Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 dieses Mangels zu unternehmen. — Wir stehen hierwieder einmal vor einem Fall, wo sich die antisemitische Verwaltungspraxis deutseherßehörden so recht gegen die Behörden und gegen das Landesinteresse selbst kehrt. Es ist zweifellos, daß es möglich wäre, einen erheblichen Teil der bestehenden Lücken durch Zulassung jüdischer Aerzte zum Sanitätskorps zu füllen, wenn — das nicht gegen die persönlichen Passionen der herrschenden Kaste verstieße. Daß jüdische Schiffsärzte sich bei der Handelsflotte seit langem aufs Beste bewährt haben, dürfte bekannt sein. Dennoch wird das Ministerium wahrscheinlich Mittel und Wege finden, den Mangel auf andere Weise auf Kosten der Tüchtigkeit des Sanitätskorps zu beheben, nur um keine Juden anstellen zu müssen. * * * Klerikaler Antisemitismus in Frankreich. Paris. Seitdem in der französischen Republik die Trennung der Kirche vom Staat proklamiert wurde, geht es dort mit dem Einfluß des Klerus auf die breiten Massen des Volkes rapid bergab. Durch die Gründung katholischer Privatuniversitäten, von Haushaltungsschulen und Jugendvereinen suchte man bisher ohne sichtbaren Erfolg dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Man sah sich also genötigt, auf die halbwegs gebildeten Kreise zu verzichten und eine Parole auszugeben, die auf den Pöbel noch niemals ihre Wirkung verfehlt hat: die des Judenhasses! Die geistlichen Herren belieben bekanntlich in ihrer demagogischen Agitation aus taktischen Gründen das Judentum mit dem Freimaurertum zu identifizieren. So haben sie einen Verein begründet, der sich „Ligue Jeanne d’Arc“ benennt und seit zwei Jahren „antifreimaurerische“ (will sagen antisemitische) Hetzkurse abhält. Eine kleine Blütenlese der dort behandelten Themen möge diese Art Volkserzieher kennzeichnen: Der Einfluß des Judentums durch die Freimaurer; die Juden in ihren Beziehuegen zu den anderen Völkern; das Judentum bei den Ketzern; die jüdischen Grundlagen der Reformation. Einer der Vortragenden ist der aus dem Dreifus-Prozeß bekannte Hauptmann Cuignet. * ... * . * Oktobristen—Antisemiten. Petersburg. Es war schon längst kein Geheimnis, daß die Oktobristen, deren Parteibezeichnung eine bittere Ironie auf ihr ganzes politisches Verhalten ist, verkappte Antisemiten sind. Sie haben,jedoch nicht gewagt, dies offen zu bekennen. Jetzt scheinen sie die Zeit für gekommen zu halten, ihr wirkliches „Programm“ in Bezug auf die Judenfrage kundzugeben. Ihr offizielles Organ „Golos Moskwi“ bespricht die bekannte Tschirikow- Asch-Affäre in einem langen, offenherzig judenfeindlichen Artikel, in dem ausgeführt wird, daß die Pogrome gegen die armen jüdischen Massenein „Irrtum“ wären: es müßten vielmehr Pogrome gegen die reichen und intelligenten Juden organisiert werden. Betreffs der jüdischen Gleichberechtigung bemerkt das Blatt, man könne eine solche den Juden nicht gewähren, solange an ihrer Spitze sehen Kolonien zur Anstellung von Tierärzten gegen festes Gehalt entschließen. Es ist möglich, daß die jüdischen Kolonisationsgesellschaften hierzu eine Beihilfe gewähren. Dagegen ist es ausgeschlossen, daß die jüdischen Kolonien schon jetzt auf brieflichem Wege einen Tierarzt aus Europa engagieren. Allerlei. Die israelitischen Gemeinden Galiziens. Im Podrecznik Statystyki Galicyi (Handbuch der Statistik Galiziens), herausgegeben vom Statistischen Landesamt unter Redaktion des Dr. Tadeusz Pilat (Tom VIII, Teil 1), 1908, finden sich nach dem Ausweis der k. k. Statthalterei folgende Daten über die israeltischen Kultusgemeinden Galiziens. Ihre Zahl betrug 253. Mitglieder derselben waren 793.360 Personen (gegen 811.183 im Jahre 1900), von denen jedoch nur 89.522 zu Steuerleistungen herangezogen werden konnten. Es gab 249 Rabbiner, also ungefähr ebenso viel als Kultusgemeinden, und außerdem 1419 andere Funktionäre für den Kultus. Die Zahl der Synagogen belief sich auf 457 öffentliche und 332 private. Daneben wurden 1393 Bethäuser gezählt. Als Anstalten dergalizischen Kultusgemeinden sind 749 Chedarim, 82 Talmud-Thoraschulen, 31 Spitäler, 35 Altersversorgungs- und Siechenh'auser und 697 Anstalten anderen Charakters genannt. Von den konfessionellen Schulen waren 47 mit dem Oeffentlichkeitsrecht ausgestattet, 38 nicht. Zur Führung der Matrikeln waren 241 Personen mit 153 Vertretern bestellt. ein Mann wie Winawer steht — ein Argument, das mit seiner rein persönlichen Note natürlich weder beweiskräftig, noch widerlegbar und nur eine dumme Ausflucht ist. Wenn man die leitende Rolle der Oktobristen in der dritten Duma bedenkt, so kann man sich leicht ein Urteil darüber bilden, was die Juden von dieser zu erwarten haben. Bisweilen handelt allerdings die Fraktion vernünftiger, als ihre Presse redet. * * * Den Juden der Aufenthalt in den kaukasischen Bädern verboten. Petersburg. Der Gebietschef im Kaukasus hat angeordnet, daß in allen kaukasischen Badeorten allen Juden der Aufenthalt für die laufende Sommerszeit untersagt werde. Außerdem wurde den jüdischen Musikanten die Teilnahme im Chororchester verboten. * * * Rußlands Kulturarbeit in Asien. Samarkand. Den Juden in Buchara droht eine schwere Katastrophe, die den völligen Ruin ihrer Existenz und eine Krisis des ' gesamten russischasiatischen Handels zur Folge haben müßte. Bekanntlich hat das Gesetz vom 5. Juni 1900, demzufolge die in der Bucharei seit der Eroberung dieses Landes durch Rußland ansässigen Juden ihres Wohnrechtes daselbst beraubt werden, die allerhöchste Bestätigung gefunden. Diese Gesetzesanordnung ist bis jetzt nicht zur Ausführung gekommen. Gleich nach ihrem Erlaß haben sich Moskauer und Lodzer Großkaufleute, die weitausgedehnte Handelsbeziehungen mit den bucharischen. Juden pflegen, für diese bei der russischen Regierung verwendet mit der Begründung, daß die Verwirklichung des erwähnten Gesetzes ihnen selbst den größten Schaden zufügen würde. Infolge dieser Vorstellungen wurde die Ausweisungsverfügung auf fünf Jahre verschoben. Nach Ablauf dieser Frist begab sich der Taschkenter Rabbiner Schalom Taskir nach Petersburg, und suchte dort mit Hilfe des Moskauer Börsenkomitees bei der Regierung zugunsten der bucharischen Juden zu wirken. Es gelang ihm auch eine weitere dreijährige Aufschiebung der Ausweisung durchzusetzen. Es kam dann das letzte Jahr; in Rußland herrschte eine allgemeine Finanzkrisis, die eine Vertreibung der auf dem Gebiete des Handels und namentlich der Manufakturindustrie so hervorragend tätigen und leistungsfähigen bucharischen Juden für das Gesamtinteresse besonders unerwünscht und schädlich erscheinen ließ. Der Generalgouverneur von Turkestan, N. J. Grodikow, verwendete sich beim Ministerium für die Abschaffung des genannten Gesetzes und Zurückstellung der ganzen Angelegenheit bis zur Regelung der allgemeinen Judenfrage in Rußland. Auch Graf Witte sprach sich in diesem Sinne aus, da die „bucharischen Juden mit den Wilnaer und Berdyczewer Juden nicht zu vergleichen seien.“ Daraufhin wurde am 22. Dezember 1908, wie seinerzeit berichtet, der Ministerratsbeschluß allerhöchst bestätigt, wonach das Gesetz vom 5. Juni 1900 betreffs der bucharischen Juden bis zum 1. Jänner 1910 zurückgestellt wurde, zugleich mit der ausdrücklichen Verfügung, daß dies der letzte Aufschub sei. Und so soll nun der kleine Bruchteil der russischen Judenheit, dem bisher eine menschenwürdigere Stellung gegönnt war, das Schicksal seiner Leidensbrüder teilen. Das ist auch eine „Gleichstellung“ der Juden im Zarenreiche. Die bucharischen Juden sehen mit Bangen und Entsetzen dem Ende dieses Jahres entgegen, das den meisten von ihnen den Ruin ihrer Existenz, den Verlust ihres jahrzehntelangen Wohnsitzes bringen soll. Die Juden haben ja hier schon ihre Pflicht getan. Handel und Industrie zu bedeutendem Aufschwung gebracht — nun können sie davon ziehen. So schafft Rußland in Asien „Kultur“! * * * Praktischer Antisemitismus. Bukarest. Das „BukaresterTagblatt“ schreibt: „Der Studentenverein „S o 1 i d a r i t a t e g“ in Jassy verfolgt streng nationalistische und antisemitische Tendenzen, und seine Schutzpatrone sozusagen sind die beiden Judenfresser und Universitätsprofessoren J o r g a und C u z a, deren Bildnisse in den Räumen des Vereins in den prunkenden Rahmen prangen. Die jungen Herren wollen am 21. und 22. April ein großes Fest veranstalten. Der Billetenverkauf aber geht sehr schwer vonstatten, da in JaSsy große Krisis und Armut herrscht, und die Leute ihr Geld für andere Dinge brauchen, als für studentisch-antisemitische Feste. Der Verein hat aber doch ein Mittel gefunden, um seine Eintrittskarten anzubringen. Die jassyer Polizei, die den Verein protegiert, hat ihre Beamten beauftragt, die Billctc an die jüdischen Kaufleute zu verkaufen, und so kann man das erbauliche Schauspiel sehen, wie die Agenten der Polizei aus einem jüdischen Geschäftsladen in den andern ziehen und mit der den rumänischen Provinzpolizisten eigenen Kunst der „sanften Ueberredung“ den jüdischen Kaufleuten die Eintrittskarten des antisemitischen Vereins aufzudrängen. — Recht so! Das ist richtiger praktischer Antisemitismus. An das Schimpfen haben sich die Juden schon gewöhnt, so daß sie sich kaum mehr etwas daraus machen. Wenn man ihnen weh tun will, muß man ihnen an den Geldbeutel rücken, und der feine Witz dabei ist, daß man ihnen ihr Geld in der Form von freiwilligen Spenden für judenfeindliche Zwecke abnimmt. Die Jassyer Antisemiten verstehen ihre Sache, und ihr Beispiel verdient, Nachahmung zu finden.“ # * * Judenverfolgung in Persien. Teheran. Aus Teheran melden die Zeitungen, daß sich blutige antisemitische Unruhen in Kermanschah ereignet haben. Sie wurden durch die Beschuldigung hervorgerufen, ein Jude hätte einen Mohammedaner zu Tode geprügelt. Eine große Volksmenge griff darauf das Ghetto an und veranstaltete unter den Juden ein Blutbad. Drei Juden kamen dabei ums Lehen und über 300 erlitten Verletzungen, vielfach schwerer Natur. Die Volksmenge plünderte und brannte 170 Häuser, die den Juden der Stadt gehörten; außerdem wurden 500 Juden mißhandelt und ausgeraubt. * * * Streitigkeiten mit Arabern. Jaffa. In der deutschen Kolonie Wilhelma, in der Nähe von Petach-Tikwah kam es vor einigen Tagen zu einem Konflikte zwischen den deutschen Kolonisten und den arabischen Fellachen aus der Nachbarschaft. Die Deutschen nahmen arabisches Vieh, welches sie auf ihren Weidenplätzen angetroffen hatten, fort und fesselten den Hirten. Zur Befreiung ihres Viehes erschienen in der darauffolgenden Nacht die Araber in großer Zahl, denen die Kolonisten aus Wilhelma keinen Widerstand zu leisten in der Lage waren. Sie konnten sie an der Verwüstung einer großen Oelbaumpflanzung von zirka 150 Dunam nicht hindern und mußten das Vieh und die arabischeu Wächter wieder freigeben. Der deutsche Vizekonsul in Jaffa erschien bald darauf in Wilhelma und leitete einen Prozeß gegen die schuldigen Araber ein. Auch in Sichron Jakob kam es vor kurzem zu einem kleinen Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden wegen unrechtmäßiger Benützung jüdischer Weide durch die Araber, der aber bald einen friedlichen Abschluß fand, da die Araber vor der großen Zahl der jungen jüdischen Arbeiter und Kolonisten zurückschraken, die gewünschte Satisfaktion gaben und durch ihren Scheich feierlich versprachen, sich in Zukunft solche Mißgriffe zu nicht erlauben. * * * Die Genickstarre (Meningitis cerebrospinalis) in Jerusalem. Jerusalem. 15. Aprl 1909. Die anfänglichen Gerüchte über die Ausbreitung der Genickstarre in Jerusalem haben sich als übertrieben herausgestellt. Die Jerusalemer Aerzte haben sich zwecks gemeinsamer Statistik und Kontrolle der Epidemie vereinigt, und es hat sich gezeigt, daß bisher insgesamt etwa 80 Erkrankungen, fast ausschließlich bei Kindern unter 16 Jahren, und etwa 15--20 Todesfälle vorgekommen sind. Die Epidemie, die von vielen Aerzten nach der neuen Methode durch Einspritzungen in das Rückenmark behandelt worden ist, zeigt einen milderen Charakter als bei den letzten Epidemien in Europa und scheint jetzt schon im Erlöschen begriffen zu sein. * * * Feuersbrunst. Konstantinopel, 4. Mai. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle.) Gestern nachmittag hat in Hasköl eine große Feuersbrunst stattgefunden. So weit bis jetzt zu übersehen,