Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redak tion, Administration und Inseratenaufnahme: Na IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. s^rechsiandea täglich voa 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Nr. 21. AUS DEM INHALTE: Gehetzte Juden. Mesopotamien als jüdisches Zukunftsland. Wie Proteste fabriziert werden. Verkehrsentwicklung in Syrien. Jüdische Fragen. Jüdischnationale Demonstrationen im Brünner Stadttheater. Brief aus Budapest. Feuilleton: Die Tuberkulose unter den Juden. Die schiefgegangene Protestversammlung. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Jüdifche Volksgenoffen! Der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich“, weleher ein Sammelgtinfet-volfcstreuer Juden ist, "fordert hiermit alle modern-jüdisch nnd modern - demokratisch gesinnten Volksgenossen in ganz Oesterreich zum Beitritt auf. Jahresbeitrag 4 Kronen. Beitrittserklärungen sind zu richten an das Sekretariat Wien IX., Liechtensteinstraße 11. ABONMENTS-EIIADtJNG. Die „Jüdische Zeitung“ kostet: vierteljährlich . . . K 3.— halbjährlich . . . . „ 5.— für 1 Jahr . , . . . „ 10.— Es ist Pflicht eines jeden Gesinnungsgenossen die „Jüdische Zeitung“ zu abonnieren und für ihre Verbreitung unablässig tätig zu sein. Adressen von Personen, an die mit Aussicht auf Erfolg Probenummern gesendet werden können, sind stets erwünscht. An unsere Abonnenten! Wir ersuchen unsere Abonnenten, deren Abonnement abgelaufen ist, um Ueberweisung der rückständigen Beträge, da sonst eine Unterbrechung in der Zusendung der „Jüdischen Zeitung“ eintreten müßte. Oie Verwaltung der „Jüdischen Zeitung“, Gesellsch. m. b. H. nal* Erscheint wöchentlich. Wien, Freitag den %1. Mai 1909. Abonnementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10-— halbjähr. K 5 —, Vierteljahr. K 3‘— In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10-— halbjähr. Mk. 5-—, Vierteljahr. Mk. 3‘— Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15-— III. Jahrgang. Gehetzte Jiiden. Die armen Hausierer sind schlimm daran. Jedermann bemitleidet sie, doch keiner zeigt Neigung, sich jnit ihrem Schicksale zu beschäftigen. Da$ Bedauern, das sie einflößen, wirkt lästig, ßchleicht sich so ein vertrockneter,verkrümnjter Alter mit dem schweren Kasten an detj Wirtshaustisch heran, dann stört er die Frohlaune. Man zürnt dem ungeladenen Besucher, als Gemütsmensch schämt man sich andernteils ein wenig. Den gehäuften Teller und das gefüllte Glas vor sich, den müden, abgehetzten Hausierer neben sich ... Der Kontrast wirkt immer unbehaglich. Man atmet auf, wenn er geht. Man hat ihm eine Kleinigkeit abgekauft, manchmal auch nicht, aber immer wünscht man ihn los zu sein. Man erinnert sich auch außerhalb des Wirtshauses an so was nicht gerne. Kurz, das Hausiererelend ist eine traurige Sache, wird allgemein als solche anerkannt, aber wenige wollen mit ihr etwas zu tun haben. Trotzdem wird zu bestimmten Zeiten j und zu -bestimmten -Zwecken, viel iiber die Hausiererfrage gesprochen. Als politischer Gemeinplatz darf sie zum Beispiel in keiner Kandidatenrede fehlen. Sie läßt sich eben trefflich und nach den verschiedensten Richtungen hin verwerten. Der konservative reaktionäre Kandidat, dem es um die Stimmen der kleinen Handels- und Gewerbsleute zu tun ist, läßt es sich nicht nehmen, den Hausierer als den „gefährlichen und tückischen“ wirtschaftlichen Gegner hinzustellen, dessen tatkräftige Bekämpfung im Interesse des Wohlergehens des Kleinbürgers er immer als heilige Aufgabe betrachten wird. Der ehrsame Kleinbürger fällt auf den Schwindel auch richtig hinein, umsomehr, als für ihn Hausierer und Jud identische Begriffe sind, FEUILLETON. Die Tuberkulose unter den Juden. HI. Bei der Besprechung der Daten des Zensusbureaus der Vereinigten Staaten führte ich früher aus, daß dieselben nicht absolut richtig seien, weil ein besonderes Verhältnis von Kaufleuten und andererer freier Berufe darin enthalten ist, unter denen Tuberkulose weniger häufig ist als unter den Arbeitern. Dieser Vorwurf besteht nicht zurecht, wenn wir von den Juden in Osteuropa oder in London, New-York, Chicago, St. Louis, Baltimore usw. sprechen. Es ist wohl bekannt, daß der Stadtbewohner mehr zur Tuberkulose disponiert ist als der Bewohner des offenen Landes, speziell der Ackerbauer. Die Juden sind in der ganzen Welt Stadtbewohner par exzellence. ln Preußen leben über 50% der Bevölkerung am Lande, während bloß */» der Juden auf dem Lande lebt. In Rußland, wo sie bloß 4% der GesamtbevölkerunS ausmachen, sind sie über 15-6*/o der gesamten stäaiiav . Seine Kurzsichtigkeit und sein Antisemitismus kommen reichlich auf ihre Rechnung. Das gleiche Motiv läßt auch den Politiker, welcher bei Juden um Wohlwollen und Stimmen bettelt, die Hausiererfrage anschneiden. Nie noch hat es ein solcher versäumt, einen beträchtlichen Teil seiner Ausführungen der Besprechung des Hausiererelends zu widmen, immer noch hat er versichert und geschworen, den Hausierern ein eifriger Fürsprecher zu werden. Es ist das eine sehr bequeme Art, seine judenfreundlichen Gefühle zu dokumentieren. Die Worte in Taten umzusetzen ist freilich noch niemand eingefallen. Das Hausiererelend ist eben zum Versammlungsrequisit gut genug, nicht aber zum Gegenstände mit dem sich ein Politiker dauernd beschäftigen will. Jetzt sind die Hausierer wieder in arge Not und Bedrängnis geraten. Das antisemitische Parlament, welches völlig unter dem Banne des agrarischen und auch des industriellen Großkapitals steht, anderseits mit dem Kleinbürgertum kokettiert, drischt auf die armen Hausierer los, will ein Fausierfeindliches Gesetz schaffen. Mit dieser billigen „sozialpolitischen“ Maßregel wird ja dem Großkapital nicht wehe getan und dem antisemitischen Kleinbürger ist für geraume Zeit Sand in die Augen ge streut. Die Entscheidung darüber, ob in einem Orte hausiert werden darf oder nicht, soll den unter lokalem d. h. klerikalem und antisemitischem Einflüsse stehenden politischen Behörden niederster Instanz zustehen. Die Hausierer wissen, was das für sie bedeutet und verlangen, daß, wenn schon Einschränkungen zulässig sein sollen, die Zentralregierung, das Ministerium des Innern, von welchem immerhin größere Unparteilichkeit zu erwarten ist, die Entscheidung zu treffen habe. Sie hegen ferner die wohl- ^— Dasselbe gilt von Oesterreich, Ungarn und Rumänien. Von den 2 Millionen Juden in den Vereinigten Staaten habe ich berechnet, daß über 60% in den neunzehn Städten leben, die nach der letzten Zählung eine Bevölkerung über 200.000 haben, während bloß 16“/® der Gesamtbevölkerung des Landes in diesen Städten gefunden werden. Die Juden sind hauptsächlich Städtebewohner und sind mehr geneigt, in den großen, als in den kleinen Städten zu leben. Das ist natürlich, wenn man ihre Beschäftigung in Betracht zieht. Sie können bloß in den großen Handels- und Industriezentren ein Auskommen finden. Dies ist wieder wichtig in bezug auf ihr Verhalten zur Tuberkulose. Nach der russischen Zählung von 1907 waren 782.454 oder % der Gesamtzahl der Juden von der Bekleidungsindustrie abhängig. In dieser Klasse waren Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Kappenmacher, Handschuhmacher und Putzmacher eingeschlossen. Auch in Oesterreich wurde bei der Zählung von 1900 konstatiert, daß 81 von 1000 der Juden in der Bekleidungsindustrie beschäftigt waren gegen bloß 40 bei den Katholiken. Dasselbe gilt von den Juden in Ungarn und Rumänien. Da wir diesbezüglich keine besondere Statistik über die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten haben, müssen wir uns auf die Angaben von Rubinow in dem Berichte der Einwan-