Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 21 begründete Befürchtung, daß die antisemitischen Machthaber das Gesetz über die Ruhe im Handelsgewerbe verdrehen und auf den Hausierhandel anwenden werden. Dann dürfte kein Hausierer nach 8 Uhr Abends umherziehen, was mit seinem Ruine gleich bedeutend ist. In ihrer Not veranstalten die Hausierer Demonstrationen und Versammlungen. Leider finden sie seitens der bürgerlichen, auch der jüdischen Gesellschaft wenig oder gar keine Unterstützung. Wieder sind es nur auf Stimmenfang spekulierende Politiker, die das große Wort führen, Leute, die nicht Hilfe schaffen, sondern Kapital aus derSache schlagen, auf billige Weise für sich Stimmung machen wollen. Charakteristisch ist folgender Fall. In einer Hausiererversammlung-trat vorige Woche ein Führer der „Deutschdemokraten“, Dr. S c h wa r z-H i 1- 1 er auf, donnerte gegen die engherzige Teilnahmslosigkeit der jüdisch-bürglichen Gesellschaft los und schloß mit dem Appell, vordieKulfusgemeindezu’ziehen und durch Demonstration die dort sitzenden engherzigen Protzen zu r Hilfeleistung zu z wingen. Er verlangte auch das allgemeine gleiche Wahlrech t f ür di eKiil tu s gemein de, weil nur in diesem Falle zu erhoffen ist, daß die Kultusgemeinde ihre bedrängten „Volks“genossen, die Hausierer, schützen wird! Der „Deutschdemokrat“ entdeckt auf einmal sein jüdisches Herz und arbeitet mit den demokratisch-zionistischen Argumenten! Uns Zionisten würde das nur freuen, wie es uns immer freut, wenn unsere guten Ideen propagiert werden, von welcher Seite immer. Aber diesmal tritt die Unverfrorenheit und Unaufrichtigkeit zu kraß zutage, Dieser selbige Dr. S c h w a r z - H i 111 e r hat noch vor ein paar Monaten die Wahlaufrufe der Kultusprotzen unterschrieben, er und seine Leute haben im Dienste der Kultuspartei wütend gegen die das allgemeine Wahlrecht fordernden Jüdischnationalen agitiert! So sehen die Hausierer-Freunde aus! Diese politischen Makler sind dem Stande gefährlicher als die Feinde. Diese Spekulation auf das Elend tausender so hart arbeitender Menschen ist unsäglich frivol. Die jüdische bürgerliche Gesellschaft hat die Pflicht zugunsten dieser, so unbeschreiblich schwer arbeitenden gehetzten Volksgenossen einzutreten. Nicht mit Schlagworten, sondern tatkräftig und mit ihrem ganzen Einflüsse. Nicht von dem Standpunkte aus, daß der Hausierer ein Bettler ist, sondern ein Jude, dem das Schicksal zum härtesten Berufe gezwungen hat, der als ehrlicher jüdischer Arbeiter ein Recht auf Schutz und Förderung seitens derungskomtnission stützen, die zeigt, daß dasselbe auch hier gilt. Unter den 330.573 Juden, die während der Jahre 1901—1906 zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten zugelassen wurden, wohnen 78.502 Schneider und 13.123 Schuhmacher, das heißt 28% waren Beinkleidungsarbeiter. Hier lernen überdies viele der jüdischen Einwanderer, die in Europa keine Schneider waren, die einfacheren Arten der Maschinenarbeit, so daß eine Schätzung, daß 35% aller jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten Bekleidungsarbeiter sind, ungefähr das richtige treffen würde. Wir alle kennen den „Schwitzsystem“-Arbeiter An erster Stelle ist er der Typus der physisch Schwachen, selbst bevor er in der Bekleidungsindustrie arbeitet Männer mit wohlausgebildeten Muskeln finden einträglichere Beschäftigungen. Seine Brust ist flach und bietet alle Stigmata des sogenannten habitus phthisicus dar. Diese Brust, obwohl in großem Maße eine Folge der Unterernährung und der Anämie, die sehr vorherrscht, dankt ihre miserable Erscheinung noch meist eine mangelhaften Muskelentwicklung. Schlaffe Muskeln können nicht die Rippen zu einer besonderen Entfaltung bringen, erlauben ihnen jedoch, in einem spitzen Winkel zur Wirbelsäule hinabzusinken. Das Resultat ist die sogenannte „jüdische“ oder unserer Volksgenossenschaft hat. Wie in so vielen anderen Fällen fst aber auch in dem vorliegenden nur dann etwas zu erhoffen, wenn die Herrschaft des Geldsackes überwunden sein wird und an die Spitze der jüdenschäft national und demokratisch füh- : lende Männer treten. Mesopotamien als jüdisches Zukunftsland. Wir haben unlängst von dem Zusammenbruch der Itopläne berichtet. Nach vierjähriger Landsuche muß Zangwill bekennen, daß es nur ein Gebiet gibt, das für eine jüdische Siedlung in Betracht kommt, Türkisch Asien. Nach Scheitern des Cyreriaicaprojektes greift die Ito auf Mesopotamien zurück, das als Nebenland von Palästina im zionistischen Programme einbegriffen ist. Es wäre müssig, Zangwill gegenüber mit Rekriminationen zu kommen, wir wollen uns vielmehr freuen, daß dieser bedeutende Mann seine hervorragende Kraft und die großen Hilfsmittel, die ihm zu Gebote stehen, nun endlich an eine Aufgabe wendet, welche Erfolg verspricht und 4Be vollkommen im Rahmen dessen liegt, was die zionistische Bewegung seit jeher anstrebt Von großem Interesse ist, was Zangwill jüngst von seiner Politik gegenüber der türkischen Regierung verlauten ließ, weil das alles analog auch für die zionistische Politik gilt. Auf einem Massenmeeting, das am 10. d. M. in London stattfand, hielt Zangwill eine große Rede, der wir einige Stellen entnehmen. Zangwill legte dar, daß nach Ansicht der bedeutendsten Fachmänner, wie Sir Andrew Wingate und Sir William W i 11 c o c k s, welche die berühmten Bewässerungsanlagen in Indien, resp. Egypten durchgeführt haben, durch Investition von acht Millionen Pfund Mesopotamien zu einem Garten gewandelt werden könne und die altberühmte Fruchtbarkeit wieder erlangen würde. Zangwill zweifelt nicht, daß er für sein Projekt jüdische Financiers gewinnen könnte, da die zu erwartenden Gewinne enorme seien. Die Wertsteigerurig der Ländereien nach Investition dieser acht Millionen Pfund würde 22 Millionen betragen. Zangwill legte dar, daß auch die türkische Regierung ähnliche Pläne ausgearbeitet hat, doch ist es klar, daß sie weder die Mittel besitzt, sie auszuführen, noch über jene Massen von Ansiedlern verfügt, die nötig sind, um das entvölkerte Land „Schneiderbrust“. Diese ist nicht nur flach, sondern auch von geringerem Umfang. Bei gesunden Individuen beträgt der horizontale Umfang über 50*/» der Höhe, aber bei der Majorität der Schneider New-Yorks habe ich durch Messen gefunden, daß der Umfang bloß die Hälfte der Höhe beträgt. Die krankhaft verzogene Haltung des Körpers der Schneider bei der Arbeit, sowie der Mangel der Muskelbewegung, da das Nähen keineswegs freie Betätigung der meisten Muskeln bedingt, in Verbindung mit der fehlenden Ventilation der üblichen Werkstätte, all das trägt dazu bei, die Lebenskraft des Schneiders zu reduzieren und seine Lunge .zur Aufnahme des Tuberkelbazillus disponiert zu machen. Und tatsächlich zeigt die Statistik, die in ganz Europa gesammelt, ist, folgerichtig, daß die Schneider mehr zur Tuberkulose neigen, als Arbeiter anderer Zweige, mit Ausnahme der Steinhauer, Buchdrucker und ähnlicher Berufe. Ein anderer gewichtiger Grund gegen die Theorie, daß die niedrigere Tuberkulosenmortalität der Juden mit einer auf ihre Rasse bezüglichen Widerstandskraft Zusammenhänge, ist die Tatsache, daß Mischehen mit Nicbtjuden durchaus nicht die Zahl der Tuberkulösen bei ihnen vermehrt. Ein Beispiel wird genügen. In Berlin war 1905 die Zahi der Mischehen zwischen Juden und Christen 44% den wieder zu kolonisieren. Die Juden könnten beides liefern. Was die Verhandlungen mit der türkischen Regierung betrifft, so stehe er ihr gegenüber auf dem Standpunkte, idaß die Juden durchaus nicht jenerVertragsteil seien, welcher dann gezwungen wäre, unbedingt Türkisch-Asien als Kolonisationsland zu wählen. In den Vereinigten Staaten wäre Platz für alle Juden der Welt, dort könnten sie in voller Freiheit leben. Will die türkische Regierung die Juden zur Hebung des Landes heranziehen, dann müsse sie ihnen entsprechende Anbote machen. Ahmed Riza Bey der Kammerpräsident habe zwar die Juden eingeladen, in die Türkei zu kommen, doch sei diese Einladung zu allgemein. Die jungtürkische Regierung müsse vielmehr zunächst ihre bona fides beweisen, indem sie die Tore Palästinas öffnet. . Fenier riiüsse sie für Mesopotanien den Juden weitgehende Selbstverwaltungsrechte gewähren, denn die eingeborenen Araber und Kurden sind so unbotmäßig, daß1'ihnen gegenüber die türkische Regierungsgewalt ' keinen ausreichenden Schutz gewährt. Dies werde z. B. dadurch illustriert, daß Dr. William Willcocks, den der Sultan selbst als Kommissär nach Mesopotanien entsendet hatte, als er sich auf einem Schiff auf dem Tigris befand, von Arabern. angegriffen wurde. DieJuden verlangen eine große Kolonie mit Selbstverwaltung. Das habe er dem Kammerpräsidenten mitgeteilt. Zum Schlüsse gab Zangwill seiner Freude Ausdruck, daß die offiziellen zionistischen Kreise, ohne von Palästina abzulassen, sein mesopotamisches Projekt warm begrüßen. Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Vogelfreie Juden.'"—Wohin wandert das jüdische Geld? Aus Rußland sind in den letzten Monaten acht Familien, insgesamt 46 Seelen, nach der Bukowina ausgewandert. Die Leute wollten sich in der Hauptstadt Czernowitz ansiedeln, doch ließ dies die dortige Behörde nicht zu und wies sie aus. Die Heimatslosen griffen wieder zum Wanderstab und wollten über Ungarn nach Amerika auswandern. An der Grenze wurden sie jedoch von der Grenzpolizei angehalten, welche sie als lästige Fremde in ihre Heimat abschieben wollte. Nach Rußland zurückeskortiert zu werden, erschien aber den armen Leuten als das Furchtbarste. In ihrer Bedrängnis wandten sie sich an die Marmarosszigether israelitische Kultusgemeinde, welche sich mit derPester reinen Judenehen. Wir wissen, daß gewisse Rassenimmunitäten, wie die der Neger, gegen Malaria und gelbes Fieber sich beim Mulatten vermindert, ln Analogie würden wir erwarten, daß die Zahl der jüdischen Tuberkulösen in Berlin höher sein werde als in Galizien, wo praktisch Mischehen zwischen Juden und Christen nicht Vorkommen. Tatsächlich jedoch liegt die Sache so: 1905 gab es in Berlin nach der Volkszählung 98.893 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 2,040.148. In demselben Jahre ereigneten sich in dieser Stadt 4302 Todesfälle an Lungentuberkulose, von welchen bloß 97 Juden betrafen, was eine Mortalität von 21.66 Christen und bloß 9.81 Juden auf 10.000 Bewohner ergibt. In Krakau, wo Mischehen nicht Vorkommen, war die Mortalität 30.64, also dreifach als bei den Juden in Berlin. Diese Tatsache, daß die Mischehe die Tuberkulosenmortalität nicht vermehrt, ist, wie ich glaube, ein genügender Beweis, daß keine ethnische Immunität anzunehmen ist. Einige haben behauptet, daß die geringe Sterblichkeit an Tuberkulose der Elimination der meisten ■ den Juden zu verdanken sei,- die in früherer-Zeit prädisponiert waren, so daß eine Rasse zurückblieb, die den Einflüssen des Tuberkelbazillus 'gegenüber refrektär ist.Reibmayr, der diese Theorie ausarb'eitete, behauptete, daß die Juden alle ihre Lebens-