Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Daraus geht hervor, daß der von dem Rabbiner Schreiber vorgewiesene Protest unserer Stadt als falsches Dokument zu betrachten ist. Ich bin von kompetenter Seite bevollmächtigt, der Oeffentlichkeit die Mitteilung zu machen, daß die Unterschrift des Präsidenten auf dem Proteste vom hiesigen Rabbiner gefälscht wurde. Auch der Gemeinde- Sieg e 1 w urd e s e i te n s des Rabbiners demGemeinde-SekretärohneWissen des Vorstandes entlockt. Diese interessante Entdeckung ist das Resultat einer strengen Untersuchung seitens des Präses H. D. Chili. Die hiesigen Juden sind über das unerhörte Vorgehen des Rabbiners empört. In der nächsten Kultus-Sitzung soll die Angelegenheit gebührend behandelt werden. Ich danke der löbl. Redaktion verbindlichst für die freundliche Aufnahme des Berichtes und zeichne ergebenst mit aller Hochachtung und Zionsgruß Mathias Klinghofer. Aus dem jüdischen Leben. Das Schicksal eines Hausjuden. Wien. Im Polenklub ist seit einiger Zeit eine große Verwirrung eingetreten. Einzelne feindliche Gruppen, Konservative, Volksparteiler, Allpolen, befehden einander aufs heftigste. Persönliche Strebereien, häßliche Intriguen spalten den Klub in viele gegnerische Fraktionen. Die Tatsache dieses ■ inneren Zerfalles würde uns jedoch wenig interessieren, wenn im Polenklub nicht auch „israelitische“ Vertreter unserer armen galizischen Stammesgenossen säßen. Wir sind daher gezwungen, immer darauf zu achten, in welcher Weise unsere „israelitischen Polen“ für das Wohl ihrer Wähler „tätig“ sind. Leider konnten wir bis jetzt von dieser Tätigkeit nur sehr wenig berichten. Bis jetzt war die famose Interpellation des „gemäßigten“ Tarnopoler Israeliten Herrn Gail betreffend die Nasenringe, die man Schweinen anlegt, das nach außen hin sichtbare Zeichen der angestrengten Arbeit der „israelitischen“ Volksvertreter. Weiters erinnerte man sich an die Existenz der Herren Polenklubjuden, als ihnen seitens ihres Klubs verboten wurde, die Interpellation S t rauch er, die in Angelegenheit der Wegtaufen eingebracht wurde, zu unterschreiben. Nun liegt ein neues Lebenszeichen eines Hausjuden vor: Der Reichsratsabgeordnete Dr. K o- 1 i s c h e r hat auf einige Ausschußmandate verzichtet. Warum er das getan, verschweigt die Geschichte. Wir sind in der Lage, mitzuteilen, wie das gekommen ist. Dr. K o 1 i s c h e r ist Demokrat und daher vom Allpolen Herrn G1 o m b i n s k i nicht wohlgelitten. In einer der letzten Klubsitzungen kam es zu einem Renkontre zwischen Allpolen und Demokraten und die Allpolen fielen über den „polnischen Demokraten“ Kolischer her, warfen ihm verschiedenes vor und bedeuteten ihm, daß sie auf seine Fachkenntnisse in Eisenbahnfragen verzichten könnten. Dr. K o 1 i s c h e r nahm sich diese Vorgogen, Rabbiner, Talmudschulen und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis auf den heutigen Tag. Ja, sie halten eifersüchtig jeden fremden Einfluß ferne, wollen von Europa, von Reisen, modernen Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Aberglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, dem großen Judenviertel von Tripolis, sind die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zu großem Wohlstand und Einfluß gelangt. Handel, Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Karawanenverkehr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar zu Beamtenposten zugelassen, sind Konsule und Dragomanen, ja selbst der mächtige Generalsekretär des Wali ist ein Jude. Während sie in Marokko in ummauerten Ghettos zusammengepfercht wohnen, ist diese Absperrung hier längst gefallen, und in der Umgebung des einzigen hervorragenden Denkmals aus der Römerzeit einem herrlichen, skulpturenbedeckten Triumphbogen, stehen mitten in der Stadt friedlich türkische Moscheen, eine schöne neue katholische Kirche, ein protestantisches Bethaus und eine Synagoge nahe beieinander. würfe zu Herzen und grollend verzichtete er auf seine Ausschußmandate. Nun wartet er im Schmollwinkel, dem antiken Achilles gleich, bis ihn die Polenklübler wieder rufen werden. Er dürfte aber lange warten, denn insgeheim freuen sich die Polen, einen Hausjuden kaltgestellt zu haben. * * * Organisation jüdischer Kaufleute. Lemberg. Im Lemberger „Tagblatt“ ließ vor einigen Tagen ein jüdischer Kaufmann an leitender Stelle einen Aufruf erscheinen, in welchem er die Gründung einer Organisation der jüdischen KaufleuteGaliziens anregt. Im Aufrufe wird auf den Niedergang des jüdischen Handels in Galizien hingewiesen. Die Konkurrenz der polnischen Kaufleute, die zumeist große Geschäfte haben und billigen Kredit genießen, die Gründung von polnischen und ruthenischen Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften, die strenge Handhabung der Sonntagsruhe-Verordnung etc. haben den jüdischen Handel empfindlich geschädigt. Nun droht überdies die Einführung des Befähigungsnachweises in Galizien. Das würde die Existenz vieler jüdischer Kleinhändler vollends untergraben. Obendrein sind die jüdischen Kaufleute nicht organisiert und können sich demgemäß auch nicht gegen verschiedene, direkt gegen sie gerichtete Verordnungen entsprechend zur Wehr setzen. Im Aufruf wird daher vorerst die Einberufung einer Konferenz jüdischer Kaufleute angeregt, welche sich hauptsächlich mit der Frage der Sonntagsruhe, des Befähigungsnachweises und der Beschaffung billigen Kredites zu beschäftigen hätte. * * * Achtung! Die Zionisten kommen! Lemberg. Unter diesem Titel veröffentlicht das „Slovo polskie“ eine Notiz, welche es der Wiener Polnischen Korrespondenz entnimmt. In dieser Notiz werden die Polen anläßlich der Reichsratsersatzwahl für die freigewordenen Mandate Abrahamowicz und Dzieducziskis zur Einigkeit aufgefordert, da es sonst leicht möglich wäre, daß die Zionisten beide Mandate erobern. „Die Zionisten“ heißt es in der betreffenden Notiz, „treffen ihr Vorbereitungen in aller Stille und wollen die Polen überraschen. Aus guter Quelle ist es uns bekannt, daß sie schon Kandidaten nominiert haben, deren Namen den Vertrauensmännern in den einzelnen Wahlorten bekannt sind. Der Leiter der Wahlkampagne in beiden Wahlbezirken ist der Abgeordnete Adolf S t a u d, dessen politische Fähigkeiten von den Polen nicht genug hoch eingeschätzt werden.“ Zum Schlüsse wird an die Wähler die Mahnung gerichtet, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Ob diese Mahnung Erfolg haben wird, ist mehr als fraglich, denn die in der letzten Zeit im Schoße des Polenklubs herrschenden persönlichen Differenzen und Intriguen lassen nicht erwarten, daß im polnischen Lager eine Einigung erzielt werden könnte. Daraus folgt, daß die Zionisten bei planmäßiger und eifriger Agitation zumindest eines der beiden Mandate erobern können. * * * Ein Kommunique der Kredit-Union. Lemberg. Die Leitung der neubegründeten jüdischen Volksbank „K r e d i t - U n i o n“ in Lemberg versendet an alle zionistischen Vertrauensmänner in Galizien ein Kommunique, in welchem alle Juden eingeladen werden, Anteilscheine zu zeichnen, damit die Bank schon beim Beginne ihrer Tätigkeit — am 1. Juli d. J. — den weitgehendsten Bedürfnissen entsprechen könne. Die Leitung hofft bis zum 1. Juli eine Million Kronen aufzubringen. Der leitende Direktor der Kredit-Union, Herr Julius Eisler aus Sambor, ist damit beschäftigt, in den größeren Städten Galiziens Genossenschaften ins Leben zu rufen, welche später in Filialen der Kredit-Union umgewandelt werden sollen. Weiters wird bekanntgegeben, daß die Bank bereits ein schönes und geräumiges Lokal in der Hauptstraße Lembergs, in der Karl Ludwigstraße gemietet hat. — Hoffentlich wird es der Leitung gelingen, die neue Bank, die bestimmt ist, die wirtschaftliche Lage der galizischen Judenheit zu heben, zu einem finanziell geachteten, einflußreichen und wohltätigen Institut zu machen. * * * Ein berücksichtigter Wahlprotest., Sanok. Gegen die im September 1907 m Sanok vollzogenen Kultuswahlen wurde von der Opposition, trotzdem drei oppositionelle Kandidaten gewählt wurden, ein Protest eingebracht. Diesem Proteste wurde jetzt vom Ministerium des Innern, als dritter Instanz, stattgegeben, nachdem ihn die niederen Instanzen schon berücksichtigt hatten. Die Wahlschwindeleien der Kahalspartei waren zu offenkundig und daher halfen weder der persönliche Einfluß der Kahalsatrapen noch die gegen den P:ctest eingebrachten Rekurse. Im Bescheide des Ministeriums wird der Kultusvorstand aufgefordert, ehestens Neuwahlen auszuschreiben. Es ist zu erwarten, daß die Opposition einen vollständigen Sieg erringen wird. Dieser berücksichtigte Protest verdient um so mehr Erwähnung, als es einen der wenigen Fälle darsteilt, in weichem es gelungen ist, die in Galizien praktizierten Wahlschwindeleien behördlich bestätigt und gebrandmarkt zu sehen. * * * Jüdische Antisemiten. Zagreb. Jüdische Antisemiten! Eigentlich kein seltener Typus. Und die kroatische Hauptstadt, welche schon so manche Assimilantenfrucht zeitigte, sollte diese nicht haben? Erst unlängst konnte man hier diese Leute in einer traurigen Rolle beobachten. Anläßlich des Besuches des christlichsozialen Wiener Gemeinderates am 17. Mai lieferten uns drei jüdische Stadträte den Beweis, daß Protzentum und Anbiederungssucht den letzten Funken jüdischer Würde und Stolzes in ihren israelitischen Seelen erstickt haben. Obwohl diese drei Stadträte sogar von der arischen Presse darauf aufmerksam gemacht wurden, daß ihr Judentum ihre Beteiligung beim Empfange der Wiener Antisemiten ausschließe; obwohl die jüdisch-akademische Jugend — als Sprachrohr der jüdischen Bevölkerung -- einen öffentlichen Appell an die erwähnten Herren richtete und sie mit beredten Worten zur Abstinenz von allen Festlichkeiten zu Ehren der Luegergarde aufforderte, konnten sie es dennoch nicht unterlassen, mit antisemitischen Häuptlingen, mit Vernichtern jüdischer Existenzen und Ritualmord- 1 märchenfabrikanten (Vergani et consortes) einen Nachmittag nnd eine Nacht in „angenehmem Beis a m m e n s e i n“ zu verbringen. Am schimpflichsten i und am schwersten zu verurteilen ist es, daß ein hervorragendes Mitglied des Empfangskomitees zugleich Vorstandsmitglied der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ist! Das unerhörte Vorgehen der drei jüdischen Stadträte, welcheihrer Anbiederungssucht den Mantel des „Europäertums“ umhängen wollten, wird selbst von den lauesten Israeliten aufs schärfste verurteilt. — —z r * * * IX. Deutsch-Israelitscher Gemeindetag. Berlin. Am Sonntag begann der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in Anwesenheit von etwa 350 Delegierten aus allen Teilen Deutschlands seine XI. Tagung, auf deren Tagesordnung neben dein allgemeinen Bericht der vom Vorsitzenden des Bundes, Professor Philippsohn, erteilt wurde, die Beratung eines vom Gemeindebunde in Gemeinschaft mit dem Verband Deutscher Juden hergesteliten Entwurfes eines neuen Judengesetzes gesetzt war. Die Beratungen zeigten, daß im allgemeinen die Ansicht vertreten wurde, daß die Wahrung der kulturellen Autonomie im Entwürfe in ausgiebiger Weise vorgesehen war, hingegen der Staatsaufsicht nach Ansicht vieler in einigen Verwaltungsfragen eine allzu große Wirksamkeit eingeräumt sei. Im besonderen wurde ferner die Stellung, die dem Rabbiner innerhalb der Gemeinde zukomme, eingehend beraten und von allen Seiten die Bereitwilligkeit kundgegeben, ihren berechtigten Wünschen nachzukommen, wohingegen über die Ersprießlichkeit einer lebenslänglichen Anstellung oder einer 12jährigen, wie im Entwürfe vorgesehen, noch die Ansichten auseinandergingen. Es wurde im besonderen darauf hingewiesen, daß nur die wirtschaftliche Stärkung geeignet sei, einen Rabbinerstand zu schaffen, der unabhängig von den wechselnden Strömungen innerhalb der Gemeinde seine religiöse Ueberzeugung betätigte. * « * Erneute Verhandlung gegen den Rittmeister Grafen von Gersdorff. Mülhausen. Der „Fall Bloch“, dessen erste Verhandlung vor dem hiesigen Kriegsgericht sowohl wegen der Milde der gegen den Angeklagten erkannten Strafe als auch wegen der Haltung des