Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 20 jüdischen Massen haben sich nie um die nationalen Feste der Polen gekümmert, die Polen feiern ihr Fest in ungemischter Gesellschaft. Die Juden würdigen wohl die Bedeutung dieses Festes, ehren die Empfindungen des polnischen Volkes, aber sie enthalten sich jeder Kundgebung. Das ist ein Zustand, wie er unserer und jeder objektiven Meinung nach nicht vernünftiger gedacht werden kann. Er zeugt nämlich von jüdischem Selbstgefühl, und ist mit Rücksicht auf die Ruthenen nur zu begrüßen. Dieser Meinung aber sind die Polen nicht. Sie sind empört, beleidigt und entrüsten sich über die „jüdische Frechheit“. Am ärgsten natürlich treiben es die Allpolen. In ihren Organen drohen sie den Juden mit politischem und wirtschaftlichem Boykott, sie erklären, daß sie die angetane Schmach nie vergessen werden, sie schimpfen über die jüdische Intelligenz und all’ das — weil die Juden nicht mehr die verspotteten und mißbrauchten Wurzen des polnischen Nationalismus sein wollen. * * * Ein Literaturmakler. Die Affäre zwischen dem russischen Dichter Tschirikow und Schalom Asch lebt noch in jedermanns Gedächtnis. Bekanntlich hat Tschirikow in Petersburg auf einem literarischen Abend erklärt, die jüdisch-russischen Schriftsteller schädigen die russische Literatur und es sei Pflicht der echten russischen Literaten diesen jüdischen Schädlingen den Garaus zu machen. In Galizien hat sich in den letzten Tagen ein ähnlicher Fall zugetragen. Der Unterschied besteht bloß darin, daß die Affäre in Galizien eine berechtigte Grundlage besitzt Wir haben schon Gelegenheit gehabt, von dem „polnischen“ Kritiker Wilhelm Feldmann zu erzählen. Feldmann ist Assimilant reinsten Wassers und treibt seit Jahren ein schwungvolles Kommisionsgeschäft mit Produkten der polnischen Kunst. Er ist überzeugter Pole, Rufer im polnischen Kunststreit und steht dem Judentum vollkommen fern. Er hat sich sein Lebtag Mühe gegeben, den Polen zu gefallen, hat sich ihnen widerwärtig angebiedert und ist den ganzen schimpflichen Leidensweg eines Assimilanten gekrochen. Den polnischen Dichtern und Schriftstellern war der Mann aber nicht „echt“ genug. Sei es, daß ihnen seine Nase oder seine Kritiken nicht gefielen, sie verfolgen ihn seit einigenjahren fanatisch. Besonders einer, der berühmte Verfasser von „Eros und Psyche“, Jerzy Zulawski, hat es auf den .-polnischen Literaten mosaischer Kon- AHerlei. Die Juden in Südafrika. Die jüdische Bevölkerung in Südostafrika, hauptsächlich in Transvaal wird laut der letzten statistischen Kundmachung auf ungefähr 50.000 Seelen geschätzt. Es dürften sich Juden befinden in Transvaal 25.000, in Kapland 20.000, in Natal 1700, im Oranje-Freistaat 1500, in Rhodesien 600. Außerdem leben ungefähr 300 Juden in den jjortugiesischen Kolonien, hauptsächlich in der Stadt Laurenco-Marques. Die meisten Juden leben in Johannesburg, wo auf eine Gesamtbevölkerung von 85.000 Weißen 15.000 Juden kommen, ln der Stadt Kapstadt wird die ganze Bevölkerung auf 80.000 Mann abgeschätzt, darunter dürften 8000 Juden sein. In Prätoria leben 1200 Juden und die ganze Bevölkerung ist ungefähr 22.000 Mann stark. Die Hauptstadt von Oranje, Bloemfontein, hat ungefähr 1000 Juden bei 8000 Einwohnern. Die größte Stadt von Natal, Durban, hat 1250Juden bei einer Bevölkerung von 60.000Seelen. Einen Begriff des jüdischen religiösen und gesellschaftlichen Lebens..: in, Südafrika .kannfolgende Bekanntmachung über jüdische Gemeinden und religiöse Anstalten im letzten Heft des „Emigranten“ geben: ' ' „ln Johannesburg .befinden sich sechs Schulen und Bethäuser, eine große Anzahl von Betstuben, eine Genossenschaft, welche arme Emigranten unterstützt, ein Frauenkomitee, welches ein „Asyl für Verwaiste“ unterhält, eine Schule für Emigrantenkinder und einige andere Anstalten. Ueberdies fession abgesehen und in einem längeren Aufsatz über Feldmann nennt er den Kritiker-Moschko einen „Eindringling“, „Schädling“ usw. Er erklärt, daß der „fremde“ Feldmann die polnische Kunst entweihe und gibt ihm schließlich den Rat, Händler zu werden, und die polnische Literatur bleiben zu lassen. Das Schicksal des Herrn Feldmann ist tragisch und komisch zugleich. Es ist aber nur das naturnotwendige Produkt der Assimilationslüge. Darum können wir es nicht einmal unverdient nennen. Für uns ist die ganze Affäre nur die Bestätigung unserer alten Ueberzeugung, daß wir nur einen Ausweg haben, nämlich: unsere eigene Art zu erkennen und in ihr zu leben. Tante Sophie. Kennen Sie die Tant’ Sophie? Nein? Noch nicht? Na hören Siel! Die berühmte Gouvernante, Die Kultur- und Bildungstante, Die bereits im zweiten Glied Die Familie erzieht, Anstand lehrt, Klavier spielt, dichtet Und französisch unterrichtet, Eine Stütze der Moral ist, Deutschgesinnt und sozial ist Und nur eine Liebe kennt, Die sich Hotrat Hock benennt! Dieses Lieblingskind der Musen Birgt im — sagen wir halt: Busen Eine diabolische Abscheu gegen „P o1is c h e“ Die ein Auswurf der Natur sind, Abhold jeglicher Kultur sind, Alle jüdischen Manieren Unverwässert konservieren, Welche überhaupt zum Schluß Der „Kulturmensch“ meiden muß! Jüngst traf nun die Tant’ Sophie Einen bessern Herrn aus Stryj, Der sehr schwache Augen hatte, Alt war und kein Ehegatte, Sondern — g*rad im Gegenteil — Sehnsucht fühlt nach Reb und Moil . . . Tant’ Sophie empfand für ihn Ehebaldigst Sympathie’n, („Ein Kulturmensch, ein gescheidter, Ist doch kein Prinzipienreiter!“) Denn er war nach ihrer Meinung Eine würdige Erscheinung Und zwar insbesondere da Er Herrn Ofner ähnlich sah — („Um die Nas’ und von der Seit’ Ist frappant die Aehnlichkeit!“) hat die Stadt eine Religionsschule und eine Bibliothek. ln Kapstadt sind drei Schulen, ein Verein zur Unterstützung von Kranken, ein Asyl für Verwaiste, eine Gemeindeschule, einige Klubs. Solche religiöse und gesellschaftliche Vereinigungen existieren auch in folgenden Städten: Prätoria,. Kimberley Port Elisabeth, Blumfontein, Kronstadt, Marizberg und Durban. In Durban, der Hauptstadt von Natal, ist der englische Gouverneur, Sir Matthias Nathan, ein J u d e. Im altgemeinen beschäftigen sich die Juden dort mit denselben Erwerbszweigen, mit welchem sie sich in Europa beschäftigt haben. Die Mehrzahl von ihnen besteht aus Hausierern und kleinen Krämern. In den jüdischen Krämereien werden die unterschiedlichen Warenarten verkauft, die auf den einfachen Geschmack der Kaffern und Buren berechnet sind. Die reicheren europäischen Käufer haben nur mit den großen englischen Geschäftsläden zu tun. Aber auch die von der Kultur schon beleckten Kaffern genieren sich nicht, auch in solche englische Magazine zu gehen, wenn Sie ein besseres Stück ware zu finden-hoffen, als bei den. jüdischen Kleinkrämern. Besser als den Krämern geht es jenen, welche eine Handelskonzession bekommen bei den Minen, fern von der Stadt und der Eisenbahn,: weileben dort die Buren und Kaffern kein anderes Geschäft haben,, wo sie kaufen könnten. So eine Konzession .ist sehr schwer zu bekommen. Die Krämer, welche das Glück haben, eine solche Konzession zu. bekommen, nehmen auch gleich die Erlaubnis, - eine Hört und staunt! Nach einigen Wochen Lernte sie schon koscher kochen Und studierte mit Behagen Alle rituellen Fragen, In dem Tempel, jeden Schabbes, Sah man ihre großen Labbes Und ihr seelischer Patron Wurde Rabbi Mayersohn . . . Also ward aus Tant’ Sophie Eine jüdische Partie. Zu der Hochzeit kamen alle Und beglückwünschten die Kalle, Nur der freche Neffe Jacques Fand d’ran keinerlei Geschmack; Dieser Gottverlassene Sagte bei der Chassene Während g*rad Ehrwürden rief Wie die Braut so glaubenstief! (Er bekam als Honorar Nämlich 100 Kronen bar.) „Seh’ Dir an die Frömmigkeit . . .! Wetten möcht’ ich, sie wär’ heut’ Noch bei ihrer „freien Schule“, Wäre nicht der alte S c h m u 1 e Recte Sami Rosenbach Auf die Augen nebbich schwach!“ Und als dichterischen Clou Fügt’ er salbungsvoll hinzu: „Aus dem Osten kam die Lerche Und entführte ihn der Kerche, Darum, Mensch, verzage nie! Weiß man, was noch kommt von Stryj . . .?“ Beda. Aus dem jüdischen Leben. Zionistischer Kultuswahlsieg. Zolkiew. Die Zolkiewer Kultusgemeinde bildete seit Jahren den Gegenstand interessanter Nachrichten in der galizischen Presse. Der Kultusvorstand von Zolkiew wurde noch vor ungefähr fünfzehn Jahren gewählt und war nicht dazu zu bringen, Neuwahlen auszuschreibenI Schließlich gelang es doch, den unrechtmäßig bestehenden Vorstand zum Verlassen der Kultusstube zu bewegen. Bis zur Neuwahl leitete — wie in den meisten galizischen Kultusgemeinden — ein Regierungskommissär die Amtsgeschäfte, zu welchen als wichtigste die „Durchführung“ von Kultuswahlen gehörten. Im Wahlkampf standen drei Parteien einander gegenüber: die allpolnische, die konservative und die zionistische. Man muß sich freilich darüber wundern, daß Allpolen und Polnisch-konservative bei einer Wahl in eine jüdische Kultusgemeinde Partei ergreifen, aber die traurige Tatsache, daß die Assimilanten sich nicht entblöden, zur Befriedigung ihrer schmutzigen Interessen die Einmengung der Schlachta in Restauration für Kaffern zu eröffnen. Weiter beschäftigen sich viele mit dem Verkauf von Getränken und mit eigenen Schänken oder sie verdingen sich auch bei anderen als Schänker. In Südafrika befinden sich sehr viele jüdische Handwerker: Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser, Seßler, Seiler usw. Die meisten Handwerker leben in Vorstädten. Am besten stehen sich Schuster und Schneider. Es sind aber ihrer so viele, daß für Neuangekommene kein Platz mehr ist. Viele haben in der letzten Zeit sich deshalb mit Landarbeiten und Viehzucht zu beschäftigen angefangen. Letztere trägt gute Einnahmen, nur kann man ohne Kapital nicht damit anfangen. Merkwürdigerweise bewähren sich die anscheinend schwächlichen Juden bei Landarbeiten verhältnismäßig gut. Mit akademischen Berüfen beschäftigen sich in Südafrika nur sehr wenig Juden. Im ganzen Lande befinden sich nicht mehr als zwölf jüdische Aerzte. Von ihnen ist die Mehrzahl angekommen, ehe das neue Gesetz herausgegeben wurde, daß in Afrika nur Doktoren mit englischen Diplomen praktizieren dürfen. In letzter.Zeit vermehren sich auch jüdische Juristen und Pharmazeuten. Die „Juristen“ sind aber eigentlich Leute ohne juristische. Bildung und; sie haben nicht das Recht, vor höheren Gerichtshqjen ' zu plaidiereri. sondern sind eine Arf Rechtsageriten. Aus dem ganzen läßt sich ersehen, daß jetzt Südafrika eines der unpassendsten Länder für Emigranten ist. . Tausende Emigranten wollen aus Südafrika zurück, ’ nur bietet sich ihnen'keine Möglichkeit dazu:" Es ist daher wichtig, daß neue Emigranten’ gewarnt werden“: ,.