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Jüdische Zeitung · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 21 Vertreters der Anklage und anderer Absonderlichkeiten der Prozeßführung weit über die Grenzen des Elsaß hinaus berechtigtes Aufsehen erregt hatte, wurde am 15. d. M. vor dem Oberkriegsgericht in zweiter Instanz verhandelt, da sowohl die Anklagebehörde, als auch der Angeklagte selbst gegen das erstinstanzliche Urteil, welches auf zwei Tage Stubenarrest gelautet hatte, Berufung einlegten. Wegen der zahlreichen Zeugenvernehmungen — etwa 30 — die die Verhandlung erforderlich machte, wurde die Sitzung auch diesmal in unsere Stadt verlegt. Trotz der zahlreichen antisemitischen Beleidigungen, welche wiederum festgestellt wurden, nahm das Gericht keinen ursächlichen Zusammenhang dieser Vergehen mit dem tragischen Ende des Einjährigen Bloch an. Der Vertreter der Anklage beantragte eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten. Der Gerichtshof hielt eine weit mildere Beurteilung am Platze und erkannte nur auf eine Strafe von 15 Tagen Stubenarrest wegen vorschriftswidriger Behandlung und Beleidigung eines Untergebenen. Ein Intermezzo, welches geeignet ist, auf die Objektivität, welche der Angeklagte bei dem Gerichtshöfe voraussetzen zu sollen glaubte, ein eigenartiges Schlaglicht zu werfen, wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Der Angeklagte suchte nämlich die schwer belastenden Aussagen des Gefreiten Soister durch den Hinweis zu entkräften, daß er gehört habe, der Bruder des Zeugen sei Sozialdemokrat In begreiflicher Erregung ließ sich Soister zu dem Rufe hinreissen: „Das ist eine gemeine Lüge.“ Diese Bemerkung wird zum Gegenstand eines neuen Verfahrens gemacht werden. Es ist demnach zu befürchten, daß der Gefreite, der mit anerkennenswertem Mute sich der Aufgabe unterzogen hat, in dieser Sache der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, unter Umständen schwerer bestraft wird, als der Rittmeister, den die beiden Verhandlungen trotz allem vor dem Volksempfinden ' von dem schweren gegen ihn erhobenen Vorwurf ' nicht gereinigt haben. Die Nachricht, daß die israelitischen Konsistorien gegen den Kriegsgerichtsrat Walther wegen seiner antisemitischen Bemerkungen im ersten Prozeß Beschwerde erhoben habe, wird durch ein Straßburger Blatt dementiert * * * Eine Judendebatte in der Duma. Petersburg. In der russischen Duma gab es vorige Woche eine erregte Judendebatte. Anlaß boten die Gesetzentwürfe des Unterrichts- und Kriegsministeriums. Der russische Unterrichtsminister fand es für gut, durch einige Bestimmungen den jüdischen Prozentsatz an den Mädchenschulen herunterdrücken zu wollen und der Kriegsminister widmete im Gesetzentwurf, betreffend dasRekrutenkontingent, den Juden ein besonderes Kapitel, in welchem über die jüdische Rekrutenanzahl, über den jüdischen Diensteifer die Rede ist Die echten Russen ließen es sich natürlich nicht nehmen, die beiden Gesetzentwürfe mit Glossen zu versehen, in welchen über die Juden geschimpft und ihre Ausschließung aus allen Schulen und vom Militärdienst verlangt wird. Zur Verteidigung der Juden erhoben bloß zwei Abgeordnete ihre Stimmen. Der Abgeordnete Friedmann hielt eine glänzende Rede, in welcher er über die Zurücksetzung der Juden Klage führte. In seiner Rede zeigte er ein schauderhaftes Bild der Qualen, welchen die Schuljugend ausgesetzt ist Die Marter im Gymnasium, die entwürdigende Behandlung, die sie seitens der Lehrer und Kollegen erfährt, die Prozentnorm an den Hochschulen, alle die diese Momente vergiften und verbittern das Leben eines jüdischen Studenten. Die Rechte begleiiete die Rede des Abgeordneten Friedmann mit Hohngelächter. Der zweite Abgeordnete, der für die Juden Stimmung erhob, war der Sozialdemokrat Bieloussow. Auf Grund statistischer Daten wies er nach, daß es um die Volksbildung der Juden in Rußland furchtbar bestellt ist. Von 400.000 im schulpflichtigen Alter stehenden Kindern besuchen bloß 15.200 staatliche und 37.996 private Anstalten. Der Rest — insofern er nicht zu Hause unterrichtet wird — genießt überhaupt keinen Unterricht. An diesen Verhältnissen trägt hauptsächlich die Regierung schuld, die den Juden den Schulbesuch unmöglich macht. Auch diese Rede wurde von der Dumamehrheit mit Hohngelächter aufgenommen. Die Emigration nach Palästina. Petersburg. Die Zentralregierung hat die Provinz-Administrationen angefragt, ob die in der Presse verbreitete Nachricht, daß seit der Einführung der Konstitution in der Türkei die Auswanderung von russischen Juden nach Palästina zugenommen hat, den Tatsachen entspreche. Und wenn dies der Fall ist? Gedenkt dann etwa die russische Regierung, dieser Emigration Schwierigkeiten in den Weg zu legen? Sie bedarf wohl ihrer jüdischen „Untertanen“, um sie nötigenfalls als Sündenbock verwerfen zu können. * * * Der Zar über die Jungtürken. Petersburg. Bei: einer Audienz des Führers der äußersten Rechten in der Duma, Markow, beim Zaren soll dieser sich geäußert haben, die Revolution werde überall, so auch in der Türkei, von fremden Stämmlingen gemacht. Echte Türken gebe es unter den Jungtürken nicht! Dieselben Vorgänge, wie in der Türkei, würden sich auch in Rußland abgespielt haben, wenn die erste Duma nicht aufgelöst worden wäre. Der Zar beauftragte Markow, der Fraktion der äußersten Rechten (das ist den Wortführern der Verbändler) seinen kaiserlichen Gruß zu entbieten. *! * * Die Ausweisungspraxis wird immer raffinierter! Petersburg. Viele progressive Dumamitglieder erhalten hunderte Briefe und Telegramme von ausgewiesenen und verfolgten Juden, die um Hilfe und Bemühungen bei der Regierung wegen Aufhebung der Ausweisungsverordnungen bitten. Am meisten erhalten solche Bittgesuche die Abgeordneten Friedmann, Nisselowitsch und der getaufte Jude Pergament. Die Ausweisungsbefehle stammten bis zu diesem Jahre gewöhnlich von den unteren Administrationsorganen, den lokalen Polizeipräsidenten, den Kreischefs oder den Gouverneuren. Sehr selten rührten sie vom Generalgouverneur her. Die Abgeordneten pflegten. sich an den Gehilfen des Ministers des Innern, Kryschanowsky, zu wenden und hatten häufig Erfolg mit ihren Bemühungen. Nur in den Fällen, da der Ausweisungsbefehl von einem Generalgouverneur stammte, erklärte Kryschänowsky, der Befehl ließe sich nicht mehr rückgängig machen. In letzter Z;it mehren sich nun gerade die von Generalgouverneuren ausgehenden Ausweisungsbefehle, bei denen alle Bemühungen gänzlich erfolglos bleiben. Der Ministergehilfe verweist dabei auf den Weg der Klage an den Senat. Dieser Weg ist aber ein so langwieriger, daß die Ausweisungsbefehle gewöhnlich zur Ausführung gelangen, ehe es noch zur Senatsentscheidung kommt. * * * Bildungsstreben der Juden Rußlands. Petersburg. Die Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland, die ihren Sitz in Petersburg hat, und bisher drei Filialabteilungen in Kiew, Odessa und Riga besaß, dehnt jetzt ihren Tätigkeitskreis wesentlich aus. ln den letzten Wochen hat sie in Rostow a. D., Tula, Woronesch, Orel, Moskau, Hornel, Witebsk, Dwinsk, Wilna, Bobmisk und Balta neue Abteilungen aufgemacht. Außerdem bemüht sie sich um die Erlangung einer Erlaubnis für neue Abteilungen in Bialystok, Mohilew, Jelisawetgrad, Jekaterinoslaw und Krernenczug. * * * Machtbefugnisse eines Gouverneurs. Moskau. Vor einigen Wochen wurde hier eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Statut den Ausschluß der Juden von dem Unternehmen bestimmte. Seinerzeit wurde dieser Fall sowohl in der antisemitischen als auch in der judenfreundlichen Presse besprochen, aber trotz aller Kritik war die Leitung des Unternehmens zu einer Erwiderung nicht zu bewegen. Neuerdings nun hat dieses Schweigen eine merkwürdige undfürrussischeZuständeaußerordentlichcharakteristischeErklärunggefunden.Nachdem nämiich der Generalgouvemeur Herschelmann vor kurzem seinen Posten verließ, wurde sofort die fragliche Bestimmung aus dem Statut entfernt und der Oeffentlichkeit mitgeteilt, daß der Ausschluß der Juden seinerzeit ausschließlich unter dem Drucke einer Anerkennung des Gouverneurs vorgenommen worden sei. Geplanter Ausschluß eines Duma- Abgeordneten. Odessa. Der Duma-Abgeordnste Pergament, der, obwohl selbst getaufter Jude, häufig mit viel Geschick für die Rechte seiner Stammesgenossen eingetreten ist, ist den „Echten“ schon seit langem ein Dorn im Auge. Jetzt wollen sie endlich zu einem Schlage ausholen, der Pergament aus den Reihen der Dumadeputierten entfernen soll. Man hat nämlich gegen ihn den Vorwurf erhoben, daß er kürlich den Versuch gemacht habe, einen Streik der Postbeamten ia die Wege zu leiten. Sollte es gelingen, ihn auch nur im Sinne russisch-antisemitischer „Justiz“ zu überführen, so würde er zweifellos von der Duma ausgeschlossen werden. Da sich außer den jüdischen Deputieren Nisselowitsch und Friedmann nur ganz wenige Verteidiger der Judenrechte, selbst unter den Abgeordneten der Linken, finden, so wäre der Erfolg der „Schwarzen Hundert“ in diesem Falle in der Tat ein ganz außerordeutlicher. * * * Jüdische Reaktionäre. Wilna. Am 4. Mai ist in Wilna bei verschlossenen Türen eine Konferenz der orthodoxen Rabbiner aus Nordwest-Rußland zusammengetreten. An dieser Konferenz nahmen lauter Finsterlinge teil. Der Einberufer ist ein gewisser Herr Treinin aus Petersburg, der vom Ministerium die Erlaubnis erhielt, 32 Rabbiner einzuladen. Bei den Einladungen wurde peinlich darauf geachtet, daß kein Zionist, kein Hakatist oder modern gebildeter Rabbiner eingeladen werde. Gegenstand der Beratungen bilden lauter reaktinäre Maßnahmen, zum Beispiel, wie man das Studium profaner Wissenschaft verhindern soll usw. Es scheint,daß die Rabbiner Hand in Hand mit der russischen Regierung gegen die Aufklärung arbeiten. Die Konferenz findet glücklicherweise in der russisch-jüdischen Presse die verdiente Aufnahme. Man wertet sie als das, was sie wirklich ist: als Gegenstück zu den echtrussischen reaktionären Beratungen. * . * Eine jüdische Rassenkrankheit. Odessa. In einer Sitzung der Gesellschaft der Aerzte in Odessa berichtete der Arzt Dr. R o- S e n f e 1 d über eine eigentümliche, nur bei Juden voi kommende Krankheit (Anaurotischer Idiotismus), welcher unter dem Namen Sox’sche Krankheit bekannt ist. Die Krankheit kommt bei physisch degenerierten und nervenkranken Individuen vor. Die Anzahl der von Dr. Rosenfeld beobachteten Fälle beträgt fünfzehn. Sechs Fälle hat er in der Sitzung demonstriert.' * * * Sind die Juden Europäer oder Asiaten? Johannesburg. Die Frage, ob die Juden als Asiaten oder als Europäer zu bezeichnen sind, wird jetzt in Südafrika eifrig erörtert. Bekanntlich ist hier ein Gesetz ausgearbeitet worden, das die Einwanderung von Asiaten in Südafrika einschränkt. Dieses Gesetz ist vornehmlich gegen Neger, Indier und Chinesen gerichtet. Die Juden dachten nicht daran, daß auch sie von demselben betroffen werden könnten und daß man auch sie wegen ihrer Stammesherkunft als Asiaten bezeichnen würde. Dies ist nun doch von judenfeindlicher Seite geschehen. Die hiesigen Juden und die führende englische Presse bemühen sich daher, eine entsprechende Aenderung im Wortlaut des Gesetzes herbeizuführen. Es ist aber sehr fraglich, ob ihnen das gelingen wird. _ Jüdischnationale Demonstrationen im Brunner Stadttheater. (Originalkorrespondenz der „Jüd. Zeitung„.) Brünn, 18. Mai Mauschel hat sich wieder einmal ausgezeichnet. Bei einer Gelegenheit, wo Juden und Judentum in skandalöser Weise verspottet werden, hat er famos seinen Mann gestellt: als jüdischer Schauspieler, in der Rolle eines jüdischen Reservekadettfeldwebels, (daß es sich um eine bis an die Unmöglichkeit grenzende Karrikatur handelt, braucht nicht erst gesagt zu werden) und in Gestalt des jüdisch assimilatorischen Publikums, das sich an rohen und gemeinen Geschmacklosigkeiten des jüdischen Komikers belustigte.

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