Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 21 Kowedposten geben, und Rabbiner Dr. Lövvy, der den Brünner Posten nicht seinem Wissen, sondern seinem schönem Barte verdankt, hat das Wort von der „galizischen Stampiglienkultur“ geprägt. Die Kahalniks des Westens, deren Wahlmache wir in Wien ja zur Genüge kennen, sind aber nicht um ein Haar besser als ihre Kollegen im Osten. Wir dürfen den Einberufern dieser Versammlung nicht darauf hineinfallen, die Reputation der galizischen Kahalniks zu stärken: nicht mit diesen, vielfach korrupten Elementen gilt’s, sich solidarisch zu erklären, sondern mit dem durch sie geknechteten jüdischen Volk (Präsident Jolles verzweifelt). Redner schlägt eine Resolution vor, wonach die Versammlung Angriffe auf die galizische Judenschaft, von wo immer sie kommen, zurückweist und ihr die herzlichste Sympathie ausspricht. Gg. Dr. Löhner sagt als Westler den Brüdern im Osten heißen Dank, daß sie uns das Judentum erhalten und wiedergegeben haben. Des Zionismus unvergängliches Verdienst ist es, unser Volk von den vier Enden der Erde in Liebe geeint zu haben, den Kahalniks zum Trotz, die dort vor den Moschkos, hier vor den Deutschen kriechen. Die jüdischen Massen Galiziens haben ihre Gesinnung klar bekundet, wenn sie in heldenmütigem Kampfe vier zionistische Abgeordnete ins Parlament sandten. Und d i e haben hier das Judentum gegen die antisemitische Meute so mannhaft vertreten, daß man ihnen ein freieres Wort im eigenen Hause nicht verübeln darf. Das Volk wird, dem Zionismus treu, alle Zwischenschiebereien Böswilliger vernichten und mögen diese noch so breitmäuligEhrlichkeit heucheln. Gg. Dr.Weisengrün anerkennt die Loyalität Dr. Landaus, mit der er, obgleich der Zionistenpartei gram, der Wahrheit die Ehre gab. Das galizische Judentum läßt sich gegen die nationale Idee nicht mehr aufwiegeln. Gegen wen sollen wir heute protestieren? (Zwischenruf: „Gegen Dr. Bloch!“) Aber nein, der hat bloß eine Vergangenheit, lassen wir die Toten ruhen! Dem Kahal unseren Kampf, dem Volke unsere Liebe, hoch die galizischen Juden und die Männer ihres Vertrauens vom Jüdischen Klub. Dr. Bloch hingegen behauptet, noch zu leben, er ruft dreimal wehe über das neue Geschlecht, das den Josef Samuel nicht kannte, als er Judas Ehre noch voll Jugendkraft im Parlament (Zwischenruf: „Im Polenklub!“) vertrat Daher meine Verkennung und der Haß der Zionisten, auf den ich stolz bin. (Zwischenruf: „Wir wissen, Sie sind ein beschriebenes Blatt!“) Galizien den Galizianern! Die Verteidigung der polnischen Juden gegen Unglimpf muß ihnen selbst reserviert bleiben; wir haben an doppeltem Uebel zu leiden. (Ein Galizianer ruft: „Unser drittes und größtes sind Sie!“) Am Gemeindetage sagte ein Redner, daß die Juden den Galianern die Anfeindung verdanken. (Zwischenruf: „Fiala!“) In Wahrheit entstand der Antisemitismus in Berlin und Wien an den Universitäten. („Warum haben Sie nicht gegen Fiala protestiert?“) Ich war kein Delegierter. („Und haben doch gestimmt, gegen Galizien gestimmt?!“) Ja, ich wollte den Streit nicht vor die Gojim bringen. (Gelächter.) Da erglüht Blochs Antlitz wie die Abendröte, wütend schreit er: „Ihr B ra ude hat gesagt, jeder bessere Jude trägt in Galizien eine Stampiglie in der Tasche!“ und beruft siuh, allseits mit dem Ruf „Lüge, Lügner!“ bedrängt, auf Dr. Landau und Hofbauer als Ohrenzeugen ja auf die zionistische „Welt“. D r. Landau erklärt, — gleich dem Berichte der „Welt“, daß jener Schimpf aus dem Munde des Dr. Leo Ascher stammt. Hofbauer stottert herum, nichts Gewisses weiß er nicht. Ein Teilnehmer ruft immer wieder: „Also Bloch hat gelogen, klagen soll er mich, der Lügner!“ und — schnaps! — verläßt der Bloch die Tribüne. Gg. Torczyner will dem heiligen Gebot, Heuchler zu entlarven, dienen. Treffend hat der orthodoxe „Hamicpe“ ' in Krakau, die Heuchelei jener Moschkos gebrandmarkt, welche religiöse Bedenken vorschieben, um dem Gemeindetag fern zu bleiben, statt sich auf ihm durchzusetzen. Blochs Leitartikel verrät klaf, daß die Verhetzung der angeblich 207 protestierenden Kleingewerbetreibenden von Wien ausging, von der kleinen Gruppe der ungarischen Schiffschuljuden, die sonst mit den „Polnischen“ im Stritt, jetzt die Gelegenheit erschnappten, sich als monopolisierte Hüter der Orthodoxie aufspielen. Stammt doch der Ueberbringer jener 207 Proteste, Rabbi Schreiber, der Reichskanzler von Beiz, auch aus Ungarn. Das Präsidium weigert sich, Doktor Landaus Resolution zur Grundlage der weiteren Diskussion zu machen. Von Zionisten sind nämlich noch Advokat Dr.Jak. Kohn, Disponent Markus und andere vorgemerkt. Doch Dr. W e i s e n g r ü n erzwingt sich mit Donnerstimme Gehör für seine Resolution: „Die Versammlung spricht ihre Entrüstung über die am Gemeindetag von Böswilligen wider die galizische Judenschaft erhobenen Anwürfe aus und erklärt, daß diese Anwürfe auf die Beleidiger zurückfallen. Die Versammlung bedauert überdies die Quertreibereien von liebedienerischer und eigennütziger Seite, welche die Einigung der Judenschaft stören will, und dankt den Vertretern des Jüdischen Klubs für ihre Arbeit im Dienste der gemeinsamen jüdischen Sache.“ Diese Resolution wird mit überwiegender Mehrheit unter lebhaftem Beifalle angenommen. Bloch aber drückt sein Mißfallen durch Abzug aus — man mißverstehe nicht — durch Abzug zu den heimischen Penaten. Schriftführer Grobtuch, der statt zu schreiben provozierte, erlitt seinerseits, von der Tribüne, herabflatternd, einige Uebergriffe, bis er sich in sichere „Gemächer“ zurückzog. ■ M e c h e 1. Wie Proteste fabriziert werden. Anläßlich des jüdischen Gemeindetages in Wien wurde seitens einer großen Anzahl galizischer Kultusgemeinden Protest gegen die Organisierung der österreichischen Judenschaft eingelegt. Ueberbringer dieser Proteste war der Rabbiner Schreiber aus Drohobycz. Die Proteste verdanken ihr Entstehen weniger prinzipiellen Bedenken, als vielmehr der Furcht gewisser im Solde des Polenklubs stehender Rabbiner und Kultusvorsteher, welche ganz berechtigt fürchten, daß eine solche Organisation das Nationalgefühl der galizischen Juden stärken und sie vollends den polnischen Machthabern entreißen könnte. Unsere zionistischen Vertreter auf dem Gemeindetage haben wiederholt betont, daß ein Teil der vorgelegten Proteste ohne Wissen der betreffenden Gemeinden zustande gekommen und als krasse Fälschungen zu betrachten sind. Wie recht sie hatten, beweist nachstehendes, an die „Jüdische Zeitung“ gerichtetes Schreiben: Szczerzec, 12. Mai 1909. Löbliche Redaktion! Wollen Sie gefälligst in Ihrem geschätzten Blatte über eine entdeckte Fälschung des Protestes der hiesigen Gemeinde, welcher von Herrn Rabb. Schreiber aus Drohobycz auf dem „Kultus- Gemeindetage“ vorgewiesen wurde, folgendes mitteilen. Die hiesige Kultusgemeinde hat in einer Sitzung, an welcher alle Räte teilgenonimen haben, den einstimmigen Beschluß gefaßt, sich dem Oesterreichischen jüdischen Gemeinde-Verbände anzuschließen. Zugleich wurde beschlossen, dem Abg. Stand die Vertretung unserer Gemeinde am Gemeindetage anzuvertrauen. Hiedurch sollte auch unsere Zufriedenheit mit der Tätigkeit des „Jüdischen Klubs“ ausgedrückt werden. als ihre Glaubensgenossen in Harlem, die mit zunehmendem Wohlstand viele ihrer religiösen Gewohnheiten aufgegeben haben, unter anderem auch auf die Einhaltung der rituellen Speisegesetze gar keinen Wert legen. Allerlei. Zur Geschichte der Juden in Deutschland. Tn einem Aufsatz über die Juden in Mergentheim berichtet Gustav Barth im Stuttgarter „Neuen Tagblatt“: Bekanntlich war es den Juden in den tiefsten Zeiten des Mittelalters nur schwer möglich, eine Heimstätte zu finden, ln Mergentheim jedoch verstanden sie es schon im 13. Jahrhundert unter der wohlwollenden Regierung der Deutsch-Ordens- Herren, sich niederzulassen; sie wurden zwar allerdings im Jahre 1298 verfolgt, sodaß der damalige König Adolf (der Nassauer) durch seinen Landfrieden die Verfolgung abzustellen für nötig fand; aber schon 1336 wurden die armen Juden in Mergentheim und in der ganzen Gegend nicht bloß verfolgt, sondern von den Bauern ermordet und ausgeplündert. Bald darauf (1341) nahm sich König Ludwig derselben an,- als er dem Deutsch-Orden in Mergentheim erlaubte, sich daselbst 6 seßhafte Juden, welche er seine Kammerknechte nannte, zu halten. Die Ruhe für das verfolgte Volk dauerte aber nicht lange. Anno 1349 wurden sie beschuldigt, die damals allgemein grassierende Pest, den schwarzen Tod, durch die Vergiftung der Brunnen, herbeigeführt zu haben, und im ganzen Frankenland zog das Volk in Scharen gegen sie aus, plünderte ihre Häuser und brachte sie um, wo man sie fand. Allein in Rothenburg wurden mehrere Hundert erschlagen; nur in Mergentheim ist man wegen des vorhandenen kaiserlichen Freibriefes milder mit ihnen verfahren; die Chnonik schreibt, daß die eigentliche Ursache gegen sie keine andere gewesen sei, als weil sie wegen ihres Wuchers und ihrer zunehmenden Reichtümer verhaßt waren. Bald darauf muß sich die Judenschaft wieder gut erholt haben, denn als 1380 ein Mergentheimer Juda namens Abraham in Rothenberg in Verhaft genommen wurde, nahmen sich die Herren Ulrich und Konrad Hohenlohe mit drei anderen Rittern, denen Abraham zuvor manche Freundschaft getan hatte, seiner an und verbürgten sich für die von Rothenburg zu seiner Freilassung verlangte unerhört hohe Summe von 11000 Gulden, wofür die beiden Herren Hohenlohe noch obendrein ihre Stadt Weikersheim nebst Zubehörden in Pfand geben mußten. Den Juden in Mergentheim wurde bald nach dem 30jährigen Krieg erlaubt, eine Synagoge zu erbauen und einen Rabbiner anzustellen; sie mußten aber für den ihnen von dem Deutschorden gewährten Schutz jährlich 100 Gulden an die Pfarrkirche bezahlen und 11 herrschaftliche Jagdhunde, sowie die nötigen Postpferde halten. Ein fremder Jude, der nach Mergentheim kam, zahlte 4 Kreutzer, ein reitender 8 Kreutzer; für einen toten Juden mußten die Hinterbliebenen dem Orden 1 Gulden bezahlen. Ihre Zahl betrug anfangs des 18. Jahrhunderts zirka 70, 100 Jahre später etwas über 200. Einer der letzten Rabbiner unter deutsch-. ordenscher Herrschaft war Simon Baruch, der Großvater Ludwig Börne’s, der einen Teil seiner Kindheit im großelterlichen Hause in Mergentheim zubrachte. Die Juden in Tripolis. Unter den 80.000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens e i n Zehntel J uden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemadas Zeit aus Spanien vertrieben worden sind und sich, wie überall im Mittelmeere, auch hierher flüchteten, sondern auch' die. Nachkommen der ägyptischen und römischen Juden. Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es blühende Judenkolonien, selbst Carthago besitzt eine solche, wie der dortige Judenfriedhof beweist, und sind auch die Römer verschwunden, die Juden haben sich mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und sitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodyten des Dschubel Gharian und Dschubel Nefoussa selbst Troglodyten. geworden. Daß diese Höhlenbewohner dort schon lange ansässig sind, ist aus alten Grabsteinen aus dem elften und zwölften Jahrhundert zu ersehen. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So z. B. findet sich in der die Stadt Tripolis umgebenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendickicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf Am ruß mit über tausend Einwohnern, die fast durchwegs Juden sind, Sie haben ihre eigenen Sy na-