Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438240--1190-2440764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 rein interne Angelegenheiten der Juden zu provozieren, bleibt doch bestehen. Die Zionisten hatten daher gegen zwei Parteien zu kämpfen. Der Kampf war erfolgreich und es ist erfreulich, daß sich die breiten jüdischen Massen weder um die allpolnischen noch um die -konservativen Moschkos kümmerten und gegen den Willen des Bezirkshauptmannes einen Zionisten, den Gesinnungsgenossen Apfel in den Vorstand wählten. * * * Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher — Ehrenbürger von Czernowitz. Czernowitz. ln der Sitzung des Czernowitzer Gemeinderates vom 8. d. M. wurde unser Gesinnungsgenosse Abgeordneter Dr. Straucher in Anerkennung seiner Verdienste um die Bukowina und die Landeshauptstadt Czernowitz zum Ehrenbürger von Czernowitz ernannt. Diese Ernennrng ist eine gerechte Würdigung der Verdienste des Abgeordneten Dr. Straucher. * * * Pogromdrohungen in Kroatien. Esseg. Wie die „Zidovska Smotra“ schreibt, hat Milan Obradovic, der bekannte kroatische Antisemiterihäuptling, eine neue Broschüre unter dem Titel „Warum sind wirAntisemite n“? herausgegeben und in Tausenden von Exemplaren unter das Volk gebracht. Die Broschüre findet reissenden Absatz und der amerikanisch geschulte antisemitische Geschäftsmann streift schmunzelnd die stetig einfließenden Beträge ein ... Es ist staunenswert, daß eine solche Flugschrift nach ganz Kroatien und Slavonien versendet werden kann, ohne daß sich irgendeine Behörde rührt, um den Hetzereien Einhalt zu gebieten. Ein Exemplar der Broschüre wurde der Agramer Staatsanwaltschaft rekommandiert eingesendet und wir sind begierig zu erfahren, welche Schritte die Behörden unternehmen werden, um einem Teile der Bevölkerung Kroatiens und Slavoniens den gesetzlich gewährleisteten Schutz zu bieten. Obradovic schlägt den Sozialisten vor, sie mögen mit ihm Hand in Hand gegen die Hälfte der kroatischen Kapitalisten — nämlich gegen die Juden — zu Felde ziehen, nachdem der Kampf gegen das gesamte Kapital ein viel zu schwieriger sei. Eine Lösung der Judenfrage sei auf folgende Weise zu erreichen: Die heutige jüdische Religion ist eine Religion der Lumpen, Schwindler und Betrüger, es muß daher vor allem diese Gauner-Religion reformiert werden! Sodann soll der Landtag ein Gesetz schaffen, wonach den Juden der Aufenthalt und das Leben auf den Dörfern verboten wird. Den Juden soll nur gestattet sein das Wohnen in Agram und in jenen Orten, wo Komitats- und Bezirksbehörden sind! Auf diese Weise wäre eine „Verständigung“ mit den Juden möglich. — Mit fett gedruckten Lettern schreibt der Berufshetzer dann weiter: „Die Juden aus den Dörfern in die Städte treiben — das wäre eine antonome kroatische Angelegenheit! Wenn wir uns alle einigen, wäre diese Idee im Nu verwirklicht, ln diesem Falle wäre der arme Bauer befreit von dem Uebel, und die gelernten Herren in den Städten sind hoffentlich den Juden gewachsen und werden imstande sein, dem „Hautabziehen und Plündern“ derjuden Widerstand zu leisten, und es wird von ihnen abhängen, ob die Juden auch aus den Städten hinausfliegen werden!“ — Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen glaubt Obradovic seinen Gesinnungsgenossen noch folgenden Rat erteilen zu müssen: Jeder Anhänger irgendwelcher politischen Partei kann unbeschadet seines Parteiprogrammes auch sein Anhänger, nämlich Antisemit sein. Wenn daher seine Gesinnungsgenossen daran gehen werden, einen Landtagsabgeordneten zu wählen, so soll sich der Kanditat vor der Wahl schriftlich verpflichten, sofort nach Einberufung des Landtages die Lösung der Judenfrage in dem Sinne anzuregen, daß allen Juden ohne Ausnahme befohlen werde, aus den Dörfern innerhalb sechsMonaten auszuwandern! Als erster Programmpunkt habe zu gelten: „Vertreiben wir die Juden aus den Dörfern!“ Die Broschüre ist an vielen Stellen mit falschen Zitaten aus dem Talmud und Schulchan Aruch bespickt. Wer Gelegenheit hatte, mit dem Volke in Berührung zu treten, dem dürfte es völlig klar sein, wohin solche Hetzereien führen können, insbesondere zu Wahlzeiteu. * * * Die judenreine „Freie Schule.“ Prag. Das „Montagsblatt für Böhmen“ gehört zur berüchtigten Sorte jener Blätter, welche ihre schwächlichen Schwingen über den krank darniederliegenden Liberalismus ausgebreitet haben. Sein Redakteur H. Kuh, seinem Namen nach zu schließen zweifellos ein Urgermane, hat wohl mit seinen Anbiederungen bei den Deutschen wenig Verständnis gefunden, nichtsdestoweniger gehört er zu den begeistertsten Verfechtern des schwer bedrohten Deutschtums, arbeitet mit wahrer Leidenschaft für sein Volk und ist ein wütender Tschechenhasser, ln einer der letzten Nummerndes eingangs erwähnten Blattes findet sich nachstehende Notiz: „Die ,Freie Schule1 wird von den Klerikalen mit den ärgsten Lügen und Verleumdungen bedroht. Eine dieser Verleumdungen ist, daß die Leitung der ,Freien Schule* ganz verjudet ist. Was an allen diesen Behauptungen wahr ist, kann jeder Denkende ersehen, wenn er die Männer kennen lernt, welche im Zentralauschusse Sitz und Stimme haben.“ Nun wird eine Liste von waschechten Antisemiten angeführt, sowie der H. Dr. Ofner. Es ist zweifelhaft, ob diese Notiz in der Redaktion entstanden ist oder von der „Freien Schule“ ausgegangen ist. Jedenfalls glauben wir gerne, daß die Leitung der „Freien Schule“ aus lauter Ariern besteht, hingegen rekrutiert sich die Mitgliedschaft vielleicht aus 95% Juden. Es ist bemerkenswert, daß sich die Herren so entrüstet gegen die Verjudung wenden und ganz übersehen, daß die „Freie Schule“ ohne die Juden gar nicht existenzfähig wäre. Allenfalls wird diese Notiz ihre Wirkung nicht verfehlen. Nämlich bei denjenigen Juden, welche sich von der „Freien Schule“ einfach deshalb noch fernhalten, weil ihnen dort zu viel Juden sind. Diese Herren werden sich sehr freuen und ihren Mitgliedsbeitrag sofort einsenden. Für diejenigen unserer Stammesgenossen aber, die noch einen Funken Ehrgefühl im Leibe haben, wird diese Notiz eine Lehre sein und sie werden ihr Geld lieber jüdischen Institutionen zuwenden, statt Aktionen zu unterstützen, welche schließlich doch immer gegen ihre eigenen Interessen gerichtet sind. * * * Berufung gegen das Kriegsgerichtsurteil im Falle Bloch. Mühlhausen i. Eis. Gegen das Urteil des Kriegsgerichtes der 29. Division, welches den Rittmeister Grafen Gersdorff, der unter der Anklage stand, den Einjährigen Bloch durch fortgesetzte antisemitische Beschimpfung in den Tod getrieben zu haben, zu zwei Tagen Stubenarrest verurteilt hatte, haben sowohl die Anklagebehörde als auch der äußerst milde bestrafte Angeklagte Berufung eingelegt. Die Verhandlung wird in drei oder vier Wochen statfinden. Uebrigens hat auch der Gefreite Soister, dessen Aussage im ersten Prozeß den Angeklagten belasteten, gegen seine wegen angeblicher Unglaubwürdigkeit erfolgte Nichtvereidigung Protest eingelegt und neue Zeugen zum Beweise der Wahrheit seiner Behauptungen angeboten. * * * Ein jüdischer Turntag. Berlin. Zu Pfingsten d. J. findet in Berlin die IV. Tagung des jüdischen Turntages statt. Nach den bisher eingelaufenen Anmeldungen werden zahlreiche auswärtige Vereine ihre Turner und Delegierten entsenden. Die Turnerschaft, welche im Laufe der letzten Jahre einen recht erfreulichen Aufschwung genommen hat, zählt zurzeit über dreitausend Verbandsmitglieder, welche etwa 25 Vereinen angehöreu. Die Oeffentlichkeit dürfte ganz besonders das Schauturnen interessieren, welches in einem großen Maßstabe geplant ist und an welchem auch eine große Anzahl auswärtiger Vereine teilnehmen werden. Ferner werden an einem anderen Tage volkstümliche Uebungen auf dem eigenen Turnplatz des Berliner Bundesvereines im Grunewald abgehaiten werden. Neben den rein turnerischen und administrativen Funktionen wird sich der Turntag selbst mit einigen Fragen zu befassen haben, die ein allgemeines Interesse verdienen. Ein allgemeines Palästina Referat wird nicht bloß Informationen über die seit Jahresfrist im Aufblühen begriffenen jüdischen Tumbestrebungen in Palästina bieten, sondern auch wertvolle Fingerzeige geben, wie in Palästina und überhaupt im Orient der jüdischen Erziehung in Schule und Verein durch größere Hevorkehrung des physischen Elementes gedient werden kann. Der Umschwung im Orient hat auch in dieser Beziehung schon Früchte gezeitigt. * * Eine jüdische landwirtschaftliche Ausstellung in New-York. New-York. Der Ausschuß des „Verbandes jüdischer Farmer Amerikas“ hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, während der ersten Oktoberwoche des Jahres in New-York eine Ausstellung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen seiner Mitglieder zu veranstalten. Die Bedeutung einer solchen Ausstellung in dem jüdischen Zentrum New-York für das äußerst wichtige Problem der Verteilung der einwandernden Massen auf das flache Land liegt auf der Hand, und es ist zu hoffen, daß die landwirtschaftlichen Erfolge ihrer Stammesgenossen auch unter den Ghettobewohnern eine gesunde Strömung zugunsten agrikultureller Betätigung auslösen werden. * * * Vereinigung der jüdisch-sozialistischen Parteien. New-York. Am 11. April d. J. fand in New- York eine Verständigungskonferonz der zionistischterritorialistischen, der poalezionistischen und der Ssejmorzen-Partei (Kulturell-autonom istische Partei) statt. Die Verständigung ist zwar noch nicht formell vollzogen, aber, sowohl die Territorialisten als auch die Ssejmowzen erkannten die Priorität Palästinas vor anderen Kolonisationgebieten an. Eine diesbezügliche Resolution wurde von den Mitgliedern der Konferenz, darunter auch von Dr.Schit- 1 o w s k i und Dr. S y r k i n, angenommen. Die Konferenz beweist, daß die Zeit des Anschlusses der Territorialisten an die Zionisten nicht mehr fern ist. * * * Vielsagendes Schweigen. Kursk. Vor einem halben Jahre besetzten die hiesigen Mitglieder des russischen Volksverbandes („Echte Russen“), die hier unumschränkte Gewalt ausüben, gemeinsam mit der Polizei die Börse und begannen bei den dort weilenden Juden die Aufenthaltserlaubnispapiere zu revidieren. Der Börsenvorsteher verlangte die Abfassung eines Protokolls über dieses Verfahren, was die Polizei jedoch verweigerte. Das Börsenkomitee protestierte darauf in einem an das Handelsministerium gerichteten Telegramm gegen die ungesetzliche Handlung der Administration. Der Protest ist jedoch bis jetzt unbeachtet geblieben und soll jetzt erneuert werden. Der Regierungsapparat funktioniert eben in Rußland nur dann prompt, wenn es sich um Maßnahmen gegen die Juden handelt. * * * Das Elend der Juden in Odessa. Odessa. Wie groß das soziale Elend der jüdischen Massen in Rußland ist, beweist die Tatsache, daß selbst in unserer im allgemeinen wohlhabenderen Stadt der größte Teil der jüdischen Bevölkerung öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch nehmen muß. Als die hiesige „Zedakah gedolah“ vor dem Passahfest ein Verzeichnis der einer Unterstützung zu den Feiertagen bedürftigen Juden aufstellte, waren in den ersten zwei Tagen mehr als 60.000 Personen notiert! * * Schadenersatz für die rumänischen Juden. Jassy. Alle seinerzeit durch die Bauernunruhen geschädigten Juden haben von der Regierung vollen Schadenersatz erhalten. Im ganzen sind zu diesem Zwecke (für Juden und Christen zusammen) 15 Millionen Francs verausgabt worden. — Ein wenig loyaler als Rußland ist Rumänien also doch noch! Rußland rangiert nun definitiv in letzter Linie. * « * Wachsendes Interesse für Palästina. Warschau. Ein fortschreitendes Wachsen des Interesses für Palästina ist im jüdischem Publikum allerorten ju bemerken. In vielen großen und kleineren Städten haben sich Gesellschaften zur Aus-