Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438240--1192-2440766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr- 20 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 utcza 33, bezogen. Die feierliche Einweihung des neuen Heimes findet am 15. d. M. (Samstag) abends 8 Uhr statt. B. * * * Erster Wiener Jüdischer Turnverein. Am 22. April d. J. fand eine außerordentliche Hauptversammlung des Ersten Wiener jüdischen Turnvereines statt, in welcher die Demission des langjährigen Obmannes Herrn Dr. Ludwig Werner zur Kenntnis gebracht wurde. Der Obmann-Stellvertreter würdigte die außerordentlichen Verdienste Werners um den Ersten Wiener Jüdischen Turnverein und um die jüdische Turnsache überhaupt und machte der Hauptversammlung die Mitteilung, daß der Turnrat in Anerkennung und Würdigung dieser Verdienste, die Eintragung Werners in das goldene Buch des Nationalforids beschlossen hat. Bei der hierauf stattgehabten Neuwahl wurde zum Obmann Herr Dr. Emil K r a s n y, zum Obmann-Stellvertreter Herr Moriz L a m b e r g und zum zweiten Schriftführer Herr Dr. David Breuer gewählt. Bei dem zu Pfingsten in Berlin stattfindenden Verbandsschauturnen wird der Erste Wieuer Jüdische Turnverein mit zwei Riegen beteiligt sein. Zur Teilnahme an den Beratungen des Turntages werden fünf Delegierte und sieben Ersatzdelegierte entsendet. * . * M= Dr. Ludwig Werner. Vor etwa einem Jahrzehnt berief Dr. Theodor Herzl die Alten Herren der Wiener Verbindungen zu einer Besprechung, um Mittel zu erwägen, auf welche Weise die einst so bewährte Regsamkeit der Alten Herren wieder wachgerufen werden könnte. Ludwig Werner schlug damals vor, das System der Arbeitsteilung auch bei der Tätigkeit der alten Herren Platz greifen zu lassen. Die Agenden und das Feld der Betätigung haben sich so sehr erweitert, daß es für Männer, die im Leben stehen, nicht möglich sei, bei allen Arbeiten der Regenerierung aktiv mitzutun. Jeder möge sich das Feld der Betätigung wählen oder .zuweisen lassen. Ludwig Werner erklärte sich damals bereit, seine Arbeitskraft dem jüdischen Turnverein zur Verfügung zu stellen. Nahezu ein Dezennium stand er an der Spitze des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereines. Da er sich nun ipfolge beruflicher Ueberlastung veranlaßt sah, sein Mandat als Obmann dieses Vereines niederzulegen, ziemt es es sich wohl, seine hervorragenden Qualitäten und seine außerordentlichen Verdienste um die jüdische Turnsache und um den Verein in Kürze zu würdigen. Die zionistische Bewegung in Wien mußte es schmerzlich erfahren, wie wenig Verständnis unter den jüdischen Bewohnern dieser Stadt für moderne jüdische Bestrebungen zu erwecken ist, wie sehr Indolenz, Bequemlichkeit und Gesinnungslosigkeit jeder ernsten jüdischen Kulturarbeit hemmend entgegentreten. Bei der Schaffung und Erhaltung des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereines waren diese Hindernisse in noch reichlicherem Maße vorhanden. Zur Zeit der Gründung bestand ein großer, alter Turnverein, den zum größten Teile Juden angehörten. Wen focht es an, daß er sich „Deutsch- Oesterreichisch“ nannte und vorgab, es auch zu ein? Wen störte es, daß die Vereinsleitung krampfhafte Bestrebungen zeigte, sogar Indifferenten deutschnationales Empfinden beizubringen? Nichts wurde sorgsamer vermieden, als der Judenpunkt, sofern er nicht bei den Eliminierungsbestrebungen aus deutsch-arischen Organisationen eine Rolle spielte. Da aber Assimilanten bekanntlich recht unempfindlich sind, lag für die Juden Wiens kein Grund vor, die wohl eingerichteten Turnsäle des „Deutsch-Oesterreichischen“zu meiden. Fand sich doch noch vor kurzem ein Mann, der einer jüdischenKorporation die Erhöhung der Subvention für den Ersten Wiener Jüdischen Turnverein mit der Begründung nicht befürworten zu können glaubte, weil es noch Vereine gäbe, bei denen Juden aufgenommen werden. Bei dieser Sachlage einen jüdischen Turnverein, der naturgemäß am Anfang nicht über reichliche Mittel und entsprechende Einrichtung verfügte, zu erhalten und vorwärts zu bringen, war wirklich keine kleine Aufgabe. Daß sie Dr. Werner auf sich nahm, war seiner frischen Begeisterung und seinem hohen Verständnis für die jüdische Turnsache zu danken; .durch seine außerordentliche Energie, Tatkraft und Arbeitslust verstand er sie auch zu lösen. Nichts war zu anstrengend und unangenehm, als daß es Werner nicht gerne auf sich genommen hätte, sofern sich nur ein Erfolg für seinen Verein erzielen ließ. Er wurde nie müde, für den Verein Freunde zu werben, er erlahmte nie, die Idee zu propagieren, Mitarbeiter aufzustöbern und sie zur Anteilnahme zu verhalten. Werners Tätigkeit erstreckte sich natürlich nicht nur in der Sorge um den Verein! Wo immer sich Ansätze zur Schaffung einer Organisation zeigten, griff Werner persönlich ein, aufmunternd, helfend und beratend. An der Schaffung der Verbandsorganisation hat er seinen Anteil, die Beratungen der Verbandstage erfreuten sich seines regsten Interesses, er stand in steter Fühlung mit allen Persönlichkeiten, die der jüdischen Turnsache zu dienen bereit waren. Wie er den echten jüdischen Charakter des Vereines zu bewahren wußte, obwohl, besonders anfangs, die Mitgliederschaft durchaus nicht ausnahmslos national empfand, muß geradezu als vorbildlich bezeichnet werden. Mit großer Genugtuung und Befriedigung kann Werner auf sein bisheriges Werk zurückblicken. Die jüdische Turnsache und der Verein, den er so lange und so erfolgreich führte, wird an ihm auch künftighin einen mächtigen Förderer finden. Von den Teilnehmern der seinerzeitigen Besprechung unter Vorsitz Dr. Herzl können nicht viele mit gleichviel Berechtigung sagen, daß sie ihr Versprechen so redlich und gewissenhaft gehalten haben. J. Eine jüdische Volksorganisation zur Regelung der Auswanderung. Im Februar d. J. trat in New-York eine Konferenz zusammen, die von etwa 100 jüdischen Gesellschaften und Organisationen verschiedener parteipolitischer Richtungen zahlreich beschickt war. Der Zweck, der Beratung, an der 250 Delegierte teilgenommen haben, war die Schaffung einer volkstümlichen Organisation zur Regelung der jüdischen Einwanderung nach den Vereinigten Staaten. Nach zweitägiger eingehender Diskussion wurde die Begründung der „Amerikanisch-jüdischen Gesellschaft zur Regulierung der Immigration“ beschlossen. Nachstehende Resolutionen, die das Wesen der neuen Organisation kennzeichnen, gelangten zur Annahme. 1. Die neubegründete Organisation muß streng parteilos sein. 2. Die Organisation bekämpft alle Körperschaften, die die gesetzliche Einschränkung der Einwanderung erstreben, ohne jedoch die Immigration in anderen Länder zu fördern und zu ermuntern. 3. Ortsgruppen der Gesellschaft zur Regulierung der Immigration sollen überall in Amerika errichtet werden, um die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu dieser Arbeit heranzuziehen. 4. Die neue Gesellschaft setzt sich in Verbindung mit den in den Ländern der Durchwanderung und der Emigration bestehenden Körperschaften, zu welchem Zwecke ein Weltkongreß für die Fragen der jüdischen Emigration einzuberufen ist. 5. Die Gesellschaft wird beauftragt, im Einvernehmen mit der „Hebrew Immigrant Aid Society“ vorzugehen, deren Wirksamkeit von der Konferenz ais höchst nützlich anerkannt wurde. 6. Die Konferenz tritt an die jüdische Presse mit der Bitte heran, der neuen Gesellschaft ihre Unterstützung zu leihen. Das leitende 48gliederige Komitee der Gesellschaft, an deren Spitze Herr Dr. H a 1 p e r n steht, vereinigt Vertreter der genannten „Hebrew Immigrant Aid Society“, der galizischen, rumänischen und ungarischen jüdischen Landsmannschaften und aller politischen Gruppen des Landes, die sich für die Einwanderung interessieren — der Zionistischen Föderation, der Sozialistischen Organisation Poale- Zion, der Sozialistischen Arbeiterpartei (P. u. S.), der „Sejmisten“ (Jüdischsoziale Partei), der Sozialisten, Territorialisten und anderer Körperschaften. Das leitende Komitee, dem unter anderem die Herren Meyersohn, Semel, Dr. Moskowitz, Pain, Dr. Tornberg, AI. Harkawy, Dr. Schitlowsky, Dr. N. Syrkyn, Neumanf A. Markus und G o 1 d i n angehören, beschloß, ein Informationsbureau vorläufig in New- York einzusetzen, dem ein wissenschaftlicher Beirat (Prof. Horowitz, Dr. G i s s i n und Mr. Schlossberg) zur Seite stehen wird. Das Komitee verlegt einen eingehenden Bericht über die abgehaltene Konferenz und erklärte sich bereit, Vereinen und Organisationen auf Wunsch Vortragende über die Emigrationsfrage zur Verfügung zu stellen. In einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung werden die Aufgaben der „Immigrationsgesellschaft“ in sehr eindrucksvollen Worten auseinandergesetzt. Der Aufruf hebt die Bedeutung der Emigration für das jüdische Volksleben hervor. Oekonomische Not und nationalpolitischer Druck nötigten Millionen Juden zum Wanderstabe zu greifen. Millionen sind bereit, ihnen zu folgen. Die jüdische Wanderung ist eine tief eingreifende, dauernde Erscheinung des nationalen Lebens, der die jüdischen Parteien und die Intelligenz wenig Beobachtung schenkten. Der Aufruf weist auf die Leiden der hilflosen Emigranten hin, die in den Ländern, Agenten und Schiffahrtsgesellschaften preisgegeben sind und allerlei Demütigungen zu ertragen haben. Im Einwanderungslande sich selbst überlassen, ohne Auskunft über die Erwerbsmöglichkeiten im Innern des Landes, überfüllen die jüdischen Emigranten eine beschränkte Anzahl von Industrien in den großen Zentren. Das Ergebnis dieser planlosen Immigration ist die schärfste Konkurrenz unter den Juden, ein Rückgang des Wohlstandes der jüdischen Gemeinden, eine Verschlechterung der Lebens- und Wohnungsverhältnisse, die hygienischen Zustände verlangen Abhilfe. Die Gesellschaft erstrebt eine planmäßige A blenkung der jüdischen Einwanderung nach neuen Ortschaften und neuen Erwerbszweigen, womöglich die Zuführung zum Acke rbau. Dies kann nicht den Wohltätigkeitsgesellschaften überlassen bleiben. Ein nationales Problem von derartiger Größe erfordert die Anspannung aller jüdischen Volkskräfte, die Schaffung einer allgemeinen Volksorganisation, die die Interessen der jüdischen Emigration in allen ihren Stadien wahrzunehmen hat. In dieser bedeutsamen Volkssache hat die Judenheit Amerikas die wichtigste Arbeit zu leisten — die Gründung von neuen Siedlungszentren zu fordern, den Einwanderern neue Arbeitszweige zugänglich zu machen, eine genaue wissenschaftliche Information ins Werk zu setzen. Wie wir erfahren, ist man auch in Westeuropa nahe daran, eine analoge Volksorganisation in den Ländern der Durchwanderung zu schaffen. Der Budapester »zionistische Fußballklub in Wien. Die Fußballsektion des Budapester zionistischen Turnvereines wird Sonntag, den 23. Mai nachmittags (die Stunde wird in der nächsten Nummer bekannt gegeben werden) mit den Cricketern (Reserven) auf dem Cricketerplatz II., Vorgartenstraße, spielen. Wir haben seinerzeit gemeldet, daß der zionistische Fußballklub sich: in den Sportkreisen Budapests, wo er bereits gegen hervorragende Mannschaften erfolgreich gespielt hat, großen Ansehens erfreut. Es ist das erste Mal, daß der deutsche Cricketerklub mit einer jungen Mannschaft, die sich als zionistisch bekennt, auf den Plan tritt. Es ergeht an die Wiener Gesinnungsgenossen die dringende Aufforderung, recht zahlreich zu erscheinen. Karten ä 60 Heller sind zu haben: Redaktion „Jüdische Zeitung“, IX., Liechtenstraße 11, Zionistischer Zentralverein, IX., Türkenstraße 9, Jüdischer Turnverein, IX., Liechtensteinstraße 20 und bei sämtlichdn zionistischen Vereinen und Verbindungen. Aufruf. Wir wenden uns an alle Mütter und Väter und im Namen der Menschenliebe auch an jene glückliche Jugend, die, trotzdem sie vom Schicksal liebevoll gebettet ist, für den Jammer des Lebens doch Sinn und Mitgefühl besitzt. Unser Zuruf lautet: Helfet, damit auch jüdische Kinder, die von Skrofulöse, Rhachitis, Anämie