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Jüdische Zeitung · 1909-05-07 · 19 (7.5.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Nach einer Erklärung des Dr. Groß (Krakau), daß er in der Krakauer Kultusgemeinde für Entsendung von Delegierten gestimmt habe, wurde der Artikel des Dr. Zweig in der „Jüdischen Zeitung“ vom 30. April d. J. verlesen und zur Grundlage’ einer eingehenden Diskussion gemacht. Im Verlaufe der Debatte einigte sich die Kommission, auf Grund des Antrages des Dr. Gabel dem Gemeindetage die Schaffung von vier galizisehen Landesverbänden vorzuschlagen. , Die Wahl von Rabbinervertretern wurde den Vorständen überlassen, da nicht alle Rabbiner organisiert sind. Schließlich wurden die Herren Dr. Stern, Dr. Krauss, Dr. Schanzer und Dr. B ra u de in den Legitimationsausschuß gewählt. Sitzung vom 4. Mai. Der Besuch war ein ziemlich schwacher, da der famose rechtswidrige Beschluß des Ausschusses, daß nur Vorstandsmitglieder von Kultusgemeindedelegierte sein dürfen, einer ganzen Reihe von Kultusgemeinden die Entsendung von Vertretern unmöglich gemacht hatte. Anderseits hatten zahlreiche galizische Gemeinden ein Zusammengehen mit den westlichen Gemeinden abgelehnt. Von den jüdischen Abgeordneten waren nur die Mitglieder, des Jüdischen Klubs Dr. Gabel, Dr. Mahl er, Stand und Straucher erschienen. In seiner Eröffnungsrede begründete der Präsident Dr. Stern den vorgelegten Entwurf. Abg. Gabel .protestierte namens der Zionisten gegen den willkürlichen Beschluß des Ausschusses bezüglich der Vertretung der Kultusgemeinden. Es sei eine ganz willkürliche Ueberschreitüng des Mandates, wenn der Ausschuß den Kultusgemeinden Vorschriften über die Art der Entsendung von Delegierten mache. Er verlangt, daß den Delegierten des vorjährigen Gemeindetages das Recht der Teilnahme an den heutigen Beratungen zugestanden werde. Der Präsident will eine Abstimmung über diesen Antrag nicht zulassen, was lebhaften Protest seitens zahlreicher Teilnehmer hervorruft. Der Referent Herr Dr. Sonnenschein (Troppau) verlangt auch, daß sofort in die Spezialdebatte eingegangen werde. Herr Hofbauer (Wien), der merkwürdigerweise, ohne Kultusvorsteher einer Gemeinde zu sein, an den Beratungen teilnimmt, verwirft den Entwurf vom orthodoxen Standpunkte. Herr Steiner (Kolin) verlangt für die tschechischen Juden eine besondere Vertretung. Reichsratsabgeordneter Adolf Stand präzisiert die Stellung der zionistischen Partei. Er schließt sich dem Proteste des Dr. G a b e 1 an. Er erwähnt auch den ungeheuerlichen Vorgang, daß der Ausschuß an die Kultusgemeinden gedruckte Vollmachten gesendet habe, mit der Aufforderung, dieselben unausgefüllt zu unterfertigen, da der Ausschuß schon Delegierte bestimmen werde! Er erklärt, daß die Zionisten sich, dieser Organisaiion, auch wenn darin nicht alle ihre Wünsche befriedigt werden, anschließen. DasTätigkeitsgebiet der Organisation dürfe nicht auf konfessionelle Fragen beschränkt bleiben, •die Organisation müsse die Verbreitung der hebräischen Sprache fördern, den Unterricht in jüdischer Geschichte pflegen, in ökonomischer Beziehung mit allen Mitteln eine wirtschaftliche Besserung der Lage der Juden herbeiführen durch Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten. Redner verlangt mit allem Nachdruck, daß die Wahlen in den Ausschuß der Bundesorganisation auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes erfolgen oder daß der Bund dahin wirke, daß die Wahlen in den K u 11 u s v o r s t a n d der Gemeinden auf Grund dieses Wahlrechtes durchgeführt werden. Er bemängelt die Benachteiligung Galiziens und der Bukowina, welche mit mehr als 1 Million Juden nur 15 Delegierte im Reichsveraande, während der Westen mit '/^Million Juden 35 Delegierte zugewiesen erhalten soll. Er verlangt schließlich für die Sitzungen des Verbandes die Oeffentlichk e i t. Abgeordneter Dr. Straucher erklärt als Vertreter der Gemeinden Czernowitz und Suczawa und als Nationaljude für die Schaffung einer Reichsorganisation stimmen werde, wenn ihm auch der vorgelegte Entwurf keineswegs befriedige. Die Schaffung einer solchen Organisation entspringe einem Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs. Nachmittagssitzung. In der Nachmittagssitzung wurde die Generaldebatte zu Ende geführt und in die Spezialdebatte eingegangen. An der Generaldebatte nahmen die Herren Dr. F i a 1 a (Brünn), kaiserl. Rat P o 11 a k (Bielitz) und der Referent Dr. Sonnenschein (Troppau) teil. Alle drei traten den von den Orthodoxen gemachten Einwendungen entgegen. Dr Fiala führte alle Gründe ins Treffen, welche für die Schaffung der Organisation sprechen. Das Kultusgesetz von 1890 sehe bereits die Schaffung vor. Weder Protest noch Opposition sollten den Gemeindetag hindern, das einmal in Angriff genommene große Werk durchzuführen. Die Frage, ob sich der Gesetzentwurf, trotz der eingebrachten Proteste, auf Galizien erstrecken solle bildete den Hauptpunkt in den Reden des Referenten. Er gab der Meinung Ausdruck, daß man von der Einbeziehung Galiziens Abstand nehmen solle. In der Zukunft werde sich die Weigerung Galiziens bitter rächen. Am Schlüsse der Generaldebatte sprachen noch die Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel und Stand. Dr. Gabel erklärte in einer tatsächlichen Berichtigung, daß das jüdische Volk in Galizien für die Organisation sei. Die Proteste rühren von den galizischen Kultusvorständen, die auf die frechste Art gewählt wurden, her. Ihre Proteste können aber nicht maßgebend sein. Abg. Stand weist rekommandierte Briefe vor, in welchen die Kultusgemeinden Podkamien, 011y n ia und Monasterzyska, welche auch auf der Liste der protestierenden Gemeinden figurieren, sich für die Organiration erklären. Das lasse nur die eine Deutung zu, daß viele der eingebrachten Proteste ohne Wissen und gegen den Willen der betreffenden Gemeinden verfaßt wurden. Nach der Erklärung des Abgeordneten Stand ging man in die Spezialdebatte ein. Delegierter Dr. Sonnenschein stellte nun den konkreten Antrag Galizien von der Organisation auszuschließen. Dieser Antrag entfesselte auf seiten der zionistischen Delegierten eine heftige Opposition. Es sprachen die Herren Doktor Gabel, Körner, Kraus, Dr. Ascher, Dr. Braude, Stand, Dr. Zweig und schließlich Dr. Straucher für die und die Herren Dr. Stern und Dr. Lewy (Rabbiner aus Brünn) gegen die Einbeziehung Galiziens. Den glanzvollen Ausführungen des Dr. B r a u d e, Stand und Dr. Straucher, welcher sich mit den Galizianem solidarisch erklärte uud im Falle der Ausschließung Galiziens mit der Sezession der Bukowinaer Gemeinde drohte, gelang es, die Mitglieder des Gemeindetages für die Ablehnung des Antrages des Referenten Dr. Sonnenschein zu gewinnen. Bei der Abstimmung waren bloß wenige Delegierte, darunter Dr. Bloch, der einstens galizlscher Abgeordneter war und jetzt als Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift“ vom Gelde galizischer Abonnenten ein behagliches Dasein führt, für die Ausschließung Galiziens. Die Beratung der einzelnen Punkte nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Es machte sich besonders bemerkbar die Furcht vor der Demokratisierung des Entwurfes und anderseits die Bestrebung der Orthodoxen, ihren Einfluß zu stärken oder die Organisation zu verhindern. Die Zionisten stellten sich vorläufig auf den Standpunkt der Demokratie. Sie verlangten, daß die Delegierten der Landesverbände von den Kultuswähler gewählt werden. Der diesbezügliche, von Dr. Straucher eingebrachte Antrag wurde jedoch mit starker Majorität — gegen die Stimmen derZionisten — abgelehnt. Endgültig wurde die Gründung von zehn Landesverbänden beschlossen, welche zusammen 71 Delegierte in den Reichsverband entsenden. Die 10 Verbände werden errichtet in: 1. Wien für Niederösserreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol und Vorarlberg mit 10 Delegierten. 2. Triest für Stadt und Gebiet Triest, Istrien, Görz, Gradiska und Dalmatien mit 4 Delegierten. 3. Czernowitz für die Bukowina mit 7 Delegierten. 4. Krakau für Westgalizien (größere Gemeinden). 5. Krakau (kleinere Gemeinden). 6. Lemberg (größere Gemeinden). 7. Lemberg (kleinere Gemeinden) mit je 5 Delegierten. 8. Prag für Böhmen mit 10 Delegierten. 9. Brünn für Mähren mit 5 Delegierten. 10. Troppau für Schlesien mit 5 Delegierten. Außerdem entsendet jedet Landesverband in den Reichsverband einen Rabbiner. Im Uebrigen wurde der Entwurf des Ausschusses in den wesentlichsten Punkten angenommen. Die meisten von den Delegierten eingebrachten Ergänzungs- und Abänderungsanträge wurden abgelehnt. Von den angenommenen Anträgen verdient bloß der Ergänzungsantrag des Dr. Straucher Erwähnung, wonach in den Wirkungskreis der Verbandsversammiung auch die „Feststellung der Mittel gehört, die geeignet sind, den Geist des Selbstbewustseins und Zusammengehörigkeit zu heben und die Kenntnis von jüdischer Geschichte und Kultur zu verbreiten“. Tempel oder Rathaus. Unser Freund Beda ist ein Tausendsassa. Nicht genug daran, daß seine Sammlung satyrischer Gedichte „Getaufte und Baldgetaufte“ vorläufig in Wien der Luxustauferei offensichtlich die Schwindsucht an den Hals gehetzt hat, bringt Beda jetzt gar mit einem schlichtgepfefferten Poem „Seitenstetten“ das Zauberwerk zustande, einem leibhaftigen Kultusvorsteher die Zunge zu lösen. Wir alle waren nämlich, da der Iöbl. Kultusvorstand trotz seiner tönenden Versprechungen bei der letzten Kultuswahlkampagne während fünf Monaten keine öffentliche Sitzung mehr abhielt, der festen Ueberzeugung, daß es den Herren die Rede ganz verschlagen hat. Ein leibhaftiger Kultusvorsteher also, es ist wohl — nach dem Anflug modernerer Anschauungen zu schließen — Herr Max Frank, bespricht im Leitartikel des letzten Bloch die Frage „Tempel oder Rathaus“ und kommt dabei zu Schlußfolgerungen, die, wären sie von einem Zionisten ausgesprochen, die spaßige Wiener Kahalinquisition gewiß veranlaßt hätten, ihren heiligen Torquemada Bloch den großen Cherem wider den Ketzer abfeuern zu lassen. Der Leitartikler bestätigt Bedas Ansicht, das schmutzige, enge und winkelige Amtsgebäude der israelitischen Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse bedeute eine Schmach für unsere Gemeinschaft und zugleich eine Behinderung der Amtstätigkeit, und fügt hinzu, daß bloße Adaptierungen nicht mehr genügen und ein Neubau unabweislich notwendig geworden ist. Für diesen Neubau, der nach den Intentionen des Kultusvorstandes an der historischen Stätte in der Seitenstettengasse aufzuführen wäre, bleibt aber kein Platz, wenn ebenda nach der Verheißung des offiziellen Wahlprogramms vom Jahre 1906 ein Prachttempel errichtet werden soll. Der Leitartikler polemisiert nun scharf mit jenen „Tempelherren“, welche trotz des durch das Abwandern der Judenschaft in die Nachbarbezirke verringerten Betbedürfnis in der Inneren Stadt, aus Repräsentationsgründen eine hohle „Fassadenpolitik“ betreiben und verlangt schließlich, daß derkleine Tempel in der Seitenstettengasse als ein Juwel des Empirestils erhalten bleiben und der restliche Platz für ein neues Rathaus mit großem Sitzungssaale, der auch jüdischen Vereinen und dem Feiertags-Gottesdienst dienen soll, verwendet werde. Den Prachttempel könne man später einmal — etwa auf dem Rudolfsplaiz — erbauen. Diese Ausführungen klingen einem Zionisten bis auf das mattherzige Argument, daß ein Prachttempel mit hochragenden Kupplen als Vis-ä-vis des bescheidenen Ruprechtskirchleins „gefährliche“ Rischus erzeugen müßte, recht sympathisch. Denn in einem imposanten Rathause der jüdischen Gemeinde kommt es plastisch zum Ausdruck, daß sich ihre Aufgaben keineswegs in religiös-rituellan Agenden erschöpfen, daß sie vielmehr ein politisches Gebilde, ja horrible dictu ein Staat im Staate ist. Das Versprechen des offiziellen Wahlprogrammes vom Jahre 1906, zunächst einen Prachttempel zu bauen, braucht die Herren vom Vorstande wirklich nicht in ihrem Gewissen zu beunruhigen, da sie ja doch alle andern Versprechungen ihrer diversen Wahlprogramme, so vor allem das Wahlrecht zu erweitern, kaltblütig gebrochen haben. Nicht recht einzusehen ist auch, daß diese Herren, welche für Palästina, die alte Heimat unseres Volkes und Glaubens, so kläglich geringes Verständnis zeigen, aus historischen Gründen par tout in der schmutzigen Seitenstettengasse bleiben wollen, die doch seit kaum 100 Jahren das Zentrum unseres Gemeindelebens bildet. Zu den Zeiten der Römer und der Babenbergischen Herzoge siedelten die Wiener Juden zwischen Wipplingerstraße und Tiefem Graben mit dem Zentrum am Judenplatze und später, zur Zeit der Habsburger bis zur Judenaustreibung vom Jahre 1670, im Oberen Werd, dort wo sich heute die Taborstraße hinzieht; erhebt sich ja an der Stelle unseres damaligen Tempels und Rabbinatshauses die sofort nach der Austreibung vom frommen Eifer Kaiser Leopolds I. und seines Ratgebers des Bischof Kolonits gestiftete Leopoldskirche. Wenn also schon von der Historie gesprochen wird, so scheint es mir richtiger, daß das Rathaus in der Leopoldstadt, welche ja auch heute der judenreichste Bezirk ist, errichtet werde, und zwar an einem Platze, der sowohl das Gebäude frei sichtbar werden läßt, als auch sich einer nahen Verbindung zum I. Bezirke, diesem Zentralsitze aller Behörden, erfreut. So denke ich zum Beispiel an den geräumigen Platz an der Ecke der Oberen Donaustraße und Lilienbrunngasse, auf dem heute das Dianabad steht; heißt es doch von diesem Bade, daß es zu verkaufen ist! Hier oder weiter oben am Donaukanal, gegenüber dem Schottenring, der bald durch eine Brücke mit der Schiffamtsgasse verbunden sein wird, wäre das jüdische Rathaus, das sich jeder bewußte Jude nicht anders als einen stolzen Bau vorstellen kann, vom anderen Ufer weithin sichtbar.

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