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Jüdische Zeitung · 1909-05-07 · 19 (7.5.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 19 zu übernehmen. Wenn ein Fremder sich das bei den Aufführungen anwesende Publikum angeschaut hätte, so hätte er sicher glauben müssen, einer Vorstellung zu gunsten irgendeines jüdischen Vereines beizuwohnen. Das ganze Unternehmen war, wie der ganze Schulverein Olmütz, so veijudet, daß mir ein Kollege auf die Frage, warum er nicht die Hauptrolle übernehme, antwortete: „Ich bin doch kein Jude.“ EinOlmützerGroßindustrieller stellte vorige Woche auf Grund der Nachrichten des Deutschen Schulvereines (Ortsgruppe Olmütz) fest, daß mehr als die Hälfte der in Olmütz für den I Schulverein gesammelten Beträge „Jude nge 1der“ sind. Sehr traurig, aber wahr. S. * * * Aus dem heiligen Deutschen Reiche. Berlin. Wir haben bereits berichtet, daß der Rittmeister Graf Gersdorff, welcher den jüdischen Einjährigen Bloch durch bübische antisemitische Quälereien in den Tod gehetzt hat, von den Komödianten, genannt preußische Militärrichter, zu sage und schreibe 2 Tagen Stubenarrest verurteilt wurde. Die Berliner Jüdische Rundschau“ schreibt über den Verlauf der Verhandlungskomödie: Die nun vorliegenden ausführlichen Verhand- . lungsberichte in der Sache gegen den Rittmeister Grafen von Gerstorff, der beschuldigt war, den Einjährigen Bloch in Mühlhausen i.E. durch fortgesetzte moralische Mißhandlungen zum Selbstmord getrieben zu haben, und der dann zu zwei Tagen Stubenarrest verurteilt wurde, haben eine ganze Reihe — sagen wir einmal — interessanter Momente zu Tage gefördert, über die sich der Chef des Kriegsministeriums wohl oder übel wird äußern müssen. — Wir greifen nur einige besonders charakteristische Vorkommnisse heraus: Sämtliche Entlastungszeugen wurden in aller Ausführlichkeit vorgenommen und als vollauf glaubwürdig angesehen. Sogar eine Frau Wachtmeister, deren Mann von Bloch Geschenke etc. erhalten haben sollte, durfte sich darüber äußern, daß Bloch ganz unmilitärisch und ungebildet gewesen sei und sich manchmal sogar flegelhaft benommen habe. Dabei haben auch die Bloch nicht eben freundlich gesinnten übrigen Entlastungszeugen zugeben müssen, daß Bloch ein sehr wohlerzogener Mann gewesen sei. Ein Hauptbelastungszeuge war der Gefreite S o i s t e r, der behauptete, Bloch sei in der ersten Zeit mit Lust und Liebe bei der Sache gewesen, er sei aber so gedrückt worden, daß ihm die Liebe zum Soldatenstand verging. Er sei wie ein Schuljunge behandelt worden und habe sich oft bei ihm darüber beklagt. Dieser Zeuge, der auch auf Ermahnungen des Vorsitzenden bei seinen Behauptungen verblieb, wurde für unglaubwürdig erklärt und nicht vereidigt!! Um auch den Leutnant von Gorissen als wenig zuverlässig erscheinen zu lassen, erzählte der Angeklagte, dieser Leutnant sei gerade am Tage der Vernehmung l'/= Stunden zu spät zum Dienst gekommen. Eine solche Dienstauffassung sei für ihn unerhört! Der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichtsrat Walther, war aber so unvorsichtig, den inneren Grunddes so überaus milden Urteils zu entschleiern. Er glaubte den Grafen gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nehmen zu müssen und entschuldigte dessen doch zu offenbar antisemitische Aeußerungen mit folgenden Worten: „Doch wir brauchen es uns nicht zu verhehlen, daß nach unserer allgemeinen deutschen Auffassung die jüdische Abstammung noch nie ein Vorzug gewesen fet.“ Es wird uns niemand sagen dürfen, wir legten unter statt aus, wenn wir in dieser Aeußerung es klipp und klar ausgesprochen finden, daß nach der Auffasung des Herrn Kriegsgerichtsrats Walther ein Jude eben ruhig „'etwas schärfer“ behandelt werden darf. Und das ist ja auch die übliche Auffasung. Der Fall Bloch hat nur einmal besonders krass das Martyrium der jüdischen Soldaten in der preußischen Armee enthüllt. Der Gefreite Soister will übrigens, wie „L’ Express“ in Mühlhausen erfährt, den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit nicht auf sich ruhen lassen und neue Zeugen bringen, die die Wahrheit seiner Angaben bestätigen sollen, ln jedem Falle wird aber der Herr Kriegsminister sich zur Antwort in irgendeiner Form entschließen müssen; sonst würde es als erwiesen gelten dürfen, daß in der preußischen Armee mit Einverständnis des Chefs des Kriegsministeriums jüdische Soldaten einfach vogelfrei und den infamsten Gehässigkeiten judenfeindlicher Offiziere schutzlos preisgegeben sind. ' * * * _ Das Schächten. Berlin. Die Tageszeitungen berichten: „Die Schlachtmethode auf dem Berliner städtischen Hatten die Entlastungszeugen außerdem nichts auszusagen, als daß sie alles Mögliche nicht gehört hätten, so wurden die Zeugen, die den gräflichen Angeklagten durch ihre Aussagen hätten belasten können, auf eine höchst eigenartige Weise unschädlich gemacht. Dem Leutnant von Gorissen wurden, wie er mit anerkennenswertem Mute in der Verhandlung erklärte, dienstliche Vorhaltungen deswegen gemacht, weil seine Aussagen für den Grafen belastend seien! Er bekräftigte demgegenüber nochmals die Wahrheit seiner den Grafen von Gersdorff schwer belastenden Aussage. Dem Leutnant Müller hat der Graf befohlen, den „Bloch schärfer zu behandeln“. Derselbe Zeuge sagte auch aus, die Arreststrafe, die Bloch wegen seiner Weigerung, im Glied mit der Kolonne zu marschieren, bekam, könnte nicht der Grund zum Selbstmorde gewesen sein, denn Bloch habe die Waffe nachweislich bereits am Vormittag gekauft, was dann auch von der Verkäuferin bestätigt wurde. Zahnärzte. Die Aussichten für Zahnärzte sind zur Zeit nicht günstig. Es gibt in jeder Stadt mit größerer jüdischer Bevölkerung mehrere arabische und jüdische Zahnärzte, letztere meistens mit russischem Zahnarztdiplom. In den jüdischen Kolonien gibt es. keine Zahnärzte, und es ist auch zweifelhaft, ob in einer Kolonie ein Zahnarzt seine Existenz finden wird, da die größte jüdische Kolonie nicht mehr als 1000 bis 1500 Einwohner enthält Die Mundpflege findet bei der palästinensischen Bevölkerung noch wenig Verständnis. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß ein Zahnarzt in Jaffa oder Haifa noch seine Existenz finden kann. Ein Diplom für die Ausübung zahnärztlicher Praxis wird von der Regierung nicht verlangt. Architekten. Die Bautätigkeit ist in Palästina sehr rege. Die Hospitäler, Schulen, Gotteshäuser vermehren sich von Jahr zu Jahr, und auch Privathäuser, allerdings meist kleine, wenig kostspielige Häuser, werden in großer Zahl gebaut. Bisher sind für große Bauten besondere Architekten aus Europa berufen worden, während Privatleute ihre Häuser meist ohne Hilfe eines Architekten durch hiesige Maurer- Schlachthof beschäftigte am Dienstag das Kuratorium des städtischen Vieh- und Schlachthofes. Der Sitzung wohnte im Aufträge des Polizeipräsidenten der Departementstierarzt Veterinärrat Dr. Arndt bei. Nach einer eingehenden Beratung wurde folgender Antrag des Präsidenten des Kuratoriums, Stadtrat Fischbeck, angenommen: „In Zukunft sind in allen Fällen nicht nur Rinder und Schweine, sondern auch das Kleinvieh, als Schafe und Kälber, mittels Stirnschlages vor der Schlachtung zu betäuben. Das sogenannte Verschränken der Schafe vor der Schlachtung ist verboten. Angesichts der mancherlei Mängel,-, die nach dem auf Veranlassung des Landwirtschaftsministers erstatteten Gutachten der Technischen Deputation für das Veterinärwesen den verschiedenen im Gebrauch befindlichen Schußapparaten immer noch anhaften, soll in Zukunft weiterhin die Betäubung mit Hammer oder Axt bemeister bauen lassen. Indessen würde ein tüchtiger, erfahrener Architekt in Jaffa, Haifa oder Jerusalem, wahrscheinlich doch' von vielen Bauunternehmern zu Rate gezogen werden und könnte sich eine auskömmliche Existenz verschaffen. Bisher gibt es nur in Jerusalem und Galiläa je einen Juden, welcher Architektenarbeiten übernehmen. Chemiker. haben zurzeit in Palästina keine Aussicht auf Existenz, falls sie kein eigenes Kapital haben. Leute mit 10.000 bis 15.000 Frcs. Kapital könnten dagegen durch die Fabrikation von Drogerien, ätherischem Oel und durch die Herstellung von Eis auf einer modernen Eismaschine voraussichtlich ihr Auskommen finden. Techniker und Ingenieure. Techniker und Ingenieure werden bei der bisherigen geringen industriellen Entwicklung Palästinas nur in sehr geringen Zahl gebraucht. Techniker und Ingenieure sind angestellt: a) beim Bau der projektierten oder bereits im Bau befindlichen Eisenbahnen. Anstellung durch die türkische Regierung je nach Bedarf. Die meiste Aussicht auf Anstellung haben Ottomanen, Franzosen oder Deutsche. Kenntnis der französischen Sprache erforderlich. wirkt, doch soll den Schlächtern gestattet werden mit Zustimmung der Schlachthofdirektion auch andere Betäubungsapparate anzuwenden. Das Schächten nach jüdisch rituellem Gebrauch soll zugelassen bleiben, jedoch nur, wenn der betreffende Schächter eine Erlaubnis dazu von der Schlachthofverwaltung erwirkt hat.“ Durch diese Bestimmung soll verhindert werden, daß das Schächten zur Umgehung des Betäubungszwanges von sogen, „wilden Schächtern“ ausgeübt wird, deren Tätigkeit nach den eingeholten Aeußerungen der jüdischen Kultusgemeinde religiösen Wert überhaupt nicht hat. Ein von sozialdemokratischer Seite gestellter Antrag, auch das jüdisch rituelle Schächten zu verbieten, wurde abgelehnt. Die Beschlüsse des Kuratoriums werden nunmehr dem Magistrat und danach dem Polizeipräsidenten zur Zustimmung unterbreitet werden.“ — Der Verband der Deutschen Juden hat eine Anzahl neuer Gutachten über das Schächten herausgegeben, Name und Stellung der Gutachter ist darin interessant und beachtenswert, der Wortlaut der mitgeteilten Gutachten zugunsten des Schächtens alle. Scheingründe gegen dasselbe unwiderleglich zurückwei - send. Die neue Umfrage enthält nicht weniger als 457 Gutachten, welche erstattet sind von 118 Universitätsprofessoren der Physiologie, Pathologie, Anatomie, Hygiene usw. (davon 68. aus Deutschland, 21 aus Oesterreich-Ungarn, 14 aus der Schweiz, 10 aus Holland. 3 aus Italien, 2 aus Dänemark); 20 Direktoren, bezw. Professoren von tierärztlichen Hochschulen, Veterinärinstituten usw.; 12 Landes-, Departements-, Obertierärzten; 156 Kreis- (Distrikts-, Bezirks-, Oberamts-, Amts-, Kantonal-) Tierärzten; 94 Schlachthofleitern, bezw. Schlachthoftierärzten; 46 praktischen Tierärzten; 12 Fleischerinnungen, Großfleischermeistern, Fleischbeschauern. In dem Entwurf einer Strafgesetznovelle, den das Reichsjustizamt dem Reichstage vorgelegt hat. in den Paragraphen über Tierquälerei, heißt es: „Insbesondere kunn es bei Festhaltung dieser Merkmale keinem Zweifel unterliegen, daß die Vivisektion und das Schächten nicht unter die Strafvorschrift fallen. Denn der Forscher, der bei dem Tierexperiment im Dienste der Wissenschaft und des allgemeinen Wohles dem Tiere Qualen bereitet, oder der Strenggläubige, der bei der Befolgung der Schächtvorschriften religiösen Pflichten nachkommt, kann nicht als boshaft oder roh handelnd bezeichnet werden.“ * * * Aerztemangel in der deutschen Marine. Berlin. In der Budgetkommission des Reichstages machte der Marinegeneralarzt Elske die Mitteilung, daß ähnlich wie beim Landheere auch die deutsche Marine unter einem fühlbaren Aerztemangel leide. Da ein tüchtiges, in der Zahl dem aktiven Bestand angemessenes Sanitätskorps zu den wichtigsten Lebensfragen einer jeden Wehrmacht gehört, so wird das Ministerium nicht umhin könneu, in Kürze energische Schritte zur Beseitigung b) in den Maschinenfabriken von Stein und Wagner in Jaffa, Athid und Haifa. Augenblicklich keine Vakanz. Der Bedarf an Ingenieuren und Technikern wird steigen, sobald die zahlreichen Projekte für künstliche Bewässerung, Gas- und elektrische Beleuchtung, Tramways, Kleinbauten, Chausseebauten ihrer Verwirklichung näher rücken. Augenblicklich finden Ingenieure und Techniker ohne eigenes Kapital in Palästina noch kein geeignetes Tätigkeitsfeld. Tierärzte. Für einige tüchtige Tierärzte bietet sich in Palästina aller Voraussicht nach noch die Möglichkeit einer Existenz. Es gibt bisher in Palästina nur einen von der türkischen Regierung angestellten Tierarzt, der aber anscheinend nur sehr selten in die landwirtschaftlichen Kolonien kommt. Da der Viehbestand sowohl in den deutschen wie auch in den jüdischen Kolonien nicht unbeträchtlich ist, und I Viehkrankheiten ziemlich häufig sind, dürfte sowohl in Judäa wie in Ober- und Untergaliläa für je einen Tierarzt genügend Beschäftigung vorhanden sein. Allerdings wird dem Tierarzt im Anfang die ziemlich schwere Aufgabe zufallen, die Kolonisten durch die Praxis von der Wichtigkeit einer rechtzeigen tierärztlichen Behandlung zu überzeugen. Wenn dies gelingt, werden sich wahrscheinlich die jüdi-

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