, die zu einer Nationsbildung führen, in scharfsinnigster Weise und faßt die Materie viel tiefer, als Bauer, wenn er sich auch im Rationalismus seiner Methode nicht im mindesten von der von ihm verurteilten materialistischen unterscheidet. Ich bin persönlich kein Anhänger des konsequenten Rationalismus und kann daher Pasmanik in vielem nicht folgen. So zum Beispiel dort, wo er ein bischen gewaltsam die Sprache für das setzt, was sie ausdrückt, für die „ganze intellektuelle und emotionelle Tätigkeit des Menschen,“ was er wohl nur tut, um das von ihm aufgestellte Schema konsequent durchzuführen. Dies tut er freilich mit einer so zwingenden Logik, daß seine Analyse schier unwiderleglich scheint. Ich will keinen verdünnten Auszug geben und verweise auf die Lektüre des Aufsatzes. Pasmaniks Untersuchung gipfelt in einer von ihm seit jeher aufgestellten These, ja, sie dürfte eigens zu ihrer Begründung aufgestellt worden sein, in der Behauptung nämlich, daß die Juden sich schon von Vornherein bewußt und in der Absicht von den arischen Völkern abgesondert haben, ihre Nationalität erhalten zu können, respektive sich die Voraussetzungen ihrer Erhaltung: Eigenes Territorium, eigene Wirtschaftsgemeinschaft, eigene Sprache (Kulturgemeinschaft), zu sichern. Ob dies in vollem Umfang richtig ist, kann als eines der interessantesten Probleme der jüdischen Wissenschaft sowie der Soziologie überhaupt angesehen werden. Für jene Juden, welche an die innere Kraft ihrer Nation glauben und von ihr eine Renaissance erwarten, ist es vielleicht das Wichtigste der ganzen jüdischen Geschichte. Die Frage, ob unsere Nation heute noch regenerationsfähig ist, kann natürlich nicht Gegenstand irgend einer wissenschaftlichen Untersuchung sein. Pasmanik gibt aber anschließend an seine Analyse eine Uebersicht der heutigen Lage des Judentums und der zum Zionismus treibenden Kräfte, in der er seinen bekannten Standpunkt der völligen Verneinung des Goluslebens vertritt. An diesen Stellen ist er von jener unübertreff liehen Klarheit, psychologischen Einsicht und Frische der Darstellung, die wir seit jeher an ihm schätzen. Neben dem Aufsatz Pasmaniks enthält das Büchlein eine Skizze über Agrarkolonisation derjuden in Polen, von Dr. Schipper, die auf eigenes Quellenstudium gestützt, wertvolles Material mitteilt. Der kurze, für den wißbegierigen Leser allzu kurze Artikel ist eine Vorarbeit zu einem demnächst erscheinenden größeren Werke des Verfassers über die Juden in Polen, das man nach der vorliegenden Probe mit großer Spannung erwarten wird. Dr. Müller, Jaffa, berichtet in seiner ruhigen, verständigen Weise über die Sprache der Juden in Palästina, D r. J. M e i s I, Berlin,

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