Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG. Kultusgemeinde ins Einvernehmen setzte, und diese ersuchte, für die Bedauernswerten etwas zu tun. Rji hsratsabgeordneter Paul Sändor erwirkte nun beim Minister des Innern, daß den Juden ein 24stündiger Aufenthalt in Ungarn gewährt werde. Im Wege der Alliance israelite universelle, der Religionsgemeinde und durch eine Kollekte wurde so viel Geld aufgebracht, daß die Reisekosten bestritten werden konnten. Nun trat aber eine weitere Schwierigkeit auf. Die Gemeinde erhielt die Mitteilung, man werde die Flüchtlinge in Amerika nicht landen lassen. Die Gemeinde verfügte hierauf, daß einer ihrer Beamten die Reise nach Amerika mitmachen und falls die Landung wirklich nicht stattfinden sollte, die entsprechenden Verfügungen treffen möge, damit die Juden nach Argentinien Weiterreisen sollen. Die russischen Juden sind vergangene Woche in Budapest eingetroffen und haben nach 24 ständiger Rast, die sie mit Erlaubnis des Ministers des Innern im Schubhause verbrachten, die Reise nach Fiume fortgesetzt. Dort mußten sie jedoch ihre Reise unterbrechen, da sich die Cunard-Line weigerte, ihre Einschiffung zu gestatten, nachdem — wie die Schiffahrtsgesellschaft versichert — durch Wohltätigkeitsanstalten nach Amerika beförderten Personen die Landung versagt wird. Die Unglücklichen befinden sich zur Zeit noch in Fiume. Wie das „Egyenlöseg“ sehr unglaubhaft berichtet, sollen die Ausweisungen der armen Juden aus Czernowitz über Veranlassung der dortigen jüdischen Arbeiter erfolgt sein, da sie die Arbeitspreise gedrückt hätten. Nach erfolgter Ausweisung hätten jedoch die Czernowitzer zionistischen Studenten zu ihren Gunsten eine Unterhaltung veranstaltet, die einen Reingewinn von 2000 Kronen ergab. Bei dieser Gelegenheit kann der Redakteur des obgenannten Assimilantenblattes seinen Aerger darüber nicht verhehlen, daß in der „Jüdischen Zeitung“ unlängst ein Artikel erschien, in welchem ihr Korrespondent ihm vorhielt, mit seinen gegen die galizischen Juden gerichteten Artikeln zur Sperrung der Grenze vor den galizischen Juden viel beigetragen zu haben. Die Verteidiger des Einwanderungsgesetzes haben sich nämlich öfters auf das Urteil dieser hervorragenden ungarischen Juden bezogen, die ihre- - galizischen Volksgenossen verabscheuen. Indem sich der Redakteur gegen diese Beschuldigung zu verteidigen sucht, bemerkt er: „Wir kennen die Herren, die in solcher Weise über mich schreiben. All’ diesen habe ich die Existenz gesichert und Stellungen verschafft.“ Diese witzigen Worte des Herrn Redakteurs haben nicht verfehlt, hierorts allgemeine Heiterkeit hervorzurufen. * * * Wohin wandert das jüdische Geld? Bisher wußten wir, daß die Juden, wenn es sich um Kirchenbauten, Errichtung von Wohlfahrtsanstalten zur Unterstützung armer Leute ohne Unterschied der Konfession, fremdnationale Zwecke usw. handelte, ihr Scherfle.-n nie versagen, ja sogar Millionen für gewohnheiten ablegen mögen, daß sie jedoch, solange sie sich der Mischehe enthalten, ihre Immunität gegenüber Infektionskrankheiten, Tuberkulose eingeschlossen, nicht verlieren werden. Wir sahen aber oben, daß im Gegenteile die Tuberkulose in Berlin und bei den eingeborenen Juden in Frankreich, Italien, England und Australien viel seltener sei, als unter den Juden in Osteuropa, bei denen es keine Mischehen gibt. Wie ich später zeigen werde, hängen diese Differenzen von sozialen Bedingungen und nicht von Rassenursachen ab. Manche Autoren haben behauptet, daß die bei den Juden geübten rituellen Speisegesetze die geringere Tuberkulosenmortalität auch bei ihnen bedingen. Wie bekannt ist, unterziehen die Juden, bevor sie die Speisen als für den menschlichen Genuß geeignet erklären, jedes geschlachtete Tier einer gründlichen Untersuchung durch einen Sachverständigen. Spezielle Aufmerksamkeit wird dem Zustande der Eingeweide, hauptsächlich der Lunge, Pleura, Leber und Milz geschenkt. Diejenigen Tiere, deren Lungen irgendwelche Adhäsionen an der Thorax oder der einzelnen Lappen aneinander zeigen oder bei denen kleine Knötchen auf der Oberfläche der Lunge zerstreut gefunden werden, werden als für den menschlichen Genuß ungeeignet erklärt. Es wurde festgestellt, daß die bovine Tuberkulose, so die obgenannten Zwecke spenden. Nun ereignete sich in Ungarn ein ganz eigenartiger Fall. Der Begründer und Eigentümer des „Neuen Pester Journals“, Sigmund Brody, hat vor einigen Jahren in seinem Testament der Ungarischen Akademie der Wissenschaften ein Legat hinteriassen, dessen Zinsen für die Belohnung hervorragender Publizisten zu verwenden sind. Heuer wurde der Preis dem berüchtigten Antisemiten, Baron I v o r Kaas zugesprochen, der ein Fahnenträger der katholischen Volkspartei ist. Seit 40 Jahren hetzt er in der ungarischen Presse gegen die Juden, um mit Judengelde belohnt zu werden. Es ist uns nicht bekannt, daß der edle Baron die vom Blute des ungarischen Volkes triefenden Goldstücke zurückgewiesen hätte . . . Wohin wandert das jüdische Geld? B. Josef Samuels Glück und Ende oder die schiefgegangene Protestversammlung. Wer da letzten Sabbat zur Morgenandacht die „Oesterreichische Wochenschrift“ aufschlug, fand einen flammenden Appell; ein „Komitee“ lud die gesamte Wiener Judenschaft für Abend zu einer Protestversammlung bei Guth, um die unerhörten Verunglimpfungen, die am Gemeindetag gegen die galizischen Juden fielen, zurückzuweisen. Da Bloch im Leitartikel der gleichen Nummer die zionistischen Bundestag-Delegierten von einem mystischen „Kultusvorsteher aus Galizien“ hatte besudeln lassen und da Blochs talentvoller Jünger Grobtuch werbend und racheschnaubend durch alle Winkel der Leopoldstadt fegte, konnten sich die Zionisten der Ueberzeugung nicht entschlagen: ölet und eilten zur Versammlung. Mit schwerer Mühe gelang es ihnen, Einlaß zu finden, da vor dem Eingänge Dienstmänner postiert waren. Die Versammlung eröffnet Herr Grobtuch in Frack und Claque und schlägt zum Präsidenten Jo 11 es, Vorstandsmitglied des polnischen Bethausvereines „Beth Israel“, dann zum Vize Sporer, Generaladjutanten des Rabbiners Mayersohn, zum Schriftführer „seine Wenigkeit“ vor. In gleichem Atem verkündet er die Annahme seines Vorschlages und die Zionisten, obschon die Mehrheit, lassen sich den Spaß gefallen. Nachdem der Präsident jede Verantwortung für die Sperraktion der Dienstmänner abgelehnt hatte, taucht zu allgemeiner Verblüffung als Referent — Dr. Z i pser auf. Doch beschränkt er sich darauf, zu sagen, man habe die galizischen Juden bei den Juden unmöglich gemacht wird. Im Lichte unseres heutigen Wissens über den Ursprung und die Verbreitung der Tuberkulose, gemäß den Anschauungen der bedeutendsten Autoritäten (Calmette, Behring, u. a.), dis der Meinung sind, daß die Tuberkulose öfter durch Ingestion als durch Inhalation akquiriert werde, müßte die jüdische Diät ein ausgezeichnetes Präventiv sein, wenn sie genau angewendet wird. In Wirklichkeit jedoch spricht nichts dafür, ln Osteuropa, wo die Juden den Speisegesetzen, sowohl nach Wortlaut als auch nach ihrem Geist folgen, gibt es mehr Tuberkulose als bei ihren Glaubensgenossen in den westlichen Gegenden, wo die Speisegesetze entweder ganz oder teilweise außeracht gelassen werden. Die Erkrankung der Juden an Tuberkulose hängt mehr von ihren ökonomischen und sozialen Eigenheiten, als von ihren Rassen- oder rituellen Eigentümlichkeiten ab. In Berlin, wo sie eine ökonomisch prosperierende Klasse bilden, gibt es nur wenig Tuberkulose unter ihnen. Die Todesrate an Lungentuberkulose betrug 1905 9.81 auf 10.000 Juden. In Wien, wo ein großer Teil der Juden ökonomisch sehr günstig steht, wo es aber auch sehr viele arme Juden gibt, ist die Todesrate höher als in Berlin, indem sie 13.1 für Lungen- und 17.9 für alle Formen von Tuberkulose ergibt In Budapest, Seite 3 beleidigt und sie sollen es sich nicht gefallen lassen. Dies Referat war ersichtlich ein Torso. Gg. Advokat Dr. Zweig spricht den Einberufern namens der Zionisten wärmsten Dank aus, denn wahrhaft unerhört seien die Beleidigungen, welche die Kahalniks des Westens vor und beim Gemeindetag auf die galizischen Juden gehäuft haben. So dekretierte das vorbereitende Komitee, das heißt Dr. Stern, trotz Reichsratsabgeordneter Dr. Gabels zäher Proteste widerrechtlich die Einschränkung des Delegatenrechtes auf Kultusvorsteher und schloß derart die armen galizischen Gemeinden vom Bundestag faktisch aus. Der Entwurf zum neuen Israelitengesetz war ein neuer Faustschlag gegen die Ostjuden, denn ihnen waren, obgleich sie zwei Drittel der Judenschaft Oesterreichs stellen, von 58 Mandaten des Reichsverbandstages ganze 18 zugedacht; denn, wie Referent Dr. Sonnenschein privatim erklärte: „Wir werden uns doch nicht von den Galizianern kommandieren lassen!“ Die Zionisten, voran Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher, waren es, die gegen solche Erniedrigung der Ostjuden Sturm liefen und durchsetzten, daß deren Vertreterzahl wenigstens etwas erhöht wurde. Der von Dr. Stern unterstützte Antrag Sonnenschein, Galizien aus dem Verbände von vorneher auszustoßen, wurde trotz der gehässigen Argumente Dr. Fialas, Kultusvorstehers von Brünn, und seines Rabbiners Dr. Löwy, Dr. Aschers und anderer Assimilanten, dank den Protesten der zion i s t i s c h e n Wortführer mit allen gegen fünf Stimmen abgelehnt. Für den Ausschluß stimmte — Dr. Bloch, Ehrensubventionist des Wiener Kahals, der überdies in seinem letzten Leitartikel die Beleidiger Galiziens in Weihrauchwolken hüllt. Auch hat Dr. Stern speziell die Großgemeinde Krakau schwer verletzt, da er sie offen der Lüge zieh. Redner lehnte des Präsidenten wiederholte Mahnung, die hohe Kultusgemeinde nicht in die Debatte zu ziehen, mit dem stereotypen Entrüstungsrut ab: „Ich lasse aber die galizischen Juden nicht beleidigen!“ und die Versammlung bejubelte solche Gesinnung. Dr. Landau meint, daß die Aeußerungen Gabels und Braudes, welche allerdings am Gemeindetag einen schweren Stand hatten, von den Assimilanten böswillig aufgegriffen wurden. So drohte der Brünner Pascha Fiaia, der — jeden Menschlichkeitsgefühles bar — alles für Geld einzuhandeln gewohnt ist, den Polnischen den Brotkorb höher zu hängen, wenn sie nicht ihre Stimmen für die neuen wo es noch mehr arme Juden gibt, sind auch die Todesraten höher, 21.93 und 25.6. In Galizien ist die Armut unter den Juden sehr groß; ich kenne in der Tat keine ärmeren Menschen, als sie in den kleinen Städten Galiziens zu finden sind. Dort haben wir auch die höchste Todesrate an Tuberkulose unter den Juden — 3064 auf 10.000 gefunden. Der Einfluß der ökonomischen Verhältnisse auf den Ausbruch der Tuberkulose unter den Juden wird gut durch die Verhältnisse in New-York illustriert. In einem neuen Berichte der Charity Organisation Society finde ich diesbezüglich interessante Angaben. In Manhattan und im Bezirke Broux waren 10.29 Fälle von Tuberkulose auf 1000 Einwohner verzeichnet. Im 4., 6., 8. und 10. Bezirke, die zumeist von Juden bewohnt werden, die der Mehrzahl Bekleidungsarbeiter sind, betrug die Zahl der verzeichneten Fälle 11.9, 12.0, 13.5 und 11.7 auf 1000 Einwohner, während im 31. Bezirke, in Hartem, wo die Mehrzahl der Bevölkerung auch aus Juden, aber von höherer sozialer Stellung, wie Kaufleuten, Händlern, besteht, die Zahl der Erkrankungen die proportional niedrigste von allen Bezirken, nämlich bloß 3.6 auf 1000 Einwohner beträgt Die Juden im Bezirke Lower East Side sind mehr orthodox, hängen mehr an ihrem Glauben und ihren Traditionen und haben doch eine höhere Morbiditätsrate an Tuberkulose