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Jüdische Zeitung · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Vorgesehen sind drei Kurien: eine katholische, eine griechisch-orientalische und eine moslemitische, eine jüdische nicht! Den Juden, dem intellektuel und kulturel höchststehenden Teil der Bevölkerung wird das Wahlrecht nicht erteilt. Es klingt geradezu wie ein Hohn, wenn die Juden eine Virilstimme, und noch dazu diejenige des jeweiligen Oberrabbiners (!) von Sarajewo zuerkannt wird. Will die klerikale österreichische Regierung vielleicht auch unter den Juden eine Art Kuttenherrschaft en miniature, eine geistliche Vormundschaft etablieren? Die Vertreter der österreichischen Judenschaft trifft der Vorwurf, daß sie bisher nicht die geeigneten Maßregeln getroffen haben, diesen Gewaltakt zu vereiteln. Als im Vorjahre Vertreter der bosnischen Judenschaft hilfesuchend nach Wien kamen, wurde ihre Angelegenheit auf den grünen Tisch geschoben. Statt diese nationale Angelegenheit des gesamten jüdischen Volkes in Oesterreich volkstümlich zu führen, durch weitgehendste Publizierung und umfassende Versammlungstätigkeit die Judenschaft selbst ihren gewichtigen Protest erheben zu lassen, hat man die Führer einer zum Teile sehr buntgemischten Gesellschaft von Kultusvorstehern und assimilatorischen Abgeordneten, Polenklubjuden und teutschen Erzassimilaten, überlassen. Diesen Herren war die Angelegenheit natürlich nicht ans Herz gewachsen. Das Tamtam, das Antichambrieren bei Ministern war ihnen Hauptsache. Sie haben sich mit gewundenen Regierungserklärungen leeren Versprechungen zu frieden gegeben und sonst nichts unternommen. Den Jüdischnationalen erwächst die Pflicht, das Versäumte nachzuholen, so weit noch möglich den Kampf um das Recht u nserer bosnischen Brüder öffentlich zu führen, in Versammlungen und im Parlamente lauten nationalen Protest zu erheben. Der Vorstand des „jüdischen Nafionalvereines für Oesterreich“ hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, dem „ J ü d i s c h e n K1 u b “ im Reichsrate folgendes Memorandum zu übermitteln: An den' Jüdischen Klub, Wien. Der „Zeit“ entnehmen wir die Nachricht, daß die Reichsregierung den Entwurf des bosnischen Landtagswahlgesetzes fertig gestellt hat. Darnach werden die Anhänger des griechisch-orthodoxen Bekenntnisses (Serben), die des römisch-katholischen (Kroaten) und die des mohammedanischen (Türken) in gesonderte Kataster eingetragen, ihre Abgeordneten wählen und nebstbei eine Anzahl vonVirilstimmen erhalten, wo hindiese eine weit höhere Tuberkulosenmortalität aufzuweisen als in Wien, trotzdem ist dieselbe noch immer nicht so hoch, wie unter den Christen Lembergs. So betrug in Lemberg,einerStadt mitl59.619 Einwohnern, von denen nach der Volkszählung vonm Jahre 1900 44.258 Juden waren, die jährliche Anzahl der Todesfälle an Tuberkulose während der;sechs Jahre 1897 bis 1902 743*3 Christen und 135‘6 Juden; in Krakau gab es zu dieser Zeit unter einer Gesamtbevölkerung von 91.653 Bewohnern 25.670 Juden, und die durchschnittliche Zahl von Todesfällen an Tuberkulose betrug im Zeitraum von 1896—1900 jährlich 436 unter Christen und 52.6 unter Juden (nach den Angaben von J. Thon in „Die Juden in Oesterreich“, Berlin 1907). Die Tuberkulosemortalität auf 10.000 Einwohner betrug daher in Lemberg Krakau Juden. 30*64 20’49 Christen. 63*51 66*41 Mit anderen Worten beträgt die Tuberkulosemortalität im Verhältnis bei den Juden bloß die Hälfte der bei den Christen in Lemberg und bloß ein Drittel derer in Krakau. ln Budapest, Ungarn, zeigt die Zählung von 1906, daß unter der Gesamtbevölkerung von 791.748 es 186.047 Juden oder 25*5°/« gab. Im Jahr e gegen die Juden auf die Vertretung durch den jeweiligen Oberrabbiner von Sarajevo beschränkt bleiben sollen. Diese Nachricht bedeutet, daß die Regierung entgegen ihren wiederholten Zusagen den Juden, und diesen allein, das Wahlrecht vorenthält, wohl zum Danke für ihre stets bewährte Loyalität und ihre die Wohlfahrt des Landes fördernde wirtschaftliche Tätigkeit sie zu Minderwertigen stempelt. Auch kann ein von der Gunst weniger Notabeln und der Regierung selbst abhängiger Virilist, der überdies als Rabbiner die nationale Struktur der Judenschaft nicht verkörpert, den Juden nicht jene unerschrockene Vertretung sichern, wie ein vom Volke gewählter und ihm allein verantwortlicher Abgeordneter. Auch besteht die dringende Gefahr, daß die Virilstimme bei nächster Gelegenheit, als mit der modernen Entwicklung im Widerspruch, kassiert, und den Juden so die letzten Reste von Vertretung und Einfluß mühelos genommen werden. Die durch den Regierungsentwurf eingeleitete Entrechtung unserer bosnischen Brüder bedeutet eine Vergewaltigung der nach Erfüllung ringenden nationalen Wünsche der gesamten Judenschaft der vor ihrer Neugestaltung stehenden Monarchie. Nicht nur die Liebe und Treue zu unseren jüdischen Brüdern in Neuösterreich, der bloße Selbsterhaltungstrieb zwingt uns, gegen die Pläne der Regierung anzukämpfen. Wir wenden uns in diesem wichtigen Momente an die Mitglieder des Jüdischen Klubs, diese einzigen, durch die freie Stimme des Volks legitimierten Vertreter der österreichischen Juden, mit der Bitte, ohne Verzug Klarheit bezüglich der Pläne der Regierung zu schaffen, diese durch Interpellation im Parlamente zu offener Erklärung zu nötigen und allenfalls die Erfüllung der seitens der Regierung wiederholt gegebenen Versprechungen mit allem Nachdrucke zu fordern. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruß Der Vorstand des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich. Brief aus Galizien. Allpolnische Objektivität. Die in der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ wiedergegebene tatsächliche Berichtigung des Abgeordneten Gabel in der Parlamentsdebatte betreffend die Zweiteilung des polnischen Landsmannministeriums, welche sich gegen das Bestreben der Regierung, die Existenz der jüdischen Nation totzuschweigen, richtet, hat in den jüdischen Kreisen Galiziens freudige Aufnahme gefunden und wahre Wutausbrüche der polnischen Presse entfesselt. Die Juden freuen sich über die 1905 nun gab es dort 3195 Todesfälle an Lungentuberkulose, von welchen 408, das ist 12*8% Juden betrafen. Auf 10.000 Bewohner umgerechnet ergibt das 21*93 Juden und 46*01 Ckristen, also wieder die Hälfte unter den Juden mit den Christen verglichen. In Rumänien, wo die Mortalität an Tuberkulose unter der Gesamtbevölkerung sehr hoch ist, obwohl die Mehrzahl derselben in landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigt ist, sind die Juden auch weniger oft die Opfer dieser Krankheit. Proca zeigt, daß in Bukarest die Mortalität 38*7 auf 10.000 Rumänen, 25*6 auf die gleiche Zahl Juden beträgt. Da mir über die Lebensstastik im Orient keine ausreichenden Daten zur Verfügung stehen, bin ich nicht in der Lage, definitiv etwas über die Morbidität und Mortalität an Tuberkulose in diesen Gegenden, in denen eine große Zahl von Juden lebt, auszusagen. Die Doktoren Tostivint und Remlinger haben jedoch über diesen Gegenstand in einer 1900 erschienenen Publikation (über die Häufigkeit der Tuberkulose bei den Israeliten in Tunis) sich ausgesprochen. Sie zeigen, daß in Tunis während der Zeitperiode 1894—1900 die Tuberkulosemortalität unter den muselmännischen Arabern 11*3, unter den Europäern 5*13 und unter den Juden bloß 0*757«® betrug. Wer die unhygienischen würdige und entschiedene Erklärung, daß das jüdische Volk selbständig fühlt und nicht mit anderen Völkern unter einen Hut getan werden will, und die Polen wüten, weil jeder Anlaß für sie gut genug ist, um den Juden zu drohen, sie zu verunglimpfen und dem brutalen Chauvinismus freien Lauf zu lassen. Man ist förmlich gezwungen, von einem „absoluten polnischen Antisemitismus“ zu sprechen, der immer und überall, wo Polen und Juden zusammen leben, wirksam ist Denn sonst könnte man sich einfach nicht erklären, warum die Konstatierung des Dr. Gabel, daß wir Juden eine Nation sind, das polnische Blut in Wallung gebracht hat. Wie kann man denn die Tatsache, daß eine jüdische Nation existiert, aus der Welt schaffen? Welche Beleidigung für das polnische Volk birgt denn diese Tatsache? Ist es nicht grenzenlose Verblendung, wenn die Polen vermeinen, den lebenden Organismus des jüdischen Volkes durch Drohungen und Bedrückungen töten zu können? Ist es nicht Aeußerung haßerfüllter Intoleranz, wenn die polnische Presse die natürliche und selbstverständliche Erklärung des Dr. Gabel als polenfresserisch, hochverräterisch und provokatorisch bezeichnet hat? Das Benehmen der polnischen Presse und Gesellschaft darf uns indes nicht irre machen. Wir müssen endgültig darauf verzichten, den Beifall der polnischen Machthaber zu finden. Alles, was wir auch tun werden, wird auf der uns übelwollenden polnischen Seite verdreht, missverstanden und als polenfeindlich verschrien werden. ♦ * * Die Feier des 3. Mai. Alljährlich begeht das polnische Volk zur Erinnerung an die im Jahre 1791 verliehene Konstitution die Feier des 3. Mai. Im Laufe des Jahrhunderts ist der 3. Mai zum größten nationalen Feiertag geworden. An diesem Tage wird die nationale Heerschau abgehalten. Alle Häuser sind beflagt, die Fenster mit nationalen Emblemen geschmückt, die Sokolvereinsmitglieder rücken in nationaler Tracht aus, die Schulkinder bilden Staffage. Kurz, es ist eine ernste und würdige Kundgebung des nationalpolnischen Lebens. Vor Jahren nahmen natürlich alle Israeliten an dieser Feier teil, schritten immer an der Spitze des Aufzuges, blechten am meisten und geberdeten sich am polnischesten. Dank der zionistischen Bewegung ist eine große Aenderung vor sich gegangen. Die jüdische Jugend hält bei polnischnationalen Aufzügen nicht mit, die „Israeliten“ fürchten die zionistische Kritik, die Verhältnisse und die Armut in den jüdischen Quartieren von Tunis gesehen hat, wird über diese günstige Tatsache sehr überrascht sein. In westlichen Ländern sind viele ähnliche Berichte zu erheben. D'e neueste;n London angestellte Untersuchung hat ergeben, daß die Tuberkulosemortalität unter den dortigen Juden etwas über die Hälfte der bei der Gesamtbevölkerung beobachteten beträgt. Während der Jahre 1897—1901 betrug die Zahl der Todesfälle an Tuberkulose 5*2 7», während 1901—1906 5*6 7® der Gesamtzahl der Todesfälle bei Juden, während die entsprechende Zahl bei der Gesamtbevölkerung von London 9*2®/, ausmacht. Auf 10.000 Personen ist die entsprechende Zahl unter den Juden 13*3, unter der Gesamtbevölkerung 17*9. Es muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß die Masse der jüdischen Bevölkerung in London in dem wohlbekannten Whitechapeldistrikt wohnt und daß die Mehrzahl derselben in Hausarbeit, besonders in der Schneiderei und Schuhmacherei beschäftigt ist. Aehnliche Zahlen werden aus Australien, speziell aus Neusüdwales berichtet, wo ebenfalls die Tuberkulosemorbiditat und -Mortalität bei den Juden bedeutend geringer ist als bei den Christen.

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