Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 „Hohes Haus! Im Aufträge meiner jüdischnationalen Klubkollegen habe ich folgende tatsächliche Berichtigung vorzubringen. Der Herr Landsmannminister hat im Polenklub in seiner Ansprache anläßlich seines Amtsantrittes und auch der Herr Ministerpräsident hat hier davon gesprochen, daß in Galizien nur zwei Nationalitäten bestehen. Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen. In Galizien besteht eine dritte Nationalität: die jüdische Nation. Die jüdische Nation hat uns als ihre Vertreter hierher in das hohe Haus gesandt; wir wurden auf Grund des jüdischnationalen Programms gewählt. Wir sind verpflichtet, diesem jüdischnationalen Programm und der jüdfschnationalen Gesinnung unserer Wähler hier Rede zu stehen. Daß die Juden als Nation, als eine nationale Einheit ins Leben getreten sind, das beweisen die jüngsten Reichsratswahlen. Ich mache die Herren darauf aufmerksam, daß wir von den 70 Wahlkreisen nur in 14 unsere Kandidaten aufgestellt und auf unsere Kandidaten 30.000 jüdische Stimmen vereinigt haben, was mehr als die Hälfte aller jüdischen Stimmen in Galizien ausmacht. Das beweist, daß die Juden in Galizien als nationale Einheit bestehen, als nationale Einheit ins politische Leben eingetreten sind. Auch andere Tatsachen geben dies kund. Wir haben eine nationale Presse, welche in unserer Sprache, in hebräischer sowie in jüdischer Sprache erscheint. Wir haben die nationale jüdische Jugend, welche auf den Universitäten sich zur jüdischen Nation bekennt, indem sie bei ihrer Inskription die jüdische Sprache als ihre Muttersprache bezeichnet. Wir haben hebräische Schulen, wir haben eine jüdischnationale Organisation, welche in den kleinsten Städtchen ihre Vertreter hat. Es ist also unrichtig und ungerecht, wenn der Herr Landsmannminister und auch der Herr Ministerpräsident über diese Tatsachen zur Tagesordnung übergehen, wenn sie diese.Tatsachen verschweigen und an maßgebender Stelle denselben nicht Ausdruck geben. Die Zahl der Juden, welche beinahe ein Neuntel aller Bewohner des Landes beträgt, berechtigt uns sogar, daß wir im Landsmannministerium einen Referenten für jüdische Angelegenheiten verlangen. Denn die Interessen der Judenschaft, ihre speziell wirtschaftliche- und ihre speziell kulturelle und nationale Lage verlangt, daß die Regierung einen fachkundigen Referenten, welcher sie über unsere Verhältnisse informiert, einsetzt. Diese Forderung werden wir zur gelegenen Zeit der Regierung präsentieren. Einstweilen konstatieren wir, daß der Herr Landsmannminister und der Herr Ministerpräsident derGerechtigkeit insGesicht schlagen, wenn sie über die faktisch bestehenden Tatsachen, über die Existenz der jüdischen Nation, zur Tagesordn u ng übergehen. Die jüdische Bureauangestellte gibt es deshalb nur wenige. Am meisten Aussicht für Besetzung offener Stellen haben Korrespondenten, die das Französische beherrschen; zuweilen wird auch die Kenntnis der hebräischen, englischen oder deutschen Sprache verlangt. Das Gehalt schwankt von 60 bis 250 Frs. monatlich. Im Detailhandel sind durch die große Einwanderung aus Osteuropa, die in den letzten Jahren stattfand, alle Erwerbszweige überfüllt. Ladenangestellte werden nur in sehr geringer Zahl gebraucht, und die wenigen Stellen werden durch Leute in Palästina, die des Arabischen mächtig sind und für sehr geringes Gehalt (30 bis 50 Frs.) arbeiten, besetzt. Im Fuhrwesen können vielleicht noch Juden Erwerb finden, entweder als Droschkenbesitzer in den Städten oder für Personenverkehr über Land, insbesondere für Reiseverbindung mit den jüdischen Kolonien. Hotels sind zwar in den Städten und den größeren jüdischen Kolonien bereits vorhanden, doch ist das Hotelwesen noch weiterer Ausdehnung fähig. In einigen Städten, z. B. in Haifa und Tiberias, haben europäisch eingerichtete, komfortable und saubere Hotels Aussicht auf einen großen Kundenkreis. Auch in einzelnen Kolonien besteht noch das Nation besteht schon zweieinhalb Jahrtausende. Sie braucht nicht d i e Anerkennung derMinister un d si e w i r d au c h o h n e sie weiter existieren. Sie entwickelt und organisiert sich, aber gerechterweise verlangen wir, daß die Minister über das, was tatsächlich besteht, nicht schweigen, daß sie uns gegenüber Gerechtigkeit ausüben. Da wir auf dem Standpunkte der Gerechtigkeit immer stehen, so können wir nicht umhin, den-gerechten Forderungen der Ruthenen auch recht zu geben und darum werden wir, unser Klub, für den Dringlichkeitsantrag stimmen.“ Personalnachricht. Siehe „Neue Freie Presse“ vom 1. Mai 1909. „Trauung — Semmeringkapelle!“ Wie romantisch! Gott, wie nobel! Kirche an der Alpen Schwelle — Roch man je an dieser Stelle Etwa schnöden Knobel??! Hier ist man dem Himmel näher, Hier sind wahre Christenleute; Augustiner, Dorothäer Trauen manchmal auch Hebräer Quasi umgegojte. Wahre Christen, vollgeboren, (Solche nicht, die ’s manu brevi!) Traut man an den Alpentoren - — — So den Redlich Theodoren Und die Mimi Löwy. Beda. Ein Engländer über die jüdischen Kolonien in Palästina. Der bekannte englische Forschungsreisendejulian G r a n de — ein Nichtjude — der soeben von einer Expedition nach Syrien und Arabien zurückgekehrt ist, gewährte einem Mitarbeiter der „Jewish Chronicle“ ein Interview, in welchem er über die jüdischen Kolonien in Palästina folgendes ausführte: „Ich habe jede jüdische Kolonie besucht und fast überall fand ich die Ansiedler zufrieden und glücklich. Den meisten Eindruck machte mir die Ackerbauschule bei Jaffa. Als ich ankam, spielten die Schüler im Hofe der Schule die Sprache in welcher sie sich unterhielten, war reines Hebräisch. Die neuen Teile Jaffas sind fast ausschließlich von Juden bewohnt. Eine besonders interessante Kolonie war eine sechs oder sieben Meilen von Jerusalem entfernte Ansiedlung (offenbar ist Mozza Bedürfnis nach kleinen, aber säubern Hotels. Ebenso könnten Sanatorien und Erholungsheime, die bisher in Palästina gar nicht vorhanden sind, an schönen Punkten des Landes auf zahlreiche Besucher rechnen. Badeanstalten für warme Bäder und Duschen könnteu an vielen Orten errichtet werden und einen bescheidenen Verdienst abwerfen. In den höheren Berufen. Aerzt e. Für einige tüchtige Aerzte, insbesondere für Spezialisten für Augen-, Ohren-, Frauen- und Kinderkrankheiten, dürfte in Palästina noch Platz sein. In der Stadt Jerusalem ist die Zahl der Aerzte hinreichend, da hier die Hospitäler aller Konfessionen konzentriert sind. In Haifa wird sich demnächst ein jüdischer Arzt niederlassen. Dagegen kommen für die Niederlassung die Städte Jaffa, Tiberias und Saffed noch in Betracht. In den großen jüdischen Kolonien gibt es bereits Aerzte, doch findet möglicherweise auch in einer kleineren Kolonie ein Arzt bei bescheidenen Ansprüchen noch genügend Praxis. Die türkische Gesetzgebung verlangt von einem Arzt, der in der Türkei praktiziert, daß er vor einer Prüfungskommission in Konstantinopel ein Examen ablegt, doch wird diese Vorschrift nicht streng gegemeint, Anm. d. Red.) erstaunt, nach Passierung einer großen Strecke grauen und steinigen Grundes so einen Garten zu sehen. Mein Begleiter, Prf. John Davis von der Princetown Universität teilte meinen Eindruck. Einige Kolonisten sind durch Mangel an Kapital sehr behindert, aber ich fand ihre Häuschen rein und comfortable und ihre Kinder — wie überall beiden Juden — sehr behütet. Ich sah einen ganzen Transportzug von Arbeitern zwischen Semach und Wamackus. Jeder von Ihnen studierte auf der Fahrt irgend ein hebräisches Werk. Es kann keinen Zweifel unterliegen, daß diese Kolonien unter dem neuen Regime eine große Zukunft haben. Früher genossen nur die Juden, welche fremde Staatsangehörige waren, Schutz vor schweifenden Arabern und den korrupten türkischen Behörden. Heute findet jedermann Gerechtigkeit im Lande“. Aus dem jüdischen Leben. Vom jüdisch-antisemitischen „Deutschen Schulverein I“ Olmütz. Wir erhalten aus Olmütz folgende Zeilen: „Einen Schafskopf zu bekehren, ist ein schweißerfülltes Streben,“ sagt Beda. Von der Richtigkeit dieses Satzes konnten wir junge Juden uns in der vorigen Woche gründlich überzeugen. Der „Deutsche Schulverein“ hielt Heerschau über seine Juden, d.h. er veranstaltete am 29. April, 1. und 2. Mai Dilettantenvorstellungen, bei denen die Hälfte der aufführenden Personen und zwei Drittel der Besucher Juden waren. Auf den mit schwarz-rot-gold eingerahmten Plakaten, sah man die echt „deutschen“ Namen Lewith, Glas s, Back, Pollak, Löw, Grün usw. prangen. Wir agitierten gegen den Besuch der Vorstellungen, soweit es uns unsere bescheidenen Kräfte erlaubten. Wir erzielten auch einige Erfolge, aber die Zahl jüdischer Besucher der Vorstellungen war enorm. Die meisten antworteten uns, der deutsche Schulverein sei doch gar nicht antisemitisch! Er sei doch der einzige Verein, der Juden aufnimmt! Und was uns die „Jüdische Zeitung“ da erzählt, daß die Herren Sylvester, Groß, Steinwender für die Resolution S c h m i d gestimmt haben, ist gar nicht wahr! Daß es ein Wahnsinn ist, mit jüdischem Geld einen Schulverein zu unterstützen, der die Juden aus den Schulen verdrängen will, wollen die Olmützer Juden nicht einsehen. Auch die Proßnitzer „Deutschen mosaischer Konfession“ ließen es sich nicht nehmen, ihr Schärflein beizutragen und erschienen sehr zahlreich. Der Träger der Hauptrolle in der aufgeführten Komödie war sogar ein „echt deutscher“ Herr aus Proßnitz, namens Mandl. Herrn „Mandl“ aber, wurde erst dann die Rolle übertragen, als sich der einzig verwendbare Herr, ein Olmützer Jude, weigerte, die Rolle handhabt und es gibt in Palästina mehrere Aerzte, welche diese Prüfung nicht gemacht haben. Immerhin gewährt die bestandene Prüfung den Behörden gegenüber eine bessere Stellung. Die Prüfung bietet für denjenigen, der in Europa sein Examen gemacht hat und der französischen Sprache mächtig ist, keine Schwierigkeit. Für Prüfungsgebühren und für die Kosten eines etwa zweimonatlichen Aufenthaltes in Konstantinopel sind ungefähr 1500 Frcs. erforderlich. Aerzte, die bereits einige Zeit in Palästina sind und sich hier bekannt gemacht haben, haben Aussicht, in einem Hospital oder in einer jüdischen Kolonie mit einem Gehalt von 2000 bis 4000 Frcs. und dem Rechte der Ausübung von Privatpraxis angestellt zu werden. Dagegen ist eine solche Anstellung von Europa aus auf brieflichem Wege nicht zu erlangen. Apotheken sind in jeder Stadt und in fast jeder Kolonie vorhanden. Heilpersonal kann in der hiesigen Bevölkerung gefunden werden. Als Sprache ist für einen Arzt das Deutsche oder Jüdische ausreichend, daneben ist die Kenntnis der französischen, hebräischen und arabischen Sprache erwünscht. Die Gebühren für eine Konsultation in der Sprechstunde betragen 1.— bis 1.50.Frcs., für einen Besuch im Hause 2. bis 4.— Frcs.