Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 19 ist, sind 150 Häuser niedergebrannt. Lieber 500 arme jüdische Familien sind obdachlos. Die A. 1. Uhat die nötigen Mittel angewiesen, um dem ersten Bedarf der Heimgesuchten zu begegnen. * * * Jüdische Einwanderung nach Amerika. New-York. Im verflossenen Monat März sind im Hafen von New York 4388 jüdische Einwanderer eingetroffen (1896 Männer, 1480 Frauen und 1012 Kinder). Davon waren 3320 aus Rußland, Oesterreich 876, Rumänien 101, England 56, Türkei 23, Deutschland 9, Holland 3. 3243 Personen sind in New York verblieben, die übrigen haben sich nach verschiedenen anderen Städten Amerikas begeben. Im gleichen Monat des vorigen Jahres betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer 4093. Die Einwanderung ist also wieder auf der alten Höhe — die Schiffahrtsgesellschaften können sich in Rußland, Galizien und Rumänien bedanken. » * * Nachrichten aus Rußland. Kaiser Nikolaus hat dem „Verband der echtrussischen Leute“ aus Anlaß des Osterfestes 100.000 Rubel gespendet. * Wie aus Finnland mitgeteilt wird, wird dort das Schächtverbot bereifs in der Praxis mit voller Strenge durchgeführt. Alle in dieser Beziehung jüdischerseits unternommenen Schritte für eine vorläufige Aufhebung etc. sind erfolglos geblieben. * Das Ministerium des Innern hat eine Verfügung versandt, den Vereinen des hebräischen Verbandes „Chowewei Sefath Ewer“ die Abhaltung ihrer Versammlungen in hebräischer Sprache zu gestatten. * Der „Nowoje Wermja“ ist der Kultusminister Schwarz den Juden gegenüber noch zu „liberal“. Sie fordert eine „gerechtere“ Festsetzung der Prozentnorm für jüdische Schüler in den Mittel- und Hochschulen „entsprechend dem prozentualen Verhältnis der Juden zur russischen Gesamtbevölkerung“. Zu bemerken ist, daß der Minister Schwarz mit Recht der „schwarze Minister“ genannt wird. Suworins „Patrionismus“ ist aber anspruchsvoller. * Wie alljährlich,, hat die türkische Regierung, wie bereits mitgeteilt, auch dieses Jahr 6000 Frcs. überwiesen zur Verteilung an arme Juden für das Pessachfest lntressant ist nun, daß auch der russische Konsul, wie man der „N. J. K.“ aus Konstantinopel schreibt, Fleisch und Kartoffeln an arme Juden in Konstantionpel vor dem Pessachfeste verteilen ließ. — Merkwürdig, wie liberal die Russen immer sind — im Auslande! Parlamentarisches. Eine Rede des Abgeordneten Stand. In der Debatte über die Gesetzesvorlage betreffenddieArbeitszeitimHandelsgewerbe sprach Gesinnungsgenosse Stand. Er war der einzige Redner aus Galizien, welcher zu dieser auch für das Land Galizien hochwichtigen Frage Stellung nahm. Wir bringen nachstehend seine Rede im Wortlaute: „Hohes Haus! Die Vorlage, die jetzt auf der Tagesordnung steht, ist von großer sozialpolitischer Bedeutung und dies bestimmt mich, das Wort zu ergreifen, um größtenteils im Interesse der Handelsangestellten, also auch der Handelsangestellten unserer Nation, der jüdischen Handelsangestellten zu sprechen, teilweise auch für die Kaufmannschaft etwas zu sagen. Ich schließe mich in erster Linie vollständig den Ausschußanträgen an, also auch dem Anträge, welcher sagt, daß für alle Angestellten aller Kategorien eine ununterbrochene 11’/zstündige Ruhezeit eingeführt werde. Ich muß aber andrerseits gegen die Anträge sowohl der Herren Pater Bauchinger als auch des Herrn Abgeordneten Pabst Stellung nehmen. Diese beiden Herren haben zwei Kriterien aufgestellt, die ich beide für unrichtig halte. Zunächst wird hier zwischen Stadt und Land differenziert. Es wird der Antrag gestellt, daß für Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern die ll‘/'2Stündige Arbeitsruhe eingeführt werde, während sie bei Städten oder Dörfern mit weniger als 10.000 Einwohnern nur 11 Stunden betragen soll. Ich weiß vom nationalökonomischen Standpunkt nicht, warum diese Differenz gemacht wurde. Die Intensität der Arbeit ist bei Arbeitern in einer kleineren oder größeren Stadt ganz dieselbe. Die Ermüdung tritt zu derselben Zeit ein, so daß ich nicht weiß, warum hier ein Unterschied gemacht wird. Ich glaube, man müßte hier ein p;o 1 i t i s c h e s Motiv suchen und würde finden, daß die Vertreter der Städte oder der kleinen Dörfer, wenn schon dieses Gesetz gemacht werden soll, wenigstens für ihre Wähler etwas hinüberretten wollen. Diese Differenzierung hat also nur einen parteipolitischen, nicht aber einen volkswirtschaftlichen Sinn, den wir natürlich nicht unterstützen können. Es wurde auch ein zweites Kriterium aufgestellt, das auch unrichtig ist oder, wenn es richtig ist, nur in umgekehrter Reihenfolge verstanden werden kann. Es wird nämlich gesagt, daß man einen Unterschied zwischen qualifizierten und untergeordneten Hilfsarbeitern machen solle. Man verlangt nun für die untergeordneten Gehilfen eine zehnstündige Ruhezeit, für die qualifizierten Gehilfen eine höhere, 11 oder II1/: ständige Ruhezeit. Erstens anerkenne ich diesen Unterschied überhaupt nicht. Wenn ich ihn aber schon anerkennen sollte, könnte ich ihn nur in umgekehrter Reihenfolge anerkennen. Denn wenn man schon dem einen eine kleinere, dem anderen eine größere Ruhezeit gönnt, sollen gerade die Untergeordneten eine grö.ßereRuhezeitgenießen, und zwar aus einer Reihe von volkswirtschaftlichen, sozialpolitischen und humanen Motiven. Denn die Untergeordneten stehen meistens in jüngerem Alter, sind also physisch noch nicht entwickelt und müssen, da sie noch im Wachstum begriffen sind, länger schlafen. Diese müßte man schonen. (Abgeordneter Bielohlawek: Verweichlichen!) Das ist keine Verweichlichung, denn diese jüngeren Leute arbeiten sonst sehr viel, Herr Landesausschuß. Diese jungen Leute haben eine schwere Arbeit, müssen vor Oefinen des Geschäftes kommen und es reinigen. (Abgeordneter Bielohlawek: Daran liegt es ja, daß sie weniger Ruhezeit haben!) Dafür muß ihnen später Ruhezeit gegeben werden. Die jungen Leute müssen auch nach Schluß des Geschäftes alles in Stand setzen, wenn schon die älteren, besser bezahlten, stärkeren, Gehilfen, die sich im männlichen Alter befinden, besser leben und sich besser nähren, weggegangen sind. Sie müssen die Sachen zur Post oder zu den Kunden tragen, kurz, sie sind fortwährend intensiv beschäftigt und sind minder oder gar nicht bezahlte Menschen, sie sind im Wachstum begriffen, also Leute, für die in erster Linie gesorgt werden muß. Ich möchte, wie gesagt, diese Differenzierung gar nicht machen, wird sie aber gemacht, so würde ich aus sozialpolitischen und humanen Gründen die Jugend ehei berücksichtigt wissen wollen als die Aelteren. Meine Herren! Es wird hier fortwährend davon gesprochen, daß wir uns für die mildere Form entscheiden müssen, da sonst das Herrenhaus dem Beschlüsse des Abgeordnetenhauses nicht beitreten würde. Deshalb brauchen wir uns nicht zu fürchten. Ich betrachte es überhaupt als entwürdigend, wenn wir in diesem Hause, das einzig und allein berufen ist, in dieser Frage das Wort zu führen, weil wir auf Grundlage des allgemeinen Wahlrechtes den Tausenden von Massen, die uns die Vertretung ihrer Interessen übergeben haben, gewählt wurden, vor jenen Privilegierten, welche ihre Ernennung dem Zufall verdanken, zittern. Das ist nicht nur unschön, es ist auch unpolitisch und demagogisch, wenn sich gerade hier Einflüsse von mancher Seite geltend machen, die das Herrenhaus für die zweite, die höhere Instanz, gewissermaßen für den Kurator des Abgeordnetenhauses halten und die immer drohen: wenn Ihr nicht so beschließt, dann gehen wir ans Herrenhaus! Wir fürchten diese höhere Instanz nicht und wenn wir konsequent bleiben und immer so beschließen werden wie wir, das heißt wie die großen Massen, die uns ihr Los anvertraut haben, wollen, dann wird das Herrenhaus die untere Instanz sein und nicht die obere. (Zustimmung. — Abgeordneter Bielohlawek: Manchmal ist es aber doch gut; wenn nämlich hier eine Dummheit gemacht wird!) Die Dummheiten sind aber nicht gerade auf dieser Seite, Herr Landesausschuß. Ist das eine Dummheit, wenn man nach vielen Jahrzehnten erst die Frage regelt, daß der Arbeiter nicht so schwer arbeiten soll? (Abgeordneter Bielohlawek: Es kommen aber Dummheiten vor!) Das kommt vor, es kommt aber bei allen Parteien vor! Das was jetzt auf der Tagesordnung steht, ist sehr vernünftig. (Zwischenrufe.) Gestatten Sie, meine Herren, daß auch ich zu diesem Gegenstände spreche, da ich jetzt das Wort habe. Wenn wir jetzt von diesen Dingen sprechen, so sagt uns der Herr Abgeordnete Pabst, man komme ja nicht mit so übertriebenen Reformen. Meine Herren! ‘ Wenn man sich dieser vielen Tausenden, deren Arbeitszeit bis jetzt überhaupt gar nicht geregelt war, annimmt und ihnen die notwendige Zeit zur Ruhe gibt, so kommen diese Herren und sprechen von übertriebenen Reformen, als ob man diesen Leuten große Honorare und Gott weiß was für Konzessionen einräumen würde, als ob es nicht vielmehr die primitivste Pflicht eines vom allgemeinen Wahlrechte gewählten Hauses wäre, wenigstens den Arbeitern und Gehilfen die Ruhezeit, die ihnen gebührt, zu gönnen. Wenn wir dieser Anschauung entsprechend für diese Forderung, die vom sozialpolitischen Standpunkte aus vollständig berechtigt ist, stimmen, so treten wir gar nicht gegen die Kaufleute auf. Ich glaube, es wird hier künstlich ein Gegensatz konstruiert. Man sagt: Hie Kaufleute, hie Gehilfen. Ich glaube, dem ist nicht so. Wenn man Maßregeln schaffen würde, die nur eine Kategorie von Kaufleuten treffen, dann könnte die Konkurrenz siegen, wenn man die einen zwingt, ihr Geschäft zu sperren, während man die anderen nicht dazu zwingt. Wenn man aber für •alle Kategorien dasselbe statuiert, wird sich der Kaufmann und das konsumierende Publikum mit der Zeit danach einrichten und es wird zu später Abendstunde überhaupt nicht mehr eingekauft werden. Der Handel wird darunter gar nicht leiden, umgekehrt, es hat diese Regelung eine große nationalökonomische Bedeutung, sowohl für den Gehilfen als auch für den Kaufmann. Er wird sich abends der Ruhe widmen, wird lesen, spazieren gehen können; denn der Konkurrent wird auch um dieselbe Zeit sein Geschäft geschlossen haben. Ich glaube also, daß diese Maßregel auch von kulturellem Werte ist, daß, wie gesagt, der Gegensatz zwischen Kaufleuten und Gehilfen nur künstlich konstruiert wird und daß man beide Sphären vereinen kann. Wenn ich aber doch eine Ausnahme statuieren wollte, so möchte ich dies für jene Kaufleute tun, die gar keinen Gehilfen haben; denn ein solcher Kaufmann steht wirklich schon auf der niedersten ökonomischen Stufe, ist eben ein sehr armer Mensch und da dieses sözialpolitischeGesetz nicht nur zum Schutze der Gehilfen gemacht wird,, sondern zum Schujze der kleinen Leute, so kann man für diese eine Ausnahme machen.. Es hat mich geradzu befremdet,'daß Herr P. Bauchinger, als er gegen diese sozialpolitisch so wichtige Vorlage aufgetreten ist, auch den armen Hausierern einen Hieb versetzt hat. Er sagte, man möge lieber mit der Abschaffung des Hausierhandels beginnen. Ich frage: Wo ist da der logische Nexus und warum nimmt sich diese mächtige Partei gerade immer für die Hausierer, die Aermsten der Armen zur Zielscheibe ihres Spottes und.zum Objekte ihrer. Angriffe? Der Hausierhandel steht in gar keinem Zusammenhänge mit dieser Frage und ich muß mich auf das entschiedenste dagegen verwahren, daß man immer die armen Leute angreift. (Abgeordneter Bielohlawek: Es spottet ja niemand; wir wollen den steuerzahlenden Geschäftsmann schützen ohne Rücksicht, ober Christ oder Jude ist! Wir sind gerecht!) Herr Landesausschuß! Wir sind auch dazu da, die zu schützen, die kleine Steuern oder keine Steuern zahlen. Die letzteren bedürfen erst recht als verlassene, hilflose Wesen eines Schutzes. Es ist unser Ehrentitel, ihre Patrone zu sein. (Zwischenrufe.) Ihr wollt sie ruinieren und das sind doch die Aermsten der Armen. Wenn Ihr Schonjuden angreifen wollt, so greift die Mächtigen an. (Ruf: Gar so schwach sind die' Hausierer' nicht!) Sie sind die Schwächsten. Mit der Länder bank macht Ihr Geschäfte, die Hausierer greift Ihr aber an. Unser Klub tritt hier für diese Vorlage ein, weil sie in sozialpolitischer Hinsicht wichtig ist. Wir betrachten es als einen Schritt in der Reform der sozialpolitischen Gesetzgebung, wenn das auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählte Haus sich einmal der Gehilfen, sowohl der qualifizierten als der nichtqualifizierten annimmt. Es ist eine der primitivsten Pflichten, die wir hier diesen Leuten gegenüber erfüllen. Wir werden für dieses Gesetz in der Vorlage des Ausschusses stimmen. (Bravo!) Der jüdische Gemeindetag in Wien. (Vorkonferenz.) Am 3. Mai d. J. fand unter Vorsitz des Dr. Stern eine Sitzung der Vorbereitungskommission statt. Die Zionisten waren durch den Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel und Gg. Dr. B r a u d e vertreten. Dr. Gabel legte gegen die Art der Beschickung des Gemeindetages Protest ein. Seiner Ansicht nach haben alle, welche im Jahre 1908 Delegierte des Gemeindetages waren, auch heuer das Recht als Delegierte teilzunehmen. Es sei ungerecht, wenn man nur Mitglieder der Kultusvorstände zulasse. Dr. Stern behauptet, dem Beschlüsse der Kommission gemäß gehandelt zu haben. Dr. Sonnenschein bedauert, daß außer Kultusvorstandsmitgliedern auch Rabbiner zugelassen werden. Dr. Stern gibt zu, diesbezüglich seine Kompetenz überschritten zu haben, doch wollte er die Rabbiner nicht durch Abweisung in die Opposition drängen. Dr. Gabel bedauert, daß man nicht Vertreter der großen jüdischen Organisationen eingeladen habe. Dr. Stern teilt mit, daß er die Rabbinerverbände von Böhmen und Mähren und die Vertreter der Orthodoxen (Schiffschule) eingeladen habe. Nach der Annahme einer Geschäftsordnung wurde der Protest der Kultusgemeinde Krakau verlesen und konstatiert, daß dieser auf Grund von Dr. Rafael Landau (Krakau) entstellter Berichte erhoben wurde. Dr. B r a u d e berichtet, daß man auch in anderen galizischen Gemeinden falsche Nachrichten verbreitet und durch Verleumdungen die Massen gegen die Organisation aufgestachelt habe.